Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitler-Terror (1933), Kapitel 3: Van der Lubbe, das Werkzeug, mit den Abschnitten 4.44–4.46 und 7.5

PeopleMarinus van der Lubbe, Ernst Röhm, Edmund Heines, Hermann Göring, Joseph Goebbels, Adolf Hitler, Alfred Rosenberg, Wilhelm Frick, Georgi Dimitrov, Gregor Strasser TermsBrown Book of the Reichstag Fire and Hitler Terror (1933), Reichstag fire (1933), Reichstag fire trial (1933), Sturmabteilung (SA), Paragraph 175 EventsThe German Sexual Reform Movement and Its Destruction by the Nazis (1897–1935), The Nazi Seizure of Power and the Enabling Act

3 Van der Lubbe, das Werkzeug

In der Nacht vom 27. zum 28. Februar gehen Sitzungssaal und Kuppel des Deutschen Reichstages in Flammen auf. In einer Wandelhalle ergreift man einen der Brandleger Marinus van der Lubbe, der sich nach dem amtlichen Preußischen Presse dienst angeblich als „Mitglied der Kommunistischen Partei Hollands“ bekennt. Rundfunk, Telegraf, Telefon, Presse und Nachrichtenagenturen brüllen im Auftrag der Hitlerregierung ins Land: „Die Kommunisten haben den Reichstag angezündet!“ Die Auffindung dieses Marinus van der Lubbe im Reichstag bildete für die Hitlerregierung formal und juristisch den Vorwand zu dem unerhörten Pogrom gegen die KPD, die SPD und die Juden, zu den Massenverhaftungen, Organisationsverboten, Folterungen und Ermordungen, die in der ganzen Welt mit dem Namen Hitler-Deutschland den Begriffder grausamsten Barbarei verbunden haben. Wer ist dieser van der Lubbe? Wie kam er in den brennenden Reichstag?

3.1 Die Jugend des van der Lubbe

Am 13. Januar 1909 meldet der hausierende Kaufmann Franziskus Cornelis van der Lubbe auf dem Standesamt in Leiden die Geburt eines Knaben. Als Zeugen fungieren der beschäftigungslose Isaak Cornet und der Straßenkehrer Gerardus Beurse.

Das Kind erhält den Namen Marinus. Die Mutter, Petronella van Handel, ist mit Franziscus Cornelis van der Lubbe in zweiter Ehe verbunden. Tochter eines reichen Bauern aus Nord-Brabant. heiratete sie in jungen Jahren den Kolonialunteroffizier van Peuthe. Sie gebar ihm eine Tochter und drei Söhne. Peuthe starb verhältnismäßig jung an einer Krankheit, die er sich in den Kolonien geholt hatte. Seine Witwe ehelichte kurz nach seinem Tode den Hausierer van der Lubbe, der in Leiden ein Geschäft betrieb. Dieser Ehe entsprangen drei Söhne. Marinus war das siebente und letzte Kind der Petronella van Handel.

Die Ehe van der Lubbe ist nicht glücklich. Der Beruf des Mannes treibt ihn für Tage und Wochen in die umliegenden Dörfer, wo er den Bauern seine Galanteriewaren verkauft. Die meisten Verkäufe werden in Gasthäusern und Kneipen abgeschlossen. Man gewöhnt sich ans Trinken. Der Alkohol, ursprünglich nur Mittel zum Geschäftsabschluss wird zum Freunde auch außerhalb der Geschäftsstunden. Franziscus Cornelis van der Lubbe verfällt dem Trunk.

Cornelis van der Lubbe sorgt schlecht für die Familie. Das Geld, das der Handel einbringt, wandert zum größten Teil in die Kneipe. Haushaltungsgeld gibt es nur selten und wenig. Die Mutter muss das Nötige verdienen, um die Kinder durchzufüttern. Tagsüber steht sie hinter dem Ladenpult des kleinen Geschäftes in Leiden, abends bringt sie die Wirtschaft in Ordnung, stopft, flickt und näht. Sie ist ständig von einem schweren Asthma geplagt. Der Arzt erklärt, dass ein Klimawechsel notwendig ist. Die Familie zieht nach Breda, später nach Hertogenbosch. Kurze Zeit nach dem Umzug trennt sich Franziscus Cornelis van der Lubbe von seiner Familie. Er lässt sich in Dordrecht nieder und eröffnet dort ein kleines Galanteriewarengeschäft, das er noch heute führt.

Petronella van Handel betreibt in Breda, später in Hertogenbosch, ihren kleinen Handel weiter. Für die Erziehung der Kinder bleibt ihr keine Zeit. Sie beschränkt sich darauf, ihre Kinder religiös zu beeinflussen. Vom Dorfe, vom Elternhause her, ist sie an Frömmigkeit gewöhnt, und sie bemüht sich, ihren Kindern die gleiche primitive Gläubigkeit einzupflanzen. Der Junge Marinus geht in Hertogenbosch in die protestantische Schule des Domine Voorhoeve. Er lernt nur mühsam schreiben. Im Religionsunterricht ist er unter den Besten. Jeden Sonntag trottet er neben Mutter und Geschwistern zur Kirche.

Im Hause der van der Lubbes herrscht eine drückende Atmosphäre. Die Heiligenbilder an der Wand mahnen zu Frömmigkeit und Gottesfurcht. Die Mutter weiß oft nicht, wo sie das Geld für Essen hernehmen soll. Das kleine Geschäft in Hertogenbosch kann sechs Söhne nicht ernähren. Die einzige Möglichkeit für sie: Arbeiter zu werden. Herkunft und Erziehung machen den Entschluß nicht leicht. Obwohl im Hause der van der Lubbes oft bittere Not herrscht, ist es doch ein Kleinbürgerhaus, erfüllt von den Sehnsüchten und Hoffnungen des Händlers. Der Hunger treibt die jungen van der Lubbes in die Armee des Proletariats. Sie tauchen unter im Heer der Hunderttausende, die in Holland die Fabriken, und als Landarbeiter die Bauernhöfe bevölkern. Sie tauchen unter, aber sie assimilieren sich nicht. Noch heute stößt man, wenn man mit einem der Brüder und Halbbrüder des Marinus van der Lubbe spricht, auf eine Wand von kleinbürgerlichen Illusionen.

3.2 Der Tod der Mutter

Die Halbschwester des Marinus lebt in Leiden als Frau des Wäschereiarbeiters Snardijn. Am 16. April 1921 erhält sie die Nachricht, dass der Tod der Mutter nahe bevorsteht. Es ist der Wunsch der Mutter, dass Marinus in Hause seiner Halbschwester aufwächst. So kommt Marinus als elfjähriger Junge nach Oegstgeest bei Leiden in das Haus des Wäschereiarbeiters Snardijn. Zu den drei Kindern der Snardijns, die in der engen Wohnung spielen, gesellt sich als Ältester Marinus.

Wir wissen aus Berichten seiner einstigen Mitschüler, dass Marinus van der Lubbe schon in der Schule von dem Bestreben besessen war, sich hervorzutun. Im Hause der Snardijns ist es leicht, unter den Kindern, deren Ältestes fünf, sechs Jahre alt ist, der erste zu sein. Vier Zauberkunststücke genügen, um die Herrschaft zu sichern. Marinus übt sie drakonisch aus.

Die Schwester hat der Mutter auf dem Totenbett geschworen, Marinus in Frömmigkeit zu erziehen. Wieder wandert er jeden Sonntag — nun mit der Schwester und ihren Kindern — zur Kirche. Die Schwester erzählt, dass er damals ein frommer, gottesfürchtiger Junge gewesen sei. War es wirklich nur Gottesfurcht, die ihn Sonntags in die Kirche führte? Fühlte er sich viel leicht magisch angezogen von der Macht, die der Pater in der Gemeinde hatte? In jener Zeit wuchs in ihm der Gedanke, Geistlicher zu werden, Führer einer Gemeinde, die ihm bedingungslos folgte. Als zwölfjähriger Junge spricht er oft und ausführlich von der kirchlichen Laufbahn, die er einschlagen will.

In den Pausen zwischen den Lehrstunden versucht er sich nicht selten als Prediger. Die Kameraden hänseln ihn mit dieser Freude am Predigen.

Sie necken ihn aber auch wegen seiner Scheu vor Mädchen. Diese Besonderheit des Marinus van der Lubbe ist so stark und augenfällig, dass seine früheren Schulkameraden heute noch übereinstimmend davon erzählen. Er war nicht zu bewegen, in Mädchengesellschaft zu gehen. Er suchte seine Liebe in den Reihen der Schulknaben und Altersgenossen. Zur Kirchenkarriere bedarf es eines langen Studiums. Zum Studium gehört Geld. Der praktische Sinn des Wäschereiarbeiters Snardijn sorgt dafür, dass Marinus van der Lubbe mit vierzehn Jahren ans Geldverdienen geht. Er wird Lehrling in einem Geschäft und arbeitet dort zwei Jahre. Nach Geschäftsschluss geht er in die katholische Abendschule. Der protestantisch erzogene Marinus kommt hier mit einer Welt in Berührung, die ihm bisher fremd war.

Van der Lubbe ist von der Arbeit im Geschäft nicht befriedigt. Wohl hat sich der Handelsgeist des Vaters auf ihn vererbt, wohl macht es ihm Spaß, hinter dem Ladenpult zu stehen und den Kunden möglichst viel zu verkaufen, aber die Zukunftsaussichten sind zu klein. In langen Aussprachen mit seinem Schwager Snardijn versucht Marinus die Möglichkeit eines neuen Berufs zu klären. Marinus van der Lubbe macht, nach den Erklärungen seines Schwagers Snardijn, nebeneinander die kühnsten und die bescheidensten Pläne. Ein Blumengeschäft einrichten — eine Weltreise machen — so weit spannt sich der Bogen in seinen Träumen. Die Wünsche enden im Entschluss, Maurer zu werden.

Der sechzehnjährige Marinus van der Lubbe ist ein untersetzter, gedrungener Junge von so kräftigem Körperbau, dass ihn seine Kameraden „Dempsey“ nennen. Er demonstriert seine Kraft bei jeder Gelegenheit. Umso unerklärlicher ist den Maurergesellen, mit denen er jetzt zusammen arbeitet, dass Marinus van der Lubbe eine solche Scheu vor Frauen hat.

Arbeitskameraden von Marinus haben uns über Gespräche berichtet, die er in jenen Jahren mit ihnen hatte. Sie konnten uns selbstverständlich die Gespräche nicht wörtlich wiedergeben, vieles haben sie vergessen, manches Bedeutungslose ist haften geblieben. Aber übereinstimmend berichten sie über eines sie er zählen alle vom Drang des Marinus van der Lubbe, sich hervorzutun, abzustechen von den andern. Sie sprechen von seinem fanatischen Streben, etwas „Besonderes“ zu sein. Die Berichte sind so eindeutig — sowohl der Arbeitsgenossen, als der Schulkameraden, als auch seiner Verwandten —, dass kein Zweifel daran bestehen kann. Der junge Marinus van der Lubbe war von Eitelkeit und Ruhmsucht besessen.

3.3 Ein schwerer Unfall

Die tägliche Berührung mit einem neuen Menschenschlag, mit Arbeitern bringt in Marinus’ Leben manche Änderung. Bisher hat er gehört und gelernt, dass Gottesfurcht das höchste aller Güter sei. Der sonntägliche Kirchgang war ihm ein Bedürfnis, die Ordnung, nach der es Reich und Arm gibt, eine Selbstverständlichkeit. Nun stößt er auf andere Anschauungen. In den Arbeitspausen wird nicht von Gott gesprochen, umso mehr von den Lohnverhältnissen. Die bestehende Ordnung ist nicht selbst verständlich und nicht ewig. Sie zu stürzen, eine Notwendigkeit. Der junge Marinus van der Lubbe hört diese Gespräche täglich. Er nimmt sie auf, aber er verarbeitet sie nicht. Es geht ihm wie seinen Brüdern. Er wird Arbeiter, aber er bleibt Kleinbürger.

Ein Zufall bringt eine einschneidende Änderung in sein Leben. In der Mittagspause stülpen ihm zwei Kameraden einen leeren Sack über den Kopf. Ein Kalkstück gerät ihm dabei ins Auge. Marinus leidet drei Wochen an einer Augenentzündung. Kurze Zeit darauf erlebt er einen neuen, viel schwereren Unfall. Aus einem Eimer spritzt ihm wiederum Kalk ins Auge. Die Folge ist eine schwere Augenkrankheit, die ihn für fünf Monate ins Leidener Krankenhaus bringt. Er wird dreimal operiert. Als er das Krankenhaus verlässt, ist die Sehkraft beider Augen bedeutend geschwächt. Es besteht die Gefahr der Erblindung.

Das Augenleiden muss notwendig zu einer Verstärkung seiner hervorstechendsten Eigenschaften führen, der Ruhmsucht und der Eitelkeit. Der junge Mann, immer bestrebt Erster zu sein, besessen von dem Zwange, sich hervorzutun, sieht plötzlich die Gefahr vor sich, blind zu werden. Er wird von der Furcht gepackt, das Leben nicht zu Ende zu leben. Die Angst jagt ihn, dass das Licht des Tages für immer verschwinden könnte, ehe er sein Ziel erreicht. Sein Ziel? Weiß er, wohin er will? Sieht er den Weg? Ziel und Sinn des Lebens sind ihm nebensächlich. Hauptsache und beherrschend der Gedanke an den Erfolg, die Sucht, „ von sich reden zu machen“

Kurze Zeit, ehe er den schweren Unfall erleidet, tritt Marinus van der Lubbe in den Kommunistischen Jugendverband zu Leiden ein. Die Kommunistische Partei Hollands war damals in den Anfängen der Organisierung. Der Jugendverband in Leiden begann sich eben zu formieren. Marinus van der Lubbe tritt dem Verband bei, weil er die Kraft spürt, die von der Bewegung ausgeht. Er fühlt ihre Kräfte, aber er hat nicht die Standhaftigkeit, welche die kommunistische Partei von ihren Mitgliedern verlangt. Marinus van der Lubbe ist in ständigem Konflikt mit der kommunistischen Jugendorganisation. Als er eintritt, glaubt er schnell aufzusteigen. Er sieht in der Organisation nichts als ein Versuchsfeld für seine ehrgeizigen Wünsche. Wenn seine Wünsche nicht befriedigt werden, schreibt er eine Austrittserklärung. Marinus van der Lubbe ist viermal aus dem Kommunistischen Jugendverband Leidens ausgetreten und dreimal wieder eingetreten. Jedem neuen Austritt ging der Versuch voran, die Führung an sich zu reißen. Sein erster Austritt erfolgte im Januar 1929, weil er nicht zum Leiter der Pionierorganisation ernannt wurde. Wir veröffentlichen nur einen der zahlreichen Briefe, die Marinus van der Lubbe an den Jugendverband in Leiden geschrieben hat. Das Schreiben ist für das Verhalten van der Lubbes charakteristisch.

Leiden, den 13. Dezember 1929.

An die permanente Kommission der Sektion des kommunistischen Jugendverbandes in Leiden.

Werte Genossen, In Verfolg des Briefes der permanenten Kommission über meine Bitte, eine erweiterte Kommissionssitzung einzuberufen, muss ich feststellen, dass Ihr meine Bitte, eine erweiterte Kommissionssitzung einzuberufen, im großen und Ganzen nicht versteht, und dass diese Weigerung, ob nun bewusst oder nicht, einen schweren Irrtum vom Standpunkt der Organisation darstellt.

Ihr seid der Meinung, dass diese Frage nicht vor die Versammlung des H. H. gebracht werden darf. Ihr werdet, wenn Ihr auf dieser Weigerung besteht, den Interessen Eures eigenen Standpunktes und dem der Sektion schaden. Auch möchte ich Euch durch diesen Brief darauf aufmerksam machen, dass für eine neue Diskussion (die meiner Ansicht nach sehr wichtig ist) des Artikels, den ich geschickt habe, und meiner beiden Artikel, die ich außerdem geschickt habe, eine erweiterte Kommissionssitzung und eine Schlussabstimmung über diese Frage notwendig sind, und ich würde dann wissen, woran ich bin, während ich ohne diese gewünschte Sitzung diese Frage als nicht behandelt betrachte, und dann würde ich Maßnahmen treffen. um diese Frage der Mitgliederversammlung zur Kenntnis zu bringen, was von mir nicht gewünscht wird (und von Euch auch nicht)

Deshalb schlage ich eine Sitzung der permanenten Kommission für den nächsten Sonntag vor (also eine Sitzung der erweiterten Kommission) (was eine Bedingung ist), denn wenn ich es anders machen würde, würde ich die ganze Sektion verärgern. Einliegend schicke ich Euch eine Erklärung, die meine Stellung zu den Wünschen von Dirk van Roojen enthält.

Mit kameradschaftlichem Gruß Folgt Unterschrift des Van der Lubbe.

P. S. Nur die jetzt geschickte Erklärung für Dirk van Roojen muss vollständig behandelt werden.

3.4 Die Jagd nach Geltung

Das Leben des Marinus van der Lubbe nach dem schweren Unfall ist eine ewige Jagd nach Geltung, eine Suche nach dem Außergewöhnlichen. Kaum ein Augenblick der Selbstbesinnung in dieser Unrast. Er versucht sich in verschiedenen Berufen, aber er träumt vom großen Coup, der ihn mit einem Schlage in die vorderste Reihe stellt. Im Winter 1927- 28 arbeitet er als Aushilfskellner im Bahnhofsrestaurant in Leiden, im Sommer 1928 als Hoteldiener im „Hof Van Holland“ auf Nordwyk. Zwischendurch betätigt er sich als Händler. Er führt einige Wochen auf eigene Rechnung einen Kartoffelhandel. Dann arbeitet er als Fährmann auf einer Fähre, die zwischen Nordwyk und Sassenheim Baumaterial befördert. Aber er denkt immer an den großen Schlag. Im Dezember 1929 hat er einen neuen Konflikt mit dem Jugendverband, weil er Flugblätter auf eigene Faust herausgibt und mit seinem Namen unterzeichnet. Wir besitzen einen Brief des Marinus van der Lubbe aus diesen Tagen, in dem er in einem Anfall von Selbstkritik seine Stellung zum Kommunismus charakterisiert. Er sagt in diesem Schreiben

„Dies sind Dinge, die beweisen, dass ich kein guter Bolschewik bin Ich fühle, dass ich dies jetzt sicher nicht bin (trotzdem ich dem Kapitalismus und allem, was damit zusammenhängt, sehr radikal gegenüberstehe) und es vielleicht nie werden kann. Jetzt fühle ich mich bisweilen ganz fremd in Lager (ich meine damit die Partei).“

Das Innenleben des Marinus van der Lubbe ist nicht präziser zu charakterisieren. Sein anarchisches Denken, sein Drang nach Aufwärts, seine Disziplinlosigkeit machen ihn fremd im Lager einer Partei, die von ihren Mitgliedern straffste Disziplin verlangt und im Interesse der Sache verlangen muss.

3.5 Die Kanaldurchschwimmung

Im Sommer 1930 macht sich van der Lubbe auf den Weg nach Calais. Nach seiner Rückkehr erzählt er, er habe sich in Calais sein Brot als Erdarbeiter verdient und habe dabei einige Versuche gemacht, den Kanal zu durchschwimmen. Wir haben eingehende Ermittlungen darüber angestellt, ob van der Lubbe diesen Versuch wirklich gemacht hat. Wir konnten keine Bestätigung dafür finden. Aber gleichgültig, ob der Versuch gemacht wurde oder nicht, ist die ganze Episode bezeichnend für van der Lubbes Art zu denken und zu leben. Nicht die Leistung ist für ihn entscheidend, sondern die Tatsache, dass über ihn gesprochen wird. Der erhoffte Ruhm bleibt aus. Die Erzählungen, mit denen van der Lubbe nach seiner Rückkehr aus Calais zu prahlen versucht, stoßen bei den meisten auf Unglauben und Spott. Obwohl Marinus im Jahre 1930 wieder in den Kommunistischen Jugendverband eingetreten ist, wird der Zusammenhang zwischen ihm und den anderen Mitgliedern immer lockerer. Die Organisation hat sich inzwischen bedeutend gefestigt.

Van der Lubbe wird immer mehr als fremdes Element empfunden und alles weist darauf hin dass sein endgültiges Ausscheiden aus der Organisation in kürzester Zeit erfolgen muss.

3.6 Das Haus in der Uiterste Gracht

Das Haus Nr. 56 in der Uiterste Gracht unterscheidet sich äußerlich keineswegs von den typischen holländischen Häusern. Aber wenn du mit einem Leidener über dieses Haus sprichst, dann merkst du dass es ein besonderes Haus ist, ein Haus, in dem merkwürdige Menschen hausen und merkwürdige Dinge geschehen. Es gibt Leidener Bürger, die dieses Haus für eine Lasterhöhle halten. Es wird bewohnt von einem biedern Ehepaar, das den Namen van Zijp führt. Der Mann geht tagsüber zur Arbeit, die Frau Zijp führt die Wirtschaft. Sie vermietet einige Zimmer dieses Hauses. Sie sind sehr einfach und nicht komfortabel. Die Miete ist billig, und darum wohnten und wohnen hauptsächlich Studenten und Arbeitslose darin. Manchmal auch eine Prostituierte. Van der Lubbe war lange Zeit einer der Mieter der Frau van Zijp, und auch als er ausgezogen war, kam er beinahe täglich in dieses Haus. Mit ihm gleichzeitig wohnten der Student Piet van Albada, und der Chauffeur Izak Vink, in der „Uiterste Gracht“. Eine zeitlang zählte auch ein „geheimnisvoller“ deutscher Student zu den Mietern der Frau van Zijp. Die eben genannten Mieter waren alle durch eine gemeinsame Eigenschaft verbunden: sie waren homosexuell, der eine oder der andere vielleicht bisexuell. An sich wäre diese Tatsache ohne jeden Belang und nicht erwähnenswert. In unserem Bericht muss sie hervorgehoben werden, weil die Homosexualität van der Lubbe bei seinen späteren Reisen nach Deutschland mit den Nazis in Verbindung brachte.

Piet van Albada hat nach seinem Auszug aus dem Haus in der Uiterste Gracht geheiratet, und auch der Chauffeur Izak Vink lebt jetzt mit einer Frau zusammen. Trotzdem steht fest, dass van der Lubbe zu diesen beiden und auch zu anderen in homosexuellen Beziehungen stand. Izak Vink hat unserem Berichterstatter erzählt, dass er mit van der Lubbe oft in einem Bett geschlafen hat. Piet van Albada hatte homosexuelle Beziehungen zu einem Leidener Universitätsprofessor. Van der Lubbe ist seinem ganzen Wesen nach homosexuell. Seine Art ist weibisch, seine Zurückhaltung und Scheu Frauen gegenüber ist durch viele Aussagen erhärtet, sein Anlehnungs- und Zärtlichkeitsbedürfnis Männern gegenüber notorisch.

Ein holländischer Schriftsteller, der die Verhältnisse im Hause Uiterste Gracht genau kennt und der mit van der Lubbe oft gesprochen hat, erzählt, dass er stets das Gefühl hatte, van der Lubbe wolle sich ihm nähern, habe aber nicht den Mut dazu.

Wir besitzen außerdem einen weiteren Beweis für van der Lubbes Homosexualität. Van der Lubbe ist auf seinen Reisen und Wanderungen mit vielen Handwerksburschen und Jungarbeitern zusammengekommen. Als sein Name im Zusammenhang mit dem Reichstagsbrand durch die Presse ging, meldete sich ein deutscher Jungarbeiter bei uns. Dieser Jungarbeiter hat im Jahre 1931 mit van der Lubbe zusammen in einer Jugendherberge genächtigt. Er ist mit van der Lubbe ins Gespräch gekommen, und er hat über dieses Gespräch bei einem Notar protokollarische Aussagen gemacht. Die Stelle des Protokolls, die hier für uns besonders wichtig ist, lautet wörtlich:

„So sprachen wir sehr lange. Während des Gespräche rückte der holländische Arbeiter näher an mich heran, Er versuchte mehrere Male, meinen Geschlechtsteil zu berühren. Erst, als ich ihm energisch erklärte, dass ich für so etwas nicht zu haben bin, ließ er davon ab.“

Die Aufgabe, die diesem Buche gestellt ist, verlangt, dass van der Lubbes Leben bis in die letzte Einzelheit beleuchtet wird. Die Homosexualität van der Lubbes hat neben seinem Geltungstrieb sein Leben entscheidend beeinflusst. Deshalb ist diese Frage hier mehr als Privatsache.

3.7 „Studienreise“ durch Europa

Die Kanaldurchschwimmung war in jedem Sinne missglückt, als Leistung und als Anlass zum Berühmtwerden. lm Kopfe des Marinus van der Lubbe entsteht ein neuer Gedanke, der den Leidenern imponieren soll. Van der Lubbe plant eine große „Arbeiter–, Sport– und Studienreise“ durch Europa und die Sowjetunion.“ Er lässt Karten drucken, die ihn und seinen Reisepartner Holverda zeigen. Das wichtigste an dieser Reise sind ihm die Postkarten. Über den Köpfen der beiden Burschen leuchtet ein geheimnisvoller Stern. In vier Sprachen wird auf dieser Karte gesagt, dass van der Lubbe und H. Holverda durch Europa und die Sowjetunion reisen wollen.

Wollen sie dies wirklich? Noch ehe die Reise beginnt, gibt es Streit zwischen ihnen. Die Freunde van der Lubbes behaupten, der Streit sei ausgebrochen, weil Holverda den Erlös der Postkarten, die er in Leiden verkaufte, unterschlagen habe. Die Freunde Holverdas behaupten, van der Lubbe habe die Einnahmen vom Kartenverkauf für sich verwendet. Wie dem auch immer war, Tatsache ist, dass Holverda in Leiden blieb.

Hatte van der Lubbe die Absicht, diese Reise dann allein zu machen ? Er ist tatsächlich im April 1931 nach Deutschland gereist. Auf der Postkarte steht, dass die Reise am 14. April 1931 von Leiden aus angetreten werden soll. Wir besitzen eine Ansichtskarte, die van der Lubbe aus Potsdam an die Familie Holverda schrieb. Die Karte ist vom 14. April 1931 datiert, also von jenem Tage, an dem der Marsch aus Leiden hätte begonnen werden müssen. Am 28. April 1931 wird van der Lubbe in Gronau in Westfalen festgenommen, weil er die Postkarten, die ihn und seinen Freund Holverda darstellen, auf der Straße verkauft. Das Gericht in Münster verurteilt ihn zu einer Geldstrafe wegen unbefugten Postkartenverkaufs. Nach dem Reichstagsbrand hat die Hitler-Regierung verbreitet, van der Lubbe sei 1931 in Gronau wegen Verkaufs kommunistischer Literatur verhaftet worden. Die kommunistische Literatur bestand in einer Postkarte, auf der van der Lubbe und Holverda abgebildet waren.

Anfang Mai war van der Lubbe wieder in Leiden. Die Europareise endete so wie die „Kanaldurchschwinmung“.

3.8 Ausscheiden aus dem Kommunistischen Jugendverband

Anfang April 1931, kurz vor seiner ersten Reise nach Deutschland, fand auch der äußere Bruch zwischen van der Lubbe und dem Kommunistischen Jugendverband statt. Van der Lubbe war mit den Leidener Jungkommunisten schon lange durch nichts mehr verbunden. Es drohte ihm der Ausschluss aus der Jugendorganisation und aus der Kommunistischen Partei. Er kam dem zuvor und erklärte seinen Austritt. Von diesem Tage an hat er die Kommunistische Partei Hollands bei allen Gelegenheiten. die sich ihm boten, bekämpft.

Seine innere Trennung von der Kommunistischen Bewegung vollzog sich schon zwei Jahre früher. Er schrieb am 21. Januar 1929. als ihn ein Konflikt zum Austritt veranlasste, einen Brief an den Kommunistischen Jugendverband, in dem es heißt:

„Mich hat auf unerklärliche Weise ein bestimmter Pessimismus erfasst. Ich versuchte auf alle mögliche Weise dagegen zu kämpfen.“

So ergibt sich das merkwürdige Bild eines jungen Menschen, dessen Äußeres in keiner Weise seinem inneren Zustand entspricht. Kräftig, so kräftig, das er „Dempsey“ genannt wird, gesund, scheinbar zur Bezwingung des Lebens wie geschaffen, ist er dem Leben in keiner Weise gewachsen. Der Schriftsteller E. Knuttel aus Leiden, der mit van der Lubbe oft zu tun hatte, charakterisiert ihn ungefähr so:

„Wenn man mit van der Lubbe über eine bestimmte Frage lange diskutiert hat, stimmt er zu, Man glaubt, ihn überzeugt zu haben Am nächsten Tag erhält man einen Brief, in dem van der Lubbe mitteilt, dass er auf seinem alten Standpunkt verharrt.“

Parallel mit dieser Verbohrtheit geht eine merkwürdige Weichheit, wie sie bei Homosexuellen oft zu finden ist. Daneben ein Hang zu lügen und zu übertreiben. Frau van Zijp, die van der Lubbe sehr gut kennt, erzählt, dass er es mit der Wahrheit nicht genau nimmt. Und auch seine besten Freunde, der Maurer Harteveld, der Chauffeur lzak Vink und dessen Bruder, Koos Vink, bestätigen van der Lubbes Eitelkeit, die ihn vielfach zu Lügen und Übertreibungen veranlasst.

3.9 Die Bekanntschaft van der Lubbes mit Dr. Bell

Als van der Lubbe von seiner ersten Deutschlandreise im Frühjahr 1931 nach Leiden zurückkehrt, erzählt er seinen Freunden von einem Herrn, der ihn in seinem Auto zu einer großen Tour mitgenommen habe. Wir wissen nicht, ob die Angaben van der Lubbes stimmen, oder ob er diesen Herrn aus Leipzig erfunden hat. Wir wissen aber, dass van der Lubbe bei dieser ersten Reise nach Deutschland die Bekanntschaft mit einem Manne machte, die für Lubbes Schicksal von entscheidender Bedeutung war.

In dieser Zeit spielte ein naturalisierter Schotte, Dr. Georg Bell, in der nationalsozialistischen Bewegung eine große Rolle. Er ist ungefähr ein Jahr später mit einigen seiner Freunde scharfen Verfolgungen seitens einiger SA-Führer ausgesetzt gewesen, so dass er für sein Leben fürchtete. Wir schildern an anderer Stelle seine Ermordung. Einige seiner Freunde haben uns über die Verbindungen Dr. Bells und über seine Rolle in der Nationalsozialistischen Partei wichtige Aussagen gemacht. Ein Freund Dr. Bells, Herr W. S., hat in einem Protokoll die Bekanntschaft Bells mit van der Lubbe genau geschildert. Die Stelle im Protokoll lautet wörtlich:

„Bell erzählte mir, wenn ich mich recht erinnere, war das im Mai 1931, dass er die Bekanntschaft eines jungen holländischen Arbeiters gemacht hat, der ihm sehr gut gefiel. Er muss ihm auf einer Auto fahrt in der Gegend von Berlin oder Potsdam begegnet sein. Sie trafen auf der Straße einen Wanderburschen, den sie im Auto mitnahmen. Das war ein junger holländischer Arbeiter. Der junge Holländer hat Bell später auch in München besucht. Bell nannte ihn Renus oder Rinus. Er ist öfter mit ihm zusammengekommem“

Seit dieser Zeit blieb van der Lubbe mit Dr. Bell in ständigem Briefverkehr. Die persönliche Verbindung mit Bell hat er im September 1931 wieder aufgenommen.

3.10 Reise nach München

Van der Lubbe bleibt nicht lange in Leiden. Im September 1931 macht er sich wieder auf den Weg nach Deutschland. Er beauftragt seinen Freund Koos Vink, die Invalidenrente von 7 Gulden wöchentlich, die van der Lubbe zugesprochen ist, zu kassieren und aufzubewahren.

Bei seiner Wanderung durch die Rheingegend kommt van der Lubbe in Bacharach am Rhein mit einem Motorradfahrer ins Gespräch. Es ist ein Landsmann, der Straßenbahnführer Ploegk, aus dem Haag, Bloemfonteenstr. 24. Ploegk nimmt Marinus im Beiwagen mit. Sie nächtigen in Rothenburg ob der Tauber. Ploegk im Hotel, Marinus in der Jugendherberge. Ploegk machte unserem Berichterstatter über das Gespräch mit van der Lubbe einige Mitteilungen. Ploegk hatte van der Lubbe gefragt, was er in Deutschland mache. Van der Lubbe erzählte, dass er Arbeit suche. Auf die Frage, ob er denn nicht leichter in Holland Arbeit finden könne, antwortete van der Lubbe mit großer Bestimmtheit, er werde in Deutschland Arbeit bekommen. Im Gespräch mit unserem Berichterstatter unterstrich der Straßenbahnführer Ploegk, dass er sich über diese Bestimmtheit sehr gewundert habe.

Über Rothenburg fuhr Ploegk nach München weiter. Er nahm van der Lubbe bis München mit. An der Stadtgrenze trennten sie sich.

Van der Lubbe muss einige Tage in München gewesen sein. denn er gab seinen Freunden nach seiner Rückkehr eingehende und ausführliche Schilderungen dieser Stadt. Er sprach nicht nur von der Stadt. Er erzählte auch vielfach von den großen Erlebnissen, die er dort gehabt, und von den vielen Menschen, die er dort kennengelernt habe. Jener Jungarbeiter, dessen protokollarische Aussage wir an einer Stelle bereits veröffentlicht haben, sagt in seinem Protokoll darüber folgendes aus

„Der Holländer erzählte mir, wie gut es ihm in München ergangen sei, Er sprach davon, dass ein gewisser Dr. B. sich seiner angenommen und ihn mit vielen Menschen bekannt gemacht habe. Er deutete an, dass er durch Dr. B. mit einflussreichen Menschen in Berührung gekommen sei. Er sprach von diesem D. B. in schwärmerischen Ausdrücken.“

Dieser Dr. B. ist niemand anders als Dr. Bell, den van der Lubbe in München besucht hat. Dr. Bell hat ihn in nationalsozialistische Kreise eingeführt und unter anderem auch mit Hitlers Stabschef Röhm bekanntgemacht. Dr. Bell war damals noch der außenpolitische Berater von Hitlers Stabschef Röhm und mit ihm eng befreundet, so eng befreundet, dass Röhm ihm später den vertraulichen Auftrag gab, die Verbindung zum Reichsbannermajor Mayr herzustellen. Röhm fühlte sich damals von der nationalsozialistischen Feme verfolgt, und er suchte durch Bells Vermittlung Schutz bei Mayr. Alle diese Tatsachen sind durch die Aussagen Mayrs und Bells im Oktober 1932 in öffentlicher Gerichtsverhandlung bekannt geworden, als Hauptmann Röhm die sozialdemokratische Zeitung „Münchener Post“ verklagte.

Bell war nicht nur der außenpolitische Berater Röhms, er war auch sein Vertrauter in Liebesdingen. Die „Münchener Post“ und andere Blätter haben 1932 Briefe Röhms an junge Manner veröffentlicht, aus denen hervorgeht, dass Röhm homosexuell ist. Dr. Bell war der Zutreiber Röhms. Er wusste um viele Beziehungen Röhms zu jungen Männern, weil er ihm die meisten selbst zugeführt hatte. Bell führte eine genaue Liste über alle Jünglinge, die er Röhm zugetrieben hatte. Bell sah voraus, dass es zwischen ihm und den nationalsozialistischen Führern über kurz oder lang zu Differenzen kommen würde. Wohl war er der Vertraute des Chefredakteurs des „Völkischen Beobachters“, Alfred Rosenberg, wohl war er der Agent Deterdings, zu dem er im Auftrage der Nationalsozialistischen Partei Beziehungen hergestellt hatte, aber er besaß Feinde, die vor nichts zurückschreckten. Durch diese Liste wollte Bell Röhm für immer gefügig machen. Diese Liste sollte eine Waffe sein, mit der er Röhm immer bedrohen konnte.

Die Liste existiert heute nicht mehr. Als Bell vor der drohenden Ermordung im April 1933 nach Kufstein in Österreich flüchtete, wurde er dort von einer SA–Bande überfallen und getötet. Dabei wurden sämtliche kompromittierenden Dokumente geraubt, die Bell besessen hat, und die er gegen die Nationa1sozialistische Partei ausnutzen wollte. Unter anderem auch die Liste.

W. S., der Freund Bells, hat über die Liste folgende protokollarische Aussagen gemacht:

„Dr. Bell holte einige Papiere aus seinem Geheimschrank. Er wies auf einen Bogen hin und sagte: ’Das ist Röhms Liebesliste. Wenn ich die einmal veröffentliche, ist Röhm ein toter Mann.’ Er ließ mich die Liste sehen. Es waren ungefähr 30 Namen darauf vermerkt. Ich erinnere mich genau an einen Vornamen ’Rinus’, hinter dem in Klammern ein holländischer Name, beginnend mit ’van der’ stand.“

„Rinus“ ist die Abkürzung für Marinus. Auf Röhms Liebesliste ist auch der Name van der Lubbe zu finden.

Von München aus hat nun van der Lubbe tatsächlich einen Teil der großangekündigten „Arbeiter-, Sport- und Studienreise“ gemacht. Wir besitzen eine Postkarte von ihm aus Krakau. Unser Berichterstatter sah einen Brief, den er einem Freund aus Budapest schrieb, und eine Karte aus Belgrad. Als van der Lubbe im Januar oder Februar 1932 nach Leiden zurückkommt, erzählt er viel von seiner Reise. Auf dem Wege nach Budapest will er einen jungen Handwerksburschen kennengelernt haben, dessen Schwester in einem Budapester Bordell lebte. Van der Lubbe erzahbte. dass er dieses Mädchen aus dem Bordell retten wollte. Sie aber habe von ihm Liebe verlangt. Er habe eine Nacht mit ihr in einem Zimmer geschlafen, ohne sie zu berühren, und sei dann weitergereist. Die Erzählung vom Mädchen, das erlöst werden soll, ist typisch homosexuell und wird nach Freud von den Homosexuellen „Parsifal-Komplex“ genannt.

3.11 Der Fluss zwischen Polen und der Sowjetunion

Aus der Erzählung van der Lubbes über seine Reise, die mehrere seiner Freunde unserem Berichterstatter übereinstimmend wiedergaben, muss noch eine Stelle besonders hervorgehoben werden. Van der Lubbe erzählte, dass er in Polen gewesen und bis zur sowjetrussischen Grenze gelangt sei. Ein mächtiger Fluss trenne Polen von der Sowjetunion. Lubbe habe versucht, diesen Fluss zu durchschwimmen, um in die Union zu gelangen. Das Gewehrfeuer der polnischen Grenzsoldaten habe ihn zurückgetrieben. Er sei einige Tage im Gefängnis gehalten worden, von dem aus er die Sowjetposten jenseits des Flusses habe sehen können Dann sei er abgeschoben worden.

Die Freunde van der Lubbes waren äußerst erstaunt, als sie von unserem Berichterstatter erfuhren, dass es zwischen Polen und der Sowjetunion keinen mächtigen Grenzfluss gibt. Auch diese Erzählung ist für Lubbes Lügenhaftigkeit und Großsprechertum charakteristisch. Eines steht fest Van der Lubbe hat S o wj e t b o d e n nie betreten. Bei allem Drang zur Prahlerei hat nicht einmal er die Behauptung aufgestellt, dass er in der Sowjetunion war. Die Karten und Briefe, die unser Berichterstatter sah, besta tigen, dass van der Lubbe in den letzten Monaten 1931 und Anfang 1932 tatsächlich in einigen Städten Ungarns, Polens, Jugoslawiens und der Tschechoslowakei gewesen ist. Er scheint bei seiner Reise mehrere Bekanntschaften mit reichen Herren gemacht zu haben. Er erzählte nach seiner Rückkehr, in Budapest habe ihm ein Herr neue Schuhe geschenkt, ein anderer Herr habe ihm in Jugoslawien die Fahrkarte bezahlt. Dr. Bell hat van der Lubbe in nationalsozialitische Kreise eingeführt, mit denen Lubbe von da ab ständig in Verbindung blieb. Seine Bekannten berichten übereinstimmend, dass Lubbe sehr viel Briefe aus Deutschland erhalten habe. Lubbe war immer ängstlich bemüht, die Briefe aus Deutschland vor seinen Freunden und Bekannten geheim zu halten.

3.12 Als Gast bei Nationalsozialisten

Van der Lubbe ist im Januar oder Februar 1932 nach Leiden zurückgekehrt. Er kam überraschend schnell zurück. Frau van Zijp erzählt, dass er ihr aus Berlin eine Postkarte geschickt hat und am Tage, nachdem die Postkarte eingetroffen war, selbst angekommen ist. Er muss also von Berlin nach Leiden mit der Bahn oder mit dem Auto gereist sein. Es bleibt die Frage offen, woher er das Geld dazu nahm. Nach ungefähr zwei Monaten unternahm van der Lubbe eine dritte Reise nach Deutschland. Vor seiner Abreise hatte er mit der Unterstützungskasse einen Konflikt. Er schlug bei der Unterstützungskasse, die ihm die Erhöhung seiner Pension verweigerte, einige Fensterscheiben ein. Das holländische Gericht verurteilte ihn zu drei Monaten Gefängnis. Bevor er die Gefängnisstrafe abbüßte, reiste er nach Deutschland. Wir wissen von dieser Reise, dass sie ihn nach Berlin und Sachsen führte. 1. und 2. Juni 1932 nächtigte er in der Gemeinde Sörnewitz (Amtshauptmannschaft Meissen in Sachsen), wo er mit dem Gemeinderat Sommer und dem Gärtnereibesitzer Schumann gesehen wurde. Beide sind Nationalsozialisten. Nach dem Reichstagsbrande hat Gemeinderat Sommer dem Bürgermeister von Brockwitz über van der Lubbes damalige Anwesenheit berichtet. Diese Tatsache wurde vom Regierungsrat Dr Haertl bei der Amtshauptmannschaft Meissen protokollariseh fest gelegt. Das Protokoll wurde dem Sächsischen Innenministerium zugestellt, das dem Reichsinnenminister Frick in einer Denkschrift davon Kenntnis gab. Diese Tatsachen sind durch die Interpellation eines sozialdemokratischen Abgeordneten des Sächsischen Landtages bekannt geworden. Sie wurden von keiner Seite bestritten. Die Blätter, die diese Interpellation wiedergaben, berichteten auch, dass Gemeinderat Sommer kurze Zeit, nachdem er über den Aufenthalt van der Lubbes in Sörnewitz Bericht erstattet hatte, verschwunden sei. Auch diese Meldung blieb unwidersprochen. Van der Lubbe muss nach dem Aufenthalt in Sörnewitz noch einige Tage in Deutschland geblieben sein. Bei seiner Rückkehr nach Holland wurde er am 21. Juni in Utrecht verhaftet. Er war 9 Tage in Utrecht in Haft und wurde dann zur Verbüßung seiner Strafe in das Strafgefängnis S’Gravenhage (Haag) gebracht.

3.13 Van der Lubbe steigert die Angriffe gegen die Kommunistische Partei

Am 2. Oktober 1932 wurde van der Lubbe aus dem Haager Gefängnis entlassen. Er kam nach Leiden. Bis zum Jahresschluss unternahm er mehrere Reisen. Er besuchte seinen Vater in Dordrecht. Er kam nach Amsterdam und nach dem Haag. In allen diesen Städten trat er in verschiedenen Versammlungen als Redner auf. Seine Reden waren angefüllt mit heftigen Angriffen gegen die Kommunistische Partei. Wir besitzen Zeugnisse von van der Lubbes Kampf gegen die Kommunisten. Er nahm am 6. Oktober 1932 in der Getreidebörse zu Leiden an einer Versammlung teil, deren Hauptredner der Führer der holländischen Faschisten I. A. Baars war. Kurze Zeit nach dem Reichstagsbrande, als die Hitlerpresse behauptete, dass van der Lubbe Kommunist sei, haben einige Besucher dieser Versammlung, unabhängige Männer, in einem notariellen Protokoll die Haltung van der Lubbes in dieser Versammlung geschildert. Van der Lubbe trat damals dafür ein, den Faschistenführer ruhig reden zu lassen. Er wandte sich gegen alle Versuche der im Saal anwesenden Antifaschisten, Baars zu unterbrechen, und er enthielt sich in seiner Rede jedes Angriffs gegen die Faschisten. Das notarielle Protokoll hat folgenden Wortlaut:

Ein anderer Bericht, den wir im Wortlaut an anderer Stelle publizieren, schildert van der Lubbes Verhalten während einer Versammlung streikender Chauffeure im Haag im Dezember 1932. Hier ging van der Lubbe noch weiter als in den vorhergehenden Versammlungen. Er griffdie Kommunistische Partei auf das heftigste an. Er wandte sich in den schärfsten Ausdrücken gegen ihre Politik, und er forderte die streikenden Chauffeure auf, gegen den Willen der Kommunistischen Partei Terroraktionen zu begehen. Einige zwanzig Teilnehmer dieser Versammlung haben in einem Protokoll detaillierte Mitteilungen über van der Lubbes Verhalten gemacht. Sie gehören den verschiedensten Parteien an. Einige von ihnen sind parteilos. Sie sind sich alle einig darüber, dass van der Lubbes Rede auf dieser Versammlung gegen die Kommunisten gerichtet war. Der Bericht dieser Teilnehmer an der Versammlung ist im nächsten Kapitel veröffentlicht.

Es liegt eine gerade Linie in dem Verhalten van der Lubbes nach seiner Loslösung von der Kommunistischen Partei Hollands. Er steigert seine Angriffe gegen sie von Versammlung zu Versammlung. Die Argumente, die er bei seinem Auftreten in den letzten Monaten 1932 vorbringt, sind deutlich von nationalsozialistischer Denkweise beeinflusst. Zeugen berichten dass er in seinen Reden antisemitische Bemerkungen eingeflochten hat. Er sprach in Wendungen, die direkt dem Wortschatz der nationalsozialistischen Propaganda entnommen sind. Es liegen Aussagen darüber vor, dass er in seinen Reden Unterschiede zwischen dem „raffenden“ und dem „schaffenden“ Kapital machte also eine Terminologie anwandte, die ganz der nationalsozialistischen entspricht. Es kann kein Zweifel bestehen, dass van der Lubbe, jedenfalls in den letzten Monaten 1932, den nationalsozialistischen Lockungen erlegen war. Der enttäuschte Kleinbürger hatte „heimgefunden“.

3.14 Die letzte Reise nach Deutschland im Februar 1933

Im Januar 1933 musste sich van der Lubbe im Leidener Hospital einer neuen Augenbehandlung unterziehen. Das Augenleiden war schlimmer geworden. Er lag vier Wochen im Hospital. Er erhielt in jener Zeit viele Briefe aus Deutschland. Ungefähr um Mitte Februar verließ er das Hospital. Hitler war in dieser Zeit bereits deutscher Reichskanzler. Van der Lubbe erzählte einigen Bekannten, dass er nach Deutschland fahren müsse, und er deutete an, dass er sich von dieser Reise viel verspreche. Einige Bekannte van der Lubbes erklärten unserem Berichterstatter übereinstimmend, dass van der Lubbe gesagt habe, seine deutschen Freunde drängten darauf, dass er nach Deutschland komme. Es steht nicht fest, ob van der Lubbe damals schon wusste, dass er für eine „große Tat“ ausersehen sei. Vielleicht hoffte er nur, dass seine nationalsozialistischen Freunde ihm zu Arbeit und Stellung verhelfen würden. Aber es ist kein Zweifel, dass er von dieser Reise nach Deutschland viel erwartete. Darüber gibt auch ein Gespräch Auskunft, das er kurz vor seiner Reise mit Frau van Zijp hatte. Sie hat unserem Gewährsmann über dieses Gespräch berichtet. Van der Lubbe erzählte ihr, dass sein Pass in kurzer Zeit ablaufe. Sie fragte ihn, ob er unbedingt fahren müsse, und ob er nicht besser täte, in Leiden zu bleiben. Van der Lubbe antwortete, er habe in Deutschland etwas wichtiges zu erledigen. Er brauche den Pass nur noch dieses eine, letzte Mal.

Van der Lubbe ist Mitte Februar 1933 aus Leiden abgereist. Nach einem Bericht der „Vossischen Zeitung“ vom 2. März 1933 hat er am 17. Februar in Glindow bei Werder genächtigt und ist am 18. Februar nach Berlin weitergegangen. In Berlin traf er mit seinen nationalsozialistischen Freunden zusammen, die er durch Bells Vermittlung kennengelernt hat. Er nahm sogleich die Verbindung mit dem Kreis um den Grafen Helldorf wieder auf.

3.15 Van der Lubbe, das Werkzeug

Am 27. Februar wird van der Lubbe im brennenden Reichstag verhaftet. Die Flammen des Brandes bilden den Hintergrund für ein Täuschungsspiel, dessen Hauptperson für einige Stunden van der Lubbe ist. Dann muss er die Szene den wirklichen Hauptakteuren überlassen. Die Scheinwerfer der Wahrheit zerreißen das lügnerische Dunkel und ziehen in ihr erbarmungsloses Licht diejenigen, die van der Lubbe als ihr Werkzeug benutzen wollten: Göring und Goebbels.

Warum wurde van der Lubbe als Werkzeug gewählt? Van der Lubbe war bis April 1931 Mitglied der Kommunistischen Partei Hollands. Die von Göring und Goebbels Beauftragten glaubten, dass diese Tatsache ausreiche, um den Kommunisten die Schuld am Reichstagsbrand aufbürden zu können. Van der Lubbes homosexuelle Beziehungen zu nationalistischen Führern, seine materielle Abhängigkeit von ihnen, machten ihn dem Willen der Brandstifter hörig und gefügig.

Van der Lubbes holländische Staatsangehörigkeit war eine erwünschte Zugabe. Sie erleichterte es Göring und Goebbels, den Reichstagsbrand als ein internationales Komplott darzustellen. Göring und Goebbels wollten den Reichstagsbrand als Werk des internationalen Kommunismus erscheinen lassen. Deshalb wurden auch die drei Bulgaren verhaftet und der Mittäterschaft beschuldigt, obwohl sie am Reichstagsbrand völlig unbeteiligt waren.

Aus allen diesen Gründen wurde van der Lubbe zum Werkzeug der Brandstiftung gewählt.

Seht die Hauptfiguren des Komplotts:

Den Plan zur Brandstiftung ersann der fanatische Verfechter der Lüge und Provokation: Dr. Goebbels.

Die Leitung der Aktion hatte ein Morphinist: Hauptmann Göring.

Die Führung der Brandstifterkolonne war einem Fememörder anvertraut: Edmund Heines.

Das Werkzeug war ein kleiner, halbblinder Lustknabe: Marinus van der Lubbe.

Als die Chicagoer Polizei im Jahre 1886 durch bezahlte Provokateure ein Bombenattentat inszenierte, das vielen Polizisten den Tod brachte, dauerte es sieben Jahre, bevor die Provokation aufgedeckt werden konnte. Die Werkzeuge waren gut gewählt. Nach dem Reichstagsbrand genügten drei Tage, um der ganzen Welt die Sicherheit zu geben, dass die Nationalsozialisten den Reichstag angezündet haben. Das Werkzeug van der Lubbe war zu schlecht gewählt.

4 Die wahren Brandstifter

4.44 Die Brandstifterkolonne

Wir sprachen davon, dass es nur für SA-Führer möglich war, in Görings Haus zu gelangen. ohne Verdacht zu erwecken. Auch Oberfohren spricht in seiner Denkschrift von ausgesuchten SA– und SS–Führern. Es ist klar. dass die nationalsozialistische Führung, die den Plan zum Reichstagsbrand ausheckte und organisierte, alles Interesse daran hatte, ihre zuverlässigsten Prätorianer mit der Durchführung des Plans zu betrauen. Goebbels und Göring konnten sich nicht in die Hände eines beliebigen SA–Sturms geben. Goebbels und Göring konnten sich nicht der Gefahr aussetzen, dass ein unzufriedener SA-Mann die wahren Brandstifter verriet. Goebbels und Göring mussten ihre Mithelfer in den Reihen der obersten Funktionäre suchen. Es mussten Männer gefunden werden, die einerseits vor keinem Verbrechen zurückscheuten, andererseits durch viele gemeinsam begangene Verbrechen mit der nationalsozialistischen Führung und ihrem Schicksal so eng verbunden waren, dass kein Verrat zu befürchten war. Die nationalsozialistische Führung ist reich an Männern, die diese Voraussetzung erfüllen. In ihren Reihen befinden sich Fememörder vom Schlage der Oberleutnant Heines und Oberleutnant Schulz, kriminelle Verbrecher vom Schlage der Dr. Ley und Kaufmann, degenerierte und pervertierte Aristokraten Schlage des Grafen Helldorf. Aus dieser Schar von Männern, die mit Existenz und Leben an die Naziführung unlösbar gekettet sind, wurde die Brandstifterkolonne zusammengestellt. Die Leitung erhielt, wie wir aus dem Bericht Oberfohrens wissen, der Fememörder Heines. Sein erster Gehilfe war der Fememörder Schulz, und unter seinem Kommando arbeitete der Führer der Berliner SA, Graf Helldorf.

4.45 Wie geschah die Brandstiftung?

Die nachfolgende schematische Zeichnung eines Kriminalisten zeigt die erste Phase der Brandstiftung. Die Kolonne sammelte sich in Görings Haus. Heines, Schulz, Helldorf und die anderen konnten ungehindert die Stabswache passieren, der sie als SA–Führer bekannt waren. Van der Lubbe ist vermutlich mit dem Grafen Helldorf in Görings Haus gekommen.

Die erste Aufgabe, welche die Kolonne nunmehr zu bewältigen hatte, war der Transport des Brandmaterials. Dazu benutzten die Brandstifter den unterirdischen Gang, der von Görings Haus in den Reichstag führt. Vermutlich musste der Weg mehrmals gemacht werden. Sie begannen ihre Arbeit auf ein verabredetes Signal, das ihnen meldete, dass die letzten Abgeordneten den Reichstag verlassen hatten. Eine Gefahr der Entdeckung durch die diensthabenden Reichstagsbeamten bestand nicht, denn diese waren durch den nationalsozialistischen Hausinspektor vor Beendigung der Dienstzeit nach Hause geschickt worden. Die Verteilung des Brandmaterials auf die verschiedenen Stellen, das Begießen der leicht entzündlichen Stoffe mit Petroleum, Benzin und anderem muss eine geraume Zeit in Anspruch genommen haben. mindestens zwanzig Minuten. Dann wurden die Brandherde entzündet.

Die ersten Berichte der Polizei und der Feuerwehr sprachen von sieben bis zehn Brandstiftern und von vielen Brandherden. Niemand in Deutschland glaubte, dass die Brandstifter auf dem gewöhnlichen Wege in den Reichstag gelangt und auf dem gewöhnlichen Wege geflüchtet seien. Es erhob sich die Frage: wie sind die Brandstifter entkommen? Jedes unvorsichtige Wort eines Polizisten, eines Feuerwehrmannes, jede Zeitungsnachricht konnte eine Überraschung bringen. Göring war in höchster Bedrängnis. Er griffzu einem alten Trick. Bevor ein anderer behauptete die Brandstifter seien durch den unterirdischen Gang geflüchtet, wollte Göring es selbst sagen. Er wollte damit der drohenden Gefahr begegnen, er wollte harmlos erscheinen lassen, was höchst verdächtig war. Göring selbst sprach aus, dass die Brandstifter durch den unterirdischen Gang entkommen seien. Er hat diesen Ausspruch bitter bereut. Der Trick misslang. Nie wieder war in einer Ministerrede, in einem amtlichen Bericht von diesem unterirdischen Gang zu Görings Haus die Rede. Görings Ausspruch sollte vergessen werden.

Wir haben ihn nicht vergessen. Jawohl: die Brandstifter sind durch den unterirdischen Gang entkommen, aber sie konnten diesen Gang nur benutzen, weil sie wussten, dass er zu Görings Haus führt. Görings Haus, das hieß für sie: Sicherheit. Der amtliche „Preußische Pressdienst“ vom 28. Februar schrieb, dass die Brandstifter genaue Ortskenntnis besessen hätten. Wem war es leichter möglich, sich genaue Ortskenntnis zu beschaffen, den unterirdischen Zugang bis ins Letzte zu prüfen und zu studieren, als den Freunden des Reichstagspräsidenten Göring? Er war Herr im Reichstag. Er konnte seine Freunde an Hand der Pläne über jeden Winkel informieren. Er war Herr im Palais des Reichstagspräsidenten. Er konnte seine Freunde bei sich empfangen. Er konnte in seinem Hause das Versteck und Depot für das Brandmaterial schaffen. Er war Preußischer Minister des Innern. Er besaß die Polizeigewalt in ganz Preußen. In Görings Hand waren alle Möglichkeiten vereint, den Reichstagsbrand vorzubereiten.

4.46 Van der Lubbe im brennenden Reichstag

Der „Preußische Pressedienst“ hat der öffentlichen Meinung vorzuspiegeln versucht, van der Lubbe habe nicht fliehen können, weil er keinerlei Ortskenntnis besessen habe. Alle anderen Mithelfer des van der Lubbe waren nach Angabe des „Preußischen Pressedienstes“ und Görings ortskundig. Es wäre ein leichtes für sie gewesen, van der Lubbe mitzunehmen und zu „retten“ Aber van der Lubbe durfte nicht „gerettet“ werden. Van der Lubbe ist für die Tat von den homosexuellen SA-Führern, die in der Brandstifterkolonne mitmarschierten, als Werkzeug empfohlen worden. Durch seine Person sollte bei der Brandstiftung der Kommunismus dargestellt werden. Diesem eitlen, ruhmsüchtigen, halbblinden Werkzeug klar zu machen, dass es für eine „große Rolle“ ausersehen sei, war leicht. Van der Lubbe musste im brennenden Reichstag zurückgelassen werden und wurde zurückgelassen, weil er das Beweismittel gegen die Kommunisten war. Van der Lubbe hat seine Rolle gespielt, so gut er konnte. Er ließ sich im brennenden Reichstag verhaften. Er hatte Hemd und Jacke abgeworfen, um ein „echtes“ Bild des „kommunistischen Brandstifters“ zu stellen. Er gestand die Brandstiftung im Reichstag. Er gestand jede Brandstiftung die gewünscht wurde: im Neuköllner Wohlfahrtsamt, im Berliner Rathaus, im Berliner Schloss. Und van der Lubbe wird weiterhin alles gestehen, was seine Auftraggeber von ihm verlangen. Er wird gegen Torgler alles aussagen, was ihm seine nationalsozialistischen Auftraggeber vorschreiben. Er wird gegen Dimitroffalles aussagen, was gewünscht wird. Er wird jeden belasten, den seine nationalsozialistischen Freunde vernichten wollen. Er wird jeden entlasten, den seine nationalsozialistischen Freunde schützen wollen.

7 Misshandlungen und Folterungen

7.5 Die wahren Untermenschen

Die Schergen lassen sich Zeit mit ihm. Müde wie sie sind, erquicken sie sich eine Weile an den seelischen Foltern. Das Entwürdigendste denken sie sich aus: der neue Gefangene muss sich selbst entkleiden.

Der Sadismus verkommener Lehrer wird hier neu abgewandelt. Vor uns erscheint ein Familienvater. Arbeiter, Organisator einer Erwerbslosenküche und berichtet - seine Stimme wird zögernd bei der Erinnerung - wie er sich im SA-Keller niederbeugen und sein nacktes Gesäß wegstrecken muss zu wohl abgezielten Schlägen. Die SA-Leute lassen ihn eine zeitlang so stehen, weiden sich an dem Anblick, dann schlagen sie zu.

Die Gefangenen im Nebenraum können jetzt alles sehen, denn man hat es für gut befunden, die Türe zu ihrem Verschlag aufzustoßen. Der neue Gefangene richtet sich unter dem ersten Schlag der Stahlrute auf, aber ein neuer Befehl duckt ihn wieder In die erniedrigende Stellung. Sein Aufrecken war „strafbar“, die Prozedur wird verschärft: er muss jetzt die Schläge mit lauter Stimme mitzählen, die man ihm aufgibt. Die Zahlen werden undeutlich im Schrei der Schmerzen, die Schläge sind scharf, die Haut platzt nach dem fünften Schlag, die SA-Leute haben sich inzwischen wieder ermuntert.

Schon hat sich der zweite Grad mit dem dritten verbunden mit der seelischen Folter. Sie wird erfunden von den Staffelführern. Was an primitivem Rachegelüst bei den unteren SA-Leuten noch gerade Wege gehen wollte, ist durch die Führer abgebogen in die Perversion des Sadismus. Spätere Zeit wird feststellen, wie viel hier die unnatürliche Sexualität vieler SA-Führer mitgeholfen hat. Die Anwesenheit des homosexuellen Grafen Helldorf, des jetzigen Polizeipräsidenten von Potsdam, bei vielen Marterungen gibt genug Verdacht zu dem Schluss, dass viele der Opfer unglückliche Objekte für die Perversität der SA-Leitung waren.

Man fürchtete auch jetzt die Öffentlichkeit. Ein Dokument aus Berlin-Köpenick berichtet über die Zustände im SA-Lokal Demuth–Köpenick:

„An diesen Prügeleien hat sich der Sohn des Wirts besonders beteiligt. Außerdem der ständige Leiter der Aktionen, der SA-Führer Scharsich Herbert, Köpenick. In der ersten Zeit ließ der Sohn der Wirtin sein Motorrad laufen, um die Schreie zu übertönen. Neuerdings drückt man die Gesichter der Opfer in Stoffe. Die Mitbewohner haben sich wiederholt an die Polizei gewandt. Die Hausbewohner, die ihre Schlafzimmer zum Hofe hatten, haben ihre Wohnungen umgestellt und schlafen jetzt in Räumen, die zur Straße liegen. um die Schreie nicht hören zu müssen. An den Fenstern zum Hof darf sich niemand sehen lassen. Ständig steht ein bewaffneter SA- Mann im Hof. Auch wir sind unseres Lebens nicht sicher, besonders da man merkt, wie wir über dieses Reich denken.“