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Eduard Bernstein, Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie

인물에두아르트 베른슈타인 용어사회민주주의 사건제2인터내셔널의 붕괴 학습사회주의의 분기 · 5장 개혁을 지지하면 혁명을 반대하는 걸까?

Vorwort

Die vorliegende Arbeit ist im Wesentlichen der Begründung der Anschauungen gewidmet, die der Unterzeichnete in einer Zuschrift an den vom 3. bis 8. Oktober 1898 in Stuttgart versammelten Parteitag der deutschen Sozialdemokratie entwickelt hat.

Diese Zuschrift lautete:

„Die in der Serie Probleme des Sozialismus von mir niedergelegten Ansichten sind neuerdings in sozialistischen Blättern und Versammlungen zur Erörterung gelangt und es ist die Forderung ausgesprochen worden, daß der Parteitag der deutschen Sozialdemokratie zu ihnen Stellung nehmen solle. Für den Fall, daß dies geschieht und der Parteitag auf die Forderung eingeht, sehe ich mich zu folgender Erklärung veranlaßt.

Das Votum einer Versammlung, und steht sie noch so hoch ‚ kann mich selbstverständlich in meinen, aus der Prüfung der sozialen Erscheinungen gewonnenen Anschauungen nicht irre machen. Was ich in der Neuen Zeit geschrieben habe, ist der Ausdruck meiner Ueberzeugung, von der ich in keinem wesentlichen Punkte abzugehen mich veranlagt sehe.

Aber es ist ebenso selbstverständlich, daß ein Votum des Parteitags nichts weniger als gleichgiltig sein kann. Und darum wird man es begreifen, wenn ich vor allen Dingen das Bedürfniß fühle, mich gegen fälschliche Auslegung meiner Ausführungen und falsche Schlußfolgerungen aus ihnen zu verwahren. Verhindert, selbst auf dem Kongreß zu erscheinen, thue ich dies hiermit auf dem Wege schriftlicher Mittheilung.

Es ist von gewisser Seite behauptet worden, die praktische Folgerung aus meinen Aufsätzen sei der Verzicht auf die Eroberung der politischen Macht durch das politisch und wirthschaftlich organisirte Proletariat.

Das ist eine ganz willkürliche Folgeruug, deren Richtigkeit ich entschieden bestreite.

Ich bin der Anschauung entgegengetreten, daß wir vor einem in Bälde zu erwartenden Zusammenbruch der bürgerlichen Gesellschaft stehen und daß die Sozialdemokratie ihre Taktik durch die Aussicht auf eine solche bevorstehende große soziale Katastrophe bestimmen, beziehungsweise von ihr abhängig machen soll. Das halte ich in vollem Umfange aufrecht.

Die Anhänger dieser Katastrophentheorie stützen sich im Wesentlichen auf die Ausführungen des Kommunistischen Manifestes. In jeder Hinsicht mit Unrecht.

Die Prognose, welche das Kommunistische Manifest der Entwicklung der modernen Gesellschaft stellt, war richtig, soweit sie die allgemeinen Tendenzen dieser Entwicklung kennzeichnete. Sie irrte aber in verschiedenen speziellen Folgerungen, vor Allem in der Abschätzung der Zeit, welche die Entwicklung in Anspruch nehmen würde. Letzteres ist von Friedrich Engels, dem Mitverfasser des Manifestes, Vorwort zu den Klassenkämpfen in Frankreich rückhaltslos anerkannt worden. Es liegt aber auf der Hand, daß, indem die wirthschaftliche Entwicklung eine weit größere Spanne Zeit im Anspruch nahm als vorausgesetzt wurde, sie auch. Formen annehmen ‚ zu Gestaltungen führen mußte, die im Kommunistischen Manifest nicht vorausgesehen wurden und nicht vorausgesehen werden konnten.

Die Zuspitzung der gesellschaftlichen Verhältnisse hat sich nicht in der Weise vollzogen, wie sie das Manifest schildert. Es ist nicht nur nutzlos, es ist auch die größte Thorheit, sich dies zu verheimlichen. Die Zahl der Besitzenden ist nicht kleiner, sondern größer geworden. Die enorme Vermehrung des gesellschaftlichen Reichthums wird nicht von einer zusammenschrumpfenden Zahl von Kapitalmagnaten, sondern von einer wachsenden Zahl von Kapitalisten aller Grade begleitet. Die Mittelschichten ändern ihren Charakter, aber sie verschwinden nicht aus der gesellschaftlichen Stufenleiter.

Die Konzentrirung der Produktion vollzieht sich in der Industrie auch heute noch nicht durchgängig mit gleicher Kraft und Geschwindigkeit. In einer großen Anzahl Produktionszweige rechtfertigt sie zwar alle Vorhersagungen der sozialistischen Kritik, in anderen Zweigen bleibt sie jedoch noch heute hinter ihnen zurück. Noch langsamer geht der Prozeß der Konzentration der Landwirthschaft vor sich. Die Gewerbestatistik weist eine außerordentlich abgestufte Gliederung der Betriebe auf; keine Größenklasse macht Anstalt, aus ihr zu verschwinden. Die bedeutsamen Veränderungen in der inneren Struktur der Betriebe und ihren gegenseitigen Beziehungen kann über diese Thatsache nicht hinwegtäuschen.

Politisch sehen wir das Privilegium der kapitalistischen Bourgeoisie in allen vorgeschrittenen Ländern Schritt für Schritt demokratischen Einrichtungen weichen. Unter dem Einfluß dieser und getrieben von der sich immer kräftiger regenden Arbeiterbewegung hat eine gesellschaftliche Gegenaktion gegen die ausbeuterischen Tendenzen des Kapitals eingesetzt, die zwar heute noch sehr zaghaft und tastend vorgeht, aber doch da ist und immer mehr Gebiete des Wirthschaftslebens ihrem Einfluß unterzieht. Fabrikgesetzgebung, die Demokratisirung der Gemeindeverwaltungen und die Erweiterung ihres Arbeitsgebiets, die Befreiung der Gewerkschafts- und Genossenschaftswesens von allen gesetzlichen Hemmungen, Berücksichtigung der Arbeiterorganisationen bei allen von öffentlichen Behörden vergebenden Arbeiten kennzeichnen diese Stufe der Entwicklung. Daß in Deutschland man noch daran denken kann, die Gewerkschaften zu knebeln, kennzeichnet nicht den Höhegrad, sondern die Rückständigkeit seiner politischen Entwicklung.

Je mehr aber die politischen Einrichtungen der modernen Nationen demokratisirt werden, umsomehr verringern sich die Nothwendigkeiten und Gelegenheiten großer politischer Katastrophen. Wer an der Theorie der Katastrophen festhält, muß die hier gezeichnete Entwicklung nach Möglichkeit bekämpfen und zu hemmen suchen, wie das die konsequenten Verfechter dieser Theorie übrigens früher auch gethan haben. Heißt aber die Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat blos die Eroberung dieser Macht durch eine politische Katastrophe? Heißt es die ausschließliche Besitzergreifung und Benutzung der Staatsmacht durch das Proletariat gegen die ganze nichtproletarische Welt?

Wer das bejaht, der sei hier an zweierlei erinnert. 1872 erklärten Marx und Engels im Vorwort zur Neuauflage des Kommunistischen Manifestes, die Pariser Arbeiterklasse habe namentlich den Beweis geliefert, daß ‚die Arbeiterklasse nicht die fertige Staatsmaschine einfach in Besitz nehmen und sie für ihre eigene Zwecke in Bewegung setzen kann‘. Und 1895 hat Friedrich Engels im Vorwort zu den Klassenkämpfen ausführlich dargelegt, daß die Zeit der politischen Ueberrumpelungen, der von ‚kleinen bewußten Minoritäten an der Spitze bewußtloser Massen durchgeführten Revolutionen‘ heute vorbei sei, daß ein Zusammenstoß auf großem Maßstabe mit dem Militär das Mittel wäre, das stetige Wachsthum der Sozialdemokratie aufzuhalten und selbst für eine Weile zurückzuwerfen, – kurz, daß die Sozialdemokratie ‚weit besser bei den gesetzlichen Mitteln als bei den ungesetzlichen und dem Umsturz‘ gedeiht. Und er bezeichnet demgemäß als die nächste Aufgabe der Partei, ‚das Wachsthum ihrer Stimmen ununterbrochen in Gang zu halten‘ – beziehungsweise ‚langsame Propaganda der parlamentarischen Thätigkeit‘.

So Engels, der, wie seine Zahlenbeispiele zeigen, bei alledem die Schnelligkeit des Entwicklungsgangs immer noch etwas überschätzte. Wird man ihm nachsagen, er habe auf die Eroberung der politischen Macht durch die Arbeiterklasse verzichtet, weil er es vermieden sehen wollte, daß das durch die gesetzliche Propaganda gesicherte stetige Wachsthum der Sozialdemokratie durch eine politische Katastrophe unterbrochen werde?

Wenn nicht, wenn man seine Ausführungen unterschreibt, dann wird man auch vernünftigerweise daran keinen Anstoß nehmen können, wenn erklärt wird, was die Sozialdemokratie noch auf lange hinaus zu thun habe, sei, statt auf den großen Zusammenbruch zu spekuliren, ‚die Arbeiterklasse politisch zu organisiren und zur Demokratie auszubilden, und für alle Reformen im Staate zu kämpfen, welche geeignet sind, die Arbeiterklasse zu heben und das Staatswesen im Sinne der Demokratie umzugestalten‘.

Das ist es, was ich in meinem angefochtenen Artikel gesagt habe und was ich auch jetzt noch seiner vollen Tragweite nach aufrecht erhalte. Für die vorliegende Frage läuft es auf das Gleiche hinaus wie die Engelsschen Sätze, denn die Demokratie heißt jedesmal soviel Herrschaft der Arbeiterklasse, als diese nach ihrer intellektuellen Reife und dem Höhegrad der wirthschaftlichen Entwicklung überhaupt auszuüben fähig ist. Uebrigens beruft sich Engels an der angeführten Stelle auch noch ausdrücklich darauf, daß schon das Kommunistische Manifest ‚die Erkämpfung der Demokratie als eine der ersten und wichtigsten Aufgaben des streitbaren Proletariats proklamirt‘ habe.

Kurz, Engels ist so sehr von der Ueberlebtheit der auf die Katastrophen zugespitzten Taktik überzeugt, daß er auch für die romanischen Länder, wo die Tradition ihr viel günstiger ist als in Deutschland, eine Revision von ihr hinweg für geboten hält. ‚Haben sich die Bedingungen für den Völkerkrieg geändert, so nicht minder für den Klassenkampf‘, schreibt er. Hat man das schon vergessen?

Kein Mensch hat die Nothwendigkeit der Erkämpfung der Demokratie für die Arbeiterklasse in Frage gestellt. Worüber gestritten wurde, ist die Zusammenbruchstheorie und die Frage, ob bei der gegebenen wirthschaftlichen Entwicklung Deutschlands und dem Reifegrad seiner Arbeiterklasse in Stadt und Land der Sozialdemokratie an einer plötzlichen Katastrophe gelegen sein kann. Ich habe die Frage verneint und verneine sie noch, weil meines Erachtens im stetigen Vormarsch eine größere Gewähr für dauernden Erfolg liegt, wie in den Möglichkeiten, die eine Katastrophe bietet.

Und weil ich der festen Ueberzeugung bin, daß sich wichtige Epochen in der Entwicklung der Völker nicht überspringen lassen, darum lege ich auf die nächsten Aufgaben der Sozialdemokratie, als den Kampf um das politische Recht der Arbeiter, auf die politische Bethätigung der Arbeiter in Stadt und Gemeinde für die Interessen ihrer Klasse, sowie auf das Werk der wirthschaftlichen Organisation der Arbeiter den allergrößten Werth. In diesem Sinne habe ich seiner Zeit den Satz niedergeschrieben, daß mir die Bewegung Alles, – das was man gemeinhin Endziel des Sozialismus nenne, nichts sei, und in diesem Sinne unterschreibe ich ihn noch heute. Selbst wenn das Wort „gemeinhin“ nicht angezeigt hätte, daß der Satz nur bedingt zu verstehen war, lag es ja aus der Hand, daß er nicht Gleichgiltigkeit betreffs der endlichen Durchführung sozialistischer Grundsätze ausdrücken konnte, sondern nur Gleichgiltigteit oder, vielleicht besser ausgedrückt, Unbesorgtheit über das ‚Wie‘ der schließlichen Gestaltung der Dinge. Ich habe zu keiner Zeit ein über allgemeine Grundsätze hinausgehendes Interesse an der Zukunft gehabt, noch kein Zukunftsgemälde zu Ende lesen können. Den Aufgaben der Gegenwart und nächsten Zukunft gilt mein Sinnen und Trachten, und nur soweit sie mir die Richtschnur für das zweckmäßigste Handeln in dieser Hinsicht geben, beschäftigen mich die darüber hinausgehenden Perspektiven.

Die Eroberung der politischen Macht durch die Arbeiterklasse, die Expropriation der Kapitalisten sind an sich keine Endziele, sondern nur Mittel zur Durchführung bestimmter Ziele und Bestrebungen. Als solche sind sie Forderungen des Programms der Sozialdemokratie und von Niemand bestritten. Ueber die Umstände ihrer Durchführung läßt sich nichts voraussagen, es läßt sich nur für ihre Verwirklichung kämpfen. Zur Eroberung der politischen Macht aber gehören politische Rechte, und die wichtigste Frage der Taktik, welche die deutsche Sozialdemokratie zur Zeit zu lösen hat, scheint mir die nach dem besten Wege der Erweiterung der politischen und gewerblichen Rechte der deutschen Arbeiter zu sein. Ohne daß auf diese Frage eine befriedigende Antwort gefunden wird, würde die Betonung der anderen schließlich nur Deklamation sein.“

An diese Erklärung knüpfte sich eine kurze Polemik zwischen mir und Karl Kautsky, in die auch, in der Wiener Arbeiterzeitung, Viktor Adler eingriff. Sie veranlaßte mich zu einer zweiten, im Vorwärts vom 23. Oktober 1898 abgedruckten Erklärung, aus der hier die folgenden Stücke Aufnahme finden:

„Von Karl Kautsky und Viktor Adler ist in ihren, vom Vorwärts abgedruckten Antworten auf meinen Artikel: Eroberung der politischen Macht, die mir von ihnen früher schon brieflich kundgegebene Meinung ausgedrückt worden, daß eine zusammenfassende Darstellung meines in den Problemen des Sozialismus entwickelten Standpunkts in Buchform wünschenswerth sei. Ich habe mich bisher gegen den Rath dieser Freunde gesträubt, weil ich der Meinung war (der ich auch jetzt noch bin), daß die Tendenz dieser Artikel durchaus in der allgemeinen Entwicklungslinie der Sozialdemokratie liege. Da sie ihn indeß jetzt öffentlich wiederholt haben und auch von verschiedenen anderen Freunden der gleiche Wunsch geäußert worden ist, habe ich mich entschlossen, diesen Anregungen Folge zu geben und meine Auffassung von Ziel und Aufgaben der Sozialdemokratie in einer Schrift systematisch zu entwickeln ...

Adler und auch Andere haben daran Anstoß genommen, daß ich mit der Entwicklung demokratischer Einrichtungen eine Milderung der Klassenkämpfe in Aussicht stellte, und meinen, da sähe ich die Verhältnisse lediglich durch die Englische Brille. Letzteres ist durchaus nicht der Fall. Selbst angenommen, daß der Satz: „das entwickeltere Land zeigt dem minder entwickelten das Bild der eigenen Zukunft“, neuerdings seine Geltung eingebüßt hätte und alle Unterschiede zwischen der festländischen und der englischen Entwicklung, die ja auch mir nicht ganz unbekannt sind, voll berücksichtigt, so stützt meine Ansicht sich auf Erscheinungen auf dem Festlande, die man in der Hitze des Kampfes allenfalls zeitweise übersehen, die man aber nicht dauernd verkennen kann. Ueberall in vorgeschritteneren Ländern sehen wir den Klassenkampf mildere Formen annehmen, und es wäre ein wenig hoffnungsvoller Ausblick in die Zukunft, wenn es anders wäre. Selbstverständlich schließt der allgemeine Gang der Entwicklung periodische Rückfälle nicht aus, aber wenn man sich vergegenwärtigt, welche Stellung z.B. selbst in Deutschland ein wachsender Theil des bürgerlichen Publikums heute den Streiks gegenüber einnimmt, wie viele Streiks heute auch dort in ganz anderer, verständigerer Weise behandelt werden, noch vor zehn und zwanzig Jahren, so kann man doch nicht bestreiten, daß hier ein Fortschritt zu verzeichnen ist. Sagt das auch nicht – um mit Marx zu reden – ‚daß morgen Wunder geschehen werden‘, so zeigt es doch nach meinem Dafürhalten der sozialistischen Bewegung einen hoffnungsvolleren Weg als die Katastrophentheorie, und braucht weder der Begeisterung, noch der Energie ihrer Kämpfer Abbruch zu thun. Das wird mir Adler gewiß nicht bestreiten.

Es gab eine Zeit, wo die von mir ausgedrückte Auffassung auf keinen Widerspruch in der Partei gestoßen wäre. Wenn das heute anders ist, so sehe ich darin nur eine begreifliche Reaktion gegen gewisse Erscheinungen des Tages, die mit diesen Tageserscheinungen vergehen und der Rückkehr zu der Erkenntniß Platz machen wird, daß mit der Zunahme demokratischer Einrichtungen die humanere Auffassungsweise, die sich in unserem sonstigen sozialen Leben langsam aber stetig Bahn bricht, auch vor den bedeutsameren Klassenkämpfen nicht Halt machen kann, sondern für sie ebenfalls mildere Formen der Austragung schaffen wird. Wir setzen heute durch Stimmzettel, Demonstration und ähnliche Pressionsmittel Reformen durch, für die es vor hundert Jahren blutiger Revolutionen bedurft hätte.

London, den 20. Oktober 1898“

Im Sinne dieser Ausführungen ist die nachfolgende Arbeit verfaßt.

Ich bin mir durchaus dessen bewußt, daß sie in verschiedenen wichtigen Punkten von den Anschauungen abweicht, wie sie in der Theorie von Karl Marx und Friedrich Engels vertreten wurden – Männer, deren Schriften auf mein sozialistisches Denken den größten Einfluß ausgeübt haben, und von denen der Eine, Friedrich Engels, mich nicht nur bis zu seinem Tode seiner persönlichen Freundschaft gewürdigt, sondern mir auch in seinen letztwilligen Verfügungen über das Grab hinaus einen Beweis seines großen Vertrauens erwiesen hat. Diese Abweichung in der Auffassungsweise datirt freilich nicht erst seit Kurzem, sie ist das Produkt eines jahrelangen inneren Kampfes, von dem ich den Beweis in Händen habe, daß er Friedrich Engels kein Geheimniß war, wie ich denn überhaupt Engels entschieden dagegen verwahren muß, daß er so beschränkt gewesen wäre, von seinen Freunden bedingungsloses Unterschreiben seiner Ansichten zu verlangen. Immerhin wird man es nach dem Dargelegten verstehen, warum ich bisher nach Möglichkeit vermieden habe, der Darlegung meiner abweichenden Ansichten die Form einer Kritik der Marx-Engelsschen Lehre zu geben. Es ließ sich dies auch bisher um so leichter vermeiden, als in Bezug auf die praktischen Fragen, um die es sich dabei handelt, Marx und Engels selbst im Laufe der Zeit ihre Ansichten erheblich modifizirt haben.

Das ist jetzt anders geworden. Ich habe es nunehr polemisch mit Sozialisten zu thun, die gleich mir aus der Marx-Engelsschen Schule hervorgegangen sind ‚ und ihnen gegenüber bin ich genöthigt, wenn ich meine Ansichten vertreten will, auf die Punkte zu verweisen, wo mir die Marx-Engelssche Doktrin hauptsächlich zu irren oder sich in Widersprüchen zu bewegen scheint.

Ich bin dieser Aufgabe nicht ausgewichen, aber sie ist mir aus den angegebenen persönlichen Gründen nicht leicht geworden. Ich bekenne dies offen, damit der Leser in der zaghaften, schwerfälligen Form der ersten Kapitel nicht Unsicherheit in der Sache suche. Was ich geschrieben, dazu stehe ich mit ganzer Entschiedenheit. Aber ich habe es nicht immer über mich bekommen, diejenige Form und diejenigen Argumente zu wählen, mittels deren meine Gedanken am schärfsten zum Ausdruck gelangt wären. In dieser Hinsicht bleibt meine Arbeit hinter manchen, von anderer Seite veröffentlichten Arbeiten über denselben Gegenstand sehr zurück. Einiges in den ersten Abschnitten Versäumte habe ich ihn Schlußkapitel nachgeholt. Ferner hat, da das Erscheinen der Schrift sich etwas verzögerte, das Kapitel über die Genossenschaften einige Zusätze erfahren, bei denen Wiederholungen nicht völlig vermieden werden konnten.

Im Uebrigen möge die Schrift für sich selbst sprechen. Ich bin nicht so naiv, zu erwarten, daß sie diejenigen sofort bekehren werde, die meinen vorhergegangenen Aufsätzen entgegengetreten sind, noch bin ich thöricht genug zu verlangen, daß diejenigen, die prinzipiell mit mir auf gleichem Standpunkt stehen, alles unterschreiben, was ich darin gesagt. In der That ist die bedenklichste Seite der Schrift, daß sie zuviel umfaßt. Sobald ich auf die Aufgaben der Gegenwart zu sprechen kam, mußte ich, wollte ich mich nicht auf das Schwimmen in Allgemeinheiten verlegen, in allerhand Einzelfragen eintreten, über die selbst unter sonst Gleichgesinnten Meinungsverschiedenheiten unvermeidlich sind. Und doch gebot mir die Oekonomie der Schrift, auch hier mich auf die Betonung einiger Hauptpunkte zu beschränken, mehr anzudeuten als zu beweisen. Indeß kommt es mir auch nicht darauf au, daß man mir in allen Einzelfragen zustimme. Woran mir liegt, was den Hauptzweck dieser Schrift bildet, ist, durch Bekämpfung der Reste utopistischer Denkweise in der sozialistischen Theorie das realistische wie das idealistische Element in der sozialistischen Bewegung gleichmäßig zu stärken.

London im Januar 1899

Ed. Bernstein

Vorwort zum zehnten Tausend

Von der vorliegenden Schrift, die zuerst in einer Auflage von fünftausend gedruckt wurde, sind im Laufe der Zeit noch mehrere Neuabzüge nothwendig geworden. Mit dem gegenwärtigen Abzug erreicht die Auflage das zehnte Tausend.

Bei den bisherigen Neudrucken wurde von jeder Textänderung abgesehen, und in der Hauptsache ist der gleiche Grundsatz auch diesmal innegehalten worden. Nur einige wenige Stellen machen die Ausnahme. So hat der Einleitungssatz im Abschnitt b des ersten Kapitels – Seite 4 – eine Fassung erhalten, welche den Unterschied der materialistischen von anderen Welterklärungen genauerbestimmt, als dies in der ursprünglichen Lesart geschah, gegen die begründete Einwände geltend gemacht werden konnten. Auf Seite 62 ist die Tabelle über die Entwicklung der Bodenbetriebe in Holland, die eine falsche Zahl enthielt, und eine auf sie bezügliche Bemerkung richtig gestellt, und auf Seite 185 hat ein, wie seiner Zeit sofort zugegeben, zu schroff gefaßter Satz über die Verkürzung des Arbeitstags eine sachgemäßere Form erhalten. Daneben sind noch an zwei oder drei stellen Veränderungen erfolgt, die blos den dort entwickelten Gedanken eine korrektere Form geben. Von diesen, die grundlegenden Gedanken des Buches unberührt lassenden Aenderungen abgesehen, erhielt es der Leser genau in der gleichen Gestalt, die es von Anfang an getragen.

Wie ich schon anderwärts ausgeführt habe, folge ich mit dem Verzicht auf eine durchgreifendere Revision des Textes einer mir von verschiedenen Seiten gewordenen Anregung. Durch die Debatten, die sich in Zeitschriften, Büchern und Versammlungen an dieses Buch geknüpft haben, habe es einen dokumentarischen Charakter erhalten, den eine Umarbeitung beeinträchtigen würde. Wer dies Buch anschaffe, wünsche das Objekt jener Debatten zu besitzen, und darum sei es angezeigt, es möglichst unverändert zu lassen. So äußerten sich Freunde und Gegner der Schrift, denen ich vom Plan einer Umarbeitung Mittheilung gemacht hatte, und nach einiger Ueberlegung habe ich ihren Vorstellungen Folge gegeben.

Ich konnte dies um so eher, als die geplanten Aenderungen sich nicht auf die in diesem Buch entwickelten Thesen beziehen, an denen ich vielmehr in allen wesentlichen Punkten unverändert festhalte. Aber die Technik und, wenn der Ausdruck erlaubt ist, Architektur des Buches könnten manche Verbesserung vertragen, und während einige Wiederholungen enthaltende Stellen erhebliche Kürzungen zulassen, würde ich dafür gern noch einige Lücken in der Beweisführung ausgefüllt, das Beweismaterial ergänzt und jenen sozialistischen Kritiken des Buches Rechnung getragen haben, denen es in Bezug auf den Sozialismus nicht positiv genug erscheint. Zwar kann ich nicht zugeben, daß es der Schrift an Ausführungen fehlt, die dem Sozialismus positiv das Wort reden, aber es sei meinen Kritikern immerhin soviel eingeräumt, daß sie gegenüber dem kritischen Theil des Buches vielfach zu aphoristisch gehalten sind. Es ist dies eine Folge des Umstandes, daß, als ich das Buch schrieb, es mir lediglich auf eine Auseinandersetzung mit, oder wenn man will, unter Sozialisten ankam, wobei man Dinge, über die man einig ist, theils gar nicht erst heranzieht, theils nur flüchtig streift. Anders natürlich mit einer Schrift, die auf ein weiteres Publikum berechnet ist. Aber als eine solche war das Buch nicht von mir geplant.

In dem Umstand, daß der vom Verfasser selbst bezeichnete Zweck des Buches später außer Augen gelassen wurde, liegt für mich die Erklärung einer ganzen Reihe von irrthümlichen Auslegungen seiner Sätze. So nur ist es zum Beispiel begreiflich, daß, um Eines herauszugreifen, die Nachweise über die Zunahme der Klasse der Besitzenden, beziehungsweise der Kapitalisten, als eine Art Rechtfertigung der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung von den Einen begrüßt und von den Andern bekämpft werden konnten. Thatsächlich hat die Frage mit der Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit dieser Ordnung gar nichts zu thun. Diejenigen, welche in sozialpolitischen Debatten speziell als die Besitzenden bezeichnet werden, machen einen so geringen Prozentsatz der Gesammtbevölkerung aus, daß die Vermehrung, welche wir vor uns sehen, keiner Weise zu Gunsten der gegenwärtigen Eigenthumsvertheilung spricht. Ich habe darüber in meiner Schrift nicht den mindesten Zweifel gelassen. „Ob das gesellschaftliche Mehrprodukt von zehntausend Personen monopolistisch aufgehäuft oder zwischen einer halben Million Menschen in abgestuften Mengen vertheilt wird, ist für die neun oder zehn Millionen Familienhäupter, die bei diesem Handel zu kurz kommen, prinzipiell gleichgiltig“, heißt es auf Seite 51 ausdrücklich. Und daran anschließend : „Es möchte weniger Mehrarbeit kosten, einige tausend Privilegirte in Ueppigkeit zu erhalten, wie eine halbe Million und mehr in unbilligem Wohlstand.“ Deutlicher kann man es wohl nicht zum Ausdruck bringen, welche geringe Bedeutung dieser Thatsache von mir für die Begründuug des Sozialismus beigelegt wird.

In der That ist der Sozialisnms erst in zweiter Linie ein Vertheilungsproblem. In erster Reihe ist er vielmehr ein Problem der Produktionsordnung und Produktionsentfaltung. Das intime Gegenseitigkeitsverhältniß, das zwischen beiden Problemen besteht, so das eine widersinnige Vertheilung gegebenenfalls ein Hemmniß, eine Umwälzung auf dem Vertheilungsgebiet ein mächtiger Faktor der Produktionsentfaltung werden kann, wird keinen ökonomisch Denkenden über die Thatsache hinwegtäuschen, daß das Problem der höchsten Produktivität, der höchsten Ergiebigkeit der gesellschaftlichen Gesammtarbeit das entscheidende Moment für die sozialistische Fortentwicklung der Gesellschaft bildet. Denn von ilm hängt zuletzt die Erzielung des höchstmöglichen Grades von allgemeinem Wohlstand ab, dieses vernunftgemäße Endziel jeder Gesellschaftsreform, zu dem die jeweiligen Orgauisations- und Vertheilungsordnungeu in untergeordneten Verhältniß stehen. Es ist aber der Beweis unschwer zu erbringen, daß beim heutigen Stand der Produktionsbedingungen eine nennenswerthe Vermehrung der Zahl der Besitzenden eine größere Lahmlegung von Produktivkräften, eine größere Beeinträchtigung des allgemeinen Reichthums und der allgemeinen Wohlfahrt bedeuten kann, als ihre relative Abnahme.

Indeß ist die Thatsache, daß die Zahl der Kapitalisten sich vermehrt, inzwischen auch voll denen zugegeben worden, die sie mir ursprünglich bestritten. Und wie sollte es möglich sein, sie sich zu verhehlen, sobald man nur das betreffende Material näher untersucht. Konnte doch erst jüngst wieder der sozialistische Abgeordnete Hoch im Deutschen Reichstag feststellen (Sitzung vom 20. Januar 1902), daß zwischen 1896 und 1900 sich die Zahl der Personen, die ein Einkommen von über 100,000 Mark jährlich versteuern, in Preußen und Sachsen wie folgt vermehrt hat:

18961900
Preußen28303277
Sachsen394583

Eine Zunahme, die, wie Hoch hinzusetzte, weit über die gleichzeitige Zunahme der Bevölkerung hinausgegangen ist. Zugleich ist das Durchschnittseinkommen dieser Personen in Preußen von 257.000 auf 306.000, in Sachsen von 218.400 auf 236.000 Mark jährlich gestiegen. In entsprechendem Maße haben aber auch die übrigen Klassen oder Schichten der höheren Einkommensgruppen zugenommen. Um an eine in der vorliegenden Schrift gegebene Zahl anzuknüpfen, ‚hat sich in der kurzen Spanne Zeit von 1897-98 bis 1901 die Zahl der Personen im Preußen, die ein Einkommen von über 3.000 Mark versteuerten, von 347.328 auf 436.696 vermehrt, eine Zunahme, die auch dann noch als erheblich zu bezeichnen ist, wenn man die im gleichen Zeitraum eingetretene Erhöhung der Lebensmittelpreise ihr gegenüberstellt.

Aehnlich wie mit den Aufstellungen der Schrift über die Einkommensbewegung verhält es sich mit ihren Darlegungen über die Entwicklung der Größenklassen der Gewerbebetriebe. Irgend etwas zurückzunehmen oder einzuschränken giebt es da ebenfalls nicht. Die Oekonomie der Schrift und die zu ihrer Abfassung gesetzte Zeit verhinderten eine tiefere Durcharbeitung des vorhandenen Materials, so daß der ganze Abschnitt die betreffenden Verhältnisse nur in sehr groben Umrissen zur Anschauung bringt und nur sehr bedingte Folgerungen zuläßt. Mehr beansprucht er aber auch nicht zu geben, und so enthält er einen Satz, der nicht vor der genaueren Prüfung standhielte.

Soweit der Abschnitt die Ergebnisse der deutschen Berufs- und Gewerbezählungen behandelt, ist es interessant, seine Aufstellungen mit den Folgerungen zu vergleichen, zu denen ein Statistiker von Fach, der Prager Professor Heinrich Rauchberg, in seinem jüngst erschienenen Werke Die Berufs- und Gewerbezählung im Deutschen Reich vom 14. Juni 1895 [1] gelangt. Rauchberg hat die Ergebnisse seiner sehr sorgfältigen Analyse der deutschen Gewerbezählungen am Schlusse seines Buches in einem besonderen Kapitel Entwicklungstendenzen der deutschen Volkswirthschaft zusammengefaßt, und ihm seien einige Sätze entnommen, die sich auf die gleichen Punkte beziehen, von denen im betreffenden Abschnitt des vorliegenden Buches gehandelt wird. Ueber den Fortbestand von Klein- und Mittelbetrieben neben den an Zahl und Umfang zunehmenden Großbetrieben heißt es:

„Wenn von einer Konzentrationstendenz in der modernen Industrie gesprochen wird, so bedeutet das also nicht etwa Aufsaugung des Kleinbetriebs durch den Großbetrieb. Der Kleinbetrieb hat sich vielmehr als solcher ungeschmälert erhalten; ja er hat sogar einen, wenn auch nur mäßigen Fortschritt erzielt. Aber es bedeutet eine rasche Fortentwicklung in der Richtung zum Großbetrieb durch Erweiterung ehemals kleinerer Betriebe oder durch große Neugründungen: Dadurch werden das Schwergewicht der Produktion und die Mehrzahl der Gewerbethätigen in Betriebe von immer größerem Umfang herübergezogen. Daneben besteht jene Konzentration aber auch in einer engeren Verbindung von formell selbständigen kleinen Betrieben mit den großen, sei es in der Form der Produktionstheilung oder der Absatzorganisation.“ (S.393)

„... Alles in Allem genommen, hat die fortschreitende Entwicklung zum Großbetrieb weder dem handwerksmäßigen Kleinbetrieb noch der Hausindustrie die Daseinsbedingungen verkümmert. Mag auch der fabriksmäßige Großbetrieb technisch höher stehen, in sozialer Hinsicht die besseren Aussichten bieten, er ist doch weit entfernt davon, sich zur Alleinherrschaft aufzuschwingen. Denn die deutsche Volkswirthschaft ist nicht in allen ihren Theilen gleich weit vorgeschritten. Die einzelnen Gebietsabschnitte, Ost und West, Stadt und Land, ja selbst die einzelnen Gewerbezweige gehören oft sehr verschiedenen Entwicklungsstufen an; alle Zwischenglieder der gewerblichen Entfaltung vom primitiven Handwerk. an bis zum modernen Riesenbetrieb finden sich auch heute noch nebeneinander vor. Während der moderne technische und soziale Fortschritt sowohl in der Produktion als auch in der Absatzorganisation die Entstehung und Fortbildung von Großbetrieben begünstigt, sehen wir von der andern Seite her noch immer neue Menschenmassen aus der bisher mehr oder weniger geschlossenen Hauswirthschaft heraus in das Getriebe der Volkswirthschaft übertreten ... Immer von Neuem werden die Voraussetzungen geschaffen für das Entstehen handwerksmäßiger und hausindustrieller Betriebe, die anderwärts, voll einer späteren Entwicklungsstufe aus bereits wieder zu höheren Betriebs-und Organisationsformen sich umzubilden im Begriffe stehen.“ (S.395)

Man vergleiche hiermit die Ausführungen Auf S.59/60 dieser Schrift, und man wird finden, daß die Folgerungen Rauchbergs durchaus mit dem dort Entwickelten übereinstimmen.

Ueber die Ergebnisse der belgischen Gewerbezählung vom Oktober 1896 schreibt der Direktor des „Institut de Sociologie“, Professor E. Waxweiler, in Nr.11 des 19. Jahrgangs der Sozialen Praxis (12. Dezember 1901), nachdem er festgestellt hat, daß Belgien „ein Land der Großindustrie“ ist und es „bei Strafe des Falles“ bleiben muß, es sei „bemerkenswerth, wie die Zahlen der belgischen Statistik die wesentlichen Daten der ... Kritik Bernsteins gegen das Gesetz der marxistischen Konzentration [muß heißen: gegen übertriebene Folgerungen aus dem Gesetz der Konzentration – Ed.B.] bestätigen ... Im Allgemeinen entwickelt sich die Großindustrie neben der kleinen und mittleren; ferner sind in den letzten 50 Jahren zahlreiche neue Industriezweige (nehr als 300) hervorgetreten, von denen eine Zahl der Kleinindustrie verblieben ist.“ Die Widerstandsfähigkeit der Kleinindustrie gehe ‚,auch aus der Thatsache hervor, daß trotz der Entwicklung des Maschinenwesens die Herstellung mit der Hand sich in zahlreichen Industrien aufrecht erhält, wo der mechanische Prozeß für selbstverständlich gehalten wird.“ Ueber einen hiermit verwandten Gegenstand, der auch an der angegebenen Stelle dieser Schrift (S.60) berücksichtigt wird, heißt es bei Rauchberg: „Es darf jedoch nicht übersehen werden, daß gerade die mächtigsten Maschinen häufig Produktionszwecken dienen, welche ohne diese Maschinen überhaupt nicht verwirklicht werden könnten. In diesem Falle ruft die Maschine erst die Produktion hervor. Sie konkurrirt dann überhaupt nicht mit menschlichen Arbeitskräften.“ (S.400/401, Note)

Bei Untersuchung der Frage nach den Rechtsformen der Unternehmungen betont Rauchberg die starke Zunahme der Kollektivunternehmungen und gemeinwirthschaftlichen Betriebe, welche Ersteren immer mehr voll wirthschaftlichen Gesellschaften und Genossenschaften geeignet werden. „Der Konzentration des Betriebs,“ schreibt er, „steht hier die Theilnahme weiterer Kreise an Besitz und Ertrag gegenüber.“ (S.395) Desgleichen hebt Waxweiler die steigende Verbreitung der Aktengesellschaften hervor. In 70 Industriezweigen Belgiens beschäftigen nach ihm die Aktiengesellschaften mehr als drei Viertel der Arbeiter. Das ist, wie Waxweiler auch betont, ebenso wie das Vorhergehende ein weiterer Beleg zu dem auf S.47 dieser Schrift Dargelegten. Nun ist der Hinweis auf die Dezentralisation des Besitzes durch die Aktiengesellschaften ziemlich alt - er treibt sich seit Dezennien in der Literatur der Vertheidiger der bestehenden Gesellschaftsordnung herum. Sein Alter beweist aber nicht, daß er falsch ist, es können überhaupt nur von ihm abgeleitete Folgerungen in Frage gestellt werden, die Thatsache selbst wird Niemand bestreiten wollen, der als Oekonom ernsthaft genommen sein will. Es sind nun zunächst die Zahlen angezweifelt worden, die ich auf S.48 über die große Zahl der Aktionäre einiger englischen Großunternehmungen gegeben habe, zumal dort die Quellen, aus denen diese Zahlen stammen, nicht genau sind. Um letzterem Mangel abzuhelfen, sei daher bemerkt, daß die Zahlen über die Vertheilung des Aktienkapitals der Firma Spiers & Pond mir von der Firma selbst bereitwillig auf einem Fragebogen, den ich ihr und Anderen zugeschickt, mitgetheilt wurden, und daß die Angaben über die Zahl der Aktionäre des Nähgarntrusts und der Spinnereigesellschaft Coats dem Handelstheil englischer Tageszeitungen entnommen wurden, wo sie seiner Zeit ohne jede Bezugnahme auf sozialpolitische Folgerungen und Tendenzen als Kuriosa mitgetheilt worden waren. Die Art der Notifizirung schloß jeden Verdacht aus, das es sich dabei etwa um Bearbeitung der öffentlichen Meinung handle. Uebrigens sind in der Zwischenzeit noch einige Statistiken dieser Art zu meiner Kenntniß gelangt, die eine ganz ähnliche Vertheilung der Aktien gewerblicher Unternehmungen aufweisen. Eine davon steht in den klassischen Werk von Rowntree und Sherwell, Temperance Problem and Social Reform, London. Als eines der großen Hindernisse, die einer durchgreifenden Gesetzgebung gegen den Alkoholismus im Wege stehen, be zeichnen die Verfasser dort (S.31 der billigen Ausgabe) die weite Verbreitung des ungeheuren Aktienkapitals der großen Brauereien und Brennereien, und sie veranschaulichen diese Verbreitung durch folgende Liste über die Inhaber der Antheile von fünf sehr bekannten englischen Brauereien:

BrauereienZahl der Aktionäre
StammaktienPrioritätsaktien
Arthur Guinneß, Son & Co.54503768
Baß, Ratclif & Gretton171368
Threlfall’s577872
Combe & Co.101040
Samuel Alsopp & Co.13132189
73679237

Insgesammt 16.604 Aktionäre für ein Stamm- und Prioritäten-Kapital von zusammen 194 Millionen Mark (£ 9.710.000). Daneben hatten die fünf Gesellschaften aber noch ein Obligationenkapital von 122 Millionen Mark (£ 6.110.000, über welches keine Inhaberliste vorliegt. Nimmt man, wofür viele Gründe sprechen, eine Verbreitung im gleichen Verhältniß an, wie die der Stamm- und Prioritätenaktien, so vertheilt sich das Eigenthum der bezeichneten fünf Brauereien auf 27.052 Personen! An der Londoner Börse wurden aber im Jahre 1898 die Aktien &c. von nicht weniger als 119 Brauereien und Brennereien notirt, deren aufgelegtes Kapital allein sich auf über 1.400 Millionen Mark belief, während außerdem das Stammkapital von 67 dieser Gesellschaften in „Privathänden“ (meist die ursprünglichen Besitzer und deren Familienmitglieder) war. Das diese Brauereien und Brennereien nur zum Theil das Eigenthum von Millionären sind, zum Theil aber jede einige Bataillone oder selbst Regimenter von Aktionären hinter sich haben, macht sich den englischen Mäßigkeitsreformern insbesondere bei den Wahlen sehr unangenehm fühlbar.

Wie in diesem Falle, so hat auch in andern diese Dezentralisation des Eigenthums an den Betriebsunternehmungen gerade vom Standpunkt des Reformers aus ihre großen Schattenseiten, ja in den Augen des Sozialisten gehört sie überhaupt zu den Schattenseiten der modernen Entwicklung. Indeß nicht um diese Frage hat es sich in der vorliegenden Untersuchung gehandelt. Worum diese sich dreht, ist das rein wirthschaftliche Problem: Hat die zunehmende Konzentration der Betriebsunternehmungen eine Abnahme oder Zunahme der Kapitalistenklasse im Gefolge. Nur dadurch, daß man dies übersah und, wie schon oben bemerkt, der Beantwortung in dem einen oder anderen Sinn eine Bedeutung für den Sozialismus beimaß, die sie gar nicht hat, konnte die Debatte über diesen Punkt einen so unerquicklichen Charakter annehmen – unerquicklich vor Allem dadurch, das um Kleinigkeiten gestritten und das wirkliche Problem, das die gestellte Frage einschließt, vollständig vernachlässigt, wenn nicht überhaupt ignorirt wurde. Ich habe dies Problem, nämlich die Frage, wo bei stetig zunehmender Produktivität der Arbeit das gesellschaftliche Mehrprodukt bleibt, wenn die Klasse der Kapitalisten ab- und nicht zunimmt, auf Seite 51 bis 54 möglichst deutlich auseinandergesetzt und kann nur bedauern, daß die Diskussion nicht in dem Geist weitergeführt worden ist, dem die Frage dort von mir aufgeworfen wurde.

Meinerseits habe ich sie noch einmal in einem Nachtragskapitel zu einer Artikelserie über das Lohngesetzproblem berührt, die ursprünglich in der Neuen Zeit erschienen war und von mir neuerdings in einer Sammlung älterer und neuerer Aufsätze (Zur Geschichte und Theorie des Sozialismus, Berlin und Bern, 1901) wieder veröffentlicht wurde. Auch dort wird (S.107) als bezeichnend für die Gegenwart „die Vermehrung der Zahl der Reichen und ihres Reichthums“ hingestellt. Das war noch in England geschrieben, wo mir für Deutschland nur einige trockene Zahlen zur Verfügung stauden. Die Rückkehr nach Deutschland hat mir Gelegenheit gegeben, mich davon zu überzeugen, wie sinnenfällig sich die Thatsache hier auch in den Dingen selbst kundgiebt. Mit geradezu aufreizender Aufdringlichkeit macht sich die Vermehrung und der zunehmende Reichthum der Besitzenden in den sich immer weiter ausdehnenden vornehmen Quartieren der Großstädte breit. Insbesondere spricht die Entwicklung von Berlin West in dieser Hinsicht Bände.

In enger Verbindung mit der Frage des Verbleibs des Mehrprodukts steht die Frage der Krisen. Im Augenblick, wo ich dies schreibe, leiden große Industriezweige in Deutschland und auch anderwärts unter theilweise sehr starkem Geschäftsdruck. Es ist dies verschiedentlich als eine schlagende Widerlegung der in diesem Buch niedergelegten Ausführungen über die Krisenfrage hingestellt worden. Wer aber den betreffenden Abschnitt (Kap.3d) nachliest, wird sich überzeugen, daß der bisherige Verlauf der erwähnten Krise, weit entfernt, das dort Entwickelte zu widerlegen, es vielmehr durchaus bestätigt. Zu einem Theil ist die Krisis in Deutschland eine Geldkrisis, die, abgesehen von Vorgängen auf dem internationalen Geldmarkt (Krieg in China und in| Transvaal, Schließung der Goldminen des Transvaal, Mißernten in Indien) durch maßlose Schwindeleien von Hypothekeninstituten herbeigeführt wurde, zum Theil in der That eine Krisis aus Ueberproduktion, und zwar namentlich aus Ueberproduktion in Maschinenanlagen und dergleichen. In der Prosperitätsperiode der letzten Jahre ist in Deutschland ein ungeheures Kapital in Form von Betriebseinrichtungen festgelegt worden, die dem Bedarf weit vorauseilten. Nicht genug, daß die Fabrikanten sich darin überboten, ihre Werke nach neuestem Stil neu einzurichten, wurden die Neueinrichtungen auch meist auf erweiterter Basis durchgeführt. Die deutsche Industrie hat so, wie die Engländer es ausdrücken, ein größeres Stück in den Mund genommen, als sie zu kauen vermag. Sie leidet nun an Schlingbeschwerden – wie gewöhnlich, zum größten Theil auf Kosten der Arbeiter – während die englische Industrie, die es mit den Erneuerungen nicht gar so hastig hatte und dafür schon todt gesagt wurde, den Geschäftsdruck erheblich weüiger verspürt als die deutsche. Ein englischer Fabrikant deutscher Abstammung, der beide Länder sehr gut kent, Herr Alexander Siemens in London, hat diesen Punkt vor einiger Zeit in einem Fachblatt sehr energisch hervorgehoben. Jedenfalls ist die Geschäftsstockung vorläufig noch auf einzelne Länder und Industrien beschränkt und hat auch dort noch keineswegs jenen Umfang und Höhegrad angenommen wie die letzte große Krise der Industriewelt: die der siebziger Jahre. Es ist also zu Mindesten verfrüht, aus den vorliegenden Krisenerscheinungen beweiskräftige Folgerungen für die Frage ableiten wollen, um welche sich das Krisenkapitel der vorliegenden Schrift dreht. Die Krisenerscheinungen, die wir thatsächlich vor uns sehen, fallen sämmtlich in das Gebiet dessen, was hier auf Seite 73/74 und Seite 79 ff. ausdrücklich als das naturgemäße Produkt der heutigen Wirthschaftsorganisation hingestellt wird.

Ganz und gar verfrüht ist es vor Allem im gegenwärtigen Moment ein abschließendes Urtheil über die Wirkungen und Fähigkeiten der Unternehmersyndikate mit Bezug auf das Krisemproblem abgeben zu wollen. Die betreffenden Verbände oder Körperschaften befinden sich zum großen Theil noch in ihren Anfängen, und Mißerfolge in diesem Stadium beweisen noch ganz und gar nichts für die Endergebnisse. Die Gewerkschaftsbeweguung der Arbeiter war Jahrzehnte lang eine Bewegung von Mißerfolgen, bis ihre Leistungsfähigkeit so unzweifelhaft erwiesen war, daß einer nach dem andern ihrer Verächter überzeugt klein beigeben mußte.

Man wird also auch bezüglich der Unternehmersyndikate noch etwas zu warten haben, bevor man zu einem leidlich schlußfähigen Urtheil über ihr Können und Nichtkönnen befähigt sein wird. Inzwischen thut man gut, sich zu vergegenwärtigen, daß es sich da weniger um Beseitigung der Ueberproduktion handelt, die vielmehr, wie auf Seite 74 dieser Schrift bemerkt wird, eine unvermeidliche Erscheinung des modernen Wirthschaftslebens ist, sondern um die Abmilderlung und Verkürzung, beziehungsweise Ueberbrückung der aus sie folgenden Stockungsperioden. Sehnlich, wie oft bei den Gewerkschaften, liegt daher hier der Probebeweis auf der negativen Seite, das heißt dreht er sich darum, was jeweilig an Schlimmerem verhütet wurde. Es ist nun bezeichnend, daß die gegenwärtige Geschäftskrise, die nach einigen übereifrigen Kritikern dieser Schrift den Bankerott des Syndikatswesens hätte bringen müssen, eine wesentliche Stärkung derselben sich vollziehen sieht. Im Handelstheil des Vorwärts vom 26. Januar d.J. werden eine ganze Reihe von Thatsachen aus der Bergwerks-, Hütten- und Metallverarbeitungsindustrie vorgeführt, welche für eine Entwicklung in diesem Sinne Zeugniß ablegen. Unter Anderem wird da festgestellt, das der Halbzeugverband „nach wie vor fast ausschließlich die Produktion der Stahlwerke beherrscht, ohne daß bei den schwierigen Verhältnissen der Eisenindustrie trotz des Drängens der Verbraucher so erhebliche Preisnachlässe zu verzeichnen wären, wie sie bei der freien Entfaltung der Konkurrenz hätten eintreten müssen.“ Es liegt auf der Hand, und in dem betreffenden Artikel des Vorwärts wird dies auch hervorgehoben, daß die damit angezeigte Wirkungskraft des Syndikatswesens ihre große Kehrseite hat, aber gerade diese Kehrseite ist denn auch, wie man sich überzeugen wird, im vorliegenden Buch aufs Schärfste hervorgehoben worden. „Virtuell trägt das kapitalistische Abwehrmittel gegen die Krisen,“ heißt es dort, „die Keime zu einer verstärkten Hörigkeit der Arbeiterklasse in sich, sowie zu Produktionsprivilegien, die eine verschärfte Form der alten Zunftprivilegien darstellen. Viel wichtiger als die ‚Impotenz‘ der Kartelle und Trusts zu prophezeien, erscheint es mir vom Standpunkt der Arbeiter aus, ihre Möglichkeiten sich gegenwärtig zu halten.“ (S.81) In Hinblick auf hier nicht näher zu qualifizirende Kritiken, die gerade dem Kapitel zu Theil geworden sind, worin dies steht, darf ich es mit einer gewissen Genugthuung begrüßen, daß die Zahl derer sich mehrt, welche die Frage der kapitalistischen Syndikate im gleichen Sinne behandeln, wie es dort geschehen.

Kämpfende Parteien sind immer wieder der Gefahr ausgesetzt, daß unter dem Einfluß von Tagesvorkommnissen sich die Schwerpunkte sie angehender Fragen in ihren Augen zeitweise verschieben oder thatsächliche Verschiebungen ihnen eine .Zeitlang verborgen bleiben. Solche optische Inversion wird alsdann leicht zur Ursache unnöthiger Verbitterungen in der Debatte. Worin der Eine die nothwendige Abwendung von einem gegenstandslos gewordenen Kampfobjekt erblickt, das erscheint dem Andern als verrätherische Preisgabe einer Position von entscheidender Bedeutung. Es dauert dann immer eine gewisse Zeit, bis es Allen gleichmäßig zum Bewußtsein kommt, welches der wahre Charakter der fraglich gewordenen – praktischen oder theoretischen – Streitobjekte ist, welche wirkliche Bedeutung ihnen nunmehr innewohnt. Von einem Theil der in diesem Buch behandelten Fragen kann gesagt werden, daß die Debatte über sie sich schon erheblich geklärt und soviel hat erkennen lassen, daß die Ausführungen des Verfassers, was immer sich sonst etwa gegen sie einwenden läßt, nichts in Frage stellen, was für den Befreiungskampf der Arbeiterklasse von wirklicher Bedeutung, eine wirkliche Lebensfrage der Sozialdemokratie ist. Es ist meine feste Ueberzeugung, daß mit der Zeit dies auch in Bezug auf die anderen der hier erörterten Fragen der Fall sein wird. In diesem Bewußtsein übergebe ich diesen Neuabdruck der Oeffentlichkeit.

* * *

Die Voraussetzungen des Sozialismus sind außer in deutscher noch in französischer und russischer Sprache erschienen – letzteres in drei Ausgaben, und zwar eine in London, eine in Moskau und eine in St. Petersburg. Uebersetzungen ins Czechische und Spanische sind, wie mir mitgetheilt wird, im Werke. Die französische Ausgabe ist mit meiner Zustimmung veranstaltet und von mir mit einem besonderen Vorwort versehen worden, dagegen sind sämmtliche russische Ausgaben ohne mein Wissen veranstaltet worden. Bei der Moskauer und der Petersburger Ausgabe ist dies erklärlich genug, ebenso gewisse „wissenschaftliche“ Umschreibungen des Textes in der Uebersetzung. Weniger selbstverständlich dünkt es mich, daß die Veranstalter der dritten, in London im Verlag des Russian Free Press Fund erschienenen Ausgabe es nicht fertig brachten, vor Anfertigung der Uebersetzung den in der gleichen Stadt wohnenden Verfasser aufzufinden und ihn in den Stand zu setzen, irgend welche ihm etwa nothwendig erscheinenden Korrekturen, Streichungen oder Zusätze vorzunehmen, sowie seine Erlaubniß zu denjenigen Streichungen einzuholen, die sie selbst vorzunehmen für gut fanden. Da es nicht geschah, sehe ich mich zu der Erklärung genöthigt, daß ich für die Londoner russische Ausgabe ebensowenig irgend welche Verantwortung übernehmen kann, wie für die zwei andern.

Berlin, Ende Januar 1902.

Ed. Bernstein

Anmerkungen

  1. Berlin 1901, Karl Heymanns Verlag.

    ↩

Erstes Kapitel. Die grundlegenden Sätze des marxistischen Sozialismus

a) Die Wissenschaftselemente des Marxismus

„Mit ihnen wurde der Sozialismus eine Wissenschaft, die es sich nun handelt, in allen ihren Einzelheiten und Zusammenhängen weiter auszuarbeiten.“

Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft

Die deutsche Sozialdemokratie erkennt heute als die theoretische Grundlage ihres Wirkens die von Marx und Engels ausgearbeitete und von ihnen als wissenschaftlicher Sozialismus bezeichnete Gesellschaftslehre an. Das soll besagen, dass während die Sozialdemokratie als kämpfende Partei bestimmte Interessen und Tendenzen vertritt, für selbstgesetzte Ziele streitet, sie bei der Bestimmung dieser Ziele in letzter, entscheidender Linie einer Erkenntnis folgt, die eines objektiven, nur auf Erfahrung und Logik als Beweismaterial angewiesen und mit ihnen übereinstimmenden Beweises fähig ist. Denn was eines solchen Beweises nicht fähig ist, ist nicht mehr Wissenschaft, sondern beruht auf subjektiven Eingebungen, auf bloßem Wollen oder Meinen.

Bei allen Wissenschaften kann man zwischen einer reinen und einer angewandten Lehre unterscheiden. Die erstere besteht aus Erkenntnissätzen, die aus der Gesamtheit der einschlägigen Erfahrungen abgeleitet sind und daher als allgemeingültig betrachtet werden. Sie bilden in der Theorie das beständige Element. Aus den Anwendungen dieser Sätze auf die Einzelerscheinungen oder die Einzelfälle der Praxis baut sich die angewandte Wissenschaft auf: die aus dieser Anwendung gewonnenen Erkenntnisse, die in Lehrsätze zusammengefasst werden, sind Sätze der angewandten Wissenschaft. Sie bilden im Lehrgebäude das veränderliche Element.

Beständig und veränderlich sind indes hier nur bedingt zu verstehen. Auch die Sätze der reinen Wissenschaft sind Veränderungen unterworfen, die aber zumeist in der Form von Ein- schränkungen vor sich gehen. Mit der fortschreitenden Erkenntnis werden Sätze, denen vorher absolute Gültigkeit beigelegt wurde, als bedingt erkannt und durch neue Erkenntnissätze ergänzt, welche diese Gültigkeit einschränken, aber zugleich das Gebiet der reinen Wissenschaft erweitern. [1] Umgekehrt behalten in der angewandten Wissenschaft die einzelnen Sätze für bestimmte Fälle dauernde Geltung. Ein Satz der Agrikulturchemie oder der Elektrotechnik, sofern er überhaupt erprobt worden, bleibt immer richtig, sobald die Voraussetzungen, auf denen er beruht, wiederhergestellt sind. Aber die Vielheit der Voraussetzungselemente und ihrer Verbindungsmöglichkeiten bewirken eine unendliche Mannigfaltigkeit solcher Sätze und eine beständige Verschiebung im Wertverhältnis derselben zueinander. Die Praxis schafft immer neuen Erkenntnisstoff und verändert das Gesamtbild sozusagen mit jedem Tage, lässt fortgesetzt in die Rubrik der veralteten Methoden wandern, was einst neue Errungenschaft war.

Eine systematische Ausschälung der reinen Wissenschaft des marxistischen Sozialismus von ihrem angewandten Teile ist bisher noch nicht versucht worden, wenngleich es an wichtigen Vorarbeiten dazu nicht fehlt. Marx’ bekannte Darlegung seiner Geschichtsauffassung im Vorwort von Zur Kritik der politischen Ökonomie und der dritte Abschnitt von Fr. Engels: Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft sind als die bedeutsamsten Darlegungen hier an erster Stelle zu nennen. Im erwähnten Vorwort legt Marx die allgemeinen Grundzüge seiner Geschichts- oder Gesellschaftsphilosophie in so knappen, bestimmten, von allen Beziehungen auf Spezialerscheinungen und Spezialformen getrennten Sätze dar, wie es in gleicher Reinheit nirgends anders geschehen ist. Es fehlt da kein für die Marxsche Geschichtsphilosophie wesentlicher Gedanke.

Das Engelssche Schriftwerk ist teils eine gemeinverständlichere Fassung, teils eine Erweiterung der Marxschen Sätze. Es wird darin auf Spezialerscheinungen der Entwicklung, wie die von Marx als bürgerlich charakterisierte moderne Gesellschaft, Bezug genommen und wird deren weiterer Entwicklungsgang eingehender vorgezeichnet, so dass man an vielen Stellen schon von angewandter Wissenschaft sprechen kann. Engels kann da schon herausgebrochen werden, ohne dass der Fundamentalgedanke Schaden leidet. Aber in den Hauptsätzen ist die Darstellung noch allgemein genug, um für die reine Wissenschaft des Marxismus beansprucht werden zu können. Dazu berechtigt und nötigt auch die Tatsache, dass der Marxismus mehr sein will als abstrakte Geschichtstheorie. Er will zugleich Theorie der modernen Gesellschaft und ihrer Entwicklung sein. Man kann, wenn man streng unterscheiden will, diesen Teil der marxistischen Lehre schon als angewandte Doktrin bezeichnen, aber es ist eine für den Marxismus durchaus wesentliche Anwendung, ohne die er so ziemlich jede Bedeutung als politische Wissenschaft verlöre. Es müssen daher die allgemeinen oder Hauptsätze dieser Ausführungen über die moderne Gesellschaft noch der reinen Lehre des Marxismus zugerechnet werden. Wenn die gegenwärtige, rechtlich auf dem Privateigentum und der freien Konkurrenz beruhende Gesellschaftsordnung für die Geschichte der Menschheit ein spezieller Fall ist, so ist sie für die gegenwärtige Kulturepoche doch zugleich der allgemeine und dauernde Fall. Alles, was von der Marxschen Kennzeichnung der bürgerlichen Gesellschaft und ihres Entwicklungsganges bedingungslose, das heißt von nationalen und lokalen Besonderheiten unabhängige Geltung beansprucht, würde demgemäß in das Gebiet der reinen Doktrin gehören, alles, was sich auf zeitliche und örtliche Spezialerscheinungen und Konjekturen bezieht, alle Spezialformen der Entwicklung dagegen in die angewandte Wissenschaft.

Es ist seit einiger Zeit Mode geworden, das mehr analytische Eindringen in die Marxsche Lehre mit dem Worte Scholastik zu diskreditieren. Solche Schlagworte sind sehr bequem und fordern gerade deswegen zur größten Vorsicht heraus. Untersuchung der Begriffe, Scheidung des Zufälligen vom Wesentlichen wird immer wieder von neuem notwendig, wenn die Begriffe sich nicht verflachen, die Ableitungen sich nicht zu reinen Glaubenssätzen versteinern sollen. Die Scholastik hat nicht bloß begriffliche Haarspalterei getrieben, sie hat nicht nur die Handlangerin der Orthodoxie gespielt, sondern sie hat, indem sie die Dogmen der Theologie begrifflich analysierte, sehr viel zur Überwindung des Dogmatismus beigetragen; sie hat den Wall unterminiert, den die orthodoxe Dogmenlehre der freien philosophischen Forschung entgegensetzte – auf dem Boden, den die Scholastik urbar gemacht, ist die Philosophie eines Descartes und Spinoza erwachsen. Es gibt eben verschiedene Arten von Scholastik: apologetische und kritische. Die letztere ist seit jeher aller Orthodoxie ein Gräuel.

Indem wir die Elemente des Marxschen Lehrgebäudes in der vorerwähnten Weise trennen, gewinnen wir einen leitenden Maßstab der Wertung einzelner seiner Sätze für das ganze System. Mit jedem Satze der reinen Wissenschaft würde ein Stück des Fundaments weggerissen und ein großer Teil des ganzen Gebäudes seiner Stütze beraubt und hinfällig werden. Anders mit den Sätzen der angewandten Wissenschaft. Diese können fallen, ohne das Fundament im geringsten zu erschüttern. Ja, ganze Satzreihen der angewandten Wissenschaft könnten fallen, ohne die anderen Teile in Mitleidenschaft zu ziehen. Es müsste sich nur nachweisen lassen, dass im Aufbau der Mittelglieder ein Fehler gemacht wurde. Wo sich solche Fehler nicht nachweisen lassen, würde allerdings der unvermeidliche Schluss der sein, dass im Fundament ein Fehler oder eine Lücke war.

Es liegt indes außerhalb des Planes dieser Arbeit, hier eine solche systematische Teilung bis in die feineren Einzelheiten vorzunehmen, da es sich um keine erschöpfende Darstellung und Kritik der Marxschen Lehre handelt. Es genügt für meinen Zweck, das schon erwähnte Programm des historischen Materialismus, die (in ihm bereits im Keim enthaltene) Lehre von den Klassenkämpfen im allgemeinen und dem Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat im besonderen, sowie die Mehrwertlehre mit der Lehre von der Produktionsweise der bürgerlichen Gesellschaft und den in ihr begründeten Entwicklungstendenzen dieser Gesellschaft als die Hauptbestandteile dessen zu kennzeichnen, was meines Erachtens das Gebäude der reinen Wissenschaft des Marxismus bildet. Wie die Sätze der angewandten, sind auch die der reinen Wissenschaft selbstverständlich unter sich wieder von verschiedenem Werte für das System.

So wird von niemand bestritten werden, dass das wichtigste Glied im Fundament des Marxismus sozusagen das Grundgesetz, das das ganze System durchdringt, seine spezifische Geschichtstheorie ist, die den Namen materialistische Geschichtsauffassung trägt. Mit ihr steht und fällt es im Prinzip, in dem Maße, wie sie Einschränkungen erleidet, wird die Stellung der übrigen Glieder zueinander in Mitleidenschaft gezogen. Jede Untersuchung seiner Richtigkeit muss daher von der Frage ausgehen, ob oder wie weit diese Theorie Gültigkeit hat.

b) Die materialistische Geschichtsauffassung und die historische Notwendigkeit

„Wir hatten, den Gegnern gegenüber, das von diesen geleugnete Hauptprinzip (die ökonomische Seite) zu betonen, und da war nicht immer Zeit, Ort und Gelegenheit, die übrigen, an der Wechselwirkung beteiligten Momente zu ihrem Recht kommen zu lassen.“

Friedrich Engels, Brief von 1890, abgedruckt im Soz. Akademiker, Oktober 1895

Die Frage nach der Richtigkeit der materialistischen Geschichtsauffassung ist die Frage nach der geschichtlichen Notwendigkeit und ihren Ursachen. Materialist sein heißt zunächst, alles Geschehen auf notwendige Bewegungen der Materie zurückführen. Die Bewegung der Materie vollzieht sich nach der materialistischen Lehre mit Notwendigkeit als ein mechanischer Prozess. Kein Vorgang ist da ohne seine von vornherein notwendige Wirkung, kein Geschehen ohne seine materielle Ursache. Es ist also die Bewegung der Materie, welche die Gestaltung der Ideen und Willensrichtungen bestimmt, und so sind auch diese und damit alles Geschehen in der Menschenwelt materiell notwendig. So ist der Materialist ein Calvinist ohne Gott. Wenn er an keine von einer Gottheit verfügte Vorherbestimmung glaubt, so glaubt er doch und muss er glauben, dass von jedem beliebigen Zeitpunkt an alles weitere Geschehen durch die Gesamtheit der gegebenen Materie und die Kraftbeziehungen ihrer Teile im voraus bestimmt ist.

Die Übertragung des Materialismus in die Geschichtserklärung heißt daher von vornherein die Behauptung der Notwendigkeit aller geschichtlichen Vorgänge und Entwicklungen. Die Frage für den Materialisten ist nur: auf welche Weise setzt sich in der menschlichen Geschichte die Notwendigkeit durch, welches Kraftelement oder welche Kraftfaktoren sprechen da das entscheidende Wort, welches ist das Verhältnis der verschiedenen Kraftfaktoren zueinander, welche Rolle kommt der Natur, der Wirtschaft, den Rechtseinrichtungen, den Ideen in der Geschichte zu?

Marx gibt an der schon erwähnten Stelle die Antwort dahin, dass er als den bestimmenden Faktor die jeweiligen materiellen Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse der Menschen bezeichnet.

„Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozess überhaupt. Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt. Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann ein Epoche sozialer Revolution ein. Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau (die rechtlichen und politischen Einrichtungen, denen bestimmte gesellschaftliche Bewusstseinsformen entsprechen) langsamer oder rascher um ... Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoße der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet sind ... Die bürgerlichen Produktionsverhältnisse sind die letzte antagonistische Form des gesellschaftlichen Produktionsprozesses ... aber die im Schoße der bürgerlichen Gesellschaft sich entwickelnden Produktivkräfte schaffen zugleich die materiellen Bedingungen zur Lösung dieses Antagonismus. Mit dieser Gesellschaftsform schließt daher die Vorgeschichte der menschlichen Gesellschaft ab.“ (Zur Kritik der politischen Ökonomie, Vorwort)

Es sei zunächst vorwegnehmend bemerkt, dass der Schlusssatz und das Wort ‚letzte‘ in dem ihm vorhergehenden Satz nicht beweisbar, sondern mehr oder weniger begründete Annahmen sind. Sie sind aber auch für die Theorie unwesentlich, gehören vielmehr schon zu den Anwendungen und können daher hier übergangen werden.

Betrachtet man die übrigen Sätze, so fällt vor allem, von dem „langsamer oder rascher“ abgesehen (in dem allerdings sehr viel liegt), ihre apodiktische Fassung auf. So werden im zweiten der zitierten Sätze „Bewusstsein“ und „Sein“ so schroff gegenübergestellt, dass die Folgerung nahe liegt, die Menschen würden lediglich als lebendige Agenten geschichtlicher Mächte betrachtet, deren Werk sie geradezu wider Wissen und Willen ausführen. Und das wird nur zum Teil modifiziert durch einen hier als nebensächlich fortgelassenen Satz, worin die Notwendigkeit betont wird, bei sozialen Umwälzungen zwischen der materiellen Umwälzung in den Produktionsbedingungen und den „ideologischen Formen“ zu unterscheiden, „worin sich die Menschen dieses Konflikts bewusst werden und ihn ausfechten“. Im ganzen erscheint das Bewusstsein und Wollen der Menschen als ein der materiellen Bewegung sehr untergeordneter Faktor.

Auf einen nicht minder prädestinatorisch lautenden Satz stoßen wir im Vorwort zum ersten Band des Kapital. „Es handelt sich“, heißt es da mit Bezug auf die „Naturgesetze“ der kapitalistischen Produktion, „um diese mit eherner Notwendigkeit wirkenden und sich durchsetzenden Tendenzen.“ Und doch, wo eben noch von Gesetz gesprochen ward, drängt sich am Schluss statt dieses starren ein biegsamerer Begriff ein: die Tendenz. Und auf dem nächsten Blatte steht dann der oft zitierte Satz, dass die Gesellschaft die Geburtswehen naturgemäßer Entwicklungsphasen „abkürzen und mildern“ kann.

Sehr viel bedingter erscheint die Abhängigkeit der Menschen von den Produktionsverhältnissen in der Erklärung, wie sie Fr. Engels noch zu Lebzeiten von Karl Marx und in Übereinstimmung mit ihm in der Streitschrift wider Dühring vom historischen Materialismus gibt. Da heißt es, dass „die letzten Ursachen aller gesellschaftlichen Veränderungen und politischen Umwälzungen“ nicht in den Köpfen der Menschen, sondern „in Veränderungen der Produktions- und Austauschweise“ zu suchen seien. „Letzte Ursachen“ schließt aber mitwirkende Ursachen anderer Art ein, Ursachen zweiten, dritten usw. Grades, und es ist klar, dass je größer die Reihe solcher Ursachen ist, um so mehr die bestimmende Kraft der letzten Ursachen qualitativ wie quantitativ beschränkt wird. Die Tatsache ihrer Wirkung bleibt, aber die schließliche Gestaltung der Dinge hängt nicht allein von ihr ab. Eine Wirkung, die das Ergebnis des Waltens verschiedener Kräfte ist, lässt sich nur dann mit Sicherheit berechnen, wenn alle Kräfte genau bekannt sind und nach ihrem vollen Wert in Rechnung gesetzt werden. Die Ignorierung selbst einer Kraft niederen Grades kann, wie jeder Mathematiker weiß, die größten Abweichungen zur Folge haben.

In seinen späteren Arbeiten hat Fr. Engels die bestimmende Kraft der Produktionsverhältnisse noch weiter eingeschränkt. Am meisten in zwei im Sozialistischen Akademiker vom Oktober 1895 abgedruckten Briefen, der eine davon im Jahre 1890, der andere im Jahre 1894 verfasst. Dort werden „Rechtsformen“, politische, juristische, philosophische Theorien, religiöse Anschauungen beziehungsweise Dogmen als Einflüsse aufgezählt, die auf den Verlauf der geschichtlichen Kämpfe einwirken und in vielen Fällen „vorwiegend deren Form bestimmen“. „Es sind also unzählige, einander durchkreuzende Kräfte“, heißt es, „eine unendliche Gruppe von Kräfteparallelogrammen, daraus eine Resultante – das geschichtliche Ereignis – hervorgeht, die selbst wieder als das Produkt einer, als Ganzes bewusstlos und willenlos wirkenden Macht angesehen werden kann. Denn was jeder einzelne will, wird von jedem anderen verhindert, und was herauskommt, ist etwas, was keiner gewollt hat.“ (Brief von 1890) „Die politische, rechtliche, philosophische, religiöse, literarische, künstlerische usw. Entwicklung beruht auf der ökonomischen. Aber sie alle reagieren aufeinander und auf die ökonomische Basis.“ (In einem Schreiben von 1894) Man wird gestehen, dass dies etwas anders klingt als die eingangs zitierte Stelle bei Marx.

Es soll natürlich nicht behauptet werden, dass Marx und Engels zu irgendeiner Zeit die Tatsache übersehen hätten, dass nichtökonomische Faktoren auf den Verlauf der Geschichte einen Einfluss ausüben. Unzählige Stellen aus ihren ersten Schriften ließen sich gegen solche Annahme anführen. Aber es handelt sich hier um ein Maßverhältnis, nicht darum, ob ideologische Faktoren anerkannt wurden, sondern welches Maß von Einfluss, welche Bedeutung für die Geschichte ihnen zugeschrieben wurden. In dieser Hinsicht aber ist ganz und gar nicht zu bestreiten, dass Marx und Engels ursprünglich den nichtökonomischen Faktoren eine sehr viel geringere Mitwirkung bei der Entwicklung der Gesellschaften, eine sehr viel geringere Rückwirkung auf die Produktionsverhältnisse zuerkannt haben als in ihren späteren Schriften. Es entspricht dies auch dem natürlichen Entwicklungsgang jeder neuen Theorie. Stets tritt eine solche zuerst in einer schroffen, apodiktischen Formulierung auf. Um sich Geltung zu verschaffen, muss sie die Hinfälligkeit der alten Theorien beweisen, und in diesem Kampfe sind Einseitigkeit und Übertreibung von selbst angezeigt. In dem Satz, den wir diesem Abschnitt als Motto vorangestellt haben, erkennt Engels dies rückhaltlos an, und anschließend an ihn bemerkt er noch:

„Es ist aber leider nur zu häufig, dass man glaubt, eine neue Theorie vollkommen verstanden zu haben und ohne weiteres handhaben zu können, sobald man die Hauptsätze sich angeeignet hat ...“

Wer heute die materialistische Geschichtstheorie anwendet, ist verpflichtet, sie in ihrer ausgebildetsten und nicht in ihrer ursprünglichen Form anzuwenden, das heißt, er ist verpflichtet, neben der Entwicklung und dem Einfluss der Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse den Rechts- und Moralbegriffen, den geschichtlichen und religiösen Traditionen jeder Epoche, den Einflüssen von geographischen und sonstigen Natureinflüssen, wozu denn auch die Natur des Menschen selbst und seiner geistigen Anlagen gehört, voll Rechnung zu tragen. Es ist das ganz besonders da im Auge zu behalten, wo es sich nicht mehr bloß um reine Erforschung früherer Geschichtsepochen, sondern schon um Projizierung kommender Entwicklungen handelt, wo die materialistische Geschichtsauffassung als Wegweiser für die Zukunft helfen soll.

Den Theorien gegenüber, die die menschliche Natur als etwas Gegebenes und Unveränderliches behandeln, ist von der sozialistischen Kritik mit Recht auf die großen Veränderungen hingewiesen worden, welche die menschliche Natur in den verschiedenen Ländern im Laufe der Zeiten durchgemacht hat, die Veränderungsfähigkeit, welche Menschen einer bestimmten Epoche an den Tag legen, wenn sie in andere Verhältnisse versetzt werden. In der Tat ist die Natur des Menschen sehr elastisch, soweit es sich um die Anpassungsfähigkeit an neue Naturverhältnisse und eine neue soziale Umgebung handelt. Aber man muss eines nicht vergessen. Wo so große Massen in Frage kommen wie die modernen Nationen mit ihren aus jahrtausendelanger Entwicklung herausgewachsenen Lebensgewohnheiten, ist selbst von größeren Eigentumsumwälzungen eine rasche Wandlung der Menschennatur um so weniger zu erwarten, als die Wirtschafts- und Eigentumsverhältnisse nur einen Teil der sozialen Umgebung ausmachen, die auf den menschlichen Charakter bestimmend einwirkt. Auch hier ist eine Vielheit von Faktoren in Betracht zu ziehen, und zu der Produktions- und Austauschweise, auf welche der historische Materialismus das Hauptgewicht legt, kommt unter anderem hinzu das zwar durch diese bedingte, aber, einmal gegeben, eigene Rückwirkungen äußernde territoriale Gruppierungs- oder Agglomerationsverhältnis, das heißt die örtliche Verteilung der Bevölkerung und das Verkehrswesen.

In einem Briefe an Konrad Schmidt, datiert vom 27. Oktober 1890, hat Friedrich Engels in trefflicher Weise gezeigt, wie sich gesellschaftliche Einrichtungen aus Erzeugnissen wirtschaftlicher Entwicklung zu sozialen Mächten mit Eigenbewegung verselbständigen, die nun ihrerseits auf jene zurückwirken und sie je nachdem fördern, aufhalten oder in andere Bahnen lenken können. Er führt als Beispiel in erster Linie die Staatsmacht an, wobei er die meist von ihm gegebene Definition des Staates als Organ der Klassenherrschaft und Unterdrückung durch die sehr bedeutsame Zurückführung des Staates auf die gesellschaftliche Teilung der Arbeit ergänzt. [2] Der historische Materialismus leugnet also durchaus nicht eine Eigenbewegung politischer und ideologischer Mächte, er bestreitet nur die Unbedingtheit dieser Eigenbewegung und zeigt, dass die Entwicklung der ökonomischen Grundlagen des Gesellschaftslebens – Produktionsverhältnisse und Klassenentwicklung – schließlich doch auf die Bewegung jener Mächte den stärkeren Einfluss übt.

Aber jedenfalls bleibt die Vielheit der Faktoren, und es ist keineswegs immer leicht, die Zusammenhänge, die zwischen ihnen bestehen, so genau bloßzulegen, dass sich mit Sicherheit bestimmen lässt, wo im gegebenen Falle die jeweilig stärkste Triebkraft zu suchen ist. Die rein ökonomischen Ursachen schaffen zunächst nur die Anlage zur Aufnahme bestimmter Ideen, wie aber diese dann aufkommen und sich ausbreiten und welche Form sie annehmen, hängt von der Mitwirkung einer ganzen Reihe von Einflüssen ab. Man tut dem historischen Materialismus mehr Abbruch, als man ihm nützt, wenn man die entschiedene Betonung der Einflüsse anderer als rein ökonomischer Natur und die Rücksicht auf andere ökonomische Faktoren als die Produktionstechnik und ihre vorausgesehene Entwicklung von vornherein als Eklektizismus vornehm zurückweist. Der Eklektizismus – das Auswählen aus verschiedenen Erklärungen und Behandlungsarten der Erscheinungen – ist oft nur die natürliche Reaktion gegen den doktrinären Drang, alles aus einem herzuleiten und nach einer und derselben Methode zu behandeln. Sobald solcher Drang überwuchert, wird sich der eklektische Geist immer wieder mit elementarer Gewalt Bahn brechen. Er ist die Rebellion des nüchternen Verstandes gegen die jeder Doktrin innewohnende Neigung, den Gedanken „in spanische Stiefel einzuschnüren“. [3]

In je höherem Grade nun neben den rein ökonomischen Mächten andere Mächte das Leben der Gesellschaft beeinflussen, um so mehr verändert sich auch das Walten dessen, was wir historische Notwendigkeit nennen. In der modernen Gesellschaft haben wir in dieser Hinsicht zwei große Strömungen zu unterscheiden. Auf der einen Seite zeigt sich eine wachsende Einsicht in die Gesetze der Entwicklung und namentlich der ökonomischen Entwicklung. Mit dieser Erkenntnis geht, teils als ihre Ursache, teils aber wiederum als ihre Folge, Hand in Hand eine steigende Fähigkeit, die ökonomische Entwicklung zu leiten. Wie die physische, wird auch die ökonomische Naturmacht in dem Maße von der Herrscherin zur Dienerin der Menschen, als ihr Wesen erkannt ist. Die Gesellschaft steht so der ökonomischen Triebkraft theoretisch freier als je gegenüber, und nur der Gegensatz der Interessen zwischen ihren Elementen – die Macht der Privat- und Gruppeninteressen – verhindert die volle Übersetzung dieser theoretischen in praktische Freiheit. Indes gewinnt auch hier das Allgemeininteresse in wachsendem Maße an Macht gegenüber dem Privatinteresse, und in dem Grade, wie dies der Fall, und auf allen Gebieten, wo dies der Fall, hört das elementarische Walten der ökonomischen Mächte auf. Ihre Entwicklung wird vorweggenommen und setzt sich deshalb um so rascher und leichter durch. Individuen und ganze Völker entziehen so einen immer größeren Teil ihres Lebens dem Einfluss einer sich ohne oder gegen ihren Willen durchsetzenden Notwendigkeit.

Weil aber die Menschen den ökonomischen Faktoren immer größere Beachtung schenken, gewinnt es leicht den Anschein, als spielten diese heute eine größere Rolle als früher. Das ist jedoch nicht der Fall. Die Täuschung wird bloß dadurch erweckt, dass das ökonomische Motiv heute frei auftritt, wo es früher durch Herrschaftsverhältnisse und Ideologien aller Art verkleidet war. An Ideologie, die nicht von der Ökonomie und der als ökonomische Macht wirkenden Natur bestimmt ist, ist die moderne Gesellschaft vielmehr reicher als frühere Gesellschaften. [4] Die Wissenschaften, die Künste, eine größere Reihe sozialer Beziehungen sind heute viel weniger von der Ökonomie abhängig als zu irgendeiner früheren Zeit. Oder um keiner Missdeutung Raum zu geben, der heute erreichte Stand ökonomischer Entwicklung lässt den ideologischen und insbesondere den ethischen Faktoren einen größeren Spielraum selbständiger Betätigung, als dies vordem der Fall war. Infolgedessen wird der Kausalzusammenhang zwischen technisch-ökonomischer Entwicklung und der Entwicklung der sonstigen sozialen Einrichtungen ein immer mehr mittelbarer, und damit werden die Naturnotwendigkeiten der ersteren immer weniger maßgebend für die Gestaltung der letzteren.

Der „Geschichte ehernes Muss“ erhält auf diese Weise eine Einschränkung, die für die Praxis der Sozialdemokratie, um dies vorauszuschicken, keine Minderung, sondern eine Steigerung und Qualifizierung der sozialpolitischen Aufgaben bedeutet.

Nach alledem sehen wir die materialistische Geschichtsauffassung heute in anderer Gestalt vor uns, als sie ihr zuerst von ihren Urhebern gegeben wurde. Bei ihnen selbst hat sie eine Entwicklung durchgemacht, bei ihnen selbst an absolutistischer Deutung Einschränkungen erlitten. Das ist, wie gezeigt, die Geschichte jeder Theorie. Es wäre der größte Rückschritt, etwa von der reifen Form, die ihr Engels in den Briefen an Konrad Schmidt und den vom Sozialistischen Akademiker veröffentlichten Briefen gegeben hat, zurückzugehen auf die ersten Definitionen und ihr, gestützt auf diese, eine ‚monistische‘ Deutung zu geben. Vielmehr sind die ersten Definitionen durch jene Briefe zu ergänzen. Der Grundgedanke der Theorie verliert dadurch nicht an Einheitlichkeit, aber die Theorie selbst gewinnt an Wissenschaftlichkeit. Sie wird mit diesen Ergänzungen erst wahrhaft zur Theorie wissenschaftlicher Geschichtsbetrachtung. In ihrer ersten Form konnte sie in der Hand eines Marx zum Hebel großartiger geschichtlicher Entdeckungen werden, aber selbst sein Genie ward durch sie zu allerhand Fehlschlüssen verleitet. [5] Wie viel mehr erst alle diejenigen, welche weder über sein Genie noch über seine Kenntnisse verfügen. Als wissenschaftliche Grundlage für die sozialistische Theorie kann die materialistische Geschichtsauffassung heute nur noch in der vorgeführten Erweiterung gelten, und alle Anwendungen, die ohne Berücksichtigung oder mit ungenügender Berücksichtigung der damit angezeigten Wechselwirkung der materiellen und ideologischen Kräfte vorgenommen wurden, sind, ob von den Urhebern der Theorie selbst oder von anderen herrührend, demgemäß entsprechend zu berichtigen.

Das Vorstehende war bereits geschrieben, als mir das Oktoberheft der Deutschen Worte, Jahr 1898, mit einem Artikel von Wolfgang Heine über Paul Barths Geschichtsphilosophie und seine Einwände gegen den Marxismus zuging. Heine verteidigt dort die Marxsche Geschichtsauffassung gegen den Vorwurf des bekannten Leipziger Dozenten, den Begriff des Materiellen auf das Technisch-Ökonomische zu beschränken, so dass auf sie eher die Bezeichnung ökonomische Geschichtsauffassung passte. Er hält dieser Bemerkung die zitierten Engelsschen Briefe aus den neunziger Jahren gegenüber und ergänzt sie durch einige sehr beachtenswerte eigene Betrachtungen über die Einzelbeweise des Marxismus und die Entstehung, Fortbildung und Wirkungskraft der Ideologien. Nach ihm kann die marxistische Theorie der Ideologie größere Zugeständnisse machen, als es bisher geschehen, ohne dadurch an ihrer gedanklichen Einheit zu verlieren, und muss sie ihr solche Zugeständnisse machen, um wissenschaftliche, die Tatsachen gebührend würdigende Theorie zu bleiben. Nicht darauf komme es an, ob sich die marxistischen Schriftsteller überall des unleugbaren Zusammenhangs zwischen dem Einfluss überlieferter Ideen und neuer ökonomischer Tatsachen eingedenk gewesen seien oder ihn genügend betont hätten, sondern, ob sich seine volle Anerkennung in das System der materialistischen Geschichtsauffassung hineinfüge.

Prinzipiell ist diese Fragestellung unbedingt richtig. Es handelt sich hier, wie zuletzt überall in der Wissenschaft, um eine Grenzfrage. So stellt sie auch Karl Kautsky in seiner Abhandlung: Was kann die materialistische Geschichtsauffassung leisten? Aber man muss sich dessen bewusst bleiben, dass ursprünglich die Frage nicht in dieser Begrenzung gestellt, sondern dem technisch-ökonomischen Faktor eine fast unbeschränkte Bestimmungsmacht in der Geschichte zugeschrieben wurde.

Der Streit dreht sich schließlich, meint Heine, um das quantitative Verhältnis der bestimmenden Faktoren, und er setzt hinzu, die Entscheidung habe „mehr praktische als theoretische Wichtigkeit“.

Ich würde vorschlagen, statt „mehr – als“ „ebensoviel – wie“ zu sagen. Aber dass es sich um eine Frage von großer praktischer Wichtigkeit handelt, ist auch meine Überzeugung. Es ist von großer praktischer Bedeutung, Sätze, die auf Grund übermäßiger Hervorhebung des technischökonomischen Bestimmungsfaktors in der Geschichte formuliert wurden, nach Maßgabe des erkannten Quantitätsverhältnisses der anderen Faktoren zu berichtigen. Es ist nicht genug, dass die Praxis die Theorie korrigiert, die Theorie – wenn sie überhaupt einen Wert haben soll – muss sich dazu verstehen, die Bedeutung der Korrektur anzuerkennen.

Es erhebt sich dann schließlich die Frage, bis zu welchem Punkte die materialistische Geschichtsauffassung noch Anspruch auf ihren Namen hat, wenn man fortfährt, sie in der vorerwähnten Weise durch Einfügung anderer Potenzen zu erweitern. Tatsächlich ist sie nach Engels’ vorgeführten Erklärungen nicht rein materialistisch, geschweige denn rein ökonomisch. Ich leugne nicht, dass Name und Sache sich nicht völlig decken. Aber ich suche den Fortschritt nicht in der Verwischung, sondern in der Präzisierung der Begriffe, und da es bei Bezeichnung einer Geschichtstheorie vor allem darauf ankommt, erkennen zu lassen, worin sie sich von anderen unterscheidet, würde ich, weit entfernt, an Barths Titel ökonomische Geschichtsauffassung Anstoß zu nehmen, trotz alledem ihn für die angemessenste Bezeichnung der marxistischen Geschichtstheorie halten.

In dem Gewicht, das sie auf die Ökonomie legt, ruht ihre Bedeutung, aus der Erkenntnis und Wertung der ökonomischen Tatsachen stammen ihre großen Leistungen für die Geschichtswissenschaft, stammt die Bereicherung, die ihr dieser Zweig des menschlichen Wissens verdankt. Ökonomische Geschichtsauffassung braucht nicht zu heißen, dass bloß ökonomische Kräfte, bloß ökonomische Motive anerkannt werden, sondern nur, dass die Ökonomie die immer wieder entscheidende Kraft, den Angelpunkt der großen Bewegungen in der Geschichte bildet. Dem Worte materialistische Geschichtsauffassung haften von vornherein alle Missverständnisse an, die sich überhaupt an den Begriff Materialismus knüpfen. Der philosophische oder naturwissenschaftliche Materialismus ist streng deterministisch, die marxistische Geschichtsauffassung aber misst der ökonomischen Grundlage des Völkerlebens keinen bedingungslos bestimmenden Einfluss auf dessen Gestaltungen zu.

c) Die marxistische Lehre vom Klassenkampf und der kapitalistischen Entwicklung

Auf der Grundlage der materialistischen Geschichtsauffassung ruht die Lehre von den Klassenkämpfen.

„Es fand sich“, schreibt Fr. Engels im Anti-Dühring, „dass alle bisherige Geschichte [6] die Geschichte von Klassenkämpfen war, dass diese einander bekämpfenden Klassen jedes Mal Erzeugnisse sind der Produktions- und Verkehrsverhältnisse, mit einem Worte der ökonomischen Verhältnisse ihrer Epoche.“ (3. Auflage, Seite 12)

In der modernen Gesellschaft ist es der Klassenkampf zwischen den kapitalistischen Besitzern der Produktionsmittel und den kapitallosen Produzenten, den Lohnarbeitern, der ihr in dieser Hinsicht seinen Stempel aufdrückt. Für die erstere Klasse hat Marx den Ausdruck Bourgeoisie, für die letztere den Ausdruck Proletariat aus Frankreich übernommen, wo sie zur Zeit, als er seine Theorie ausarbeitete, von den dortigen Sozialisten schon mit Vorliebe gebraucht wurden. Dieser Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat ist der auf die Menschen übertragene Gegensatz in den heutigen Produktionsverhältnissen, nämlich zwischen dem privaten Charakter der Aneignungsweise und dem gesellschaftlichen Charakter der Produktionsweise. Die Produktionsmittel sind Eigentum von einzelnen Kapitalisten, die sich den Ertrag der Produktion aneignen, die Produktion selbst aber ist ein gesellschaftlicher Prozess geworden, das heißt eine von vielen auf Grund planmäßiger Teilung und Organisation der Arbeit ausgeführte Herstellung von Gebrauchsgütern. Und dieser Gegensatz birgt in sich oder hat als Ergänzung einen zweiten: der planmäßigen Teilung und Organisation der Arbeit innerhalb der Produktionsanstalten (Werkstatt, Fabrik, Fabrikkomplex usw.) steht die planlose Veräußerung der Produkte auf dem Markte gegenüber.

Ausgangspunkt des Klassenkampfes zwischen Kapitalisten und Arbeiter ist der Interessengegensatz, wie er sich aus der Natur der Verwertung der Arbeit des letzteren durch den ersteren ergibt. Die Untersuchung dieses Verwertungsprozesses führt zur Lehre vom Wert und der Produktion und Aneignung des Mehrwerts.

Bezeichnend für die kapitalistische Produktion und für die auf ihr beruhende Gesellschaftsordnung ist, dass sich die Menschen in ihren wirtschaftlichen Beziehungen als Käufer und Verkäufer gegenüberstehen. Sie anerkennt im Wirtschaftsleben keine formalgesetzlichen, sondern nur tatsächliche, aus den rein wirtschaftlichen Beziehungen (Besitzunterschiede, Lohnverhältnisse usw.) sich ergebende Abhängigkeitsverhältnisse. Der Arbeiter verkauft dem Kapitalisten seine Arbeitskraft für bestimmte Zeit und unter bestimmten Bedingungen zu einem bestimmten Preis, dem Arbeitslohn. Der Kapitalist verkauft die mit Hilfe des Arbeiters respektive von der Gesamtheit der von ihm beschäftigten Arbeiter hergestellte Produktenmasse auf dem Warenmarkt zu einem Preis, der in der Regel und als Bedingung des Fortgangs seiner Unternehmung einen Überschuss über den Betrag ergibt, den ihn die Herstellung gekostet hat. Was ist nun dieser Überschuss?

Nach Marx ist er der Mehrwert der vom Arbeiter geleisteten Arbeit. Die Waren tauschen sich auf dem Markte zu einem Wert aus, der bestimmt wird durch die in ihnen verkörperte Arbeit, gemessen nach Zeit. Was der Kapitalist an vergangener – wir können auch sagen toter Arbeit in Form von Rohstoff, Hilfsstoff, Maschinenabnutzung, Miete und anderen Unkosten in die Produktion gesteckt hat, erscheint im Werte des Produkts unverändert wieder. Anders mit der aufgewendeten lebendigen Arbeit. Diese kostete den Kapitalisten den Arbeitslohn, sie bringt ihm einen diesen übersteigenden Erlös, den Gegenwert des Arbeitswerts. Der Arbeitswert ist der Wert der in dem Produkt steckenden Arbeitsmenge, der Arbeitslohn ist der Kaufpreis der in der Produktion aufgewendeten Arbeitskraft. Preis beziehungsweise Wert der Arbeitskraft sind bestimmt durch die Unterhaltskosten des Arbeiters, wie. sie dessen geschichtlich ausgebildeten Lebensgewohnheiten entsprechen. Die Differenz zwischen dem Gegenwert (Erlös) des Arbeitswerts und dem Arbeitslohn ist der Mehrwert, den möglichst zu erhöhen und jedenfalls nicht sinken zu lassen das natürliche Bestreben des Kapitalisten ist.

Nun drückt aber die Konkurrenz auf dem Warenmarkt beständig auf die Warenpreise, und Vergrößerung des Absatzes ist immer wieder nur durch Verbilligung der Produktion zu erzielen. Der Kapitalist kann diese Verbilligung auf dreierlei Weise erzielen: Herabsetzung der Löhne, Verlängerung der Arbeitszeit, Steigerung der Produktivität der Arbeit. Da es jedes Mal bestimmte Grenzen für die zwei ersteren gibt, wird seine Energie immer wieder auf die letztere hingelenkt. Bessere Organisierung der Arbeit, Verdichtung der Arbeit und Vervollkommnung der Maschinerie ist in der entwickelteren kapitalistischen Gesellschaft das vorherrschende Mittel, die Produktion zu verbilligen. In allen diesen Fällen ist die Folge, dass sich die organische Zusammensetzung des Kapitals, wie Marx es nennt, ändert. Das Verhältnis des auf Rohstoffe, Arbeitsmittel usw. ausgelegten Kapitalteils steigt, das des auf Arbeitslöhne ausgelegten Kapitalteils sinkt; dieselbe Produktenmasse wird durch weniger Arbeiter, eine erhöhte Produktenmasse durch die alte oder ebenfalls eine verringerte Zahl von Arbeitern hergestellt. Das Verhältnis des Mehrwerts zu dem in Löhnen ausgelegten Kapitalteil nennt Marx die Mehrwerts- oder Ausbeutungsrate, das Verhältnis des Mehrwerts zum gesamten in die Produktion gesteckten Kapital die Profitrate. Es liegt nach dem Vorhergehenden auf der Hand, dass die Mehrwertsrate steigen kann, während gleichzeitig die Profitrate sinkt.

Je nach der Natur des Produktionszweigs finden wir eine sehr verschiedene organische Zusammensetzung des Kapitals. Es gibt Unternehmungen, wo ein unverhältnismäßig großer Kapitalteil für Arbeitsmittel, Rohstoffe usw. und ein im Verhältnis nur geringer Kapitalteil für Löhne verausgabt wird, und andere, wo die Löhne den wichtigsten Teil der Kapitalsauslage bilden. Die ersteren stellen höhere, die letzteren niedere organische Zusammensetzungen des Kapitals dar. Herrschte durchgängig das gleiche proportionelle Verhältnis zwischen erzieltem Mehrwert und Arbeitslohn, so müssten in diesen letzteren Produktionszweigen die Profitraten die der ersteren Gruppen in vielen Fällen um ein Vielfaches übersteigen. Das ist aber nicht der Fall. Tatsächlich werden die Waren in der entwickelten kapitalistischen Gesellschaft nicht zu ihrem Arbeitswert, sondern zu ihren Produktionspreisen veräußert, die in den ausgelegten Herstellungskosten (Arbeitslohn plus verausgabter toter Arbeit) und einem Aufschlag bestehen, der dem Durchschnittsprofit der gesellschaftlichen Gesamtproduktion oder der Profitrate derjenigen Produktionszweige entspricht, in denen die organische Zusammensetzung des Kapitals ein Durchschnittsverhältnis vom Lohnkapital zum übrigen angewandten Kapital aufweist. Die Preise der Waren bewegen sich also in den verschiedenen Produktionszweigen keineswegs in gleicher Weise um ihre Werte. In den einen sind sie beständig weit unter, in anderen beständig über dem Wert, und nur in Produktionszweigen mittlerer organischer Zusammensetzung des Kapitals nähern sie sich den Werten an. Das Wertgesetz verschwindet völlig aus dem Bewusstsein der Produzenten, es wirkt nur hinter ihrem Rücken, indem sich nach ihm in längeren Zwischenräumen die Höhe der Durchschnittsprofitrate reguliert.

Die Zwangsgesetze der Konkurrenz und der wachsende Kapitalreichtum der Gesellschaft wirken auf ein beständiges Sinken der Profitrate hin, das durch gegenwirkende Kräfte verlangsamt, aber nicht dauernd aufgehalten wird. Überproduktion von Kapital geht mit Überschüssigmachung von Arbeitern Hand in Hand. Immer größere Zentralisation greift in Industrie, Handel und Landwirtschaft um sich und immer stärkere Expropriation kleiner Kapitalisten durch größere. Periodische Krisen, herbeigeführt durch die Produktionsanarchie in Verbindung mit der Unterkonsum- tion der Massen treten immer heftiger, immer zerstörender auf und beschleunigen durch Vernichtung unzähliger kleiner Kapitalisten den Zentralisierungs- und Expropriierungsprozess. Auf der einen Seite verallgemeinert sich die kollektivistische – kooperative – Form des Arbeitsprozesses auf stets wachsender Stufenleiter in steigendem Grade, auf der anderen wächst „mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten, welche alle Vorteile dieses Umwandlungsprozesses usurpieren und monopolisieren, die Masse des Elends, des Druckes, der Knechtschaft, der Entartung, der Ausbeutung, aber auch der Empörung der stets anschwellenden und durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und organisierten Arbeiterklasse“. So strebt die Entwicklung einem Punkte zu, wo das Kapitalmonopol zur Fessel wird der mit ihm aufgeblühten Produktionsweise, wo die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Diese wird alsdann gesprengt, die Expropriierer und Usurpatoren werden durch die Volksmasse expropriiert, das kapitalistische Privateigentum wird aufgehoben.

Dies die geschichtliche Tendenz der kapitalistischen Produktions- beziehungsweise Aneignungsweise nach Marx. Die Klasse, die dazu berufen ist, die Expropriation der Kapitalistenklasse und die Verwandlung des kapitalistischen in öffentliches Eigentum durchzuführen, ist die Klasse der Lohnarbeiter, das Proletariat. Zu diesem Behuf ist es als politische Partei der Klasse zu organisieren. Diese Klasse ergreift im gegebenen Moment die Staatsmacht und „verwandelt die Produktionsmittel zunächst in Staatseigentum. Aber damit hebt das Proletariat sich selbst als Proletariat, damit hebt es alle Klassenunterschiede und Klassengegensätze auf und damit auch den Staat als Staat.“ Der Kampf ums Einzeldasein mit seinen Konflikten und Exzessen hört auf, der Staat hat nichts mehr zu unterdrücken und „stirbt ab“ (Engels, Entwicklung des Sozialismus).

Dies in möglichst knapper Zusammenfassung die wichtigsten Sätze desjenigen Teiles der marxistischen Lehre, den wir noch zur reinen Theorie des auf ihr beruhenden Sozialismus zu rechnen haben. Ebensowenig oder vielmehr noch weniger wie die materialistische Geschichtstheorie ist dieser Teil von Anfang an in vollendeter Form dem Haupte seiner Urheber entsprungen. Mehr noch als dort lässt sich hier eine Entwicklung der Lehre nachweisen, die, bei Festhaltung der Hauptgesichtspunkte, in Einschränkung zuerst apodiktisch hingestellter Sätze besteht. Teilweise ist diese Änderung der Lehre von Marx und Engels selbst zugestanden worden. Im Vorwort zum Kapital (1867), im Vorwort zur Neuauflage des Kommunistischen Manifests (1872), im Vorwort und einer Note zur Neuauflage des Elends der Philosophie (1884) und im Vorwort zu Die Klassenkämpfe in der Französischen Revolution (1895) sind einige der Wandlungen angezeigt, die sich mit Bezug auf verschiedene der einschlägigen Fragen in den Ansichten von Marx und Engels im Laufe der Zeit vollzogen haben. Aber nicht alle der dort und anderwärts zu konstatierenden Wandlungen hinsichtlich einzelner Teile oder Voraussetzungen der Theorie haben bei der schließlichen Ausgestaltung dieser volle Berücksichtigung gefunden. Um nur ein Beispiel herauszugreifen. Im Vorwort zur Neuauflage des Kommunistischen Manifests sagen Marx und Engels von dem in diesem entwickelten Revolutionsprogramm: „Gegenüber der immensen Fortentwicklung der großen Industrie in den letzten fünfundzwanzig Jahren und der mit ihr fortschreitenden Parteiorganisation der Arbeiterklasse, gegenüber den praktischen Erfahrungen zuerst der Februarrevolution und noch weit mehr der Pariser Kommune, wo das Proletariat zum ersten Male zwei Monate lang die politische Gewalt inne hatte, ist heute dies Programm stellenweise veraltet. Namentlich hat die Kommune den Beweis geliefert, dass ‚die Arbeiterklasse nicht die fertige Staatsmaschinerie einfach in Besitz nehmen und sie für ihre eigenen Zwecke in Bewegung setzen kann‘.“ Das war 1872 geschrieben. Aber fünf Jahre später, in der Streitschrift gegen Dühring, heißt es wieder kurzweg: „Das Proletariat ergreift die Staatsgewalt und verwandelt die Produktionsmittel zunächst in Staatseigentum.“ (1. Auflage, S. 233, 3. Auflage, S. 302) Und in der Neuauflage der Enthüllungen über den Kommunistenprozess druckt Engels 1885 ein auf Grund der alten Auffassung aufgestelltes Revolutionsprogramm von 1848 sowie ein ebenfalls im Sinne dieser abgefasstes Rundschreiben der Exekutive des Kommunistenbundes ab und bemerkt vom ersteren nur lakonisch, dass aus ihm „auch heute noch mancher etwas lernen kann“, vom zweiten, dass „manches von dem dort Gesagten auch heute noch passt“ (Seite 14). Man kann nun auf die Worte „zunächst“, „mancher“, „manches“ verweisen und erklären, dass die Sätze eben nur bedingt zu verstehen sind,! aber damit wird, wie wir noch sehen werden, die Sache nicht verbessert. Marx und Engels haben sich darauf beschränkt, die Rückwirkungen, welche die von ihnen anerkannten Änderungen in den Tatsachen und die bessere Erkenntnis der Tatsachen auf die Ausgestaltung und Anwendung der Theorie haben müssen, teils überhaupt nur anzudeuten, teils bloß in Bezug auf einzelne Punkte festzustellen. Und auch in letzterer Beziehung fehlt es bei ihnen nicht an Widersprüchen. Die Aufgabe, wieder Einheit in die Theorie zu bringen und Einheit zwischen Theorie und Praxis herzustellen, haben sie ihren Nachfolgern hinterlassen.

Diese Aufgabe kann aber nur gelöst werden, wenn man sich rückhaltlos Rechenschaft ablegt über die Lücken und Widersprüche der Theorie. Mit anderen Worten, die Fortentwicklung und Ausbildung der marxistischen Lehre muss mit ihrer Kritik beginnen. Heute [7] steht es so, dass man aus Marx und Engels alles beweisen kann. Das ist für den Apologeten und den literarischen Rabulisten sehr bequem. Wer sich aber nur ein wenig theoretischen Sinn bewahrt hat, für wen die Wissenschaftlichkeit des Sozialismus nicht auch „bloß ein Schaustück ist, das man bei festlichen Anlässen aus dem Silberschrank nimmt, sonst aber unberücksichtigt lässt“, der wird, sobald er sich dieser Widersprüche bewusst wird, auch das Bedürfnis empfinden, mit ihnen aufzuräumen. Darin und nicht im ewigen Wiederholen der Worte der Meister beruht die Aufgabe ihrer Schüler.

In diesem Sinne wird im nachfolgenden an die Kritik einiger Elemente der marxistischen Lehre gegangen. Der Wunsch, die in erster Linie auf Arbeiter berechnete Schrift in mäßigem Umfang zu halten, und die Notwendigkeit, sie innerhalb weniger Wochen fertig zu stellen, mögen es erklären, dass erschöpfende Behandlung des Gegenstandes nicht einmal versucht wurde. Zugleich sei hier ein für allemal erklärt, dass kein Anspruch auf Originalität der Kritik erhoben wird. Das meiste, wenn nicht alles von dem hier Folgenden ist der Sache nach auch schon von anderen ausgeführt oder mindestens angedeutet worden. Insofern besteht die Legitimierung dieser Schrift nicht darin, dass sie vordem Unbekanntes aufdeckt, sondern darin, dass sie schon Entdecktes anerkennt.

Aber auch das ist notwendige Arbeit. Es war, glaube ich, Marx selbst, der einmal mit Bezug auf die Schicksale von Theorien schrieb: „Moors Geliebte kann nur durch Moor sterben.“ So können die Irrtümer einer Lehre nur dann als überwunden gelten, wenn sie als solche von den Verfechtern der Lehre anerkannt sind. Solche Anerkennung bedeutet noch nicht den Untergang der Lehre. Es kann sich vielmehr herausstellen, dass nach Ablösung dessen, was für irrig erkannt ist – man erlaube mir die Benützung eines Lassalleschen Bildes –, es schließlich doch Marx ist, der gegen Marx recht behält.

Anmerkungen

  1. In dieser Hinsicht bieten namentlich die Naturwissenschaften überzeugende Beispiele. Man denke unter anderem an das Schicksal der Atomenlehre.

    ↩
  2. Allerdings wird auch im Ursprung der Familie eingehend gezeigt, wie die gesellschaftliche Arbeitsteilung das Aufkommen des Staates nötig machte. Aber Engels lässt diese Seite der Entstehung des Staates später völlig fallen und behandelt, wie im Anti-Dühring, den Staat schließlich nur noch als Organ der politischen Repression.

    ↩
  3. Damit soll natürlich weder die verflachende Tendenz des Eklektizismus, noch der große theoretische wie praktische Wert des Strebens nach einheitlicher Erfassung der Dinge geleugnet werden. Ohne dieses Streben kein wissenschaftliches Denken. Aber das Leben ist umfassender als alle Theorie, und so hat sich die gestrenge Doktrin noch immer schließlich dazu bequemen müssen, bei der Eklektik, dieser frivolen Person, die im Garten des Lebens keck herumnascht, unter der Hand stille Anleihen zu machen und sie vor der Welt damit zu quittieren, dass sie nachträglich erklärte, sie habe dies oder jenes „im Grunde auch immer“ gemeint.

    „Doch hat Genie und Herz vollbracht,
    Was Locke und Descartes nie gedacht,
    Sogleich wird auch von diesen
    Die Möglichkeit bewiesen.“

    Ein gutes Beispiel dafür liefert in der Geschichte der Sozialwissenschaften die Geschichte der Theorie und Praxis des Genossenschaftswesens.

    ↩
  4. Wem das paradox erscheint, der sei daran erinnert, dass die zahlreichste Klasse der Bevölkerung überhaupt erst in der modernen Gesellschaft für die in dem oben entwickelten Sinne freie Ideologie mitzählt. Landvolk und Arbeiter waren früher teils für ökonomische Zwecke rechtlich gebunden, teils unter dem Einfluss von Ideologien, in denen sich die Beherrschung des Menschen durch die Natur widerspiegelte. Letzteres ist bekanntlich auch der Grundzug der Ideologien (Aberglauben) der Naturvölker. Wenn also Ernest Belfort-Bax in seinem Artikel (Synthetische und materialistische Geschichtsauffassung, Sozialistische Monatshefte, Dezember 1897) sagt, er gebe zu, dass in der Zivilisation das ökonomische Moment fast immer ausschlaggebend gewesen sei, in der vorgeschichtlichen Periode habe es dagegen auf den spekulativen Glauben weniger direkten Einfluss gehabt, da seien die „Grundgesetze menschlichen Denkens und Fühlens“ bestimmend gewesen, so stellt er, auf rein äußerliche Unterschiede hin, die Dinge auf den Kopf. Bei den vorgeschichtlichen Völkern ist die sie umgebende Natur die entscheidende ökonomische Macht und als solche von größtem Einfluss auf ihr Denken und Fühlen. Bax’ Kritik des historischen Materialismus schießt unter anderem auch deshalb fast immer am Ziele vorbei, weil er gerade da ultra-orthodox ist, wo in der Vorführung des historischen Materialismus ursprünglich am meisten übertrieben wurde.

    ↩
  5. „Es ist viel leichter“, sagt Marx an einer viel zitierten Stelle im Kapital, „durch Analyse den irdischen Kern der religiösen Nebenbildungen zu finden, als umgekehrt aus den jedesmaligen wirklichen Lebensverhältnissen ihre verhimmelten Formen zu entwickeln. Das letztere ist die einzig materialistische und daher wissenschaftliche Methode.“ (Kapital, I, 2. Aufl., Seite 386) In dieser Gegenüberstellung liegt eine große Übertreibung. Ohne dass man die verhimmelten Formen schon kennt, würde die beschriebene Art der Entwicklung zu allerhand willkürlichen Konstruktionen verleiten, und wenn man sie kennt, ist die geschilderte Entwicklung Mittel wissenschaftlicher Analyse, aber nicht wissenschaftlicher Gegensatz analytischer Erklärung.

    ↩
  6. In der vierten Auflage der Schrift Die Entwicklung des Sozialismus usw. folgen hier die einschränkenden Worte: „mit Ausnahme der Urzustände“.

    ↩
  7. 1899 geschrieben.

    ↩