Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitler-Terror (1933), Kapitel 6: Der Vernichtungsfeldzug gegen die Kultur

PeopleMagnus Hirschfeld, Max Hodann, Kurt Hiller, Karl Giese, Richard von Krafft-Ebing, Karl Heinrich Ulrichs, Sigmund Freud, Havelock Ellis, Oscar Wilde, Edward Carpenter, Norman Haire, Albert Einstein, Joseph Goebbels, Adolf Hitler, Karl Marx, Friedrich Engels, Vladimir Lenin, Joseph Stalin, Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, August Bebel, Bertolt Brecht TermsBrown Book of the Reichstag Fire and Hitler Terror (1933), Institute for Sexual Science, World League for Sexual Reform, Nazi book burnings, Sturmabteilung (SA) EventsThe German Sexual Reform Movement and Its Destruction by the Nazis (1897–1935), The Nazi Seizure of Power and the Enabling Act

6 Der Vernichtungsfeldzug gegen die Kultur

Neben dem Hauptstoß gegen die deutsche Arbeiterklasse und ihre Organisationen führen Hitler und Goebbels ihren Krieg gleichzeitig gegen die besten Schichten der deutschen Intelligenz. Die Stiefel der SA zerstampfen die mühselige Lebensarbeit der besten Gelehrten und Künstler. Sie zertreten im wahrsten Sinne des Wortes die brutal misshandelten Körper vieler Intellektueller, die, obzwar sie oft nicht die geringste Verbindung mit den kämpfenden Arbeitern hatten – als unabhängig, fortschrittlich und freiheitlich von den Nazis gehasst wurden. Liberale Gesinnung schon ist unter Hitler ein „Verbrechen“, das schonungslos geahndet wird.

Goebbels kommandiert die braunen Inquisitoren, die glauben, das Rad der Geschichte noch hinter die große französische Revolution zurückdrehen zu können. Krückstock, Parademarsch und Kadavergehorsam eines nationalistisch verfälschten Fridericus Rex sollen der Inhalt jener „Kultur“ sein, die das „Dritte Reich“ kennzeichnet. Alles, was „jüdisch“, „liberal“ oder angeblich marxistisch ist, was den bürgerlichen Fortschritt und die Aufklärung der letzten hundertfünfzig Jahre verkörpert, soll ausgerottet werden.

Es ist in Hitler–Deutschland kein Raum mehr für Ideen von „einer Freiheit des Geistes“, für den bescheidensten guten Willen bürgerlicher Gelehrter zu wissenschaftlicher Objektivität, für den schüchternsten Ausdruck des sozialen Freiheitskampfes der Volksmassen in künstlerischen Werken. Verjagt von Lehrstühlen, Bühnen, Vortrags- und Dirigentenpulten! Verjagt aus den Kliniken, Forschungsinstituten und Akademien. Die Scheiterhaufen der fortschrittlichen Literatur auf den Plätzen deutscher Städte künden mit ihren Flammenzeichen weithin sichtbar, dass die braune Barbarei nicht nur die tapfersten und selbstlosesten Antifaschisten physisch ausrotten will, sondern dass sie auch alles zu vernichten trachtet, was die bürgerliche Kultur an Lebensfähigem und Wertvollem der Arbeiterklasse zu vererben hat, oder was auch nur bürgerlich fortschrittlich auftritt.

Die letzten Bannerträger des geistigen „Liberalismus“ werden gegenwärtig in Deutschland geistig und körperlich massakriert von jener braunen Gewalt, welche die herrschenden Mächte entfesselt haben, um den Untergang ihres kapitalistischen Systems aufzuhalten. Klarer denn je ist durch die jüngsten deutschen Ereignisse bewiesen, dass in unserer Epoche die Zukunft der Kultur untrennbar verbunden ist mit dem Freiheitskampf der Arbeiterklasse.

6.1 Verfolgung der Wissenschaftler

„O Jahrhundert, o Wissenschaft, es ist eine Lust zu leben!“

(Ulrich von Hutten)

Der tödliche Hass des Faschismus richtet sich selbstverständlich gegen jene Intellektuellen, die sich offen zum Freiheitskampf der Arbeiterklasse bekennen oder pazifistischen Organisationen nahestehen. Er entfaltete sich gegen sie bereits in den ersten Tagen nach dem Reichstagsbrand mit voller Wucht. Von der ersten Serie der Verhaftungen, die unmittelbar nach der Provokation der braunen Brandstifter begann, wurde die deutsche Gruppe der in Amsterdam gegründeten Ärztegesellschaft gegen den imperialistischen Krieg sehr stark betroffen. Ihr Führer Dr. Felix Boenheim sitzt seit Ende Februar in Hitlers Kerker.

Dr. Boenheim ist ein außerordentlich geachteter und durch viele wissenschaftliche Arbeiten bekannter Facharzt für innere Krankheiten.

Er gehörte keiner Partei an. Die wissenschaftliche Bedeutung seiner Arbeiten verschaffte ihm die Stellung des dirigierenden Arztes an einem der größten Krankenhäuser Berlins, an dem Hufelandhospital. Allein die Tatsache, dass Dr. Felix Boenheim, seinem Gewissen folgend, sich an die Spitze der Ärztebewegung gegen den Krieg stellte, hat genügt, ihn dem unversöhnlichen Hass der Hitlerfaschisten auszuliefern. Seine Tätigkeit für die internationale Ärztegesellschaft wird willkürlich zum „Hochverrat“ gestempelt. Kein Rechtsbeistand ist ihm gestattet. Trotz monatelanger Haft wurde ihm jede Verbindung mit seiner Familie verweigert.

Max Hodann, bekannt durch seine aktive Tätigkeit auf dem Gebiete der Sexualberatung für proletarische Frauen und Männer, Verfasser zahlreicher populärwissenschaftlicher Werke. ist seit Monaten in den Händen von Hitlers Schergen.

Der bekannte marxistische Wissenschaftler Hermann Duncker, ein Name von hohem Rang in der gesamten Arbeiterbewegung der Welt, ist trotz Greisenalter und schwerer Krankheit eingekerkert. Sein Leben ist in höchster Gefahr. Der Mann, in dem eine ganze Generation sozialdemokratischer Arbeiter in der Vorkriegszeit ihren hochgeschätzten Lehrer sah, wird in den Kerkern Hitlers physisch und psychisch zugrunde gerichtet.

Der Schriftsteller Karl August Wittfogel, Verfasser eines aufschlussreichen Chinabuches, die Schriftsteller Ludwig Renn, Karl von Ossietzky, Kurt Hiller, Egon Erwin Kisch, Erich Mühsam, Klaus Neukrantz, Erich Baron u. a., die Ärzte Professor Scheller-Breslau, Dr. Asch-Berlin, Dr. Wohlgemuth-Hamburg wurden verhaftet. Die wissenschaftlichen Institute, Universitäten und Schulen sollen in Drillanstalten der „SA-Kultur“ verwandelt werden. Die Verfolgung der Wissenschaftler von hohem Rang, die marxistischer, pazifistischer oder liberaler Ideen verdächtig sind, geht bis in die Reihen der Deutschnationalen. Der Lehrkörper der wichtigsten deutschen Universitäten wird mit vandalischer Aussichtslosigkeit verwüstet. Denunziantentum und Postentreiberei von unfähigen, allenfalls konjunkturtüchtigen Auch–Wissenschaftlern triumphiert.

6.2 Die Blüte der deutschen Forschung wird zerstört

Wir greifen aus der Liste der Entlassungen, Beurlaubungen und Verfolgungen nur einige wenige Fälle heraus Der bekannteste Fall ist die Verfolgung des weltberühmten Physikers Albert Einstein. Albert Einstein, Schweizer Staatsbürger, Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften, hat durch eine linksdemokratische politische Gesinnung, durch aktives Interesse für jüdische Fragen und durch wissenschaftliche Leistungen von Weltruf sich bei den Nazis als „undeutsch“ verhasst gemacht. Einsteins wissenschaftliche Arbeiten werden unter dem Jubel der Nazis auf dem Seheiterhaufen der Berliner Universität verbrannt. Allein dieses Vorgehen gegen den Träger des Nobelpreises macht Hitlerdeutschland schon in der Welt der modernen Wissenschaft zum Gespött.

Ohne exakte Wissenschaft kann kein Zweig der hochentwickelten Industrie blühen. Dennoch hat das Hitlerregime die hervorragendsten Vertreter der exakten Naturwissenschaften und der Mathematik von den Lehrstühlen vertrieben.

Die Universität Göttingen besitzt eine sehr alte Tradition und hat in den letzten 50 Jahren eine ganze Generation bedeutender Forscher erzogen. Die wichtigsten Professoren dieser Hochschule sind davongejagt worden.

James Franck, ein Experimental-Physiker von Weltruf, Träger des Nobelpreises, wurde als Jude zu „freiwilligem“ Rücktritt gezwungen.

Professor Born. ebenfalls bekannter Physiker, kann seine „undeutschen“ Forschungen in Deutschland nicht weiter betreiben.

Der Mathematiker Courandt ist eine Autorität auf dem Gebiete der Funktionentheorie. Bernstein gilt als der bedeutendste Versicherungsmathematiker Europas. Emmy Noether ist eine angesehene Wissenschaftlerin auf dem Gebiete der Mathematik und höheren Algebra. Alle diese Gelehrten mussten gehen.

Die Berliner mathematische Fakultät wurde ihrer hervorragendsten Lehrer beraubt. Die Berliner Technische Hochschule hat starke Verluste zu verzeichnen.

Unter den Weggejagten ist Professor Arthur Korn, ein Physiker, dem das Verdienst gebührt, die ersten praktischen Methoden zur Verwirklichung des Fernsehens angegeben zu haben.

Unter den Berliner Mathematikern, die der „Säuberung“ der Hochschulen zum Opfer fielen, stehen der Algebraiker Schur sowie die Professoren Misses und Bieberbach an der Spitze.

Dieses Wüten gegen Vertreter der exakten Wissenschaften ist selbst vom Standpunkt moderner kapitalistischer Wirtschaftsführung selbstmörderisch. Es ist im krassen Gegensatz zu den großen Möglichkeiten, welche die Sowjetunion allen ehrlichen Wissenschaftlern geboten hat.

Unter den Opfern der Nazireinigung finden wir den Nobelpreisträger Fritz Haber. Haber, das Haupt einer großen Schule von Chemikern, war bereits vor dem Krieg eine wissenschaftliche Kapazität ersten Ranges. Er hat das erste brauchbare Verfahren zur Gewinnung von Stickstoffaus Luft ausgearbeitet. Er ist alles andere als ein Pazifist. Haber hat durch seine Erfindungen dem wilhelminischen Deutschland im Weltkriege große Dienste geleistet. Sein Name verkörpert die höchste Entwicklung der modernen deutschen Chemie. Mit Recht bemerkten die „Times“ (4. Mai 1933), dass es eine Ironie der Geschichte sei, wenn die Nazis den Mann (Haber) zum Rücktritt „zwingen“, dem Deutschland wahrscheinlich mehr als jedem andern zu verdanken hat, dass es vier Kriegsjahre durchhalten konnte.

Der zur gleichen Zeit vertriebene Professor Polanyi war ein wichtiger Mitarbeiter Habers.

Unter den andern namhaften Gelehrten auf dem Gebiet der exakten Wissenschaften. die der Kulturbarbarei der Nazis weichen mussten, sehen wir den Berliner Prof. Bück, der sich mit der Planck’schen Quantentheorie beschäftigt hat. Den Königsberger Mathematiker Hensel, bekannt durch selbständige Arbeiten auf dem Gebiete der Zahlentheorie. Den Kieler Professur Adolf Frankel, der ein beachtetes Buch über Mengentheorie veröffentlicht hat. Den Berliner Physiker Pringsheim, dessen Arbeiten wichtige Fragen der Strahlung behandeln.

Alle hier aufgezählten Wissenschaftler sind bekannte, in Fachkreisen hoch angesehene Gelehrte, Forscher und Lehrer. Schon diese sehr unvollständige Aufzählung zeigt, dass es sich bei den Vertreibungen um eine wahre Vernichtung der deutschen Wissenschaft handelt, dass der deutsche Faschismus mit Inquisition und Scheiterhaufen jeden wissenschaftlichen Fortschritt bekämpft.

6.3 Keine Auslandspässe für Gelehrte

Die Berufung Albert Einsteins an das Institut de France und die Vorlesungen des gemassregelten Gynäkologen Prof. Bernhard Zondek in Stockholm haben dazu geführt, dass die Entziehung der Auslandspässe für die gemaßregelten deutschen Hochschulprofessoren ernsthaft erwogen wurde. Der „undeutsche“ Geist dieser Wissenschaftler darf auch ausländischen Universitäten nicht zugute kommen.

„Die rechtsstehende ‘Tägliche Rundschau’ vom 17. April 1933 stellt angesichts der Berufung Einsteins an das Institut de France an die Reichsregierung die Forderung, sie möge den 16 beurlaubten deutschen Hochschulprofessoren sofort die Auslandspässe entziehen, denn niemand könne sonst dafür garantieren, dass nicht der eine oder andere von ihnen in kurzer Zeit in Paris, in Oxford oder in London sitzen und dort von einer Lehrkanzel aus antideutsche Politik betreiben werde. Es sei dabei zu bedenken, dass einige der beurlaubten Professoren, wie Kelsen, Lederer und Bonn über ganz ausgezeichnete Auslandsbeziehungen verfügen.“

6.4 Deutschlands größte Ärzte dürfen in Deutschland nicht arbeiten

An anderer Stelle dieses Kapitels findet der Leser eine allerdings unvollständige Liste von entlassenen, „beurlaubten“ und kaltgestellten Gelehrten in Deutschland. Einige der aus ihren Stellungen entfernten Ärzte wollen wir noch knapp charakterisieren:

Bernhard Zondek wurde von dem schwedischen Nobelpreisträger für Medizin v. Euler als „einzig dastehende Kapazität“ bezeichnet. Zondek verdanken wir die Entdeckung einer chemischen Methode, die durch Analyse des Harns die Feststellung der Schwangerschaft in den frühesten Stadien ermöglicht. Diese Methode ist vom sozialhygienischen, wie vom rein medizinischen Standpunkt aus von größter Bedeutung. Zondek hat in der Hormonforschung hervorragende Arbeit geleistet. Er hat die Darstellung des Geschlechtshormons angestrebt, eines bei Männern und Frauen spezifisch verschiedenen Stoffes, dessen Dasein erst in den letzten Jahren festgestellt wurde. Zondek ist einer der Pioniere dieser Forschungsmethoden; er hat in jüngster Zeit die „künstliche“ Herstellung von Sexualhormonen mit erstaunlichem Erfolg weitergefördert. Die Hitlerregierung stößt diese wissenschaftliche Kraft vom Lehrstuhl!

Der Berliner Tuberkuloseforscher Friedmann, der kaltgestellt wurde, hat seine Lebensarbeit der aktiven Bekämpfung der Volksseuche Tuberkulose gewidmet. Er ist der Erfinder eines hochwertigen Mittels gegen Tuberkulose.

Moritz Borchardt, Direktor der chirurgischen Abteilung am Moabiter Krankenhaus in Berlin, Geheimer Medizinalrat, Professor, war in seiner Jugend Assistent des berühmten deutschen Chirurgen von Bergmann. Später leitender Arzt am Virchow–Krankenhaus in Berlin. Borchardt hat die Tuberkulose als Chirurg bekämpft. Er wurde durch einen „Gesundheitskommissar“ der Nationalsozialisten abgesetzt.

6.5 Wie Hirschfelds Sexualwissenschaftliches Institut demoliert und vernichtet wurde

Ein zuverlässiger Augen– und Ohrenzeuge, der ohne selbst dem Institut anzugehören, die Vorgänge genau verfolgen konnte, hat über die ungeheuerliche Zerstörung dieser weltbekannten wissenschaftlichen Forschungs–, Lehr– und Heilstätte in Berlin folgendes Protokoll aufgenommen:

Am Morgen des 6. Mai 1933 brachte der „Berliner Lokal-Anzeiger“ die Nachricht, dass die Säuberungsaktion der Berliner Bibliotheken von Büchern undeutschen Geistes am Vormittag dieses Tages einsetzen würde und dass die Studenten der Hochschule für Leibesübungen diese Aktion im Institut für Sexualwissenschaft einleiten wollten. Dieses Institut war 1918 in dem früheren Hause des Fürsten Hatzfeld von Dr. Magnus Hirschfeld begründet worden und wurde darauf von der Preußischen Regierung als gemeinnützige Stiftung übernommen. Es genoss wegen der einzigdastehenden Sammlungen und Forschungen, seines Archivs und seiner Bibliothek einen internationalen Ruf und Zuspruch. Vor allem kamen viele ausländische Gelehrte, Ärzte und Schriftsteller nach Berlin, um dort zu arbeiten.

Auf die erwähnte Zeitungsnotiz hin wurde der Versuch unternommen, noch einige besonders kostbare Privatbücher und Manuskripte in Sicherheit zu bringen; es wurde dies aber unmöglich gemacht, indem der junge Mann mit diesen Büchern von einer Bewachung, die offenbar bereits während der Nacht das Institut umstellt hatte, festgenommen und seiner Habe beraubt wurde. Am 6. Mai um 9.30 erschienen vor dem Institut einige Lastautos mit ca. 100 Studenten und einer Kapelle mit Blasinstrumenten. Sie nahmen vor dem Hause militärische Aufstellung und drangen dann unter Musik in das Haus ein. Da das Büro noch geschlossen war, befand sich kein eigentlicher Vertreter des Hauses dort; nur einige Frauen vom Hauspersonal sowie ein dem Hause nahestehender Herr waren anwesend. Die Studenten begehrten Einlass in sämtliche Räume; soweit diese verschlossen waren wie die bereits seit einiger Zeit stillgelegten Repräsentationsräume im Parterre sowie das frühere und jetzige Büro der Weltliga für Sexualreform, schlugen sie die Türen ein. Nachdem ihnen die unteren Räume nicht viel boten, begaben sie sich in das erste Stockwerk, wo sie in den Empfangsräumen des Instituts die Tintenfässer über Schriftstücke und Teppiche ausleerten und sich dann an Privatbücherschränke machten. Sie nahmen mit, was ihnen nicht einwandfrei erschien, wobei sie wohl im wesentlichen sich an die sogenannte „schwarze Liste“ hielten. Darüber hinaus ließen sie aber auch andere Bücher mitgehen, so aus der Privatbibliothek des Sekretärs Giese beispielsweise ein großes Tutankamon-Werk sowie viele Kunstzeitschriften. Aus dem Archiv entfernten sie dann die großen Wandtafeln mit den Darstellungen intersexueller Fälle, die seinerzeit für die Ausstellung des Internationalen Ärztekongresses im Londoner Kensington-Museum im Jahre 1913 angefertigt waren. Sie warfen diese Tafeln zum großen Teil aus dem Fenster ihren vor dem Hause stehenden Kameraden zu.

Die meisten der anderen Bilder, Photographien wichtiger Typen nahmen sie von den Wänden und spielten mit ihnen Fussball, sodass große Haufen zertrümmerter Bilder und Glasscherben zurückblieben Auf die Einwände eines Studenten. dass es sich um medizinisches Material handle, antwortete ein anderer, darauf käme es nicht an, es wäre ihnen nicht um die Beschlagnahme von ein paar Büchern und Bildern zu tun, sondern um die Vernichtung des Instituts. Unter einer längeren Ansprache wurde dann ein lebensgroßes Modell, das den Vorgang der inneren Sekretion dar stellte, aus dem Fenster geworfen und zertrümmert. In einem Sprechzimmer schlugen sie einen Pantostaten, der der Behandlung von Patienten diente, mit einem Schrubber ein. Ferner raubten sie eine Bronzebüste von Dr. Hirschfeld. Auch sonst wurden viele Kunstwerke mitgenommen. Aus der Institutsbibliothek nahmen sie zunächst nur einige hundert Bücher mit.

Während der ganzen Zeit wurde das Personal bewacht und immer wieder spielte die Musik, sodass sich große Scharen von Neugierigen vor dem Hause ansammelten. Um 12 Uhr hielt der Führer eine größere Schlussansprache und unter Absingen eines besonderen Schmutz- und Schundliedes sowie des Horst–Wessel–Liedes zog der Trupp ab.

Die Bewohner des Instituts hatten angenommen. dass es mit dieser Plünderung sein Bewenden haben würde, aber um 3 Uhr nachmittags erschienen abermals mehrere Lastautos mit SA-Leuten und erklärten, dass sie die Beschlagnahme fortsetzen müssten, da der Trupp am Morgen nicht genügend Zeit gehabt hätte, um gründlich auszuräumen. Dieser zweite Trupp nahm dann nochmals eine gründliche Durchsuchung aller Räume vor und schleppte in vielen Körben alles mit, was an Büchern und Manuskripten von Wert war, im Ganzen zwei große Lastwagen voll. Aus den Schimpfworten ging hervor, dass die Namen der in der Spezialbibliothek vertretenen Autoren den Studenten zum großen Teil wohl vertraut waren. Nicht nur Siegmund Freud, dessen Bild sie aus dem Treppenhaus entfernten und mitschleppten, erhielt die Bezeichnung ‘Der Saujude Freud’, sondern auch Havelock Ellis wurde als ‘das Schwein Havelock Ellis’ bezeichnet. Von englischen Autoren hatten sie es außer auf Havelock Ellis besonders auf die Werke von Oscar Wilde, Edward Carpenter und Norman Hair abgesehen, von amerikanischen Schriftstellern auf die Bücher von dem Jugendrichter Lindsey, Margaret Sanger und George Silvester Viereck, von französischen Werken auf die von André Gide, Marcel Proust, Pierre Loti, Zola etc. Auch die Bücher Van de Veldes und des dänischen Arztes Dr. Leunbach gaben den Studenten Anlass, die Verfasser mit Schimpfworten zu belegen. Auch ganze Jahrgänge von Zeitschriften, namentlich die 24 Bände der Jahrbücher für sexuelle Zwischenstufen, wurden mitgenommen. Man wollte auch die ausgefüllten Fragebogen fortschleppen (mehrere Tausend) und nur der ausdrückliche Hinweis, dass es sich um Krankengeschichten handle, ließ die Studenten davon Abstand nehmen. Dagegen war es nicht möglich, zu verhindern, dass das Material der Weltliga für Sexualreform, die gesamte vorhandene Auflage der Zeitschrift ‘Sexus’ sowie die Kartothek mitgenommen wurde. Auch zahlreiche, z. T. bisher noch nicht veröffentlichte Handschriften und Manuskripte (u. a. von Krafft-Ebing und Karl Heinrich Ulrichs) fielen den Eindringlingen zum Opfer.

Immer wieder fragten sie nach der Rückkehr Dr. Hirschfelds. Sie wollten, wie sie sich ausdrückten einen ‘Tip’

haben, wann er wohl zurückkomme. Schon vor der Plünderung des Instituts waren verschiedene Male SA-Männer im Institut gewesen und hatten nach Dr. Hirschfeld gefragt. Als sie die Antwort erhielten, dass er sich wegen einer Erkrankung an Malaria im Auslande befinde, erwiderten sie: ‘Na, dann krepiert er hoffentlich auch ohne uns; dann brauchen wir ihn ja nicht erst aufhängen oder totschlagen.’

Als am 7. Mai die Berliner und auswärtige Presse von der Aktion gegen das Institut für Sexualwissenschaft berichtete. wurde von dem Präsidium der Weltliga ein telegraphischer Protest eingelegt, in dem darauf hingewiesen wurde, dass sich unter dem gesammelten Material viel ausländisches Eigentum befände, und man daher doch von der angekündigten Verbrennung absehen solle. Diese an den Kultusminister gerichtete Depesche fand keine Beachtung, vielmehr wurden sämtliche Werke und Bilder drei Tage später auf dem Opernplatz zusammen mit vielen anderen Werken verbrannt. Die Zahl der aus der Spezialbibliothek des Instituts vernichteten Bände betrug über 10 000. Im Fackelzug trugen die Studenten die Büste von Dr. Magnus Hirschfeld, die sie auf den Scheiterhaufen warfen.“

In den Berichten der Nazis wird diese „Kulturtat“ folgendermaßen geschildert:

„Energischer Griff in eine Giftküche.“

Deutsche Studenten räuchern das „Institut für Sexualforschung“ aus.

Der Kreis X der Deutschen Studentenschaft besetzte gestern das „Institut für Sexualforschung“, das von dem Juden Magnus Hirschfeld geleitet worden war. Dieses Institut, das sich ein wissenschaftliches Mäntelchen umzuhängen versucht hatte und während der 14jährigen marxistischen Herrschaft von den damaligen Machthabern immer protegiert worden ist, war, wie die Haussuchungen jetzt einwandfrei ergeben haben, eine einzige Brutstätte von Schmutz und Sudelei gewesen. Ein ganzer Lastwagen voll pornographischer Bilder und Schriften sowie Akten und Kartotheken sind beschlagnahmt worden... Mit einem Teil des vorgefundenen Materials wird sich die Kriminalpolizei befassen müssen, einen anderen Teil wird die Kundgebung öffentlich verbrennen.

(„Angriff“ vom 6. 5. 33.)

6.6 „Undeutsche“ Soziologen, Staatsrechtler und Rechtswissenschaftler

Bei der Entfernung bekannter Soziologen, Staatsrechtler und Rechtswissenschaftler haben die Nationalsozialisten auch viele sehr „staatserhaltende“ Forscher, vielfach gute Konservative, aus ihren Positionen geworfen.

Der bekannteste dieser davongejagten Gelehrten ist der Heidelberger Soziologe Alfred Weber. Alfred Weber hat in großen Arbeiten mit seinem verstorbenen Bruder Max Weber gründliche Studien über die Entwicklungsformen der primitiven Wirtschaft vieler außereuropäischer Völker und Kulturen veröffentlicht. Weber ist keineswegs Marxist, sondern ein bürgerlicher Gelehrter. Weber hat die Todsünde begangen, andere Volker und Kulturen nicht als halbäffisch und „untermenschlich“ im Sinne des Nationalsozialismus zu stempeln.

Die Berliner Handelshochschule verliert ihren Rektor, den hervorragenden liberalen Nationalökonomen, Professor Bonn. Der Staatsrechtler Anschütz muss die Heidelberger Universität verlassen. Langjähriger Professor der Berliner Universität, war Anschütz schon im kaiserlichen Deutschland eine Autorität ersten Ranges auf seinem Gebiet. Später wurde er autoritativer Kommentator der Weimarer Reichsverfassung.

Viele seiner Kollegen wurden in die Wüste geschickt: bürgerliche Kölner Professor Kelsen, sein Kieler Kollege Harms, Feiler, der frühere Redakteur der „Frankfurter Zeitung“, der rechtsstehende Sozialdemokrat Emil Radbruch, die Sozialdemokraten Sinzheimer in Frankfurt, Lederer in Heidelberg und Heller in Frankfurt, alle Rechtswissenschaftler. Der größte deutsche Zivilrechtler, Professor Martin Wolffwurde von Hakenkreuzstudenten gewaltsam vom Lehrpult vertrieben. Der liberale Volkerrechtler Lewin Schücking, Kiel, Vertreter Deutschlands am Haager internationalen Gerichtshof. ist aus dem Amte gejagt.

Auch die großen Psychologen wurden aus den Lehrsälen entfernt. William Stern in Hamburg, der große Arbeiten über Kinderpsychologie veröffentlicht hat, und Max Wertheimer in Frankfurt haben kein Recht mehr, an deutschen Universitäten zu lehren. In Hamburg wurde neben einem halben Dutzend weniger bekannter Professoren der Philosoph Ernst Cassirer entlassen, ein Mann von großem Wissen und Ruf aus der sogenannten Marburger Schule.

6.7 Auf den Scheiterhaufen!

„In Berlin hat die politische Polizei schätzungsweise etwa 10 000 Zentner Bücher und Zeitschriften beschlagnahmt und in die Ställe der ehemaligen berittenen Schutzpolizei geschafft, wo sie einer eingehenden Sichtung unterzogen werden. Die Durchführung der Beschlagnahme ging nicht immer reibungslos von statten. Bald nach dem Bekanntwerden der Aktion schafften viele Büchereien ihre Bücher in Schlupfwinkel, um sie dem Zugriffder Polizei zu entziehen. Die meisten Verstecke wurden jedoch ausfindig gemacht. Viele Büchereien wurden in Remisen, Kellern, Gartenlauben, Böden und in Privatwohnungen verteilt, vorgefunden.

(Völkischer Beobachter vom 21./22. Mai 33.)

„Wir sind nicht und wollen nicht sein das Land Goethes und Einsteins. Eben gerade das nicht.“

(Hussong, Berliner Lokal-Anzeiger vom 7. 5. 33.)

„Als der Kalif die berühmte Bibliothek der Stadt Alexandria verbrennen lassen wollte, flehten einige ihn an, diese wertvolle Sammlung zu verschonen.

‘Warum?’ fragte der Kalif. ‘Wenn in diesen Büchern steht, was im Koran steht, sind sie überflüssig. Und steht in ihnen anderes, so sind sie schädlich.’

Deshalb wurde die Bibliothek von Alexandria verbrannt.“

Am 10. Mai loderten auf dem Platz vor der Berliner Oper gegenüber der Universität, die Flammen eines großen Scheiterhaufens. Der ganze Platz war von braunen und schwarzen Formationen der SA und SS militärisch abgeriegelt. Lastautos brachten riesige Stapel von Büchern, Rufe dröhnten, der Propagandaminister Goebbels kam im Auto angerast. Im Jahre neunzehnhundertdreiunddreissig fand dieses einzigartige Schauspiel der Bücherverbrennung statt, begleitet von den Klängen des „Horst–Wessel“– und Deutschland-Lieds.

Es flogen auf den Scheiterhaufen die Werke von Karl Marx Friedrich Engels, von Lenin und Stalin, von Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und August Bebel. Die Verbrennung der Werke dieser großen Gelehrten und Kämpfer, die der arbeitenden Menschheit den Weg zu ihrer Befreiung gewiesen haben, wurde zum Schauspiel für eine entfesselte reaktionäre Meute. „Deutschland, Deutschland, über alles!“— Es flogen in die züngelnden Flammen die Werke pazifistischer Schriftsteller, es verbrannten die Bücher bürgerlicher Dichter und Sozialreformer, deren Namen den höchsten Rang im bürgerlichen Deutschland bedeuteten. Das Feuer vernichtete Bücher von Thomas Mann und Heinrich Mann, Leonhard Frank, Magnus Hirschfeld, Siegmund Freud, Jacob Wassermann, Stefan Zweig, Bert Brecht. Alfred Döblin und Theodor Plivier.

„Deutschland, Deutschland über alles!“— Diese Verbrennung von fortschrittlichen Geistesschöpfungen spielte sich unweit der Postamente von Alexander und Wilhelm von Humboldt an der Berliner Universität ab. Wilhelm von Humboldt, der diese Universität begründete, ein Träger des Geistes der Aufklärungsepoche, wollte das Preußen der Junker auf das Niveau der bürgerlichen Welt des Westens erheben. Vor seinem Denkmal führte jetzt die deutsche Studentenschaft in SA–Uniform den Pogrom gegen die fortschrittliche Literatur durch. „Deutschland, Deutschland über alles!“ — Das knisternde Feuer vor der Berliner Universität, der schwelende Rauch über den Köpfen einer chauvinistisch aufgepeitschten Menge, eine Ansprache des Reichspropagandaministers Göbbels — ein Schauspiel, das von dem hitlertreuen Berliner „12–Uhr–Blatt“ in unbewusster Selbsterkenntnis „gespenstisch“ genannt wird. Vergessen sind die schlechten Erfahrungen, welche die Unterdrücker aller Jahrhunderte mit ihren Scheiterhaufen gemacht haben! Die Gespenster des Mittelalters werden erweckt. Die Flammen vor der Berliner Universität sollen neben den Werken des Marxismus auch die Spitzenleistungen der bürgerlichen Kultur und Wissenschaft der letzten 150 Jahre verzehren.

In allen Teilen Deutschlands tobt die Zerstörungswut gegen jede fortschrittliche Literatur. Zehntausend von Privatbibliotheken wurden bei den Haussuchungen beschlagnahmt, oft an Ort und Stelle vernichtet oder willkürlich weggeschleppt. Die Bibliothek im Leipziger Volkshaus, eine der wertvollsten und größten Büchereien Deutschlands mit unersetzlichen und seltenen Werken der Arbeiterbewegung fiel dem Hass der braunen „Kulturträger“ gegen den Marxismus zum Opfer.

Einige Beispiele öffentlicher Bücherverbrennungen, nach Meldungen der deutschnationalen „Telegrafen-Union“ vom 10. Mai 1933:

„Berlin, 10. Mai. In München fand im Lichthof der Universität eine Feier statt, bei der der Rektor, Geheimrat von Zumbusch, das neue Studentenrecht übergab. Die Festrede hielt der Bayerische Kulturminister Schemm, der über die nationale Revolution und die Aufgaben der Universitäten sprach. Den Abschluss bildete ein Fackelzug zum Königsplatz wo die Verbrennung undeutscher Bücher stattfand. In Dresden sprach auf der Kundgebung der Studentenschaft der Dichter Wilhelm Vesper, auch dort bildete sich nach dem Festakt ein großer Fackelzug, der zur Bismarck-Säule führte. wo nach einer Ansprache des Ältesten der Dresdener Studentenschaft die gesamte Schund– und Schmutzliteratur verbrannt wurde.

In Breslau fand die Kundgebung der Studentenschaft auf dem Schlossplatz statt. Nach der Festrede des Universitätsprofessors Bornhausen wurden etwa 40 Zentner Schund– und Schmutzliteratur verbrannt.

In Frankfurt a. M. leitete Universitätsprofessor Fricke den Akt ein, der auf dem historischen Römerberg vollzogen wurde. Ein Wagen mit der Bücherfracht die symbolisch verbrannt werden sollte, wurde von zwei Ochsen auf den Verbrennungsplatz gezogen. Die Verbrennung schloss mit der Absingung des ’Horst Wessel’–Liedes.“

Einige Tage vorher waren in Düsseldorf die Werke des großen deutschen Dichters Heinrich Heine den Flammen des Scheiterhaufens übergeben worden.

Herr Goebbels nannte in seiner Berliner Rede die Fahrt der Ochsengespanne zum Scheiterhaufen, die Verbrennung der Literatur, „eine starke symbolische Handlung“. Die Verbrennung war nicht nur symbolisch gemeint: die Reaktion der deutschen Faschisten will in Wahrheit das gedruckte Wort, das ihr nicht passt, ganz und gar unsymbolisch verbrennen, so wie sie die Verbreiter und Verfasser der antifaschistischen Literatur physisch ausrotten will.