Was nun? / Eine neue Strategie (1910)
PeopleKarl Kautsky, Rosa Luxemburg, Franz Mehring, Kurt Eisner, Friedrich Engels, Karl Marx, Ferdinand Lassalle, Giuseppe Garibaldi TermsMass Strike, Prussian three-class franchise, Social Democratic Party of Germany, Revisionism, Anti-Socialist Laws EventsThe Revolution of 1905
Eine neue Strategie
6. Bedingungen des politischen Massenstreiks
Die Anschauung, die ich hier entwickle, ist nicht etwa ein Produkt des Bedürfnisses zu bremsen, das Genossin Luxemburg an mir entdeckt und tadelt. Ich entwickelte diese Anschauung schon vor mehr als sechs Jahren in der Neuen Zeit in einer Artikelserie: Allerhand Revolutionäres, deren dritter Artikel sich speziell mit dem Massenstreik beschäftigte. (XXII, 1, S. 685 ff.) Der Ausgangspunkt der Artikel bildete auch damals eine Polemik mit einem polnischen Genossen, der mich wegen meiner „Zaghaftigkeit“, meines „Bremsens“ in der Sache des bewaffneten Aufstands tadelte. Nur gehörte mein damaliger Gegner zur PPS. Es scheint mir nicht überflüssig, den Gedankengang jenes Artikels zu wiederholen und jene Punkte herauszuheben und mit einigen Bemerkungen zu versehen, auf die es bei unserer jetzigen Diskussion ankommt.
Ich war schon damals so engherzig und pedantisch, die verschiedenen Arten des Streiks zu unterscheiden und die verschiedenen Bedingungen ihres Erfolges zu untersuchen. Ich fand, daß die Bedingungen des ökonomischen Streiks ganz andere sind als die des politischen. „Alle ökonomischen Faktoren, die den Erfolg der Arbeiter begünstigten bestehen bei einem Massenstreik um so weniger, je mehr er ein allgemeiner, ein Generalstreik wird.“ (S. 688)
Nichts irriger als die Meinung, der Massenstreik erziele seine Wirkung dadurch, daß er die Kapitalisten aushungere. Sicher leben diese von der Arbeit des Proletariats. Aber nicht sie allein. Die Proletarier selbst leben ebenfalls davon. Und wenn es ans Hungern kommt, trifft das die wenig Bemittelten früher als die Bemittelten.
Nicht die Aushungerung der Besitzenden vermag den Massenstreik zum Erfolg zu führen, sondern nur die Desorganisation der Regierungsgewalt durch die proletarische Organisation. Es ist die letzte und höchste Form des Kampfes zwischen der auf der Disziplin des selbstlosen Enthusiasmus beruhenden freiwilligen Organisation des Proletariats und der auf der Disziplin des Terrorismus beruhenden Zwangsorganisation des Staates; er wird die entscheidende Kraftprobe zwischen beiden.
Der Massenstreik wirkt dadurch, daß er die Staatsgewalt zu der außerordentlichsten Machtentfaltung zwingt und gleichzeitig ihre Machtmittel möglichst lähmt. Dies bewirkt er schon durch seine Massenhaftigkeit. Er wirkt um so stärker, je mehr die Lohnarbeiterschaft in ihn eintritt; nicht bloß in den Großstädten und den Industriegegenden, sondern auch in abgelegenen Fabrikorten. Besonders wirksam würde er, wenn auch die Landarbeiter auf den großen Gütern in ihn einträten.
Den Ausgangspunkt werden freilich stets die großen Städte bilden müssen – aber eine der Bedingungen seines Erfolges bildet es, daß er von solcher allgemeinen Erregung des Volkes ausgeht und sie so sehr steigert, daß wenige Tage des Bestehens des Streiks hinreichen, ihn auch auf die abgelegenen Gegenden überspringen zu lassen. Je allgemeiner der Streik, desto verbreiteter und hochgradiger die Befürchtungen der großen Besitzer, der Herren des Staates und der Regierung, für ihr Eigentum und ihr Leben, desto ungestümer rufen sie nach militärischem Schutz. Nun soll plötzlich jedes Herrenhaus, jede Scheune, jede Fabrik, jede Telegraphenleitung, jede Eisenbahnstrecke militärisch bewacht werden. Dazu reicht das Heer nicht aus. Die Soldaten kommen nicht zur Ruhe, werden von einem Punkte zum andern gesandt, überall hin, wo sich gefährliche Ansammlungen bilden; sie sind bald erschöpft, ohne irgendeinen großen Kampf und Sieg, der sie anfeuern könnte, denn wo sie hinkommen, zerstiebt die Menge, um sich überall zu sammeln, wo sie noch nicht hinkamen oder eben waren.
Noch früher als auf die Soldaten wird der Streik auf viele städtische und staatliche Arbeiter wirken, die in innigem Zusammenhange mit der Masse der Proletarier stehen, aus ihnen kommen, unter ihnen wohnen, mit ihnen bekannt, befreundet, verwandt sind. Je schwankender die Macht der Regierung erscheint, desto mehr verliert ihr Terrorismus seine Schrecken. Gas- und Elektrizitätswerke hören auf zu funktionieren, Straßenbahnen zu verkehren. Schließlich werden selbst Post und Eisenbahn vom Streikfieber ergriffen; zunächst streiken die Werkstättenarbeiter, dann auch die jüngeren Betriebsbeamten, indes unter den anderen mindestens passive Resistenz einreißt. Die Staatsgewalt sucht sich zu helfen durch Einberufung von Reservisten, aber das ist ein zweischneidiges Schwert, denn damit verleibt sie dem Heereskörper die gegen den inneren Feind am wenigsten verläßlichen Elemente ein, die schon vom Streikfieber ergriffen sind und es nun in die Kaserne einschleppen.
Sie treffen dort auf Soldaten, die erschöpft sind durch ewigen Wachdienst, hin- und hergehetzt durch die widersprechendsten Befehle, was ebenso erbittert, wie es den Respekt vor der Obrigkeit herabdrückt. Die Lockerung der Disziplin tritt um so leichter ein, je weniger die Situation das Zusammenwirken in großen Truppenkörpern erlaubt, je mehr sie es notwendig macht, die Truppen zur Bewachung aller der zahllosen bedrohten Punkte in kleinste Detachements zu zersplittern, die stunden-, ja tagelang keinen höheren Offizier zu sehen bekommen, dagegen stets umgeben sind von friedlichen Mitbürgern, die auf sie in mannigfachster Weise einzuwirken vermögen.
Tritt in dieser Situation Kopflosigkeit der Regierung und ihrer höheren Vertreter ein, dann ist sie verloren. Und wie leicht kommt es jetzt dazu. Von ihren Anhängern wird sie teils angstvoll bestürmt, nachzugeben, dem Volke Konzessionen zu machen, um es zu besänftigen und das Äußerste zu verhüten; teils bestürmt, die Kanaille niederzumetzeln und den Ausstand im Blute zu ersticken. Einmal hierhin, einmal dorthin gezerrt, den Launen und Stimmungen von oben preisgegeben, die mit den wechselnden Nachrichten jäh wechseln, vermag sie heute Öl ins Feuer zu gießen durch Veranlassung eines Massakers harmloser Neugieriger, um morgen zusammenzuklappen auf die Nachricht, daß dieses oder jenes Regiment anfange, schwierig zu werden, daß hier und da Soldaten mit den Streikenden fraternisieren, Eisenbahner streiken, erbitterte Landarbeiter dies oder jenes Schloß gestürmt haben, dem kein militärischer Schutz zu bringen war.
Das alte Regime wird unhaltbar und ein neues tritt an dessen Stelle.
So ungefähr stellte ich mir schon vor der russischen Revolution die Formen vor, die ein Massenstreik annehmen müsse, solle er unter den Verhältnissen eines modernen zentralisierten Militärstaats dem Proletariat zum Siege verhelfen können.
Ein derartiger Streik ist also keine einfache Sache und erfordert eine ganze Reihe von Vorbedingungen. Genossin Luxemburg sagt in ihrer Broschüre über den preußischen Wahlrechtskampf, S. 10: „Die Welt vermag nicht vierundzwanzig Stunden zu existieren, wenn die Arbeiter einmal die Arme kreuzen.“ (Stürmischer, lang anhaltender Beifall)
In der Tat ist es ein erhebendes Bewußtsein, der Träger der Welt zu sein, aber das darf uns darüber nicht täuschen, daß zum Gelingen eines Massenstreiks noch mehr gehört, als bloßes „Kreuzen der Arme“.
Die Bedingungen eines solchen Streiks werden aber teils durch die ökonomische Entwicklung, teils durch unsere Tätigkeit immer mehr gegeben und damit die Aussichten auf einen Sieg im Massenstreik immer mehr verbessert.
Die ökonomische Entwicklung vermehrt die Zahl der Proletarier und konzentriert sie. Unsere Tätigkeit in den Parteiorganisationen, in den Gewerkschaften, in der Presse, den gesetzgebenden und städtischen Körperschaften organisiert die Arbeiter, verleiht ihnen Kraftgefühl und Disziplin, aber auch politische Aufklärung, Einsicht in die Organisationen unserer Gegner.
Während eines Massenstreiks wird sich’s nicht bloß darum handeln, die Arme zu kreuzen, sondern den organisatorischen Zusammenhang des Proletariats im ganzen Reiche zu wahren. Wir müssen darauf gefaßt sein, daß alle unsere Vertreter beim Beginn eines solchen Streiks verhaftet, unsere Blätter unterdrückt werden. Die sogenannten „Unteroffiziere“ werden dann den Kampf zu leiten haben. Sie müssen dafür sorgen, daß die einzelnen Gruppen in Fühlung bleiben und einheitlich vorgehen; daß sich die Masse nicht provozieren läßt zu Straßenschlachten, aber auch nicht einschüchtern durch trotzdem vorkommende Gewalttaten. Sie müssen genau wissen, welches unsere Forderungen sind, dürfen nicht zum Rückzug blasen, ehe diese erfüllt sind, müssen aber auch dahin wirken, daß der Kampf sich nicht in Einzelkämpfe um lokale Beschwerden auflöst.
Alles das setzt voraus, daß in der Masse eine Fülle von Selbstzucht, von politischem Verständnis, von Einheitlichkeit des Denkens und Handelns vorhanden ist, die nur in langer politischer und gewerkschaftlicher Tätigkeit erlangt werden kann.
Auf der anderen Seite setzt das Gelingen des Massenstreiks voraus, daß die Desorganisation unter den Massen, auf die sich die Regierung stützt, schon ziemlich weit vorgeschritten ist. Das braucht sich nicht, wie in Frankreich, in offenen Meutereien zu äußern. Der militärische Terrorismus vermag solche Äußerungen des Mißvergnügens zu unterdrücken. Um so tiefer frißt es, um so mehr wird der militärische Gehorsam bloße Heuchelei, die man um so rascher und überraschender abwirft, wenn einmal die Machtstellung der Kommandierenden bedroht erscheint.
Dem in der bäuerlichen patriarchalischen Familie oder in der Rechtlosigkeit und Hilflosigkeit des Landarbeiters aufgewachsenen jungen Manne mag der militärische Gehorsam als etwas Selbstverständliches in Fleisch und Blut übergehen. Die jungen Leute der Großstadt, namentlich die Industriearbeiter, sind an eine ganz andere Freiheit der Lebensführung gewöhnt, wenn sie zum Militär kommen. Von ihnen wird der Kadavergehorsam nur unwillig ertragen, wenn auch gerade sie zu klug sind, offen dagegen aufzumucken, solange es nichts nutzt. Ein Massenstreik bietet dagegen reichliche Veranlassungen dazu. Je mehr die industrielle Entwicklung fortschreitet, desto geringer aber die Zahl der aus der Landwirtschaft stammenden, also einigermaßen gegen den inneren Feind verläßlichen Rekruten. Ich verwies in meinem erwähnten Artikel vom Februar 1904 auf eine Statistik aus dem Jahre 1902, die unter anderem folgende Zahlen zeigte:
| Armeekorps | Taugliche | In der Landwirtschaft beschäftigte Taugliche | |
|---|---|---|---|
| Absolut | Prozent | ||
| 1. bayerisches (Oberbayern, Niederbayern, Schwaben) | 11.041 | 4.560 | 41,5 |
| 7. preußisches (Westfalen, Rheinprovinz) | 34.959 | 5.810 | 16,6 |
| 2. sächsisches (Leipzig, Chemnitz, Zwickau) | 11.884 | 1.847 | 15,5 |
Man sieht, wie ungeheuer in manchen Armeekorps bereits die nichtlandwirtschaftliche Bevölkerung überwiegt.
Andere Ursachen treiben dazu, die Unzufriedenheit der Staatsarbeiter zu mehren. Gerade ihre Unfreiheit muß von ihnen immer drückender empfunden werden. Sie würden sich vielleicht dafür entschädigt fühlen, wenn ihre ökonomische Lage sich verbesserte. Aber das stößt immer mehr auf Widerstände in dem Maße, in dem die Finanznot wächst und die staatlichen Betriebe zur „Sparsamkeit“ getrieben werden, viele von ihnen, wie Eisenbahnen, Post, Bergwerke, durch reichlicheren Ertrag das Defizit decken sollen. Gerade die stramme militärische Disziplin, die jede Kritik von unten im Keime erstickt, macht gleichzeitig den ganzen ungeheuren Komplex der Staatsbetriebe immer unübersichtlicher, immer mehr der Korruption zugänglich, was ihre Rentabilität vermindert und wieder die oberen Stellen dazu drängt, durch vermehrten Druck nach unten und vermehrte Ausbeutung hereinzuholen, was durch die Schuld des Systems verlorengeht.
So wächst auch unter den Staatsarbeitern die Unzufriedenheit, und es bedarf nur einer plötzlichen Lähmung des Terrorismus von oben, um diese Unzufriedenheit hell auflodern zu lassen.
Wie aber gleichzeitig oben Kopflosigkeit, Haltlosigkeit, Einsichtslosigkeit wächst, dafür gibt die Geschichte der letzten Jahre Beweise genug. Auch dies Wachstum ist kein Zufall. Die Gegensätze innerhalb der Staaten sowie zwischen den Staaten spitzen sich immer mehr zu, es wachsen die Rüstungen, die Finanznot wird immer größer. Andererseits wächst mit der Zunahme der kapitalistischen Ausbeutung nicht bloß die Lebenshaltung der großen Ausbeuter des Staates, die es den großen Kapitalisten an Genuß und Glanz gleichtun wollen. Die Ansprüche der Höflinge und Junker an den Staat wachsen gleichzeitig mit den Rüstungen und bringen den Staat immer mehr in eine verzweifelte finanzielle Lage. Ein Staatsmann von Intelligenz und Charakter müßte damit beginnen, den ganzen staatlichen Parasitismus zum Teufel zu jagen und von den besitzenden Klassen große Opfer zu fordern, um den Staat wieder auf eine gesunde Grundlage zu stellen. Aber die Aufgabe, die einem Staatsmann heute von den Herren des Staates gestellt wird, ist gerade die, dem staatlichen Parasitismus neue Geldquellen zu eröffnen und alle Widerstände dagegen zu überwinden. Kein Staatsmann von Intelligenz und Charakter wird sich dazu hergeben, immer mehr werden nur gewissenlose Streber dafür zu haben sein, denen die Zukunft des Staates gleichgültig ist, wenn nur für den Augenblick der Anschein des Erfolges erweckt wird; oder Einfaltspinsel, die von den Schwierigkeiten der Situation keine Ahnung haben, oder gedankenlose Lakaien, die gehorsam jeden Auftrag erfüllen, der ihnen zuteil wird. Immer geringer der Respekt der Bevölkerung und des Beamtenapparats selbst vor der Regierung, immer größer die Aussicht, daß ein Massenstreik gerade solche Elemente an der Regierung vorfindet, die der Situation absolut nicht gewachsen sind und sofort den Kopf verlieren, stets verkehrt handeln, sowohl wenn sie Maßregeln der Unterdrückung, wie wenn sie solche der Beschwichtigung ins Werk zu setzen suchen. Alle diese Bedingungen eines erfolgreichen Massenstreiks wenden sich im Laufe der Entwicklung und der sozialdemokratisch-gewerkschaftlichen Organisations-, Aufklärungs- und praktischen Reformarbeit immer mehr zugunsten des Proletariats. Soll aber ein Massenstreik unter preußischen Verhältnissen zum Siege führen, dann ist es vor allem notwendig, daß er von vornherein mit überwältigender Wucht auftritt, in einer Massenhaftigkeit und einer Begeisterung, die alles mit sich fortreißt, die ganze arbeitende Bevölkerung ergreift, sie mit wildestem Ingrimm und tiefster Verachtung für das bestehende Regime erfüllt.
Nichts irriger, als der Massenstreik werde erst dann möglich, wenn das gesamte Proletariat organisiert sei. Das hieße seine praktische Unmöglichkeit anerkennen, denn zur Organisierung aller Schichten des Proletariats wird es kaum je kommen. Aber der Massenstreik wird nur dann möglich, wenn die Masse des Proletariats sich wie ein Mann erhebt, um alles einzusetzen zur Lähmung und Desorganiserung des herrschenden Regimes.
Ist nicht die Gesamtheit des Proletariats organisiert, dann wird eine derartige einmütige Erhebung des Proletariats im ganzen Reiche, in Nord und Süd, Stadt und Land nur möglich unter dem Drucke eines gewaltigen Ereignisses, das plötzlich das gesamte Proletariat aufs tiefste erbittert, ihm den Sturz des herrschenden Regimes als eine Lebensnotwendigkeit aufzwingt. Es muß ein Sturm sein, der vor allem jeden Widerstand im eigenen Lager hinwegfegt.
Die Genossin Luxemburg stellte die Frage zur Diskussion, ob die Situation reif sei für einen Massenstreik. Aber schon die Tatsache, daß man darüber diskutiert, zeigte, daß die Situation diese Reife noch nicht erlangt hat. So lange man noch streiten und untersuchen kann, ob der Massenstreik am Platze sei oder nicht, so lange ist das Proletariat als Gesamtmasse noch nicht von jenem Maße Erbitterung und Kraftgefühl erfüllt, die notwendig sind, soll sich der Massenstreik durchsetzen. Wäre die nötige Stimmung dafür im März vorhanden gewesen, dann müßte eine abmahnende Stimme wie die meine von einem Protest tosender Entrüstung erstickt werden. Mir ist kein erfolgreicher Massenstreik bekannt, der mit einer Diskussion in einer Zeitschrift darüber, ob er am Platze sei, eingeleitet wurde. Das Unerwartete, Plötzliche, Elementare des Massenstreiks ist eine der Bedingungen seines Erfolges.
Aber wenn dem so ist, welchen Zweck hat es, den Massenstreik zu diskutieren, dessen Kommen ja nicht von uns abhängt? Sicher, der Zeitpunkt seines Kommens hängt nicht von uns ab, wohl aber, wenn er einmal ausgebrochen ist, sein Sieg. Nur dann wird dieser möglich, wenn eine starke organisierte proletarische Macht vorhanden ist, die weiß, um was es sich handelt, was sie will, die dem ungestümen Strome der Volkswut, der von selbst losbricht, sein Bett gräbt und ihn dorthin leitet, wo er befruchtende politische Wirkung üben kann, der sonst nach mannigfacher Zerstörung erfolglos im Sande verliefe.
Je mehr die organisierten Proletarier mit der Idee des Massenstreiks vertraut sind, je mehr sie überlegt haben, wodurch er am kräftigsten wirkt, wohin sie seine Kraft zu lenken haben, um so eher dürfen wir erwarten, daß sie sich den ungeheuren Anforderungen an ihre Klugheit, ihre Einsicht, ihren Zusammenhalt, ihre Ausdauer, ihre Selbstzucht, ihre Kühnheit gewachsen zeigen, die eine derartige unerhörte Situation an sie stellt.
Das theoretische Diskutieren ist in diesem Falle um so notwendiger, weil der politische Massenstreik als äußerstes, letztes Mittel des Klassenkampfes keines ist, das sich leicht wiederholen läßt. Aus der Praxis lernen hieße hier, zu teures Lehrgeld zahlen. Da gilt es, die nötige Erkenntnis soweit als möglich durch theoretische Arbeit zu gewinnen.
Noch von einem anderen Standpunkt aus ist es nötig, die Idee des Massenstreiks zu diskutieren. Die Politik der Massen, aber auch die unserer Gegner wird eine ganz andere, wenn diese wie jene wissen, daß das Proletariat nicht wehrlos jeder Gewalttat gegenübersteht, daß auch heute noch wie ehedem eine Grenze hat Tyrannenmacht. Die Idee des Massenstreiks verleiht dem Proletariat erhöhtes Kraftbewußtsein und vermag den Übermut seiner Gegner zu dämpfen, freilich unter Umständen auch ihre Angst und Nervosität zu vermehren. Sind ihnen Konzessionen auf friedlichem Wege abzuringen, dann am ehesten dort, wo die Idee des Massenstreiks im Proletariat lebendig ist.
Aus den verschiedensten Rücksichten ist die Diskutierung der Idee des Massenstreiks sehr nützlich, ja unerläßlich, soll der proletarische Klassenkampf im jetzigen Stadium seine volle Kraft und Klarheit gewinnen. Aber ganz verkehrt scheint es mir, den Zeitpunkt eines Massenstreiks durch eine theoretische Diskussion in der Presse herausfinden zu wollen. Jene hohe Begeisterung und Erbitterung, die allein einem Massenstreik zu siegreichem Durchbruch verhelfen kann, ist so wenig eine Pökelware, daß sie keine Woche Lagerns verträgt. Sie müßte längst verraucht sein, ehe die Diskussion nur erst in Gang gekommen wäre.
Dies der Standpunkt, den ich vor sechs Jahren entwickelte. Wenn ich heute noch ihn vertrete, geschieht es, weil mir seitdem keine Tatsachen oder Argumente bekannt wurden, die ihm widersprachen, wohl aber sehr viele, die ihn bestätigten. Keineswegs verfocht ich ihn deswegen, weil mich jetzt eine Laune packte, zur Abwechslung einmal zu bremsen. Der Genossin Luxemburg erscheint es als ein perverses Gelüste, wenn ein Marxist einmal bremst. Sie lobt sich die Peitsche. Aber abgesehen davon, daß es auch der schärfste Radikale nicht für nötig halten wird, die Genossin Luxemburg anzupeitschen – als Peitsche der Peitsche zu fungieren –, muß ich gestehen, daß ich gewohnt bin, meine Überzeugung zu vertreten, ohne mich darum zu kümmern, ob sie jeweilig als Bremse wirkt oder als Peitsche. Ich habe schon einmal darauf hingewiesen, daß mich die Verfechtung meines Standpunktes in der Frage des Massenstreiks zur Zeit der russischen Revolution in Konflikt mit Eisner und Stampfer brachte. Wenn ich jetzt darob in Konflikt mit einer Genossin komme, mit der ich so manchen gemeinsamen Kampf ausgekämpft habe, so ist mir das durchaus unerwünscht. Aber ich kann deshalb meine Anschauungen nicht ändern. Amicus Plato, magis amica veritas. Die Sache steht über der Person.
7. Ermattungsstrategie und Wahlkampf
Und nun noch ein paar Worte über die Ermattungsstrategie. Der Leser braucht nicht zu fürchten, daß ich den 14 Seiten der Genossin Luxemburg darüber noch weitere 14 Seiten entgegensetzen werde. Sie höhnt mich, daß ich – freilich nur nebenbei – eine Bemerkung über die römische Ermattungsstrategie mache, bringt dann aber selbst darüber mehr als eine Seite lang Zitate aus Mommsen, die für unsere Diskussion gar nichts beweisen, aber freilich für die Genossin Luxemburg den unschätzbaren Reiz haben, zu einer Reihe wegwerfender Bosheiten über den Parteivorstand, die Generalkommission und mich Gelegenheit zu geben. Sollte die Genossin Luxemburg darüber hinaus für die Frage der römischen Zauderstrategie wirkliches sachliches Interesse empfinden, dann sei sie auf den im Jahre 1901 erschienenen ersten Band von Delbrücks Geschichte der Kriegskunst hingewiesen, wo auf Grund der neuesten Forschungen im Gegensatz zum alten Mommsen diese Strategie gerechtfertigt wird.
Wichtiger wäre es, sich mit der Genossin Luxemburg über unsere jetzige Taktik auseinanderzusetzen. Aber auch das verspricht nicht sehr fruchtbringend zu werden, da sie ja die Diskussion von vornherein auf ein falsches Geleise schiebt, indem sie einfach bemerkt, unter der „Ermattungsstrategie“ verstehe ich bloßen „Nichtsalsparlamentarismus“ im Gegensatz zu jeder Massenaktion. Woher sie zu dieser Ansicht kommt, weiß ich nicht, ich habe nie etwas Derartiges geäußert. Als Ermattungsstrategie bezeichnete ich die Gesamtheit der bisherigen Praxis des sozialdemokratischen Proletariats seit dem Ende der sechziger Jahre. Ich glaubte, diese sei genug bekannt, um nicht erst ausführlich erläutert werden zu müssen. Diese Praxis geht dahin, den Krieg gegen den bestehenden Staat und die bestehende Gesellschaft in einer Weise zu führen, die das Proletariat beständig stärkt, seine Gegner beständig schwächt, ohne sich dabei zu einer Entscheidungsschlacht provozieren zu lassen, solange wir die Schwächeren sind. Uns dient alles, was unsere Gegner desorganisiert und ihr Ansehen wie ihr Kraftgefühl untergräbt, ebenso alles, was das Proletariat organisiert, seine Einsicht und sein Kraftgefühl hebt, das Zutrauen der Volksmasse zu seinen Organisationen mehrt. Dazu gehört nicht bloß der Parlamentarismus, dazu gehören auch glücklich ausgefochtene Lohnbewegungen und Straßendemonstrationen.
Gerade die jüngste Demonstrationskampagne war ein Muster erfolgreicher Ermattungsstrategie. Wenn wir uns stets als Peitsche fühlen sollten, hätten wir nach dem Verbot der Versammlung im Treptower Park am 6. März die Massen auffordern müssen, dem Verbot zu trotzen, bewaffnet zu erscheinen und gewaltsam die Abhaltung der Versammlung zu erzwingen. Das wäre Niederwerfungsstrategie gewesen. Ermattungsstrategie war es, dem Feinde dort auszuweichen, wo er uns erwartete, ihn zu überlisten durch ein Manöver, das die Überlegenheit unserer Organisation über die des Gegners ins glänzendste Licht setzte. Das Selbstbewußtsein der Massen wie die Bestürzung der Gegner wurde dadurch erheblich gesteigert.
Ich bin also weit entfernt davon, „Nurparlamentarismus“ zu predigen. Aber das ist kein Grund, die Bedeutung des Parlamentarismus zu unterschätzen. Es wird unter den gegebenen politischen Verhältnissen kaum ein Mittel geben, außer einem siegreichen Massenstreik, das so große moralische Wirkung übt wie ein großer Wahlsieg.
Eine der Hauptaufgaben unserer Strategie besteht darin, das Kraftgefühl des Proletariats und das Zutrauen der Masse zu uns zu steigern. Das wird erreicht durch sichtbare Erfolge. Nichts ist so erfolgreich wie der Erfolg, sagt ein englisches Sprichwort. Je stärker unsere Partei den Massen erscheint, desto eifriger werden sie ihr zuströmen, desto größer ihre Ansprüche, ihre Kühnheit, desto mehr werden sie schließlich der Partei nicht bloß folgen, sondern sie vorwärts drängen.
Es gibt aber wenige Erfolge, die so sinnenfällig der Masse unsere steigende Kraft dokumentieren, wie Wahlsiege, wie die Eroberung neuer Mandate. Die Massen treiben nicht Statistik, sie können nicht immer die ökonomische und politische Entwicklung genügend verfolgen. Die Parteipresse ist ihnen oft unzugänglich und die gegnerische Presse lügenhaft. Aber wie immer sie lügen und fälschen mag, gewonnene Mandate kann sie nicht umlügen.
Wie jedes Streben nach Erfolg, kann freilich auch das nach Mandaten irreführen, zur Anwendung von Mitteln veranlassen, die dem Erfolg des Augenblicks den der Zukunft opfern. Gegen solches Streben muß man natürlich stets auftreten, das hindert aber nicht, daß jedes ehrlich, in prinzipieller Agitation erfochtene Mandat ein großer Erfolg ist, der die Volksmasse belebt, anfeuert, unsere Sache fördert. Wohl müssen wir in die Wahlkämpfe eintreten, um unsere Prinzipien zu propagieren und die der Gegner zu widerlegen, nicht minder aber auch, um Wahlkreise zu erobern und dadurch unseren wachsenden Einfluß im Volke zu dokumentieren und weiter an Einfluß zu wachsen. Die gegenwärtige Situation ist nun eine solche, die es uns ermöglicht, wenn wir unsere Schuldigkeit tun, einen Wahlsieg von einer Wucht zu erkämpfen, die ihn zu einer Katastrophe für das herrschende Regierungssystem gestaltet.
Diese Anschauung begegnet natürlich wieder gewaltigem Hohn der Genossin Luxemburg! Sie meint: „Wenn wir siegen und in welchem Maße wir siegen, werden wir ja erleben. Im voraus künftige Siege auskosten, liegt so gar nicht im Wesen ernster revolutionärer Parteien“; derartiges passiert nur Leuten, die so wenig ernst sind, so allen revolutionären Empfindens bar wie unsereins.
Und weiter fragt Genossin Luxemburg, was sich Erhebliches ändert, wenn wir wirklich 125 Mandate eroberten? Wir bleiben eine Minorität, und es ändert sich nichts, wenn unsere Gegner sich nicht zu einem Staatsstreich hinreißen lassen. Es kann also
„die Frage, ob wir mehr oder weniger Mandate bei den nächsten Wahlen erobern ... uns ziemlich kühl lassen“.
Das ist eine sehr strenge Sittenpredigt. Aber auch der strengste Sittenprediger kann einmal sündigen. In dem Artikel der Dortmunder „Arbeiterzeitung“, der unsere Diskussion hervorrief, erklärte unsere ernste revolutionäre Genossin, die Massen könnten einen Grad von Aufklärung und Stimmung erreichen,
„der die kommenden Wahlen zu einem betäubenden Waterloo für das herrschende System gestalten wird“.
Das ist genau dieselbe „Auskostung künftiger Siege“, für die ich meine Strafpredigt erhielt. Nur drückt sich mein Abraham a Santa Rosa noch drastischer aus.
Damit ist freilich nicht gesagt, daß wir in diesem Punkte ganz einig seien. Die Genossin Luxemburg erwartet den nötigen Grad von Aufklärung und Stimmung der „breitesten Massen“, der die Reichstagswahlen zu einem „betäubenden Waterloo“ gestalten soll, von einem Massenstreik, der vor ihnen ausgefochten wird. Und das zu begreifen wird mir schwer. Entweder siegt der Massenstreik, und dann muß dieser zu einem so „betäubenden Waterloo“ für unsere Gegner werden, daß keine Reichstagswahl es mehr übertrumpfen kann. Oder der Massenstreik siegt nicht, und dann wird er zu einem „betäubenden Waterloo“ für uns, und es gehört sehr viel „revolutionärer Ernst“ dazu, um aus einer solchen Niederlage entspringende „künftige Siege“ vorher „auszukosten“.
Damit sind wir wieder zu dem Ausgangspunkt der Diskussion zurückgekehrt. Er sei nochmals mit kurzen Worten zusammengefaßt, da er über der Fülle von Einzelheiten, die auftauchten, verlorengehen konnte. Die Genossin Luxemburg erklärte Anfang März, die Straßendemonstrationen seien überholt, schärfere Mittel müßten in Anwendung gebracht werden. Die Zeit zur Anwendung des Jenaer Beschlusses sei gekommen.
Darauf erwiderte ich ihr, daß das Maß der Erregung, das unzweifelhaft unter den Massen herrsche, noch nicht jene Höhe erreicht habe, die allein unter deutschen Verhältnissen einen siegreichen Massenstreik erwarten lasse. Sei ein solcher aber unter den gegebenen Umständen nicht zu erwarten, dann gebe es nur ein Mittel, die Aktion über das erreichte Stadium hinauszutreiben, die nächsten Reichstagswahlen. Diese fänden unter den besten Aussichten für uns statt. Auf sie hätten wir unsere Aufmerksamkeit und Kraft jetzt schon hinzulenken. Die Neuwahlen würden eine ganz neue Situation schaffen, die sich heute noch nicht bestimmen lasse. Immerhin würde ein großer Wahlsieg ein so gesteigertes Kraftgefühl der Masse, eine so gesteigerte Nervosität der Gegner ergeben, daß daraus eher eine Massenaktion entspringen könne, die in einem Massenstreik ende, für dessen siegreichen Ausgang dann die Vorbedingungen weit günstiger lägen als heute. Da ich den Massenstreik als eine Aktion betrachte, die dem spontanen Druck der Masse entspringt, habe ich natürlich nicht, wie man nach manchen Ausfällen der Genossin Luxemburg annehmen könnte, den Massenstreik für jetzt abbestellt, um ihn für die Zeit nach den Wahlen anzukündigen. Ich betrachte ihn als ein Elementarereignis, dessen Eintreten nicht nach Belieben herbeizuführen ist, das man erwarten, nicht aber festsetzen kann.
Die Genossin Luxemburg hat meinen Hinweis auf die Reichstagswahlen mit Hohn abgetan. Aber soviel sie dagegen sagte, vergeblich suche ich nach einer anderen greifbaren Parole, die sie heute der meinen entgegensetzt. Sie forderte im März von uns eine „Parole“ für den „nächsten Schritt“, den wir zu unternehmen haben und der der Massenstreik sein solle. Heute spricht sie nur noch von der Notwendigkeit der Erörterung des Massenstreiks, welche Erörterung zum „hervorragenden Mittel wird, indifferente Schichten des Proletariats aufzurütteln, proletarische Anhänger der bürgerlichen Parteien, namentlich des Zentrums, zu uns herüberzuziehen, die Massen für alle Eventualitäten der Situation bereitzumachen und endlich in wirksamster Weise auch die Reichstagswahlen vorzubereiten“. Das heißt, sie spricht nicht mehr von der Notwendigkeit der Aktion durch den Massenstreik als nächstem Schritt vor den Reichstagswahlen, sondern von der Notwendigkeit der Agitation zur Vorbereitung der Reichstagswahlen, wobei auch der Massenstreik zu behandeln ist. Ist das die Parole, die sie jetzt ausgibt, dann frage ich, womit sie die Verachtung für meinen Standpunkt rechtfertigt?
Oder will sie jetzt noch den Standpunkt vertreten, den sie in ihrem Artikel für die Neue Zeit Anfang März vertrat, daß die Zeit für die Anwendung des Jenaer Beschlusses gekommen sei? Oder will sie behaupten, damals, Anfang März, sei der richtige Zeitpunkt dafür gewesen, und nur der Redakteur der „Neuen Zeit“ habe die Revolution im Keime erstickt, indem er sich weigerte, seine „Schuldigkeit zu tun“ und den Artikel der Genossin Luxemburg abzudrucken? Auf alles das haben wir in ihrer Erwiderung keine Antwort bekommen, ebensowenig wie auf die Frage, in welcher Weise sich die Genossin Luxemburg einen Massenstreik unter den deutschen Verhältnissen vorstellt. Als Ergebnis ihrer neuen Strategie bleibt nichts übrig als ein Bündel Fragezeichen.