Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitler-Terror (1933)

PeopleWilli Münzenberg, Marinus van der Lubbe, Hermann Göring, Joseph Goebbels, Adolf Hitler, Ernst Röhm, Edmund Heines, Georgi Dimitrov, Paul von Hindenburg, Franz von Papen, Kurt von Schleicher, Heinrich Brüning, Alfred Hugenberg, Gregor Strasser, Wilhelm Frick, Robert Ley, Otto Wels, Albert Einstein, Magnus Hirschfeld, Ernst Toller TermsBrown Book of the Reichstag Fire and Hitler Terror (1933), Reichstag fire (1933), Reichstag Fire Decree, Reichstag fire trial (1933), Sturmabteilung (SA), Schutzstaffel (SS), Gleichschaltung, Nazi book burnings, Institute for Sexual Science EventsThe Nazi Seizure of Power and the Enabling Act, The German Sexual Reform Movement and Its Destruction by the Nazis (1897–1935)

12 Die Welt lässt sich nicht belügen

Der Widerhall, den die deutschen Ereignisse im Auslande gefunden haben, beweist, dass die verzweifeltsten Manöver der Hitlerregierung den Durchbruch der Wahrheit nicht verhindern konnten. Die ausländische Presse hat in ihrer überwältigenden Mehrheit die Nationalsozialisten des Reichstagsbrandes beschuldigt. Die ausländische Presse hat, unbekümmert um die Dementis der Hitlerregierung, den blutigen Terror und die Judenverfolgungen registriert. Nicht nur die ausländische Presse, die besten Schriftsteller der bürgerlichen Welt, Wissenschaftler. Ärzte, Rechtsanwälte haben ihre Stimme erhoben, um gegen den Hitler–Terror zu protestieren. Sie haben sich in den meisten Ländern zu Komitees vereinigt, die den Opfern des Hitler-Faschismus Hilfe bringen.

Aus dem Riesenchor derer, die Anklage gegen den Hitler Terror erhoben, können wir im ersten Band des Braunbuches nur einige wenige Stimmen zu Worte kommen lassen.

Protest

Sherwood Anderson antwortete auf unser Ersuchen um einen Beitrag für das Braunbuch mit folgendem Schreiben:

Was Hitler-Deutschland betrifft: dies ist eine jener schrecklichen menschlichen Absurditäten, die einem das Leben manchmal so hoffnungslos erscheinen lassen. Was mich erschreckt hat, ist die Möglichkeit, dass hier sehr leicht eine Basis für neuen Hass gegen das deutsche Volk entstehen kann. Wir haben das schon einmal durchgemacht. Und dann kann ich, als Amerikaner, ja auch nicht gerade stolz sein auf unsere eigene Geschichte. Wir Amerikaner dürfen nicht vergessen, was der Ku Klux Klan noch vor wenigen Jahren war, wir dürfen die Neger–Lynchungen nicht vergessen, die hier im Süden noch nicht aufgehört haben. Doch alles dies hindert mich nicht in dem Wunsch, mit den anderen Schriftstellern Europas und Amerikas zu protestieren. Ihr aufrichtiger

Sherwood Anderson

Der deutsche Faschismus

Wer überzeugt ist, dass die Zukunft Westeuropas in Deutschland entschieden wird, muss die heutige deutsche Entwicklung schmerzlich empfinden. Aber ganz überraschend kann sie ihm nicht sein. War doch vor dem Kriege schon alles latent vorhanden, was sich heute im vollen Tageslicht breit macht. Die Verfolgung der Juden, der verbitterte Hass der Behörden gegen die breiten Volksschichten und ihre Ansprüche auf ein menschliches Dasein, die Grausamkeit in den Methoden, diese menschlichen Ansprüche zu verfolgen und niederzukämpfen — es war alles schon da! Reaktion gab es auch anderswo, zur Genüge. Das preußische Junkerland war aber direkt ein Schutzgebiet der Weltreaktion; hier auf dem Boden von 350.000 vom Reiche vernichteten Freibauernhöfen saßen die Junker – und sitzen sie noch — das Mark des wilhelminischen Reiches. Von hier flog sie aus, die Brut. Schon verhärtet in der Kindheit durch den täglichen Anblick der unmenschlich behandelten Landarbeiter daheim, noch mehr verroht durch die Studentenzeit, den Korpsgeist, die Trinkgelage und die Verachtung für die zivile Bevölkerung, „ertüchtigten“ sie sich durch Mensuren und stellten der Regierung des großen, fleißigen, treuherzigen Volkes das Kontingent der Offiziere, Landräte und der höheren Beamten, nicht zuletzt auch die hohen Funktionäre der Polizei, welche aus den qualifiziertesten Landarbeitersöhnen von daheim den mit Recht berüchtigten „Schutzmann“ machten.

Das deutsche Volk muss man - wie jedes Volk, wenn man genügende Zeit mit ihm zusammen lebt - lieb gewinnen wegen seiner Arbeitsamkeit, seiner Hilfsbereitschaft und seines Gemütes; ganz wohl fühlte man sich aber im wilhelminischen Deutschland nie. Immer begleitete einen das vage Gefühl von unsichtbaren, unheimlichen Kräften, die es auf einen abgesehen hatten und an deren Brutalität alles Geistige und Menschliche abprallte. Deutschland wirkte wie ein scheinbar sorgfältig kultivierter Boden, wo aber die Wildnis jederzeit wieder einbrechen konnte. alles überwuchernd, alles vernichtend.

Manchmal zeigte sich diese Gefahr brutal und übersteigert in der Zabern– und der Moabit–Affäre; manchmal drastisch und stumpfsinnig in der Köpenick–Affäre.

Die breiten Schichten besaßen im großen und ganzen nicht die Fähigkeit, sich von dem Herrengeist und dem daraus entspringenden Sklavengeist zu befreien. Selbst in der deutschen Arbeiterbewegung — der „größten auf der Welt“ und lange Zeit der maßgebenden — war mehr Korpsgeist als menschliche Selbstbehauptung. Es war der Sozialdemokratie nicht gelungen, den Proletarier zum Selbstbewusstsein zu wecken; in den gewerkschaftlichen und parteilichen Kadern mit ihren zivilen Unteroffizieren und Feldwebeln, mit ihren imperialistisch eingestellten Anführern kehrte die Struktur des Wilhelminischen Regimes unverkennbar wieder. Die deutsche Sozialdemokratie war voll kapitalistischen Unkrauts: Imperialismus, Antisemitismus, Individualismus und Bürokratismus; in der Masse wirkte es sich aus als viel Dressur und wenig selbständige Denkfähigkeit, als Schlaffheit, zum Teil Feigheit, auf alle Fälle Mangel an Elan.

Viel Unkraut hat das Weltproletariat — mit Deutschland als Vorbild — als proletarische Kulturpflanzen gutheißen müssen!

Jeder Kulturkampf bedeutet menschliche Befreiung auf irgend einem Gebiet; es gibt heute nur einen Kulturkampf die Befreiung des Proletariats aus der wirtschaftlichen, nationalen, kolonialen, rassenmäßigen Tyrannei. Jede Unterdrückung hat zur Voraussetzung die Verachtung der Seele, der Kultur, der Menschlichkeit; unter jeder Verkleidung des Unterdrückers steckt die Bestie!

Der Faschismus ist der Kapitalismus, im Moment, da er sich als Bestie enthüllt. Unser heutiger Kampf ist wie jeder Kulturkampf der Kampf für den Menschen gegen die Bestie. Wer noch darüber im Zweifel ist, schaue sich das heutige Deutschland an.

Zu diesem Kampf taugt keine Arbeiterbewegung, die mit Pazifismus und Humanismus spielt und bürgerliche Tugenden und Untugenden nachäfft. Wer Disteln roden will, muss fest zupacken und noch dazu harte Haut an den Händen haben.

Wir haben nicht tief genug gepflügt. Unter der bebauten Schicht saßen noch alle Wurzeln des Alten. Am meisten gilt dies wohl für Deutschland. Wir müssen von vorn anfangen und den Boden neu aufwerfen. Machen wir es wie in Sowjetrussland, fangen wir neu an mit Bataillonen von Traktoren.

Martin Andersen Nexö

Die größte Tragikomödie unserer Zeit

Dieses Buch ist ein Denkmal von Tatsachen und Dokumenten. Wenn es gleichzeitig eine erschreckende Anklageschrift ist, so deshalb, weil die Tatsachen selbst die Anklage herausschreien.

Wo stehen wir heute? Unser stolzes 20. Jahrhundert hat von den vergangenen Epochen eine Produktionskraft, eine Zivilisation, eine Kultur geerbt, die allen Lebewesen ihr Auskommen sichern könnten. Wenn es einen Augenblick in der Geschichte der Menschheit gibt, da das alte Märchen vom goldenen Zeitalter Wirklichkeit werden könnte, so heute, da der Menschengeist, nach tausendjährigem Kämpfe, so viele Waffen zur Bewältigung der Naturkräfte, so viel vollkommene Mittel der Verbindung und Verständigung erobert hat. Und was im Gegenteil sehen wir! Dass diese vielgerühmte Zivilisation alle Anstrengungen macht, die Menschheit ihrem Untergang zuzutreiben. Goldenes Zeitalter? Nein: Zeitalter des Goldes, des Eisens, des Blutes. Während der Nachkriegszeit hat — genau so wie während des Krieges — die Menge menschlichen Elends und Leidens gewaltig, wie eine Seuche, weiter verbreitet. Überall herrschen Ungerechtigkeit, Unterdrückung, Grausamkeit: in den Kolonien, im fernen Osten, in Nord- und Südamerika, in Italien, in Ungarn, in Polen, auf dem Balkan. Und jetzt erfolgt die Rückkehr zur völligen Barbarei in Deutschland, die Bestialität überschreitet die Grenzen alles bisher Erlebten.

Von allem Elend, an dem die Generationen unserer Epoche leiden, bluten und vor der Zeit sterben, verwundet das, was über Deutschland gekommen ist, zutiefst unsere Herzen und unseren Geist. Das große Volk, das wir lieben gelernt haben nicht nur um der philosophischen und künstlerischen Genies, um der Meisterwerke willen, die die Welt erleuchtet haben, dessen glänzende Begabung für Systematik und Organisation wir bewunderten: dieses Volk ist nur noch ein Heer von Sklaven, in dem jeder Kopf, der sich zu erheben wagt, zerstampft wird. Jene deutsche Fähigkeit zur Einspannung des Einzelnen in das Ganze, die Gabe der Harmonie der Kräfte, der instinktive soziale Geist, der eine der nationalen Tugenden dieses Volkes ist, wird dazu missbraucht, ein anti-soziales Werk, ein Werk der Verfolgung und Vernichtung durchzuführen. Die heutigen Herren des großen Deutschland haben die Macht nur in selbstsüchtigen Interessen ergriffen, sie sind die schlimmsten Feinde ihres eigenen Volkes.

Eine Phase organisierter, raffinierter Barbarei. Anderswo tragen Raub und Blutbad einen primitiven und rein bestialischen Charakter; hier jedoch sind sie berechnet, wohldurchdacht, und zeugen von erprobter Taktik und überlegter Strategie. Die Verbrechen des Hitler-Faschismus sind die öffentliche Aufführung lange vorbereiteter, von den davon engagierten Regisseuren und Komödianten (vom Kanzler bis zum untersten Denunzianten) sorgfältig inszenierter Schauerstücke.

Die ganze Welt ist davon überzeugt — das habe ich kürzlich an der Spitze einer Delegation von zahlreichen Organisationen jeder Schattierung in der deutschen Botschaft erklärt —: dass die offizielle Legende des Reichstagsbrandes, dieses pompösen Rechtfertigungsmanövers aller Verbrechen von gestern, dieses düsteren Prologs aller Verbrechen von heute und morgen, welche in diesem Buch so meisterhaft nachgewiesen werden, vorsätzlich und bewusst in allen Teilen auf einem Nichts aufgebaut wurde. Diejenigen, die unter dem Eindruck früherer Machenschaften noch daran zweifelten, werden nach der unanfechtbaren, weil zuverlässigen Beweisführung dieses Werkes und angesichts der Überspanntheit der Folgerungen, zu denen jene gelangen wollen, die Überzeugung gewinnen, dass hier Irrsinn am Werk ist und zwar ein inferiorer Wahnsinn, der sich vor den eigenen Taten fürchtet.

Hitler hat in seinem Buch „Mein Kampf“ erklärt, „man könne die Massen nur führen, indem man sie betrüge“. Es ist wohl richtig: man kann die Massen durch Betrug verführen — aber wie lange wirkt dieser Betrug?

Gerade jetzt, in dem Augenblick, da ich diese Zeilen schreibe und da der größte Teil dieses Buches schon im Druck ist, fallen meine Blicke auf eine sehr ausführliche Meldung: ein neues Ereignis, das allein imstande sein müsste, denjenigen, die nicht absichtlich blind sind und von ihrer Kurzsichtigkeit profitieren, die Augen zu öffnen über die Taktik der Hitler, Göring und Goebbels.

Es handelt sich um eine Flugzeug-Affäre, um eine klägliche, aber bedrohliche Erfindung. Am 23. Juni um 22 Uhr 30 meldete eine Nachrichtenagentur den Berliner Zeitungen unter dem Titel „Rote Fliegerpest über Berlin“ folgendes:

„Heute Nachmittag haben ausländische Flugzeuge von einem in Deutschland unbekannten Typ Berlin überflogen und über dem Regierungsviertel und im Osten der Stadt für die Reichsregierung beleidigende Flugschriften abgeworfen. Die Luftpolizei hatte keine Apparate zur Verfügung, und die Sportflugzeuge, die sich auf dem Flug platz befanden, hatten nicht die genügende Geschwindigkeit, um die ausländischen Apparate zu verfolgen. Diese konnten entkommen, ohne erkannt zu werden.“

Nun hat aber um 23 Uhr 30 der Flughafen Berlin-Tempelhof auf Anfrage ausländischer Korrespondenten über den Inhalt dieser Nachricht erklärt, er wisse von nichts.

Um 23 Uhr 25 wusste die Luftpolizei, die über den gleichen Gegenstand befragt wurde, ebenfalls von nichts, obwohl die Nachrichtenagentur in ihrer Meldung erklärt hatte, dass Luftpolizei und Flugplatzleitung nur mangels geeigneter Apparate nicht in Aktion getreten seien. Der Berliner Korrespondent der „Times“ hat seinem Blatt telegraphiert, dass weder die Luftpolizei, noch die Flugplatzbehörde, noch die „Lufthansa“ etwas von diesem „Luftangriff“ wüssten.

Unnötig zu sagen, dass niemand diese ungewöhnlichen Flugzeuge gesehen hat, die es fertig gebracht haben sollen, aus einer Höhe von 3.000 Metern Flugschriften so abzuzielen, dass sie ausgerechnet im Regierungsviertel und in vorbestimmten Straßen niederfielen.

Trotzdem veröffentlicht am nächsten Morgen die ganze deutsche Presse diese Nachricht und kommentiert sie mit fast gleichlautenden Worten.

Die Zeitung „Le Temps“ enthüllt uns den Grund für die Einheitlichkeit im Wortlaut dieser Kommentare: der Meldung war eine Instruktion an die Zeitungen und ein „Muster-Kommentar“ beigefügt mit dem Befehl, ihn auf der ersten Seite zu veröffentlichen.

Dieser Standardkommentar betont die Tatsache, dass Deutschland sich gegenwärtig in Bezug auf Luftfahrt in einer unhaltbaren Situation befinde, und er gibt die Anweisung, das Thema dahingehend zu entwickeln: heute sind es nur Flugblätter, was die ausländischen Flugzeuge abwerfen, morgen werden es vielleicht Bomben sein, die Tod und Vernichtung bringen. Schlussfolgerung: Was gedenkt das Deutsche Luftfahrtministerium zu tun?

So bläst die ganze deutsche Presse in ein Horn und verlangt Aufrüstung der Luftstreitkräfte. Das „Berliner Tageblatt“ fasst diese Wünsche in die folgenden Worte zusammen, welche so oder ähnlich von der unter Hitlers Oberbefehl stehenden, das heißt also von der gesamten deutschen Presse übernommen wurden: „Das deutsche Volk verlangt, dass man ihm die Möglichkeit fibt, sich gegen solche Überfälle aus der Luft zu schützen.“

In Wirklichkeit entbehrt die ganze Geschichte jeglicher Grundlage. Auch wenn der Staatssekretär des Luftfahrtministeriums, Herr Milch, den Pressevertretern erklärt hat, „es seien“ (in einer Höhe von dreitausend Metern!) „ein bis zwei“ Doppeldecker „gesichtet“ worden (wobei er übrigens die Ungeschicklichkeit begeht, zur Stützung seiner These hinzuzufügen, es seien „ähnliche Flugblätter“ wie die vom Himmel gefallenen auch „aus den oberen Etagen eines Wolkenkratzers am Alexanderplatz“ abgeworfen worden). Er setzt beide Ereignisse in Beziehung zueinander. Dessen bedurfte es nicht, um die Kabale dieser faustdicken Lüge zu entlarven, welche gesponnen ist zu dem Zwecke, das deutsche Volk in dieselbe Erregung zu versetzen, die jenes legendäre Auftauchen des berühmten Fliegers über Nürnberg am 28. Juli 1914 verursachte. Das Ziel ist die Aufrüstung, ist der Krieg. Durch solche Tricks lenkt man die öffentliche Meinung auf diese Dinge und erzeugt die Panik, die man braucht.

Es gibt für alle Menschen gesunden Geistes, für die anständigen Leute aller Länder nur eine Antwort: Den Kampf gegen Krieg und Faschismus mit mehr Energie und Erbitterung als je und in Einheitsfront mit den Arbeitern aller Länder der Welt zu führen. Internationale Bewegungen wie die von Amsterdam zu stärken. Den Ruf der Wahrheit und des Zornes in großen Welt-Kundgebungen ertönen zu lassen.

Henri Barbusse

Gegen den imperialistischen Nationalismus im eigenen Lande

Es ist gut dass England und Amerika sich auflehnen gegen den Machtgebrauch und Machtmissbrauch des Hitlerregimes. Ich höre den Schrei des Protestes besonders gern anderswo als in Frankreich, wo die Entrüstung zu oft einer alten Abneigung entgegenkommt, gegen die es mir weise und notwendig schien anzukämpfen. Ich meine die Abneigung, die gerade etwas abflaute und die das heutige Deutschland leider wieder zu rechtfertigen scheint.

Ohne Zweifel ist es gut, sich immer wieder zu sagen, dass das Hitlerdeutschland nicht das ganze Deutschland ist, trotz der Wahlresultate. Ohne Zweifel ist es gut, dem unterdrückten Teil Deutschlands, der jetzt niedergeknüppelt ist, zu sagen, dass wir ihm unsere Sympathie bewahren. Vor allem aber ist es gut zu helfen und die Opfer zu unterstützen.

Alle Gewalttaten, die heute Deutschland begeht, werden begangen im Namen von Grundsätzen und Theorien, die, so wenig sie entschuldbar sind, doch den Keim der Ansteckung in sich tragen, und die, sei es durch Rivalitäten oder durch Angst, die Gefahr in sich bergen. die Nachbarländer zu ähnlichen Gewalttaten zu verführen und sie schließlich in Kriege hineinzureißen.

Deshalb genügt es auch nicht, gegen den deutschen Hitlerismus zu protestieren. sondern ebenso sehr muss jeder in seinem eigenen Land gegen den imperialistischen Nationalismus, die Larve des Faschismus, kämpfen, statt sich als Feigling behandeln zu lassen von jenen, die nichts begreifen als den bewaffneten Mut.

André Gide

Das wirkliche Deutschland lebt noch

[Beitrag von Michael Gold (1894–1967). Der Text wird aus urheberrechtlichen Gründen nicht wiedergegeben.]

Am 28. Februar im Berliner Polizeipräsidium

Egon Erwin Kisch wurde in der Nacht des Reichstagsbrandes in Berlin verhaftet. Er verbrachte 14 Tage in Hitlers Polizeigefängnis und wurde dann über die Grenze abgeschoben. Egon Erwin Kisch veröffentlichte als erster deutscher Schriftsteller eine umfassende Darstellung der Zustände in Hitlers Gefängnissen und SA- Kasernen. Wir entnehmen den nachfolgenden Abschnitt einem großen Werk über Hitler-Deutschland, das Egon Erwin Kisch vorbereitet:

Meine Begleiter gaben mich gegen Quittung an die Politische Polizei ab. Die Bänke auf beiden Seiten des Korridors sind besetzt, im Raum dazwischen ist der Kulturbolschewismus aneinandergedrängt. Alle kennen einander, und immer wieder, wenn ein Neuer von Polizisten hereingeschleppt wird, begrüßen ihn alle.

Ich muss an einen Septembermorgen von 1914 denken, da saßen wir am österreichischen Ufer der Drina, Reste einer aufgeriebenen, über den Fluss zurückgeworfenen Division. Je eine Gruppe war das, was gestern noch ein Regiment gewesen war. Und immer wenn eine nasse, abgerissene Gestalt vorüber wankte, die zum Regiment gehörte, dann grüßten die Kumpane mit einem melancholischen Lächeln, rückten dichter aneinander machten ihm Platz. So ähnlich sieht es heute aus. Anfangs begriffich nicht, warum viele so verstört und blass waren, erst später erfuhr ich, welche Gewaltszenen bei manchen Verhaftungen vorgenommen waren. Ich sollte später auch mit eigenen Augen sehen, welche Greuel die Nationalsozialisten in ihren Kasernen an wehrlosen Gefangenen begangen hatten.

Die Polizisten, die uns vom übrigen Teil des Korridors abriegeln, sind junge Burschen, schon mit dem hilfspolizeilichen Hakenkreuz auf der Armbinde. Sie scheinen sehr aufgeregt, ihr Dienst ist ihnen neu, um so mehr versuchen sie ihre Unsicherheit hinter flegelhaftem Benehmen zu verbergen; sie machen höhnische Bemerkungen, und wenn sie jemanden anschreien, sich nicht zu bewegen, so apostrophieren sie ihn nicht anders, als „Dreckskerl“. „Saujud“ und per Du.

Namen werden aufgerufen, Gruppen formiert, „rechts um“, es geht hinab ins Polizeigefängnis. Erste Station, das Depot; hier wird Uhr, Füllfeder und Bargeld abgegeben und in ein Kuvert gesteckt. Zweite Station Abgabe von Messer, Schere, Nagelfeile. Die dritte Etappenstation ist schon im Keller unten: was dem Häftling noch geblieben ist — Brieftasche, Notizbuch, Zigarettenschachtel, Streichhölzer, Taschentuch, Schlüssel, Handschuhe oder Bleistift — muss er in seinen Hut legen, Schnürsenkel öffnen, Rock ausziehen, und jetzt untersuchen greifende Hände,ob nichts in den Taschen geblieben, gleitende Hände, ob nichts ins Futter eingenäht ist, sich nichts in Schuh oder Strumpf versteckt hat.

Während dieser Prozedur kommt der neue Polizeipräsident vorbei, Herr von Levetzow, gefolgt von Polizeiadjutant und Parteiadjutant und einem ganzen Stab ... Er war Marineoffizier, der Sozialdemokrat Noske hat ihn in den Admiralsrang erhoben. Der Herr Admiral, jetzt schreitet er gebläht seine Kommandobrücke im Polizeipräsidium ab:

„Das ist also das Pack?“ fragt er und schielt uns über die Achsel verächtlich an. „Jawohl, Herr Polizeipräsident!“ beeilt sich der Adjutant zu schnarren.

„Wo bist du verhaftet worden?“ fragt er Hermann Duncker. Bevor der grauhaarige Gelehrte, Lehrer des Sozialismus für eine ganze Generation, noch antworten kann: „Wirst du die Hacken zusammenreißen, wenn ich mit dir spreche, du Saubengel?!“

Und schon hat er einen anderen erspäht. der ihm nicht stramm genug zu stehen scheint:

„Führen Sie den Lümmel sofort in Dunkelarrest und legen Sie ihm Eisen an, bis ihm die Schwarten krachen.“

Diensteifrig stürzen sich zwei Büttel auf Otto Lehmann-Russbüldt, den alten Obmann der Liga für Menschenrechte und zerren ihn fort.

Bleich vor Empörung stehen wir da, der Herr Admiral von Noskes Gnaden ist schon vorbei, wir hören ihn eine andere Gruppe anbrüllen.

Man stösst uns in eine unterirdische Gemeinschaftszelle, siebenundvierzig müssen darin Platz finden. Längs der Wände verlaufen Pritschen, in der Mitte der gegen den Hof zu gerichteten Wand steht der Eimer - einer für alle, alle für einen. Gegenüber, in die dem Korridor zugekehrte Wand sind zwei trichterförmige Ausbuchtungen gemauert. Das spitze Ende ist der „Judas“: ein Beobachter von außen kann durch dieses Guckloch das ganze Lokal bestreichen, sei es mit einem Auge, sei es mit einem Maschinengewehr.

Jeder von uns sucht sich einen Nachbarn, neben dessen Platz er den Paletot zum Kopfkissen faltet, Gruppen konstituieren sich. Man erzählt einander, wie sich die Verhaftungen abgespielt. Manche Wohnungen hatten regelrechte Belagerungen durch die Nazis zu bestehen, Schüsse wurden durch die Tür abgefeuert, dann Möbel zerhackt und Bücher zerrissen, die Überfallenen angesichts ihrer Frauen und Kinder schändlich misshandelt.

Egon Erwin Kisch

Hitler ist der gigantischste Betrug

[Beitrag von Beverley Nichols (1898–1983). Der Text wird aus urheberrechtlichen Gründen nicht wiedergegeben.]

Für die Internationale der Geister und Völker

Die „Kölnische Zeitung“ vom 9. Mai 1933 veröffentlichte unter der Rubrik „Randnoten“ nachfolgende Bemerkungen über Romain Rolland:

Die Kommunistische Internationale betreibt vom Ausland her eine maßlose Hetze gegen die nationale Regierung in Deutschland. Mit einem großen Aufwand an Lügen und Schauergeschichten sucht sie der Welt weiszumachen, dass Deutschland „vom Blut der Arbeiter dampft“ und dass das Proletariat aller Länder die Pflicht habe, sich zum Angriff„gegen den faschistischen Terror in Deutschland“ zu sammeln. In pathetischen Wendungen werden die sogenannten Intellektuellen aufgefordert, sich diesem Kampf anzuschließen. Viele sind verblendet genug, das zu tun, und man wundert sich nicht, ihre Namen unter den Aufrufen der Kommunistischen Internationale zu lesen. Merkwürdig berührt nur, dass eine jener üblen Schmähschriften, die in Kopenhagen erscheint, neben einem Beitrag von Henri Barbusse auch einen solchen von Romain Rolland veröffentlicht. Man erinnert sich bei dieser Gelegenheit, dass die beiden einst einen lebhaften Meinungsstreit hatten, da Romain Rolland die grausamen Irrungen des Bolschewismus entschieden verurteilte, während Barbusse sie als Durchgangsstufen zu einer besseren Zukunft der Menschheit zu rechtfertigen suchte. Jetzt haben sie beide zusammengefunden, der fanatische Jünger Moskaus und der Mann, den man einst „das Gewissen Europas“ nannte, weil er tapfer genug war, die Dinge gerecht zu betrachten, und dem Deutschland während des Krieges und in den spätem Jahren für manchen Beweis seiner gerechten Gesinnung dankbar sein konnte. Zuletzt war Romain Roiland noch für die Ansprüche Deutschlands auf eine gründlichere Revision der Verträge eingetreten. Dass er sich dadurch den Hass der französischen Chauvinisten zuzog, kümmerte ihn nicht, denn es ging ihm um Europa und seine hohen Kulturgüter, für die er einen bessern Frieden erkämpfte. Und gerade weil er diese Einsicht besaß, hätte er auch für die nationale Regierung in Deutschland Verständnis aufbringen müssen. Denn nur dank des entschlossenen Zugriffs dieser Regierung blieb Deutschland von dem bolschewistischen Chaos verschont. Das aber hätte an den Grenzen des Reiches bestimmt nicht haltgemacht, wenn ihm Deutschland zum Opfer gefallen wäre. Wer weiß, ob es nicht auch jene ruhigen Orte ergriffen hätte, wo heute unter falscher Berufung auf Kultur und Frieden gegen Deutschland gehetzt wird.

Romain Rolland antwortete in einem Offenen Brief, den wir erstmalig veröffentlichen:

Romain Rollands offener Brief an die „Kölnische Zeitung“

Paris, den 15. Mai 1933.

Herr Chefredakteur, Man hat mir die „Randnoten“ der „Kölnischen Zeitung“ vom 9. Mai (Nr. 25) übermittelt, die meiner Person gewidmet sind (vgl. die Anlage).

Es ist wahr ich liebe Deutschland und habe es immer gegen Ungerechtigkeiten und das Unverständnis des Auslandes verteidigt. Das Deutschland aber. das ich liebe und das meinen Geist bereichert hat, ist das seiner großen Weltbürger, — derer, „die (nach Goethe) Glück und Unglück anderer Völker wie ihr eigenes empfunden haben“ — derer, die an der Kommunion der Rassen und Geister gearbeitet haben.

Dieses Deutschland ist mit Füssen getreten, mit Blut besudelt und geschändet worden von seiner jetzigen „nationalen“ Regierung, vom Deutschland des Hakenkreuzes, das die freien Geister, die guten Europäer, Pazifisten, Juden, Sozialisten, Kommunisten von sich stößt, die eine Internationale der Arbeit gründen wollen. — Sehen Sie denn nicht, dass dieses national–faschistische Deutschland der schlimmste Feind jenes wahren Deutschland ist, das es gerade verneint?

Eine solche Politik ist ein Verbrechen nicht nur gegen die Humanität, sondern gegen Euer eigenes Volk. lhr beraubt es eines großen Teils seiner Energien. Ihr lasst es die Achtung seiner besten Freunde in der Welt verlieren. Eure „Führen haben in allen Ländern gewaltsam ein Bündnis der Nationalisten und Internationalisten gegen Euch geschaffen. Ihr wollt das nicht sehen. Ihr sprecht wieder von einer Verschwörung gegen Deutschland. Ihr, nur Ihr, habt Euch gegen Deutschland verschworen.

Ich habe die Ungerechtigkeit angeklagt, deren Opfer Deutschland nach dem Siege von 1918 geworden ist. Ich habe die Revision des aufgezwungenen Vertrages von Versailles verlangt. Ich habe die Gleichberechtigung Deutschlands mit den anderen Mächten gefordert. — Aber glauben Sie, dass ich sie zugunsten einer schlimmeren Ungleichheit verlangt habe, zugunsten eines Deutschland, das selbst die Gleichheit der menschlichen Rassen verletzt. ja alle Menschenrechte. die uns heilig sind? Die wütendsten Revisionsgegner konnten nicht ärger gegen Deutschland handeln als Ihr, Ihr allein es getan habt.

Die Zukunft wird Euch — zu spät! — Euren vernichtenden Irrtum beweisen. dessen einzige Entschuldigung der Wahnsinn der Verzweiflung ist, in die die Blindheit und Härte Eurer Besieger Euer Volk seit Versailles gestürzt haben.

Ich werde meine Zuneigung zu Deutschland bewahren, trotz Eurer Taten und gegen Euch, meine Zuneigung zu jenem wahren Deutschland, das die Schändlichkeiten und Irrungen des Hitlerfaschismus verabscheut. Und ich werde weiterarbeiten, wie mein ganzes Leben lang, nicht für den Egoismus eines einzelnen Volkes, sondern für alle verbündeten Völker - für die Internationale der Geister und Völker.

Romain Rolland

P. S. Sie behandeln die Anklage der ausländischen Presse gegen den Hitlerfaschismus als Verleumdung.

Wir haben ein ganzes Archiv von Zeugnissen Verbannter über Gewalttaten der Braunhemden, die die Staatsgewalt weder geahndet noch bedauert hat. Aber lassen wir das! Uns genügen die offiziellen Meldungen. Leugnet Ihr denn die eigenen Erklärungen Eurer Minister Göring, Goebbels, - die der Rundfunk verbreitet hat? Leugnet Ihr ihren Schrei nach Gewalt, ihre Bekenntnisse eines Rassenwahns, der andere Rassen, z. B. Juden, kränkt, riecht Ihr nicht all diesen Muffdes Mittelalters, der längst aus Europa verschwunden war? Leugnet Ihr die Scheiterhaufen der freien Gedanken, die kindlichen, von der ganzen Welt verlachten Bücherverbrennungen? Leugnet Ihr das freche Eindringen der Politik in Akademien und Universitäten? Merkt Ihr denn nicht, dass die großen Verbannten der Wissenschaft und Kunst auf der Waage der Weltmeinung schwerer wiegen als die lächerlichen Bannflüche ihrer Verfolger?

Romain Rolland

Die Bedeutung des deutschen faschistischen Terrors

Wer heute über die Misshandlungen der Juden und Kommunisten in Deutschland entsetzt ist, sollte sich daran erinnern, dass physische und moralische Gewalt das Wesen des Faschismus überhaupt ist. Der Faschismus ist nicht nur konterrevolutionär. Er ist auch „konter-historisch“. Man muss seine ganze Kraft anspannen, um gegen den Strom zu schwimmen, wie Hitler es tut, und wie Mussolini es getan hat. Hitler muss seinen Vorteil ziehen aus jedem Vorurteil, jeder in Erscheinung tretenden Leidenschaft, um die natürlichen, die ökonomischen Strömungen einzudämmen, welche dem Ende des kapitalistischen Systems zustreben. Der Anti–Semitismus bedeutete eine Kraft für ihn, die er sich zu Nutze machen musste.

In jeder verzweifelten Situation benutzt und entfacht der faschistische Führer alle Leidenschaften, alle Vorurteile. So trieb die Führerschaft Hitlers zu den groben Exzessen, welche die übrige Welt gegen ihn aufbrachten. Aber die Welt sollte, jetzt mehr denn je, begreifen, dass der Faschismus immer diesen Weg gehen wird und gehen muss. Die Faschisten haben die die Geschichte gegen sich - die Geschichte und die menschliche Einsicht.

Auch der Kommunismus in Russland stieß auf Anti–Semitismus, und zwar auf sehr starken, sehr verbreiteten Anti–Semitismus. Die zaristischen Pogrome sind bekannt. Aber die russischen Führer wollten alle Völker um sich sammeln, die am Aufbau jenes menschlichen und verständlichen Systems mitarbeiten und mit helfen konnten, das man Kommunismus nennt. Der Kommunismus hat die Pogrome abgeschafft. Der Anti-Semitismus ist im Aussterben.

Ich freue mich sehr, dass in Madison Square Garden ein Massen-Meeting stattfinden soll, und ich hoffe, dass hier die Bedeutung des Faschismus klargelegt wird. Es würde schade sein, sich bloß in Entrüstung — wenn auch gerechter — zu verlieren, statt sich von den Ereignissen in Deutschland eine Lektion erteilen zu lassen. Diese Lektion lehrt, dass der Faschismus alle auf hoher Wirtschaftsstufe stehenden Völker, ob Juden, Deutsche, Italiener oder Amerikaner. mit seinem Hass verfolgt, und zwar am heftigsten jene Minderheiten, die in der Vergangenheit am wenigsten in der Lage waren, sich zu verteidigen. Ich habe von vornherein angenommen, dass den Angriffen auf die Juden Angriffe auf die Rechte folgen würden, die sich Frauen, Kinder, die Arbeiterklasse, die Neger in unserer Zeit erworben haben. Folgendes ist keine Übertreibung: In einer deutschen Zeitung, die ich selbst gelesen habe, in den „Nationalsozialistischen Monatsheften“ wurde der Neger dargestellt als das „wilde Tier, das weder durch Sklaverei noch durch Zivilisation gezähmt werden kann.“ Ferner wird angestrebt, dass die Frauen ihr Stimmrecht verlieren und sich dem alten monarchistischen Ideal der deutschen Frau für „Küche, Kirche, Kinder“ wieder angleichen sollen.

Der Faschismus hat nicht etwa erst vor einigen Wochen. gleichzeitig mit dem Hitler–Terror, begonnen. Die heute gesetzlich sanktionierten Methoden sind schon Jahre hindurch erprobt worden. Jahre hindurch haben Juden und Liberale auf Grund des wachsenden faschistischen Druckes ihre Stellungen verloren.

Es ist heute vor allem der Faschismus, auf den wir unsere ganze Aufmerksamkeit konzentrieren müssen, der Faschismus als Phase der Politik des Weltkapitals, das keinen anderen Ausweg findet aus seinen eigenen Widersprüchen und seinem Kampf ums nackte Leben. Wir haben es hier mit viel mehr zu tun, als mit einer bloßen Serie von Ereignissen innerhalb einer nationalisischen Terrorwelle. Es ist nicht Deutschland, sondern klar und eindeutig der Faschismus, der die Juden und andere Minderheiten unterdrückt.

Der Faschismus zielt — ich wiederhole es – auf die Unterdrückung aller wirtschaftlich fortgeschrittenen Völker hin, die sich einem kommunistischen System einpassen und sogar glücklich unter ihm sein könnten. Wir Amerikaner könnten den Kommunismus leichter als die Russen durchführen. Wir sind reifer für den Kommunismus als Russland. Und ebenso Deutschland; die Deutschen würden sich im Kommunismus so schnell zurechtfinden wie junge Enten im Ententeich. Sie sind reif für den Kommunismus. Sogar nach der Unterdrückung durch Hitler haben sie fünf Millionen kommunistische Stimmen gehabt.

Von allen Nachrichten aus Deutschland hat mich am meisten die Nachricht erschüttert von dem organisierten Protest einiger Juden (jüdischer Veteranen, zum Beispiel), dass sie nicht misshandelt worden sind. Han stelle sich den Terror vor, der imstande war, die Juden so etwas sagen und so etwas unterzeichnen zu lassen. Es kann nur die Angst um das nackte Leben gewesen sein, die sie dazu getrieben hat.

Die amerikanische Arbeiterschuft tut ein großes Werk und kann aus dem Rassenelend in Deutschland einen Triumph machen, wenn sie diese Tatsachen begreift und in das richtige Licht rückt.

Lincoln Steffens

Offener Brief an Herrn Goebbels

Als am fünften Mai die Werke deutscher Schriftsteller, Philosophen und Forscher auf den Scheiterhaufen geworfen wurden, haben Sie, Herr Goebbels, diesen barbarischen Akt beschützt und gut geheissen und in Ihrer Rede die verbrannten Werke jener Männer. die ein edleres Deutschland repräsentieren als Sie, „geistigen Unflat“ genannt.

Sie haben aus den deutschen Verlagen, Theatern, Buchhandlungen, Bibliotheken, Schulen unsre Werke verbrannt, Sie verfolgen die Verfasser, sperren sie ein oder jagen sie aus dem Land.

Sie vertreiben von den deutschen Universitäten die besten Lehrer. Aus den Konzertsälen die Dirigenten und Komponisten. Aus den Theatern hervorragende Schauspieler. Von ihren Arbeitsstätten und aus den Akademien Maler, Architekten, Bildhauer. Es genügt Ihnen nicht, die zu quälen, die Sie in Ihre Gefängnisse und Konzentrationslager kerkern, Sie verfolgen selbst die Emigranten durch die mannigfachen Mittel Ihrer Gewalt, Sie wollen sie (um in Ihrer Sprache zu reden:) geistig und physisch „brutal und rücksichtslos vernichten“.

Und was ist der Grund so abgründigen Hasses? Diese Männer glauben an eine Welt der Freiheit, der Menschlichkeit, der sozialen Gerechtigkeit, diese Männer sind wahrhafte Sozialisten, Kommunisten oder gläubige Christen, diese Männer sind nicht gewillt, die Stimme der Wahrheit zu verleugnen und der Macht sich zu beugen.

Die Verfolgungen und Ächtungen sind für uns Verfolgte eine große Ehrung, mancher von uns wird jetzt erst beweisen müssen, dass er diese Ehrung verdient.

Sie geben vor, die deutsche Kultur zu retten, und Sie zerstören die edelste Arbeit der deutschen Kultur.

Sie geben vor, die deutsche Jugend zu erwecken, und Sie blenden ihren Geist, ihre Augen, ihre Sinne.

Sie geben vor, die deutschen Kinder zu retten, und Sie vergiften ihre Herzen mit den schändlichen Phrasen eines stupiden Nationalismus und Rassenhasses.

Sie geben vor, das werktätige Volk zu befreien, und Sie schmieden es in die Knechtsfesseln sozialer und geistiger Unfreiheit.

Sie geben vor, Deutschland von seinen Schuldigen“ zu reinigen, und Sie verfolgen die Schwächsten, die Juden.

Sie geben vor, dass Sie und der deutsche Geist identisch sind, aber Ihre Taten sind die Ächtung der Ideen Goethes und Lessings, Herders und Schillers, Wielands und Rankes und aller jener Männer, die um die reinsten Werte Deutschlands gerungen haben und sie in die Welt trugen.

Ich las in diesen Tagen Ihre künstlerischen Werke und die ihrer Pgs. Dass Sie ein schlechtes Deutsch schreiben, will ich Ihnen nicht zum Vorwurf machen. Gewalt verleiht noch kein Talent. Dass Sie aber die deutschen Theater zwingen, diese armseligen Werke zu spielen, ist kläglich.

Sie sprechen soviel vom Heldentum, wo haben sie es bewiesen? Auch wir kennen ein

Heldentum, das Heldentum der Arbeit, des Charakters, des unbedingten Menschen, der zu seiner Idee hält.

Sie sprechen soviel von der Feigheit Ihrer Gegner. Wir versprechen Ihnen, dass Ihre Verfolgungen uns härter, Ihr Hass uns reifer, Ihr Kampf uns kämpferischer machen werden.

Wir sind nicht schuldlos an unserem Schicksal, wir haben viele Fehler begangen, der größte war unsere Langmut.

Wir werden, dank der Lehre, die Sie uns gaben, unsere Fehler überwinden. Und das ist Ihr Verdienst.

Ernst Toller.

Einheitsfront gegen den Faschismus um jeden Preis

Es gibt Dinge, gegen die man sich mit ganzer Seele auflehnen muss. Die Welt hat seit August 1914 viel Grausamkeit gesehen Und man sollte meinen, dass der menschliche Geist keine schlimmeren Qualen erfinden kann als die Schrecken nur eines einzigen Gas-Angriffs. Und dennoch ist eine Welt, die den Krieg vier lange, todesschwangere Jahre hindurch duldete, ja verherrlichte, entsetzt über das, was Hitler in drei Monaten getan hat. Diejenigen, die für Hitlers Angriffe auf die Sozialisten nur ein Achselzucken übrig hatten, die seine Schläge gegen den Kommunismus sogar beifällig begrüßt haben, sind empört über seine systematische Kampagne gegen alle jene kulturellen Bestrebungen, gegen die Bücher, Menschen, Forschungen, Ideen, die der Nation Deutschland die Achtung der Welt eingetragen haben.

Ich habe mit einem Arbeiterführer im Ruhrgebiet gesprochen. „Sie verbrennen Bücher,“ sagte er, und seine Stimme klang beschämt. Bücher können neu gedruckt werden. Aber die wertvollen Männer und Frauen, die die SA getötet hat, können nicht wieder zum Leben zurückgerufen werden. Die Gefahr des Faschismus liegt in seiner erbarmungslosen Bekämpfung von allem, was in die Zukunft deutet, in seiner Entschlossenheit, uns an alte Ideen zu ketten: Militarismus, Sklaventum, Unterordnung der Frauen, Klein–Industrie, gesellschaftliche Formen, welche die Menschheit schon überholt hat.

Hitler und die Faschisten haben sich sorgfältig die Führer jeder Art von Fortschritt herausgesucht. Und nicht nur Schriftsteller, Dichter, Wissenschaftler, nicht nur Führer und Verbreiter fortschrittlicher politischer Meinung. Diese sogenannten „Sturm“-Trupps haben gerade jene Arbeiter ausgesucht, die den Anschein erweckten, geistige Führer ihrer Kameraden zu sein, diejenigen Arbeiter, die schon eine kleine Bibliothek gesammelt hatten, und die Bilder besaßen von Ludwig Renn, von Karl Marx. Arbeiter haben gelitten, weil sie des Verbrechens verdächtig waren, ernsthaft nachzudenken. Das ist unter dem Faschismus offenbar das größte Verbrechen.

In England und Amerika beginnt man schon zu sagen: „Das Schlimmste ist vorbei. Deutschland wird sich jetzt beruhigen.“

Ich bin kürzlich gerade bei den Flüchtlingen in den Grenzstädten gewesen: in Saarbrücken, Forbach, Straßburg und in den umliegenden Dörfern. Jeden Tag kommen neue Flüchtlinge an: Arbeiter von der Ruhr, Rechtsanwälte aus ihren Villen. Jeder einzelne legt Zeugnis ab von dem unnachgiebigen Terror, der immer noch vor sich geht. Ich habe einige Briefe gelesen, geschrieben von Frauen und Müttern an ihre Männer, die aus ihren Heimatstädten fliehen mussten. Eine einfache Frau aus Duisburg schrieb: „Ich würde vor Freude in die Hände klatschen, wenn ich Flieger sehen würde, die gegen Hitler herüberkommen würden. Selbst wenn ich getötet würde, so würden doch die anderen Deutschen vor diesen Ungeheuern gerettet werden.“Eine Frau, die nur mit äußerster Mühe vier Mark zusammenkratzen kann, um sie ihrem mittellosen Sohn ins Exil zu schicken, kann so etwas nur schreiben aus einer Erbitterung der Seele heraus, die von jemand, der faschistische Herrschaft noch nicht am eigenen Leibe gespürt hat, einfach nicht begriffen werden kann.

Jetzt, da sie Herren im Lande sind, können die Nazis mit ihren Gefangenen machen, was sie wollen. Mit einem jungen Flüchtling, einem Menschen, der der Stolz seines Landes und nicht ein Flüchtling sein sollte, besuchte ich die Redaktion einer Straßburger Zeitung. Der Redakteur war weder Sozialist noch Kommunist, er war ein ausgekochter Zeitungsmann. Er warf uns über den Schreibtisch eine Liste von Namen herüber. „Vielleicht Bekannte drunter? Es ist die letzte Liste der Toten von Dachau.“Mein Begleiter nahm das Papier, und wurde weiß im Gesicht. „Den kannte ich,“ sagte er niedergeschmettert.

„Haben Sie irgendeine Nachricht darüber, wie er gestorben ist?“ „Ja, schlechte Zeiten,“ sagte der Redakteur in sachlichem Ton. „Schwer gequält. Im Delirium erschossen. Natürlich wird gesagt áuf der Flucht erschossen´“ „Woher haben Sie das erfahren?“ fragte ich. Der Redakteur lächelte. „Das möchten auch die Nazis gerne wissen. Meine Informationen sind genauer als sie es gern haben.“

Ellen Wilkinson.

13 Der heroische Kampf der deutschen Arbeiter

Bremer Polizeidirektion: „Trotz der vor einigen Tagen veröffentlichten polizeilichen Warnung vor der Verbreitung illegaler kommunistischer Druckschriften und dem Hinweis auf die hohen Strafbestiu1inungen wurde am Dienstag Abend von kommunistischer Seite die illegale, 6 Seiten starke ,Arbeiter-Zeitung‘ zur Verteilung gebracht..“ (26. Mai 1933). Berliner Polizei-Pressestelle: „Bei der Durchsuchung wurden erhebliches Druckschriftenmaterial und zahlreiche Matrizen zur Anfertigung von Mai–Flugblättern in Steglitz und Friedenau gefunden...“ (28. April 1933) Stuttgarter Polizei-Pressestelle: „Obwohl die Beschlagnahme und Einziehung sämtlicher kommunistischer Druckschriften schon am 1. März 1933 angeordnet worden ist, werden immer noch kommunistische Flugblätter im Land verbreitet...“ (21. April 1933).

Dieses Buch berichtet von den wahren Brandstiftern des Reichstages und von dem barbarischen Hitler-Terror. Die deutschen Antifaschisten, die dieses Buch in kollektiver Arbeit schrieben, wollen aber auch der ganzen Welt freudig künden: dass es noch ein anderes, lebendiges Deutschland gibt. Es ist das Deutschland des unterirdischen, illegalen Freiheitskampfes der Antifaschisten. Es ist das Deutschland des wahren Heldentums. Es ist das Deutschland derer, die mit dem Opfer ihres Glückes oder ihres Lebens heroisch die Ehre und die sozialistische Zukunft des deutschen Arbeitervolkes verteidigen.

Hitler wollte alle politischen Parteien zertrümmern. Es gibt aber eine Partei, die nicht zu zertrümmern ist: die illegal kämpfende Kommunistische Partei Deutschlands. Die Nachrichten der Hitler-Regierung selbst bezeugen täglich die Tatsache, dass diese Partei eine unerschütterliche aktive Gegenkraft ist. Sie setzt ihre Tätigkeit fort, und aus ganz Deutschland kommen Nachrichten, dass ganze Arbeitergruppen der Sozialdemokratie, des Reichsbanners, der Sozialistischen Arbeiterjugend und der christlichen Arbeiter sich mit den illegal arbeitenden Kommunisten im praktischen Kampf gegen die Hitlerdiktatur zur brüderlichen Einheitsfront zusammenfinden.

Schon in den Tagen des Reichstagsbrandes flatterten die antifaschistischen Flugblätter der Kommunisten in die Massen der Arbeiter. Die Arbeiterwohnungen, die Keller und Dachböden der Mietskasernen werden in Geheimdruckereien verwandelt. Wenn Hunderte ihrer Agitatoren verhaftet wurden, traten Tausende neuer geschulter und überzeugter Kämpfer an ihre Stelle. Wenn Folterungen und Misshandlungen sich häuften, erklang die Stimme des antifaschistischen Freiheitskampfes noch kühner und aufrüttelnder. Jede der illegalen Zeitungen der Kommunisten ist Zeile für Zeile mit Arbeiterblut geschrieben. Auf jede erschienene Nummer antworten an ihrem Erscheinungsort neue grausame Verfolgungsaktionen.

Der Organisator des Reichstagsbrandes Göring musste der antifaschistischen „Zersetzungsarbeit“ der Kommunisten das glänzendste Zeugnis ausstellen, als er bei der Auflösung des „Kampfringes junger Deutschnationaler“, Ende Juni 1933, in der amtlichen Begründung erklärte, der „Kampfring“ sei völlig von Kommunisten durchsetzt gewesen. Anfang Juli beweisen die drohenden Erklärungen Hitlers und Fricks gegen eine „zweite Revolution“, dass die Entlarvungsarbeit gegen das Hitlerregime auch in weiten Kreisen der SA und der NSBO wirksam ist.

Die folgenden wenigen Seiten können nur einen kleinen Ausschnitt aus dem „unterirdischen“ Deutschland geben

13.1 Die illegale „Rote Fahne“

Einer der wichtigsten antifaschistischen Kampfabschnitte ist die Herausgabe und Verbreitung der illegalen Presse. Die „Rote Fahne“, das Zentralorgan der Kommunistischen Partei Deutschlands, ist seit dem Reichstagsbrand in regelmäßiger Folge erschienen. Polizeiaktionen, Razzien, Aufgebote von Tausenden von Spitzeln, nächtliche Patrouillen der SA und SS durch die Druckereien können das Erscheinen dieser Zeitung nicht verhindern. Immer wieder findet das illegale Blatt, vier- oder zweiseitig, seinen Weg in die Mietskasernen auf dem Wedding, in die Betriebsabteilungen der AEG und von Siemens, in die Straßenbahnhöfe der Berliner Verkehrsgesellschaft. Mag die technische Ausstattung der „Roten Fahne“ schlechter als früher sein, niemals hat jedes einzelne ihrer Exemplare mehr Leser gefunden als jetzt.

Die christlichsoziale Wiener „Reichspost vom 27. Mai 811) folgende interessante Schilderung:

„Die ,Rote Fahne‘ erschien zuerst in einer illegal gedruckten Ausgabe, in einer Auflage von 300 000 Exemplaren, der dann zahlreiche vervielfältigte Auflagen folgten. Geheime Druckereien — schon früher für solche Zwecke vorbereitet — Abzugsapparate und Schreibmaschinen begannen ihr Werk. Bald waren der größte Teil der Orts-, Zellen- und Betriebszeitungen — freilich zumeist nur vervielfältigt — wieder im Umlaufe, und Hunderttausende von Flugzetteln gingen in den Betrieben und in den Arbeitslosenämtern von Hand zu Hand.“

In zwanzig Stadtteilen von Groß–Berlin werden — neben der gedruckten „Roten Fahne“ — regelmäßig wöchentlich, in manchen Gebieten zweimal in der Woche, vervielfältigte, von Wachs– oder Metallplatten abgezogene Zeitungen, verbreitet. Sie tragen alle den Kopf „Rote Fahne“. Zahlreiche einfache Arbeiter sind die Redakteure dieser Zeitungen.

13.2 Rote Sprachrohre in ganz Deutschland

Die Hamburger Polizei teilt Anfang Mai mit:

„Trotz schärfster behördlicher Gegenmaßnahmen kommt es immer wieder vor, dass hochverräterische Flugschriften der KPD, insbesondere Flugblätter sowie die verbotene „Hamburger Volkszeitung“ und sonstige marxistische Schriften hergestellt und auf der Straße und in den Häusern vertrieben werden.“

Im Ruhrgebiet erschien das „Ruhr–Echo“ mehrfach in großer Auflage. Die 1. Mai–Nummer des Blattes der Ruhrarbeiter hatte sogar Doppelfarbendruck. In den Stadtteilen von Essen erschienen, obwohl ganze Stadtviertel von SA und Polizei durchsucht wurden, obwohl die mutmaßlichen Verteiler der Zeitungen in grauenhaftester Weise gefoltert wurden, immer wieder vervielfältigte Ausgaben des „Ruhr–Echo“.

Aus München berichtet ein Arbeiterbrief, dass jede Woche eine hektographierte Zeitung in einer Auflage von 3000 Exemplaren erscheint. Sechs Reichsbannerkameradschaften helfen bei der Verteilung der Zeitung.

Die Bremer Polizeidirektion erlässt am 23. Mai Aufrufe gegen die illegale, sechs Seiten starke „Arbeiter-Zeitung“. Die „Süddeutsche Arbeiter-Zeitung“ in Stuttgart erscheint gedruckt, ebenso die illegalen Organe in Leipzig und Frankfurt am Main. Am Niederrhein kamen in April und Mai mehrere Nummern der Düsseldorfer „Freiheit“ zur Verteilung. In Mannheim erhebt immer wieder die „Rote Fahne Badens“ ihre Stimme. In Erfurt erscheint das „Thüringer Volksblatt“.1

13.3 Die Stimme der Antifaschisten in den Betrieben

Die Kommunistische Partei hatte sich als einzige Partei seit Jahren in den Betrieben auf eine illegale Tätigkeit vorbereitet. Ihre Parteimitglieder wurden schon vor Errichtung der Hitlerdiktatur in der geheimen Herstellung und Verbreitung von Betriebszeitungen geschult. So erscheinen jetzt zahlreiche solcher Blätter, die mit unerhörtem Opfermut verbreitet werden.

In der Berliner AEG erscheinen illegale Betriebszeitungen. Im Hamburger Hafen erscheinen die Zeitungen „Hafentelegramme“, „Funksprüche“ und „Der Sturm“.

Ein AEG– Arbeiter berichtet („Antifaschistische Front“ vom 2. Juli 1933) über die Methoden der illegalen Betriebsarbeit:

„Unser letztes Flugblatt erschien in einer Größe von 10x20 cm. Wir stellten es folgendermaßen her: Erst haben wir die Parolen ausgearbeitet und sie in Linoleum geschnitten, dann haben wir den Linoleumstreifen auf einen Tintenlöscher angenagelt und so, Stück um Stück, gedruckt. In der Nacht haben wir eine ganze Anzahl vor den Betriebstoren angeklebt und die übrigen als Streuzettel auf die Straße gelegt.

[Anmerkung] Im Juli wurde eine Erfurter Geheimdruckerei entdeckt. Drei Funktionäre wurden auf der Stelle von SA erschossen.

Die Kollegen, die direkt verhungert sind nach Aufklärungsmaterial, haben, als sie morgens zur Arbeit kamen, die Zettel begeistert aufgenommen und jeder einzelne ging durch Dutzende von Händen“.

Aus einem Hamburger Angestelltenbetrieb wird berichtet, dass dort im Klosett beim Ziehen der Papierrolle jedes Mal ein winziges Flugblatt oder ein Ausschnitt aus einer illegalen Zeitung herausfiel. Im Berlin-Spandauer Betrieb von Siemens gelang es den antifaschistischen Jungarbeitern, ihre Betriebszeitung bis zur letzten Nummer regelmäßig zu verteilen. Die selbst hergestellte „Rote Wacht“ der Betriebe Bielefelds wird gemeinsam von kommunistischen, sozialdemokratischen und Reichsbannerarbeitern verkauft.

13.4 „Blitz-Aktionen“

In den vergangenen Monaten kam es in vielen Hunderten von Orten zu größeren und kleineren Demonstrationen der Antifaschisten, die sich meist in der Form sogenannter „Blitz–Demonstrationen“ abspielten. „Blitz-Demonstrationen“ oder „fliegende Demonstrationen“ gehen meist in folgender Form vor sich: Die Arbeiter sammeln sich auf ein bestimmtes Signal an einem verabredeten Punkt, demonstrieren mehrere Minuten mit Rufen gegen die Hitler-Diktatur und mit Gesang antifaschistischer Lieder Solche Demonstrationen losen sich oft wieder auf, bevor noch Polizei und SA gegen sie eingreifen kann. Diese bewegliche Methode soll eine größere Zahl von Verhaftungen verhindern.

Im Monat April wurden u. a. solche Demonstrationen aus Remscheid, Cleve, Krefeld, Siegen, Stettin, Worms, Osterode. Düsseldorf und Linden bei Hannover gemeldet.

ko Anfang Mai wird z. B. aus Hamburg berichtet, dass dort die kommunistische Jugend 10 000 gedruckte Flugblätter verteilt, 30 selbst angefertigte Plakate geklebt und in allen Stadtteilen eifrig antifaschistische Parolen an Mauern und Säulen gemalt hat. Vier Blitz–Demonstrationen wurden durchgeführt, an denen sich durchschnittlich je 300 Junge Antifaschisten beteiligten.

Ein dänischer Antifaschist berichtet über die Methoden der antifaschistischen Agitation, die er bei einem Aufenthalt in Deutschland sah: In einer Arbeiterstraße tritt plötzlich ein Sprechchor auf. Es erschallt der Ruf; „Wer hat den Reichstag angezundet? Die Nazis!“ Einen Augenblick später sind die vier Mann des Sprechchors verschwunden.

Anfang März hing quer über einer Dortmunder Arbeiterstraße ein Plakat: „Nero steckte Rom in Brand und beschuldigte die Christen — Hitler steckte den Reichstag in Brand und beschuldigt die Kommunisten!“ Ende April klebte in verschiedenen Teilen Dortmunds dieselbe Losung als Linoleumschnitt. Die „Vossische Zeitung“ vom 3. Mai meldet:

„In Bernau war, wie das WTB meldet, in der Nacht zum 1. Mai an der Spitze des Turms der Marienkirche eine rote Fahne mit Hammer und Sichel angebracht worden, Sie wurde in der Frühe des 1. Mai von SA-Leuten unter Lebensgefahr heruntergeholt. Als man am Rathaus; am Feiertag der nationalen Arbeit die Hakenkreuzfahne aufziehen wollte, musste man feststellen, dass sie in der Nacht gestohlen worden war.

Die Aufregung in Bernau über die doppelte Herausforderung war unbeschreiblich. In der Nacht vom 1. zum 2. Mai wurden dann durch die SA im Verein mit der Polizei 40 verdächtige Personen festgenommen und in das Konzentrationslager Oranienburg gebracht.“

Vor dem 1. Mai setzten die blitzartigen Agitationsmethoden der Antifaschisten verstärkt ein. Am 29. April abends 9 Uhr flatterten von den Häusern der Frankfurter Allee, Ecke Königsbergerstraße Tausende von Flugblätter unter die Passanten. Im Kaufhaus des Westens und in den Warenhäusern von Tietz wurden im Lichthof von den Galerien und Treppen aus die Flugblätter abgeworfen. Am 1. Mai demonstrierten nachmittags 300 Arbeiter im Berliner Osten auf dem Marsch zum Petersburger Platz. Im Monat Mai steigert sich die neue Welle der antifaschistischen Aktivität. Am 12. Mai berichtet das Berliner „12-Uhr-Blatt“ über die Sprengung eines kommunistischen Demonstrationszuges in Spandau, wobei zehn Verhaftungen vorgenommen werden. In Stuttgart-Ost in der Kolonie „Reitelsberg“ demonstrieren die Jungarbeiter gegen die Hitlerdiktatur. Auch die neue Verhaftungswelle im Juni konnte nicht die tapferen Aktionen der Antifaschisten verhindern:

„Am 9. Juni fand im Osten Berlins am Zentralviehhof eine Demonstration statt, an der sich 500 bis 600 Arbeiter beteiligten. Kurz vor 7 Uhr abends sammelten sich auf ein Hornsignal die Arbeiter, aus den Nebenstraßen kommend, in der Eldenacherstraße. Unter starker Beteiligung auch der Schlachtergesellen vom Zentralviehhof und der umliegenden Schlachtergeschäfte setzte sich die Demonstration mit dem Gesang der „Internationale“ in Bewegung. Unter Hochrufen auf die KPD und Niederrufen gegen die Hitlerregierung zog die Demonstration durch die Eldenacher-, Hausburgund Thaerstraße bis kurz vor die Frankfurter Allee. Faschistischen Sturmtruppen aus den umliegenden Sturmlokalen gelang es nicht, die Demonstration der Arbeiter zu sprengen. Die alarmierte Polizei nahm nach Beendigung der Demonstration wahllos Verhaftungen vor.“

13.5 Helden des Antifaschismus

Mit grausamer Härte verfolgen die nationalsozialistischen Führer die Antifaschisten, die illegal in Deutschland weiterkämpfen. Fallen sie in die Hände der SA, dann bedeutet es oft Folter und Tod. Die Bremer Polizeidirektion hat am 1. Juli 1933 die Marterung der verhafteten Antifaschisten, als Vorbereitung der polizeilichen Vernehmung öffentlich angekündigt:

„Die Bremer Polizeidirektion gibt bekannt: Im Anschluss an die Plakatierung „Letzte Warnung“ hat der Polizeiherr die Anordnung getroffen, dass sämtliche Personen, die trotz aller Warnungen in Zukunft noch wegen marxistischer Propaganda oder anderweitiger staatsfeindlicher Betätigung in Haft genommen werden, zunächst einem nationalen Verband zugeführt werden sollen(!) Der nationale Verband hat die Aufgabe, zur Unterstützung der politischen Polizei die Festgenommenen eingehend über ihre Straftat vorbereitend zu vernehmen und sie dann mit dem Ermittlungsergebnis der Geheimen Staatspolizei zuzuführen.“

Zu Folter und Mord tritt die Aushungerung als Waffe der Hitlerregierung gegen die Antifaschisten.

Kassel, 8. Juli: „Im Kreise Schmalkalden, der zum Regierungsbezirk Kassel gehört, hat sich in den letzten Tagen eine verstärkte kommunistische Propaganda unter den Erwerbslosen bemerkbar gemacht. Es wurden verschiedentlich kommunistische Flugblätter verbreitet, deren Urheber und Verbreiter noch nicht ermittelt sind. In der Stadt Schmalkalden hat der Bürgermeister darauf angeordnet, dass allen links eingestellten Unterstützungsempfängern des Wohlfahrtsamtes die Unterstützung so lange gesperrt werden soll, bis die Täter ermittelt sind.“ (Frankfurter Zeitung, 10. Juli 33.)

Vor dem Sondergericht stehen die angeklagten Antifaschisten ohne Verteidigung, ohne Zeugen, ohne die geringste Verteidigungsmöglichkeit. Der Richter ist Henker. Bevor noch die Anklage erhoben ist, weiß er, welches drakonische Urteil er zu fällen hat. Heldenhaft stehen viele Angeklagten der faschistischen Gewalt gegenüber. So wird am 2. Juni 1933 aus Altona über einen Prozess gegen 20 antifaschistische Arbeiter berichtet:

„Der kommunistische Arbeiter Lütgens, gegen den der Staatsanwalt die Todesstrafe beantragt hatte, erklärte, dass der Antrag der Staatsanwaltschaft ihm zur Ehre gereiche,denn für einen Revolutionär sei die Todesstrafe vor dem Klassengericht die höchste Auszeichnung, die er erhalten könne, und die Zuchthauskleidung ein Ehrenkleid. Er erklärte auch, dass er es als eine Schande empfinde, dass ein zum Scheine mitangeklagter Polizeispitzel mit ihm in einem Zuchthaus sitze, und forderte zum Schluss, dass ihm die eventuelle Strafe dieses Polizeispitzels mit zudiktiert werde, damit er nicht mit diesem Lumpen im gleichen Zuchthaus sitzen müsse.“

Mitte Mai stand die Stenotypistin Jürr vor Gericht und wurde zu 11

2 Jahren Zuchthaus verurteilt, weil sie Flugblätter weitergegeben hatte. Der Berliner „Tag“ berichtet:

„Die Angeklagte erklärte vor Gericht, sie stehe auch jetzt noch zum kommunistischen Gedanken, worauf der Anklagevertreter erwiderte:

,Es muss hier einmal in aller Öffentlichkeit erklärt werden, mit welcher Dreistigkeit und in welch unverschämter Weise die Kommunisten es wagen, noch hier vor dem Sondergericht aufzutreten.‘ “

Ähnliches ereignet sich täglich vor deutschen Sondergerichten. Nur über einen Bruchteil der Prozesse erscheinen Nachrichten in der Presse. Die Weltöffentlichkeit wurde Ende Mai alarmiert durch die Todesurteile gegen die antifaschistischen Arbeiter Barthel und Winkler in Chemnitz, sowie gegen die Arbeiter Lütgens, Tesch, Wolffund Möller in Altona. Seitdem steigert sich die Zahl der terroristischen Todesurteile von Woche zu Woche in Dessau, in Köln, in Harburg-Wilhelmsburg, in Berlin, in Hamburg wird in Serien die ’Iodesslrale gegen antifaschistische Arbeiter ausgesprochen wegen Taten, die z. T. längst amnestiert waren, die in Notwehr geschahen, an denen sie oft überhaupt nicht beteiligt waren. Sie werden verurteilt nicht wegen ihrer Taten sondern wegen ihrer Gesinnung.

Der Umfang dieses Buches gestattet nur, einige Ausschnitte aus dem illegalen antifaschistischen Kampf zu geben. Auf diesen Seiten konnte nicht geschildert werden die Organisierung von politischen und wirtschaftlichen Streiks durch Antifaschisten, die Hunderte von Bewegungen in den Betrieben, die Rebellionen in den Arbeitsdienstpflichtlagern unter der Führung von jungen Antifaschisten. Von diesen Aktionen wird in zweiten Band des „Braunbuches“ berichtet werden.

Das Heldenlied des illegalen antifaschistischen Freiheitskampfes in Deutschland muss noch geschrieben werden Kämpfer, die der drohenden Ermordung ins Auge blickten und dem braunen Ansturm standhielten. Verhaftete, die auf die Todesankündigung mit dem stolzen Bekenntnis zum Sozialismus antworteten. Misshandelte, die unter den Schlägen der Stahlruten und Knüppel die „Internationale“ sangen. Helden wie jener Lehrer Wilhelm Hamann in Hessen, der die Hakenkreuzfahne tragen und rufen sollte „Es lebe der Führer des deutschen Volkes, Adolf Hitler!“, der aber die Hakenkreuzfahne zu Boden warf und unter den Schlägen der SA rief „Es lebe die Revolution und der Genosse Thälmann!“

Zehntausende namenloser Kämpfer sind im „Dritten Reich“ am Werk, Deutschland und die Welt von der schmachvollen braunen Barbarei zu befreien. Galgen und Sondergerichte, Folterungen und Konzentrationslager bedrohen sie. Ihre Standhaftigkeit, ihr Mut sind nicht zu brechen. Sie stehen ein für das kommende freie sozialistische Deutschland. Sie entfachen in unerschrockener Tätigkeit immer aufs Neue die Funken, aus denen die Flamme der sozialistischen Freiheit schlagen wird.

Das „Braunbuch“ wurde gegen Ende Juni abgeschlossen. In das Mordkapitel wurde noch ein Fall aus dem Juli aufgenommen. Die Liste der Ermordeten wurde während der Drucklegung des Buches weitergeführt.

BERICHTIGUNG:

Auf Seite 149 wurde Prof. Hensel versehentlich als Mathematiker bezeichnet. Prof. Hensel ist Jurist.