Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitler-Terror (1933)

PeopleWilli Münzenberg, Marinus van der Lubbe, Hermann Göring, Joseph Goebbels, Adolf Hitler, Ernst Röhm, Edmund Heines, Georgi Dimitrov, Paul von Hindenburg, Franz von Papen, Kurt von Schleicher, Heinrich Brüning, Alfred Hugenberg, Gregor Strasser, Wilhelm Frick, Robert Ley, Otto Wels, Albert Einstein, Magnus Hirschfeld, Ernst Toller TermsBrown Book of the Reichstag Fire and Hitler Terror (1933), Reichstag fire (1933), Reichstag Fire Decree, Reichstag fire trial (1933), Sturmabteilung (SA), Schutzstaffel (SS), Gleichschaltung, Nazi book burnings, Institute for Sexual Science EventsThe Nazi Seizure of Power and the Enabling Act, The German Sexual Reform Movement and Its Destruction by the Nazis (1897–1935)

6 Der Vernichtungsfeldzug gegen die Kultur

Neben dem Hauptstoß gegen die deutsche Arbeiterklasse und ihre Organisationen führen Hitler und Goebbels ihren Krieg gleichzeitig gegen die besten Schichten der deutschen Intelligenz. Die Stiefel der SA zerstampfen die mühselige Lebensarbeit der besten Gelehrten und Künstler. Sie zertreten im wahrsten Sinne des Wortes die brutal misshandelten Körper vieler Intellektueller, die, obzwar sie oft nicht die geringste Verbindung mit den kämpfenden Arbeitern hatten – als unabhängig, fortschrittlich und freiheitlich von den Nazis gehasst wurden. Liberale Gesinnung schon ist unter Hitler ein „Verbrechen“, das schonungslos geahndet wird.

Goebbels kommandiert die braunen Inquisitoren, die glauben, das Rad der Geschichte noch hinter die große französische Revolution zurückdrehen zu können. Krückstock, Parademarsch und Kadavergehorsam eines nationalistisch verfälschten Fridericus Rex sollen der Inhalt jener „Kultur“ sein, die das „Dritte Reich“ kennzeichnet. Alles, was „jüdisch“, „liberal“ oder angeblich marxistisch ist, was den bürgerlichen Fortschritt und die Aufklärung der letzten hundertfünfzig Jahre verkörpert, soll ausgerottet werden.

Es ist in Hitler–Deutschland kein Raum mehr für Ideen von „einer Freiheit des Geistes“, für den bescheidensten guten Willen bürgerlicher Gelehrter zu wissenschaftlicher Objektivität, für den schüchternsten Ausdruck des sozialen Freiheitskampfes der Volksmassen in künstlerischen Werken. Verjagt von Lehrstühlen, Bühnen, Vortrags- und Dirigentenpulten! Verjagt aus den Kliniken, Forschungsinstituten und Akademien. Die Scheiterhaufen der fortschrittlichen Literatur auf den Plätzen deutscher Städte künden mit ihren Flammenzeichen weithin sichtbar, dass die braune Barbarei nicht nur die tapfersten und selbstlosesten Antifaschisten physisch ausrotten will, sondern dass sie auch alles zu vernichten trachtet, was die bürgerliche Kultur an Lebensfähigem und Wertvollem der Arbeiterklasse zu vererben hat, oder was auch nur bürgerlich fortschrittlich auftritt.

Die letzten Bannerträger des geistigen „Liberalismus“ werden gegenwärtig in Deutschland geistig und körperlich massakriert von jener braunen Gewalt, welche die herrschenden Mächte entfesselt haben, um den Untergang ihres kapitalistischen Systems aufzuhalten. Klarer denn je ist durch die jüngsten deutschen Ereignisse bewiesen, dass in unserer Epoche die Zukunft der Kultur untrennbar verbunden ist mit dem Freiheitskampf der Arbeiterklasse.

6.1 Verfolgung der Wissenschaftler

„O Jahrhundert, o Wissenschaft, es ist eine Lust zu leben!“ (Ulrich von Hutten)

Der tödliche Hass des Faschismus richtet sich selbstverständlich gegen jene Intellektuellen, die sich offen zum Freiheitskampf der Arbeiterklasse bekennen oder pazifistischen Organisationen nahestehen. Er entfaltete sich gegen sie bereits in den ersten Tagen nach dem Reichstagsbrand mit voller Wucht. Von der ersten Serie der Verhaftungen, die unmittelbar nach der Provokation der braunen Brandstifter begann, wurde die deutsche Gruppe der in Amsterdam gegründeten Ärztegesellschaft gegen den imperialistischen Krieg sehr stark betroffen. Ihr Führer Dr. Felix Boenheim sitzt seit Ende Februar in Hitlers Kerker.

Dr. Boenheim ist ein außerordentlich geachteter und durch viele wissenschaftliche Arbeiten bekannter Facharzt für innere Krankheiten.

Er gehörte keiner Partei an. Die wissenschaftliche Bedeutung seiner Arbeiten verschaffte ihm die Stellung des dirigierenden Arztes an einem der größten Krankenhäuser Berlins, an dem Hufelandhospital. Allein die Tatsache, dass Dr. Felix Boenheim, seinem Gewissen folgend, sich an die Spitze der Ärztebewegung gegen den Krieg stellte, hat genügt, ihn dem unversöhnlichen Hass der Hitlerfaschisten auszuliefern. Seine Tätigkeit für die internationale Ärztegesellschaft wird willkürlich zum „Hochverrat“ gestempelt. Kein Rechtsbeistand ist ihm gestattet. Trotz monatelanger Haft wurde ihm jede Verbindung mit seiner Familie verweigert.

Max Hodann, bekannt durch seine aktive Tätigkeit auf dem Gebiete der Sexualberatung für proletarische Frauen und Männer, Verfasser zahlreicher populärwissenschaftlicher Werke. ist seit Monaten in den Händen von Hitlers Schergen.

Der bekannte marxistische Wissenschaftler Hermann Duncker, ein Name von hohem Rang in der gesamten Arbeiterbewegung der Welt, ist trotz Greisenalter und schwerer Krankheit eingekerkert. Sein Leben ist in höchster Gefahr. Der Mann, in dem eine ganze Generation sozialdemokratischer Arbeiter in der Vorkriegszeit ihren hochgeschätzten Lehrer sah, wird in den Kerkern Hitlers physisch und psychisch zugrunde gerichtet.

Der Schriftsteller Karl August Wittfogel, Verfasser eines aufschlussreichen Chinabuches, die Schriftsteller Ludwig Renn, Karl von Ossietzky, Kurt Hiller, Egon Erwin Kisch, Erich Mühsam, Klaus Neukrantz, Erich Baron u. a., die Ärzte Professor Scheller-Breslau, Dr. Asch-Berlin, Dr. Wohlgemuth-Hamburg wurden verhaftet. Die wissenschaftlichen Institute, Universitäten und Schulen sollen in Drillanstalten der „SA-Kultur“ verwandelt werden. Die Verfolgung der Wissenschaftler von hohem Rang, die marxistischer, pazifistischer oder liberaler Ideen verdächtig sind, geht bis in die Reihen der Deutschnationalen. Der Lehrkörper der wichtigsten deutschen Universitäten wird mit vandalischer Aussichtslosigkeit verwüstet. Denunziantentum und Postentreiberei von unfähigen, allenfalls konjunkturtüchtigen Auch–Wissenschaftlern triumphiert.

6.2 Die Blüte der deutschen Forschung wird zerstört

Wir greifen aus der Liste der Entlassungen, Beurlaubungen und Verfolgungen nur einige wenige Fälle heraus Der bekannteste Fall ist die Verfolgung des weltberühmten Physikers Albert Einstein. Albert Einstein, Schweizer Staatsbürger, Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften, hat durch eine linksdemokratische politische Gesinnung, durch aktives Interesse für jüdische Fragen und durch wissenschaftliche Leistungen von Weltruf sich bei den Nazis als „undeutsch“ verhasst gemacht. Einsteins wissenschaftliche Arbeiten werden unter dem Jubel der Nazis auf dem Seheiterhaufen der Berliner Universität verbrannt. Allein dieses Vorgehen gegen den Träger des Nobelpreises macht Hitlerdeutschland schon in der Welt der modernen Wissenschaft zum Gespött.

Ohne exakte Wissenschaft kann kein Zweig der hochentwickelten Industrie blühen. Dennoch hat das Hitlerregime die hervorragendsten Vertreter der exakten Naturwissenschaften und der Mathematik von den Lehrstühlen vertrieben.

Die Universität Göttingen besitzt eine sehr alte Tradition und hat in den letzten 50 Jahren eine ganze Generation bedeutender Forscher erzogen. Die wichtigsten Professoren dieser Hochschule sind davongejagt worden.

James Franck, ein Experimental-Physiker von Weltruf, Träger des Nobelpreises, wurde als Jude zu „freiwilligem“ Rücktritt gezwungen.

Professor Born. ebenfalls bekannter Physiker, kann seine „undeutschen“ Forschungen in Deutschland nicht weiter betreiben.

Der Mathematiker Courandt ist eine Autorität auf dem Gebiete der Funktionentheorie. Bernstein gilt als der bedeutendste Versicherungsmathematiker Europas. Emmy Noether ist eine angesehene Wissenschaftlerin auf dem Gebiete der Mathematik und höheren Algebra. Alle diese Gelehrten mussten gehen.

Die Berliner mathematische Fakultät wurde ihrer hervorragendsten Lehrer beraubt. Die Berliner Technische Hochschule hat starke Verluste zu verzeichnen.

Unter den Weggejagten ist Professor Arthur Korn, ein Physiker, dem das Verdienst gebührt, die ersten praktischen Methoden zur Verwirklichung des Fernsehens angegeben zu haben.

Unter den Berliner Mathematikern, die der „Säuberung“ der Hochschulen zum Opfer fielen, stehen der Algebraiker Schur sowie die Professoren Misses und Bieberbach an der Spitze.

Dieses Wüten gegen Vertreter der exakten Wissenschaften ist selbst vom Standpunkt moderner kapitalistischer Wirtschaftsführung selbstmörderisch. Es ist im krassen Gegensatz zu den großen Möglichkeiten, welche die Sowjetunion allen ehrlichen Wissenschaftlern geboten hat.

Unter den Opfern der Nazireinigung finden wir den Nobelpreisträger Fritz Haber. Haber, das Haupt einer großen Schule von Chemikern, war bereits vor dem Krieg eine wissenschaftliche Kapazität ersten Ranges. Er hat das erste brauchbare Verfahren zur Gewinnung von Stickstoffaus Luft ausgearbeitet. Er ist alles andere als ein Pazifist. Haber hat durch seine Erfindungen dem wilhelminischen Deutschland im Weltkriege große Dienste geleistet. Sein Name verkörpert die höchste Entwicklung der modernen deutschen Chemie. Mit Recht bemerkten die „Times“ (4. Mai 1933), dass es eine Ironie der Geschichte sei, wenn die Nazis den Mann (Haber) zum Rücktritt „zwingen“, dem Deutschland wahrscheinlich mehr als jedem andern zu verdanken hat, dass es vier Kriegsjahre durchhalten konnte.

Der zur gleichen Zeit vertriebene Professor Polanyi war ein wichtiger Mitarbeiter Habers.

Unter den andern namhaften Gelehrten auf dem Gebiet der exakten Wissenschaften. die der Kulturbarbarei der Nazis weichen mussten, sehen wir den Berliner Prof. Bück, der sich mit der Planck’schen Quantentheorie beschäftigt hat. Den Königsberger Mathematiker Hensel, bekannt durch selbständige Arbeiten auf dem Gebiete der Zahlentheorie. Den Kieler Professur Adolf Frankel, der ein beachtetes Buch über Mengentheorie veröffentlicht hat. Den Berliner Physiker Pringsheim, dessen Arbeiten wichtige Fragen der Strahlung behandeln.

Alle hier aufgezählten Wissenschaftler sind bekannte, in Fachkreisen hoch angesehene Gelehrte, Forscher und Lehrer. Schon diese sehr unvollständige Aufzählung zeigt, dass es sich bei den Vertreibungen um eine wahre Vernichtung der deutschen Wissenschaft handelt, dass der deutsche Faschismus mit Inquisition und Scheiterhaufen jeden wissenschaftlichen Fortschritt bekämpft.

6.3 Keine Auslandspässe für Gelehrte

Die Berufung Albert Einsteins an das Institut de France und die Vorlesungen des gemassregelten Gynäkologen Prof. Bernhard Zondek in Stockholm haben dazu geführt, dass die Entziehung der Auslandspässe für die gemaßregelten deutschen Hochschulprofessoren ernsthaft erwogen wurde. Der „undeutsche“ Geist dieser Wissenschaftler darf auch ausländischen Universitäten nicht zugute kommen.

„Die rechtsstehende ‘Tägliche Rundschau’ vom 17. April 1933 stellt angesichts der Berufung Einsteins an das Institut de France an die Reichsregierung die Forderung, sie möge den 16 beurlaubten deutschen Hochschulprofessoren sofort die Auslandspässe entziehen, denn niemand könne sonst dafür garantieren, dass nicht der eine oder andere von ihnen in kurzer Zeit in Paris, in Oxford oder in London sitzen und dort von einer Lehrkanzel aus antideutsche Politik betreiben werde. Es sei dabei zu bedenken, dass einige der beurlaubten Professoren, wie Kelsen, Lederer und Bonn über ganz ausgezeichnete Auslandsbeziehungen verfügen.“

6.4 Deutschlands größte Ärzte dürfen in Deutschland nicht arbeiten

An anderer Stelle dieses Kapitels findet der Leser eine allerdings unvollständige Liste von entlassenen, „beurlaubten“ und kaltgestellten Gelehrten in Deutschland. Einige der aus ihren Stellungen entfernten Ärzte wollen wir noch knapp charakterisieren:

Bernhard Zondek wurde von dem schwedischen Nobelpreisträger für Medizin v. Euler als „einzig dastehende Kapazität“ bezeichnet. Zondek verdanken wir die Entdeckung einer chemischen Methode, die durch Analyse des Harns die Feststellung der Schwangerschaft in den frühesten Stadien ermöglicht. Diese Methode ist vom sozialhygienischen, wie vom rein medizinischen Standpunkt aus von größter Bedeutung. Zondek hat in der Hormonforschung hervorragende Arbeit geleistet. Er hat die Darstellung des Geschlechtshormons angestrebt, eines bei Männern und Frauen spezifisch verschiedenen Stoffes, dessen Dasein erst in den letzten Jahren festgestellt wurde. Zondek ist einer der Pioniere dieser Forschungsmethoden; er hat in jüngster Zeit die „künstliche“ Herstellung von Sexualhormonen mit erstaunlichem Erfolg weitergefördert. Die Hitlerregierung stößt diese wissenschaftliche Kraft vom Lehrstuhl!

Der Berliner Tuberkuloseforscher Friedmann, der kaltgestellt wurde, hat seine Lebensarbeit der aktiven Bekämpfung der Volksseuche Tuberkulose gewidmet. Er ist der Erfinder eines hochwertigen Mittels gegen Tuberkulose.

Moritz Borchardt, Direktor der chirurgischen Abteilung am Moabiter Krankenhaus in Berlin, Geheimer Medizinalrat, Professor, war in seiner Jugend Assistent des berühmten deutschen Chirurgen von Bergmann. Später leitender Arzt am Virchow–Krankenhaus in Berlin. Borchardt hat die Tuberkulose als Chirurg bekämpft. Er wurde durch einen „Gesundheitskommissar“ der Nationalsozialisten abgesetzt.

6.5 Wie Hirschfelds Sexualwissenschaftliches Institut demoliert und vernichtet wurde

Ein zuverlässiger Augen– und Ohrenzeuge, der ohne selbst dem Institut anzugehören, die Vorgänge genau verfolgen konnte, hat über die ungeheuerliche Zerstörung dieser weltbekannten wissenschaftlichen Forschungs–, Lehr– und Heilstätte in Berlin folgendes Protokoll aufgenommen:

Am Morgen des 6. Mai 1933 brachte der „Berliner Lokal-Anzeiger“ die Nachricht, dass die Säuberungsaktion der Berliner Bibliotheken von Büchern undeutschen Geistes am Vormittag dieses Tages einsetzen würde und dass die Studenten der Hochschule für Leibesübungen diese Aktion im Institut für Sexualwissenschaft einleiten wollten. Dieses Institut war 1918 in dem früheren Hause des Fürsten Hatzfeld von Dr. Magnus Hirschfeld begründet worden und wurde darauf von der Preußischen Regierung als gemeinnützige Stiftung übernommen. Es genoss wegen der einzigdastehenden Sammlungen und Forschungen, seines Archivs und seiner Bibliothek einen internationalen Ruf und Zuspruch. Vor allem kamen viele ausländische Gelehrte, Ärzte und Schriftsteller nach Berlin, um dort zu arbeiten. Auf die erwähnte Zeitungsnotiz hin wurde der Versuch unternommen, noch einige besonders kostbare Privatbücher und Manuskripte in Sicherheit zu bringen; es wurde dies aber unmöglich gemacht, indem der junge Mann mit diesen Büchern von einer Bewachung, die offenbar bereits während der Nacht das Institut umstellt hatte, festgenommen und seiner Habe beraubt wurde. Am 6. Mai um 9.30 erschienen vor dem Institut einige Lastautos mit ca. 100 Studenten und einer Kapelle mit Blasinstrumenten. Sie nahmen vor dem Hause militärische Aufstellung und drangen dann unter Musik in das Haus ein. Da das Büro noch geschlossen war, befand sich kein eigentlicher Vertreter des Hauses dort; nur einige Frauen vom Hauspersonal sowie ein dem Hause nahestehender Herr waren anwesend. Die Studenten begehrten Einlass in sämtliche Räume; soweit diese verschlossen waren wie die bereits seit einiger Zeit stillgelegten Repräsentationsräume im Parterre sowie das frühere und jetzige Büro der Weltliga für Sexualreform, schlugen sie die Türen ein. Nachdem ihnen die unteren Räume nicht viel boten, begaben sie sich in das erste Stockwerk, wo sie in den Empfangsräumen des Instituts die Tintenfässer über Schriftstücke und Teppiche ausleerten und sich dann an Privatbücherschränke machten. Sie nahmen mit, was ihnen nicht einwandfrei erschien, wobei sie wohl im wesentlichen sich an die sogenannte „schwarze Liste“ hielten. Darüber hinaus ließen sie aber auch andere Bücher mitgehen, so aus der Privatbibliothek des Sekretärs Giese beispielsweise ein großes Tutankamon-Werk sowie viele Kunstzeitschriften. Aus dem Archiv entfernten sie dann die großen Wandtafeln mit den Darstellungen intersexueller Fälle, die seinerzeit für die Ausstellung des Internationalen Ärztekongresses im Londoner Kensington-Museum im Jahre 1913 angefertigt waren. Sie warfen diese Tafeln zum großen Teil aus dem Fenster ihren vor dem Hause stehenden Kameraden zu. Die meisten der anderen Bilder, Photographien wichtiger Typen nahmen sie von den Wänden und spielten mit ihnen Fussball, sodass große Haufen zertrümmerter Bilder und Glasscherben zurückblieben Auf die Einwände eines Studenten. dass es sich um medizinisches Material handle, antwortete ein anderer, darauf käme es nicht an, es wäre ihnen nicht um die Beschlagnahme von ein paar Büchern und Bildern zu tun, sondern um die Vernichtung des Instituts. Unter einer längeren Ansprache wurde dann ein lebensgroßes Modell, das den Vorgang der inneren Sekretion dar stellte, aus dem Fenster geworfen und zertrümmert. In einem Sprechzimmer schlugen sie einen Pantostaten, der der Behandlung von Patienten diente, mit einem Schrubber ein. Ferner raubten sie eine Bronzebüste von Dr. Hirschfeld. Auch sonst wurden viele Kunstwerke mitgenommen. Aus der Institutsbibliothek nahmen sie zunächst nur einige hundert Bücher mit. Während der ganzen Zeit wurde das Personal bewacht und immer wieder spielte die Musik, sodass sich große Scharen von Neugierigen vor dem Hause ansammelten. Um 12 Uhr hielt der Führer eine größere Schlussansprache und unter Absingen eines besonderen Schmutz- und Schundliedes sowie des Horst–Wessel–Liedes zog der Trupp ab. Die Bewohner des Instituts hatten angenommen. dass es mit dieser Plünderung sein Bewenden haben würde, aber um 3 Uhr nachmittags erschienen abermals mehrere Lastautos mit SA-Leuten und erklärten, dass sie die Beschlagnahme fortsetzen müssten, da der Trupp am Morgen nicht genügend Zeit gehabt hätte, um gründlich auszuräumen. Dieser zweite Trupp nahm dann nochmals eine gründliche Durchsuchung aller Räume vor und schleppte in vielen Körben alles mit, was an Büchern und Manuskripten von Wert war, im Ganzen zwei große Lastwagen voll. Aus den Schimpfworten ging hervor, dass die Namen der in der Spezialbibliothek vertretenen Autoren den Studenten zum großen Teil wohl vertraut waren. Nicht nur Siegmund Freud, dessen Bild sie aus dem Treppenhaus entfernten und mitschleppten, erhielt die Bezeichnung ‘Der Saujude Freud’, sondern auch Havelock Ellis wurde als ‘das Schwein Havelock Ellis’ bezeichnet. Von englischen Autoren hatten sie es außer auf Havelock Ellis besonders auf die Werke von Oscar Wilde, Edward Carpenter und Norman Hair abgesehen, von amerikanischen Schriftstellern auf die Bücher von dem Jugendrichter Lindsey, Margaret Sanger und George Silvester Viereck, von französischen Werken auf die von André Gide, Marcel Proust, Pierre Loti, Zola etc. Auch die Bücher Van de Veldes und des dänischen Arztes Dr. Leunbach gaben den Studenten Anlass, die Verfasser mit Schimpfworten zu belegen. Auch ganze Jahrgänge von Zeitschriften, namentlich die 24 Bände der Jahrbücher für sexuelle Zwischenstufen, wurden mitgenommen. Man wollte auch die ausgefüllten Fragebogen fortschleppen (mehrere Tausend) und nur der ausdrückliche Hinweis, dass es sich um Krankengeschichten handle, ließ die Studenten davon Abstand nehmen. Dagegen war es nicht möglich, zu verhindern, dass das Material der Weltliga für Sexualreform, die gesamte vorhandene Auflage der Zeitschrift ‘Sexus’ sowie die Kartothek mitgenommen wurde. Auch zahlreiche, z. T. bisher noch nicht veröffentlichte Handschriften und Manuskripte (u. a. von Krafft-Ebing und Karl Heinrich Ulrichs) fielen den Eindringlingen zum Opfer. Immer wieder fragten sie nach der Rückkehr Dr. Hirschfelds. Sie wollten, wie sie sich ausdrückten einen ‘Tip’ haben, wann er wohl zurückkomme. Schon vor der Plünderung des Instituts waren verschiedene Male SA-Männer im Institut gewesen und hatten nach Dr. Hirschfeld gefragt. Als sie die Antwort erhielten, dass er sich wegen einer Erkrankung an Malaria im Auslande befinde, erwiderten sie: ‘Na, dann krepiert er hoffentlich auch ohne uns; dann brauchen wir ihn ja nicht erst aufhängen oder totschlagen.’ Als am 7. Mai die Berliner und auswärtige Presse von der Aktion gegen das Institut für Sexualwissenschaft berichtete. wurde von dem Präsidium der Weltliga ein telegraphischer Protest eingelegt, in dem darauf hingewiesen wurde, dass sich unter dem gesammelten Material viel ausländisches Eigentum befände, und man daher doch von der angekündigten Verbrennung absehen solle. Diese an den Kultusminister gerichtete Depesche fand keine Beachtung, vielmehr wurden sämtliche Werke und Bilder drei Tage später auf dem Opernplatz zusammen mit vielen anderen Werken verbrannt. Die Zahl der aus der Spezialbibliothek des Instituts vernichteten Bände betrug über 10 000. Im Fackelzug trugen die Studenten die Büste von Dr. Magnus Hirschfeld, die sie auf den Scheiterhaufen warfen.“

In den Berichten der Nazis wird diese „Kulturtat“ folgendermaßen geschildert:

„Energischer Griff in eine Giftküche.“ Deutsche Studenten räuchern das „Institut für Sexualforschung“ aus. Der Kreis X der Deutschen Studentenschaft besetzte gestern das „Institut für Sexualforschung“, das von dem Juden Magnus Hirschfeld geleitet worden war. Dieses Institut, das sich ein wissenschaftliches Mäntelchen umzuhängen versucht hatte und während der 14jährigen marxistischen Herrschaft von den damaligen Machthabern immer protegiert worden ist, war, wie die Haussuchungen jetzt einwandfrei ergeben haben, eine einzige Brutstätte von Schmutz und Sudelei gewesen. Ein ganzer Lastwagen voll pornographischer Bilder und Schriften sowie Akten und Kartotheken sind beschlagnahmt worden... Mit einem Teil des vorgefundenen Materials wird sich die Kriminalpolizei befassen müssen, einen anderen Teil wird die Kundgebung öffentlich verbrennen.

(„Angriff“ vom 6. 5. 33.)

6.6 „Undeutsche“ Soziologen, Staatsrechtler und Rechtswissenschaftler

Bei der Entfernung bekannter Soziologen, Staatsrechtler und Rechtswissenschaftler haben die Nationalsozialisten auch viele sehr „staatserhaltende“ Forscher, vielfach gute Konservative, aus ihren Positionen geworfen.

Der bekannteste dieser davongejagten Gelehrten ist der Heidelberger Soziologe Alfred Weber. Alfred Weber hat in großen Arbeiten mit seinem verstorbenen Bruder Max Weber gründliche Studien über die Entwicklungsformen der primitiven Wirtschaft vieler außereuropäischer Völker und Kulturen veröffentlicht. Weber ist keineswegs Marxist, sondern ein bürgerlicher Gelehrter. Weber hat die Todsünde begangen, andere Volker und Kulturen nicht als halbäffisch und „untermenschlich“ im Sinne des Nationalsozialismus zu stempeln.

Die Berliner Handelshochschule verliert ihren Rektor, den hervorragenden liberalen Nationalökonomen, Professor Bonn. Der Staatsrechtler Anschütz muss die Heidelberger Universität verlassen. Langjähriger Professor der Berliner Universität, war Anschütz schon im kaiserlichen Deutschland eine Autorität ersten Ranges auf seinem Gebiet. Später wurde er autoritativer Kommentator der Weimarer Reichsverfassung.

Viele seiner Kollegen wurden in die Wüste geschickt: bürgerliche Kölner Professor Kelsen, sein Kieler Kollege Harms, Feiler, der frühere Redakteur der „Frankfurter Zeitung“, der rechtsstehende Sozialdemokrat Emil Radbruch, die Sozialdemokraten Sinzheimer in Frankfurt, Lederer in Heidelberg und Heller in Frankfurt, alle Rechtswissenschaftler. Der größte deutsche Zivilrechtler, Professor Martin Wolffwurde von Hakenkreuzstudenten gewaltsam vom Lehrpult vertrieben. Der liberale Volkerrechtler Lewin Schücking, Kiel, Vertreter Deutschlands am Haager internationalen Gerichtshof. ist aus dem Amte gejagt.

Auch die großen Psychologen wurden aus den Lehrsälen entfernt. William Stern in Hamburg, der große Arbeiten über Kinderpsychologie veröffentlicht hat, und Max Wertheimer in Frankfurt haben kein Recht mehr, an deutschen Universitäten zu lehren. In Hamburg wurde neben einem halben Dutzend weniger bekannter Professoren der Philosoph Ernst Cassirer entlassen, ein Mann von großem Wissen und Ruf aus der sogenannten Marburger Schule.

6.7 Auf den Scheiterhaufen!

„In Berlin hat die politische Polizei schätzungsweise etwa 10 000 Zentner Bücher und Zeitschriften beschlagnahmt und in die Ställe der ehemaligen berittenen Schutzpolizei geschafft, wo sie einer eingehenden Sichtung unterzogen werden. Die Durchführung der Beschlagnahme ging nicht immer reibungslos von statten. Bald nach dem Bekanntwerden der Aktion schafften viele Büchereien ihre Bücher in Schlupfwinkel, um sie dem Zugriffder Polizei zu entziehen. Die meisten Verstecke wurden jedoch ausfindig gemacht. Viele Büchereien wurden in Remisen, Kellern, Gartenlauben, Böden und in Privatwohnungen verteilt, vorgefunden.

(Völkischer Beobachter vom 21./22. Mai 33.)

„Wir sind nicht und wollen nicht sein das Land Goethes und Einsteins. Eben gerade das nicht.“

(Hussong, Berliner Lokal-Anzeiger vom 7. 5. 33.)

„Als der Kalif die berühmte Bibliothek der Stadt Alexandria verbrennen lassen wollte, flehten einige ihn an, diese wertvolle Sammlung zu verschonen. ‘Warum?’ fragte der Kalif. ‘Wenn in diesen Büchern steht, was im Koran steht, sind sie überflüssig. Und steht in ihnen anderes, so sind sie schädlich.’ Deshalb wurde die Bibliothek von Alexandria verbrannt.“

Am 10. Mai loderten auf dem Platz vor der Berliner Oper gegenüber der Universität, die Flammen eines großen Scheiterhaufens. Der ganze Platz war von braunen und schwarzen Formationen der SA und SS militärisch abgeriegelt. Lastautos brachten riesige Stapel von Büchern, Rufe dröhnten, der Propagandaminister Goebbels kam im Auto angerast. Im Jahre neunzehnhundertdreiunddreissig fand dieses einzigartige Schauspiel der Bücherverbrennung statt, begleitet von den Klängen des „Horst–Wessel“– und Deutschland-Lieds.

Es flogen auf den Scheiterhaufen die Werke von Karl Marx Friedrich Engels, von Lenin und Stalin, von Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und August Bebel. Die Verbrennung der Werke dieser großen Gelehrten und Kämpfer, die der arbeitenden Menschheit den Weg zu ihrer Befreiung gewiesen haben, wurde zum Schauspiel für eine entfesselte reaktionäre Meute. „Deutschland, Deutschland, über alles!“— Es flogen in die züngelnden Flammen die Werke pazifistischer Schriftsteller, es verbrannten die Bücher bürgerlicher Dichter und Sozialreformer, deren Namen den höchsten Rang im bürgerlichen Deutschland bedeuteten. Das Feuer vernichtete Bücher von Thomas Mann und Heinrich Mann, Leonhard Frank, Magnus Hirschfeld, Siegmund Freud, Jacob Wassermann, Stefan Zweig, Bert Brecht. Alfred Döblin und Theodor Plivier.

„Deutschland, Deutschland über alles!“— Diese Verbrennung von fortschrittlichen Geistesschöpfungen spielte sich unweit der Postamente von Alexander und Wilhelm von Humboldt an der Berliner Universität ab. Wilhelm von Humboldt, der diese Universität begründete, ein Träger des Geistes der Aufklärungsepoche, wollte das Preußen der Junker auf das Niveau der bürgerlichen Welt des Westens erheben. Vor seinem Denkmal führte jetzt die deutsche Studentenschaft in SA–Uniform den Pogrom gegen die fortschrittliche Literatur durch. „Deutschland, Deutschland über alles!“ — Das knisternde Feuer vor der Berliner Universität, der schwelende Rauch über den Köpfen einer chauvinistisch aufgepeitschten Menge, eine Ansprache des Reichspropagandaministers Göbbels — ein Schauspiel, das von dem hitlertreuen Berliner „12–Uhr–Blatt“ in unbewusster Selbsterkenntnis „gespenstisch“ genannt wird. Vergessen sind die schlechten Erfahrungen, welche die Unterdrücker aller Jahrhunderte mit ihren Scheiterhaufen gemacht haben! Die Gespenster des Mittelalters werden erweckt. Die Flammen vor der Berliner Universität sollen neben den Werken des Marxismus auch die Spitzenleistungen der bürgerlichen Kultur und Wissenschaft der letzten 150 Jahre verzehren.

In allen Teilen Deutschlands tobt die Zerstörungswut gegen jede fortschrittliche Literatur. Zehntausend von Privatbibliotheken wurden bei den Haussuchungen beschlagnahmt, oft an Ort und Stelle vernichtet oder willkürlich weggeschleppt. Die Bibliothek im Leipziger Volkshaus, eine der wertvollsten und größten Büchereien Deutschlands mit unersetzlichen und seltenen Werken der Arbeiterbewegung fiel dem Hass der braunen „Kulturträger“ gegen den Marxismus zum Opfer.

Einige Beispiele öffentlicher Bücherverbrennungen, nach Meldungen der deutschnationalen „Telegrafen-Union“ vom 10. Mai 1933:

„Berlin, 10. Mai. In München fand im Lichthof der Universität eine Feier statt, bei der der Rektor, Geheimrat von Zumbusch, das neue Studentenrecht übergab. Die Festrede hielt der Bayerische Kulturminister Schemm, der über die nationale Revolution und die Aufgaben der Universitäten sprach. Den Abschluss bildete ein Fackelzug zum Königsplatz wo die Verbrennung undeutscher Bücher stattfand. In Dresden sprach auf der Kundgebung der Studentenschaft der Dichter Wilhelm Vesper, auch dort bildete sich nach dem Festakt ein großer Fackelzug, der zur Bismarck-Säule führte. wo nach einer Ansprache des Ältesten der Dresdener Studentenschaft die gesamte Schund– und Schmutzliteratur verbrannt wurde. In Breslau fand die Kundgebung der Studentenschaft auf dem Schlossplatz statt. Nach der Festrede des Universitätsprofessors Bornhausen wurden etwa 40 Zentner Schund– und Schmutzliteratur verbrannt. In Frankfurt a. M. leitete Universitätsprofessor Fricke den Akt ein, der auf dem historischen Römerberg vollzogen wurde. Ein Wagen mit der Bücherfracht die symbolisch verbrannt werden sollte, wurde von zwei Ochsen auf den Verbrennungsplatz gezogen. Die Verbrennung schloss mit der Absingung des ’Horst Wessel’–Liedes.“

Einige Tage vorher waren in Düsseldorf die Werke des großen deutschen Dichters Heinrich Heine den Flammen des Scheiterhaufens übergeben worden.

Herr Goebbels nannte in seiner Berliner Rede die Fahrt der Ochsengespanne zum Scheiterhaufen, die Verbrennung der Literatur, „eine starke symbolische Handlung“. Die Verbrennung war nicht nur symbolisch gemeint: die Reaktion der deutschen Faschisten will in Wahrheit das gedruckte Wort, das ihr nicht passt, ganz und gar unsymbolisch verbrennen, so wie sie die Verbreiter und Verfasser der antifaschistischen Literatur physisch ausrotten will.

6.8 Eine braune Liste

von verbrennungswürdiger Literatur finden wir in der Hugenbergschen „Nachtausgabe“ vom 26. April 1933:

  • SCHÖNE LITERATUR: Schalom Asch, Henri Barbusse, Berthold Brecht, Max Brod (ausgenommen sein Roman „Tycho Brahe“), Alfred Döblin (ausgenommen „Wallenstein“), Ilja Ehrenburg, Albert Ehrensteim, Arthur Eloesser, Lion Feuchtwanger, Iwan Goll, Jaroslav Hasek, Walter Hasenclever, Arthur Holitscher, Heinrich Eduard Jacob, Joseph Kalenikow, Gina Kaus, Egon Erwin Kisch, Heinz Liepmann, Heinrich Mann (ausser „Flöten und Dolche“), Klaus Mann, Robert Neumann, Ernst Ottwald, Kurt Pinthus, Theodor Plivier, Erich Maria Remarque, Ludwig Renn (nur sein Werk „Nachkrieg“), Alfred Schirokauer, Arthur Schnitzler, Richard Beer-Hoffmann, Ernst Toller, Kurt Tucholski, Arnold Zweig, Stefan Zweig, und von Adrienne Thomas das Buch „Die Kathrin wird Soldat“.
  • POLITIK UND STAATSWISSENSCHAFTEN: Lenin, Karl Liebknecht, Karl Marx, Hugo Preuß, Walter Rathenau, Rudolf Hilferding, August Bebel, Max Adler, S. Aufhäusser, E. l. Gumbel, N. Bucharin, L. Bauer und Helen Keller. Von Lassalle alles, außer „Assisenreden“ und „Über den besonderen Zusammenhang der gegenwärtigen Geschichtsperiode mit der Idee des Arbeiterstandes“.
  • GESCHICHTE: Generell sollen sämtliche pazifistischen und „defaitistischen“ Schriften entfernt werden, sämtliche probolschewistische Literatur aus der Geschichte Russlands. U. a. sollen ausgemerzt werden Werke von Otto Bauer, Karl Tschuppik, Oskar Blum, Paul Hahn, Müller-Franken, „Bismarck und seine Zeit“ von Kurt Kersten, „Zur deutschen Geschichte“ und „Zur preussischen Geschichte“ von Franz Mehring, Werke von Glaeser, Upton Sinclair.

Der Leiter des Kreises Berlin–Brandenburg der deutschen Studentenschaft, Gutjahr, leitete die Bücherverbrennung auf dem Platz vor der Berliner Universität. Er ließ außer den Büchern der genannten Autoren u. u. noch Werke von Engels, Sigmund Freud, Emil Ludwig, Alfred Kerr, Ossietzky, Theodor Wolff, Georg Bernhard, Bertha von Suttner, Rosa Luxemburg, Theodor Heuss, Freiherrn von Schöneich und Vandevelde in die Flammen wandern.

Die ideologische Schwäche der braunen Herrscher zeigt sich in diesem Vernichtungskrieg gegen Wissenschaft und Literatur, in dem angeblichen Bestreben, aus den öffentlichen Bibliotheken auch alles verschwinden zu lassen, was zum Verständnis der Geschichte der Kultur und der Wissenschaft unentbehrlich ist.

Die Verbrennung aller Werke des deutschen fortschrittlichen Denkens durch Hitler kann keinen Augenblick vergessen machen, was die Menschheit in der Vergangenheit dem geistigen Leben Deutschlands zu verdanken hat. In den Flammen der Scheiterhaufen auf dem Berliner Opernplatz ist keineswegs die Fähigkeit Deutschlands, der Entwicklung der menschlichen Kultur zu dienen, verbrannt. Nie und nimmer sind Hitler, Goebbels, Göring und Rust die Vertreter des „wahren deutschen Geistes“. Deutschlands wirklich große Schöpferkraft für den kulturellen Fortschritt ist in jenen Millionen Menschen begründet, die von dem Hitler-Regime als antifaschistische Arbeiter, Wissenschaftler, Künstler und Intellektuelle mit grausamer Härte verfolgt und geschlagen werden. In diesen Millionen ist die Fähigkeit Deutschlands verbürgt, in der Zukunft ein führendes sozialistisches Kulturland zu werden.

6.9 Die Säuberung der Preußischen Dichterakademie

Es steht nicht im Vordergrund unserer Betrachtung, ob die Preußische Dichterakademie in den Jahren der Weimarer Republik jemals eine positive und wirklich kulturschöpferische Arbeit geleistet hat, wenn wir den Hitlerschen Feldzug gegen diese Dichterakademie schildern. Gemessen an ihren hakenkreuztreuen Nachfolgern sind die Hinausgeworfenen oder auf Druck ausgetretenen Mitglieder dieses Instituts in der Tat Giganten an Geist, Können und verdientem Ruf. Unter den „gesäuberten“ Mitgliedern der Preußischen Dichterakademie ist zunächst einmal Thomas Mann, der deutsche Nobelpreisträger, vielleicht der repräsentativste Schriftsteller des bürgerlichen Deutschland. Sein „Verbrechen“ bestand darin, dass er im Laufe der letzten Jahre sich der Sozialdemokratie näherte und sogar mehrfach seine Stimme gegen geplante Justizmorde, wie in den Fällen Sacco–Vanzetti und Rahosi öffentlich erhob. Dieser große Schriftsteller wurde aus der Preußischen Akademie hinausgedrängt. Es wird ihm nie verziehen werden, dass er einmal die NSDAP als den „verderblichsten Auswurf der Zeit“ bezeichnet hat.

Sein Bruder Heinrich Mann versuchte, die Position eines „freiheitlichen unabhängigen Geistes“ innerhalb der bürgerlichen Welt zu schaffen. Er hat den Bürger als Karikatur dargestellt, den Bürger des Kaiserreichs („Der Untertan“) und den Bürger der Republik („Die große Sache“). Heinrich Mann hat die Amsterdamer internationale Volksbewegung gegen den imperialistischen Krieg unterstützt. Er wird dafür, wie sein Bruder Thomas, verbrannt und verjagt von Hitlers „Kulturträgern“.

Ein dritter S¸chriftsteller des Bürgertums, dem der Hass der Nazis gilt, ist Jacob Wassermann, dessen Werke in zahlreiche Sprachen übersetzt sind. Sein Hauptverbrechen ist, Jude zu sein und bürgerlich–liberale Auffassungen in seinen Romanen gestaltet zu haben.

Alfred Döblin, ein vierter Herausgeworfener, von Beruf Arzt in einem Berliner Arbeiterviertel, begann als Schriftsteller mit fantastischen und teilweise exotisch aufgemachten Romanen („Die drei Sprünge des Wang Lun“, „Wallenstein“, „Berge, Meere und Gigan-

Abbildung 6.1: „Entstellende Kriegsliteratur“

ten“). Der letzte große Roman Döblins war „Berlin Alexanderplatz.“ Döblin nannte sich selbst in öffentlichen Diskussionen einen klassenbewussten Bürger. Er experimentierte formal–künstlerisch sehr stark, in Anlehnung an den Iren James Joyce und den Amerikaner Dos Passos.

Franz Werfel, Schriftsteller einer rein bürgerlichen Ideenwelt, war vor zwanzig Jahren Bahnbrecher des Expressionismus. Sein Verdi-Roman erwarb ihm goße Popularität. Er wird von den Nazis nicht geduldet.

Herausgeworfen wurde René Schickele, der deutsche Dichter aus dem Elsass. Verjagt wurde Leonhard Frank, der das Antikriegsbuch „Der Mensch ist gut“ schrieb und in den Romanen „Die Räuberbande“ und „Die Ursache“ gesellschaftskritische Tendenzen verfolgte. Obwohl Leonhard Frank sich im Laufe der letzten Jahre literaturpolitisch immer weiter nach rechts und zu rein bürgerlichen Stoffgebieten entwickelte, hat er durch seine Vergangenheit sich den Hass der Nazis erwirkt.

Der Dramatiker Georg Kaiser, ein eigenartiges, stark anarchistisches Talent, musste die Akademie verlassen. Fritz von Unruh, der Dramatiker der Weimarer Republik, Bernhard Kellermann, ein begabter liberaler Schriftsteller, die Lyriker Mombert und Rudolf Pannwitz sowie der Lustspielautor Ludwig Fulda wurden hinausgeworfen. Eine der wenigen deutschen schriftstellernden Frauen von literarischem Können, Ricarda Huch, ist Anfang April selbst aus der Preußischen Dichterakademie ausgetreten.

Neben den politisch nie hervorgetretenen Mitgliedern Oskar Loerke und Jakob Schaffner durfte auch Gerhard Hauptmann seinen Sitz behalten. Der Dichter der „Weber“ hat schon manche „Wandlung“ mitgemacht. Im Kriege unterschrieb er die schmachvolle Erklärung der 93 Intellektuellen für die imperialistische deutsche Kriegführung. Nach dem Kriege ließ er sich als Hofpoet der Weimarer Republik feiern. Er schwieg beharrlich, als der braune Terror die besten bürgerlichen Schriftsteller und Wissenschaftler aus dem Lande trieb.

Und nun die Gestalten, die der nationalsozialistische Volksbildungsminister Rust in die Preußische Dichterakademie eingeführt hat:

Ihr Parademann ist Hans Johst, der sich einst sehr konjunkturtüchtig für die Revolution einsetzte. Das Novemberverbrechen ist ihm vergeben. Er ist der einzige nationalsozialistische Schriftsteller, der sich einen gewissen Namen geschaffen hat. Gegenwärtig spielen hunderte von deutschen Bühnen auf Diktat der Hitler-Regierung sein „Schlageter–Drama“, dessen Held wörtlich erklärt:

Wenn ich das Wort Kultur höre, entsichere ich meinen Browning.

Die besonderen Attraktionen des Herrn Rust für die Preußische Dichterakademie sind außer Hans Carossa nur unbedeutende Schriftsteller wie Emil Strauss, Will Vesper, Wilhelm Schäfer, Agnes Miegel und Peter Dörfler. Hans Grimm erfand in einem Roman das „Volk ohne Raum“, Börries von Münchhausen schrieb romantische Balladen mit teutscher Gesinnung.

Bei ihrer Suche nach Namen von irgendwelcher Bedeutung versuchen die Nationalsozialisten sogar, den Lyriker Stefan George für die Dichter–Akademie zu gewinnen. Die braunen Kulturvernichter und Erneuerer des Deutschtums“ umwerben den snobistischsten und volksfremdesten aller deutschen Dichter demütig, um seinen Namen zur Tarnung von Adolf Hitlers Kulturpolitik zu benutzen.

6.10 Braune Dichtkunst

Dr. Josef Goebbels, Propagandaminister des dritten Reiches. hat einen Roman geschrieben:„Michael, ein deutsches Schicksal in Tagebuchblättern“. Michael, die suchende deutsche Seele, hat Visionen. Der Böse erscheint ihm in der Gestalt des Russen Iwan und will die edle Seele zum Bolschewismus verleiten. Die Seele Michaels ringt mit dem Versucher:

„Aber ich bin stärker als er. Jetzt pack ich ihn bei der Gurgel. Jetzt schleudere ich ihn zu Boden. Da liegt er. Röchelnd mit blutunterlaufenen Augen. Verrecke, Du Aas! Ich trete ihm den Schädel ein. Und nun bin ich frei!“

Das ist der Geist, der für die hitlerisierte Dichter-Akademie reif macht „Ich trete ihm den Schädel ein! Verrecke, Du Aas!“

Der bekannte Schriftsteller Hanns Heinz Ewers, den Goebbels zum Führer des gleichgeschalteten Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller bestellt hatte, ist noch nicht offiziell in die Dichter-Akademie berufen worden. Dieser Pornograph, dessen Romane „A1raune“ und „Der Vampyr“ von den Nazis selbst nachträglich auf die Listen der Schund- und Schmutzliteratur gesetzt wurden (und sie sind die einzigen. die es wirklich verdienen!), ist der offizielle Biograph des nationalsozialistischen Heros Horst Wessel. Wie Ewers früher als „Satanist“ in literarischen Perversionen „machte“, so vergoldet er jetzt literarisch das Zuhältermilieu, in dem die „heldenhafte“ Figur Horst Wessels der Kugel eines Zuhälter–Rivalen zum Opfer fallt. An Hitlers Geburtstag brachte der Deutschlandsender das Hörspiel „Horst Wessel“ von Hanns Heinz Ewers. Die Existenz dieses Schriftstellers war seit vielen Jahren völlig vergessen, bis er jetzt als Hofpoet des „Dritten Reiches“ wieder seine Auferstehung aus der literarischen Vergessenheit feiern durfte. Im Jahre 1922 hat H. H. Ewers ein sehr judenfreundliches Vorwort zu einem Buch von Israel Zangwill („Die Stimme von Jerusalem“, 1922, Verlag von Samuel Cronbach, Berlin) geschrieben. Inzwischen hat die Konjunktur gewechselt, H. H. Ewers ist Antisemit geworden.

So ist die Preußische Dichterakademie neu zusammengesetzt im Zeichen jenes Geistes, dessen „erwachende Lyrik“ beispielsweise so aussieht:

„Alle Vöglein sind schon da!“ (Weise „Nun ade“ und „Alle Vöglein“)

„1. Nun ade Du mein lieb Heimatland Zu Strassburg auf der Schanz Es fängt ein großes Trauern an Heil Dir im Siegerkranz Es braust ein Ruf wie Donnerhall Rosa Luxemburg schwimmt im Kanal Karl Liebknecht hängt am ... Baum 2. Alle Vöglein sind schon da Alle Vöglein alle Amsel, Drossel. Fink und Meise und das Reichsbanner Schwarz–Rot –Sch ..ade, dass kein Gold dabei Schade ewig schade!“

(Entnommen dem Buche „Deutschland erwache“. Das kleine Naziliederbuch. Ausgabe B, Herausgeber Paul Arend, Sulzbach–Oberpfalz, 8. (!) Auflage.)

Man sage nicht, dieses in der 8. Auflage verbreitete Glanzstück brauner Lyrik sei nicht typisch. Worin unterscheidet es sich von den vielgesungenen SA-Liedern:

„Wenn’s Judenblut vom Messer rinnt, geht’s uns nochmal so gut.“

Oder ähnlich:

„Die rote Brut, schlagt sie zu Brei! SA marschiert — die Straße frei!“

Es entspricht diesem Geist der Nazis, dass der Münchner Stadtrat Mitte Juni 1933 die Gräber von Gustav Landauer und Kurt Eisner, die beide 1919 von der bayerischen Reaktion ermordet wurden, dem Erdboden gleich machen ließ.

6.11 Der Feldzug gegen die undeutsche Musik

Herr Josef Goebbels, Reichspropagandaminister, erklärte am 9. Mai vor den deutschen Theaterleitern und Künstlern; „Kunst kommt vom Können und nicht vom Wollen.“ Zur Illustration dieses schönen Wortes bieten wir hier nun eine weitere Verlustliste der deutschen Kunst:

Unter den besten deutschen nachschaffenden Künstlern wurden immer die Dirigenten Bruno Walter, Otto Klemperer und Fritz Busch genannt.

Otto Klemperer er war einige Jahre Leiter der Berliner Kroll–Oper, die er zu einer Pflegestätte moderner Musik machte. Hindemith und Kurt Weill kamen unter ihm zu Wort. Nach Schließung der Kroll–Oper wurde Klemperer an die Berliner Staatsoper berufen, wo er in gleichem Sinne weiterwirkte. Nun muss er den Dirigentenstab ruhen lassen. weil er jüdischer Abstammung ist.

Bruno Walter, Dirigent von Weltruf, ist Mahlerschüler. Man kennt ihn in Amerika oder England ebenso wie in Deutschland. Er ist Jude. Daher — „Kunst kommt vom Können“ — kann er nicht mehr in Deutschland dirigieren. Statt dessen wird irgend ein Herr Fuhsel, Leibmusiker der Nazis (Kommandeur einer großen Blechkapelle), bei dem weder von Kunst noch von Können gesprochen werden kann, der erwachten deutschen Nation beibringen, wie man Musik macht.

Der Dresdner Generalmusikdirektor Busch ist blond, so dass seine „arische“ Abstammung außer Zweifel steht. Er ist ein konservativer Bürger, aber zufällig kein Nazi. Die Dresdner Oper, ein berühmtes Kunstinstitut, wurde durch Busch wiederbelebt. In den Tagen der „nationalen Erhebung“ erschien mitten in einer Vorstellung ein nationalsozialistischer Denunziant auf der Bühne und forderte Busch auf, sein Amt niederzulegen.

„Berlin, 8. März. — 60 Mann der SA haben gestern abend die Bühne der Städtischen Oper besetzt als unter Leitung des berühmten Dirigenten Busch ‘Rigoletto’ gegeben wurde. Nach einer Schilderung der „Vossischen Zeitung“ hat der Führer der SA dem Theaterpublikum erklärt, dass in Zukunft er selbst das Theater leiten wird und dass der Dirigent Strieger sofort anstelle von Busch die Stabführung übernehmen werde. Als Busch trotzdem weiter dirigieren wollte, entstand ein furchtbarer Tumult unter der anwesenden SA und Busch wurde genötigt, die Oper zu verlassen, während Strieger am Dirigentenpult Platz nahm.“

Der namhafteste deutsche Pianist ist ohne Zweifel Arthur Schnabel, der sich in drei Jahrzehnten Arbeit zu einem Interpreten großer Klaviermusik entwickelt hat. Er leitete an der Berliner Hochschule für Musik eine Meisterklasse für Klavierspiel. Er wurde hinausgeworfen, weil er Jude ist. Von seinen Kollegen an der Berliner Musikhochschule wurden entfernt: Emil Feuermann, gegenwärtig der einzige deutsche Cellist von Rang, Leonid Kreutzer, ein guter Pianist und Lehrer der Meisterklasse. Kaltgestellt ist der ausgezeichnete Geiger Karl Flesch, weggejagt sind die bekannten Dirigenten Oskar Fried, der einst viel für die neuere Musik getan hat, die berühmten Operndirigenten Fritz Stiedry und Gustav Brecher und der bedeutende Pianist Bruno Eisner.

Von den schaffenden Musikern, die es in Deutschland gibt hat sich sofort zu den Nazis bekannt Max von Schillings, dessen Kompositionen unoriginell sind und der als Dirigent nirgendwo über die Schablone hinaus wächst. Schillings, der unter der verflossenen Republik sich hohe Ämter übertragen ließ, der nach dem Rücktritt Max Liebermanns Vorsitzender der Akademie der Künste wurde, hat in dem Komponisten Hans Pfitzner einen nazitreuen Freund. Ihnen gesellt sich von repräsentativen Komponisten noch Richard Strauss hinzu. Seine Werke dienen zwar, vom Standpunkt der Nazimoral, dem „geilen jüdischen Sinnenkitzel“, aber er ist auf dem Wege, Hofkomponist zu werden.

Von den modernen deutschen Komponisten ist kaum einer den Nazis geblieben. Verjagt ist Arnold Schönberg, der seine Stellung an der Musikhochschule aufgeben musste. Schönberg hat - mag man zu seiner Musik stehen, wie man will - auf die Entwicklung der modernen Musik den größten und wichtigsten Einfluss ausgeübt. In politischer Hinsicht eher konservativ, ist Schönberg in der Musik ein formaler Revolutionär gewesen. der eine neue eigene Musiksprache gefunden hat. Diesen bahnbrechenden Mann kann Nazideutschland nicht brauchen.

Einer der bekanntesten deutschen Komponisten ist Kurt Weill, der verpönt ist in Hitlerdeutschland, Komponist der f„Dreigroschenoper“, die einen Welterfolg errang. Weill ist jetzt heimatlos, da er Jude ist.

Der Opernkomponist Franz Schreker (die bekannteste seiner Opern „Der ferne Klang“) wurde aus dem Verband der Berliner Musikhochschule entlassen, obwohl er keineswegs besonders fortschrittlich ist. Seine Abstammung ist „nicht einwandfrei“.

Der besondere Hass der Nazis richtete sich gegen den ersten proletarisch-revolutionären Komponisten Hanns Eisler, der ebenfalls ins Ausland vertrieben ist. Er hat der deutschen Arbeiterklasse in den letzten Jahren große Chorwerke („Die Massnahme“) und populäre kämpferische Songs gegeben, die auf den Straßen, in den Versammlungen und Arbeiterquartieren mit größter Begeisterung von den Massen gesungen und bald in vielen Ländern bekannt wurden. Er hat bewusst und beharrlich seine Musik für das Proletariat und als Kampfmittel der Arbeiterklasse geschaffen. Aus der Schönbergschen Schule kommend wurde er zum Gestalter neuer und hochwertiger Leistungen im Sinne einer proletarisch–revolutionären Kampfmusik. Ihn erwartet in Hitlerdeutschland der Drill der Konzentrationslager oder der Martertod in einer SA–Kaserne.

Die deutsche Musik, seit Jahren in einer allgemeinen Krise, ist der besten Kräfte beraubt. Dieser Vorgang hat den im Italien Mussolinis tätigen, berühmtesten Dirigenten der Welt, Arturo Toscanini, veranlasst, seine Teilnahme an den Bayreuther Festspielen im Richard Wagner Gedenkjahr abzulehnen. Er hat Anfang Juni folgendes Telegramm an Frau Winnifred Wagner gerichtet:

„Da die mein Gefühl als Künstler und Mensch verletzenden Geschehnisse gegen mein Hoffen bis jetzt keine Veränderung erfuhren, betrachte ich es als meine Pflicht, das Schweigen, das ich mir seit 2 Monaten auferlegte, heute zu brechen und ihnen mitzuteilen, dass es für meine, Ihre und aller Ruhe besser ist, an mein Kommen nach Bayreuth nicht mehr zu denken. Mit dem Gefühl unveränderlicher Freundschaft für das Haus Wagner.“

gez. Arturo Toscanini

6.12 Theater — Bildende Kunst — Film

Auf den deutschen Bühnen darf jetzt die chauvinistische Verherrlichung Schlageters und die romantische ldealisierung von Horst Wessel triumphieren. Herr Goebbels lässt sein „bekanntes“ Bühnenwerk „Der Wanderer“ auf einer Berliner Bühne aufführen. Aus dem deutschen Theater verschwanden viele Darsteller, die große schauspielerische Leistungen aufzuweisen hatten. Alle Staats-, Stadt- und Privattheater wurden „gleichgeschaltet“. Die Organisationen des Theaterpersonals wurden unter das Diktat von faschistischen Kommissaren gezwungen. Fritz Kortner, Max Pallenberg, die Massary und die Bergner, die Regisseure Max Reinhardt und Jessner, sind als „undeutsch“ ins Ausland verjagt.

Die künstlerische Kraft der Opernsänger Lotte Schöne, Frieda Leider, Alexander Kipnis u. a. gilt unter Rusts brauner Kulturdiktatur nichts mehr. Der proletarisch revolutionäre Sänger und Schauspieler Ernst Busch, ein hochbegabter Künstler, der die neuen proletarischen Lieder von Eisler populär machte und damit selbst zu einem gefeierten Künder des Freiheitskampfes der deutschen Arbeitermassen wurde, wurde ins Ausland gehetzt.

Die „UFA“-Filmgesellschaft hat eine Anweisung erlassen, dass in ihren Filmen jüdische Darsteller nur noch in negativen Rollen beschäftigt werden dürfen. Die Beherrscher des deutschen Films beabsichtigen, in ihren Filmen Juden nur noch als Gauner, Verbrecher und Pathologen zu zeigen. Anfang Juli 1933 erschien eine neue Verfügung von Goebbels, dass Juden nur nach seiner vorherigen Zustimmung beschäftigt werden dürfen.

Am 6. Juni fand in den Räumen der ehemaligen Bühnengenossenschaft in Berlin, die wie alle Gewerkschaften gewaltsam „gleichgeschaltet“ worden ist, die Generalversammlung der „Vereinigung künstlerischer Bühnenvorstände“ statt. Diese Vereinigung ist als Fachgruppe dem nationalsozialistischen „Kampfbund für deutsche Kultur“ eingegliedert. Der Staatskommissar Hinkel kündigte in dieser Generalversammlung einen neuen willkürlichen „Reinigungs“–Feldzug gegen die Künstler an:

„Auf Vorschlag des Preußischen Kultusministeriums sei in den letzten Tagen dem Ministerpräsidenten Göring die Zusammensetzung eines Preußischen Theaterausschusses mitgeteilt worden. Diesem Theaterausschuss, dessen Vorsitz Hinkel übernimmt, soll die Überprüfung aller Intendanten, Generalmusikdirektoren, Kapellmeister, Regisseure und Solisten aller städtischen Bühnen obliegen. In den nächsten Tagen würden bereits Verordnungen erfolgen, die es ermöglichten, Verträge zu annullieren, zu ergänzen, oder abzuändern, um zu verhindern, dass irgendwie das künstlerische Schaffen im Sinne eines deutschen Theaters gehemmt würde. Durch gesetzliche Maßnahmen könnten privatrechtliche Bindungen gelöst (!) werden, wenn sie den Interessen des deutschen Theaters widersprächen.“

(„Frankfurter Zeitung“, 8. Juni 1933.)

Die sinnlose Zerstörungsarbeit der Nazis vollzieht sich auf allen Gebieten der Kunst. Der Vorsitzende der Akademie der Künste. der große Maler Max Liebermann, ein Mann von konservativer Gesinnung, wurde auf Grund des Arier-Paragraphen zum Rücktritt gezwungen. Mitbegründer und langjähriger Präsident der Berliner Sezession, musste er auch hier ausscheiden. Dass Käthe Kollwitz, die geniale Künstlerin der Arbeiterwelt, in die Verbannung geschickt wird. ist bei dem nationalsozialistischen Kurs eine Selbstverständlichkeit. Die Zahl der Maler und bildenden Künstler, die der „deutschen Säuberung“ der Ausstellungen zum Opfer fallen, ist Legion.

Die bekanntesten fortschrittlichsten Filmregisseure Deutschlands sind gezwungen, sich im Ausland Arbeit zu suchen. Alle der Arbeiterklasse nahe stehenden Filmkünstler, alle proletarischen oder fortschrittlichen Filme stehen auf schwarzen Listen.

So wurden u. a. folgende Filme durch Verfügung der Hitlerregierung sofort verboten:

Kuhle Wampe Von der sowjetrussischen Produktion wurden u. a. verboten: Niemandsland Der Weg ins Leben Kameradschaft Sturm über Asien Mutter Krauses Fahrt ins Glück Die Mutter Die andere Seite Das Menschenarsenal Das Testament des Dr. Mabuse 10 Tage, die die Welt erschütterten Im Westen nichts Neues Das Ende von St. Petersburg Frauenglück — Frauennot Der Mann, d. d. Gedächtnis verlor Hölzerne Kreuze (französ. Film)

Wehe denen, die allzuenger Verbindung mit dem proletarischen Film verdächtig sind! Ein charakteristisches Beispiel dafür ist die Verhaftung und Misshandlung des Dr. A. Steigler durch SA und Hilfspolizei. Steigler war seit Jahren als Direktor einer Volksfilmgesellschaft in Berlin SW 48, Friedrichstraße 238 tätig. Unter den von der Gesellschaft nach kommerziellen Gesichtspunkten betriebenen Filmgeschäften befand sich auch der Verleih einiger Russenfilme. Das genügte, um die Räume dieser Filmgesellschaft durch SA und Polizei besetzen zu lassen und das gesamte Personal für verhaftet zu erklären. Nach Einlieferung in die Berliner Maikäferkaserne wurde Dr. Steigler in Gegenwart seiner Angestellten den schlimmsten Misshandlungen und Folterungen ausgesetzt.

6.13 Die Schule des „Dritten Reiches“

„Man sagt, dass in euren Schulen Knaben und Mädchen nackend in Wettkämpfen sich messen und solchermaßen zu Kriegern und Amazonen erzogen werden. Aber lernen sie denn auch etwas? Und wird ihre Sinnenlust nicht aufgepeitscht, wenn sie sich so sehen?“

„Keineswegs, mein Bester, denn wir plagen sie, bis sie keinen Atem mehr haben und wenn sie müde sind. können sie weder denken noch Sinnenlüste empfinden.“ „Aber wie ist es mit den Wissenschaften und Künsten, die sie erlernen sollen, o mein weiser Gesetzgeber?“

„Sie sollen ja nichts lernen und nicht denken, denn wer denken kann, der kann Böses denken, wer aber tüchtig gemacht wird in Bezug auf seinen Leib und geschunden wird den ganzen Tag, der kann ein brauchbarer Staatsbürger werden.“ (Aus einem Gespräch im alten Griechenland über spartanische Erziehung.)

Die Weimarer Republik ermöglichte einige, wenn auch unzulängliche, Experimente in der Schulpolitik. Sie hat, wenigstens in den größeren Städten, die Möglichkeit offengelassen, dass Schulkinder ohne Religionsunterricht die Volksschule absolvieren konnten. Sie hat das Bildungsprivileg der wohlhabenden Schichten unberührt gelassen. Aber sie hat einige wenige und zaghafte Versuche unternommen, auch Arbeiter-Abiturienten zum Studium an den Hochschulen zuzulassen und einige Kurse zur Vorbereitung solcher Arbeiterabiturienten geduldet.

Die Schule ist wieder eine christlich-religiöse Drillanstalt geworden, von unten bis oben. Solche Experimente, wie etwa das Karl–Marx–Realgymnasium in Neukölln, das der Erprobung neuerer Unterrichtsmethoden, starker Gabelung der Unterrichtskomplexe (d. h. Teilung in mehrere Gruppen, je nach dem vorwiegenden Interesse der daran Beteiligten. etwa in Sprachgruppen) und vor allem der systematischen Ausbildung von Arbeiterabiturienten diente, solche Experimente sind erledigt und verboten worden.

Schon Hitler hat in seinem Buch „Mein Kampf“ sein Schulprogramm entwickelt. Es sah dem des spartanischen Zynikers, den wir anfangs zitierten, ähnlich genug. Der Sinn der Ausführungen Hitlers ist der, dass man in der Schule des „Dritten Reiches“ den Kindern nicht etwa Kenntnisse und Wissen beizubringen hat. sondern vor allem Gehorsam gegen den Führer. Was Hitler grob und ohne Umschweife sagt, das führt Frick etwas getarnt aus.

Am 9. Mai 1933 hielt Frick vor den Kultusministern der Länder seine Programmrede. Frick, der selber den Weltkrieg zu Pirmasens in der Heimat überdauerte, fordert jetzt heldische Erziehung zu Kanonenfutter. Bisher, so meint er, ist alles schlecht gewesen. Denn die Kinder wurden „nicht erzogen, sondern geschult“.

Was will Frick?

„Wir haben heute mehr denn je Ursache, uns daran zu erinnern, dass wir Hand in Hand mit den stammverwandten germanischen Völkern Nordeuropas und ihrer Tochterstaaten jenseits des Meeres weltumspannende Aufgaben zu lösen haben, die der Tatkraft der nordischen Rasse ein weites Feld kulturaufbauender Betätigung geben.“

Die „stammverwandten“ Völker sind hier nicht genau definiert. Es scheint. dass Herr Frick sie alle gegen die „Untermenschen“ einen will, um ein weltumspannendes „Drittes Reich“ zu schaffen, das allen „minderwertigen“ Völkern romanischer oder sonstiger „Rasse“ zeigen wird, wie es in einem ordentlichen hitlerischen Reich zugeht.

„Neben der Ausbildung rein körperlicher Gewandtheit und Leistungsfähigkeit, ist besonderer Wert auf die Heranbildung von Willens– und Entschlusskraft zu legen, als unerlässlicher Vorbedingung für die Erziehung zur Verantwortungsfreudigkeit, in der der Charakter wurzelt.“

Die Schule soll ungebildete („ungeschulte“) aber stramm gedrillte, draufgängerische Soldaten des „Dritten Reiches“ produzieren. Um den Kindern beizubringen, dass nichts in der Welt besser ist als das „Dritte Reich“, muss ihnen die Welt so dargestellt werden, wie sie nie aussah. Dementsprechend muss die Geschichte nationalsozialistisch verfälscht werden. In „neuen Geschichtsbüchern“ soll möglichst wenig stehen. „Weitgehende Beschränkung ist unerlässlich.“ Daher genügt es, „die geschichtsbildenden Kräfte herauszuarbeiten, die zu allen Zeiten gewirkt haben. Ein Hauptstück der Geschichtsbetrachtung haben die beiden letzten Jahrzehnte unserer eigenen Zeit zu bilden.“ Um die Sache noch genauer zu beschreiben, fügt Frick hinzu, dass besonders zu behandeln sind „das beginnende Erwachen der Nation vom Ruhrkampf an bis zum Durchbruch des nationalsozialistischen Freiheitsgedankens und bis zur Wiederherstellung der deutschen Volksgemeinschaft am Tage von Potsdam.“

Neben dieser Sorte Geschichtskunde sollen noch die besonders geförderte „Rassenkunde“ und die „Einführung in die Grundbegriffe der Familienforschung“ gelehrt werden. Das bayerische Kultusministerium hat einen Erlass herausgegeben, in dem es u. a. heißt:

„Im Geschichtsunterricht aller Unterrichtsklassen des Landes Bayern wird für den Anfang des Schuljahres 1933/34 — unabhängig von allen sonstigen Stoff– und Lehrplänen — bestimmt, dass in den ersten vier bis sechs Wochen das Stoffgebiet, das die Jahre 1918 bis 1933 umfasst, zu behandeln ist. Das übrige lehrplanmässige Pensum in den erwähnten Fächern wird dann entsprechend gekürzt auf die übrigen Monate des Jahres verteilt. Nach Abschluss dieses Lehrganges soll die letzte Stunde zu einer erhebenden Schlussfeier ausgestaltet werden, mit kurzen Ansprachen des Lehrers und eines Schülers über den Aufbruch der Nation. Singen vaterländischer Lieder, Flaggenschmuck. Es wird besonders auch darauf gesehen, dass dieses für die Wiedererweckung des Nationalgefühls in der bayerischen Schuljugend wichtigste Thema ‘Aufbruch der Nation’ nicht allein als Unterrichtsfach (für Geschichte, Heilkunde usw.) zu gelten hat, sondern auch als Unterrichtsprinzip konzentrisch zur gründlichsten Behandlung steht. Soweit am Ende des Trimesters Prüfungen abgehalten werden, ist auf dieses Stoffgebiet vorzüglich Rücksicht zu nehmen.“

Der Berliner Staatskommissar Dr. Meinshausen proklamierte („Völkischer Beobachter“ vom 6. 5. 33) In einem Vortrag über die Umgestaltung des Berliner Schulwesens:

„Es muss alle liberalistische Gefühlsduselei verstummen ... Zur Judenfrage gilt das Wort: Sentimentalität ist Volksverrat.“

Dementsprechend haben die nationalsozialistischen Kultusminister alle pädagogischen Akademien vollkommen umgestaltet und alle Lehrer entlassen, die „verdächtig“ waren. Alle weltlichen Schulen sind aufgelöst. Der Religionsunterricht ist wieder zwangsweise verordnet, die Wiedereinführung der Prügelstrafe war die erste Leistung brauner Schulpolitik.

Alle Tendenzen zur modernen Schule sind vollkommen ausgetilgt. Die Oberprimaner der „umorganisiertem Karl–Marx–Schule in Berlin-Neukölln sind alle um zwei Jahre zurückversetzt worden. Sie sollen erst einmal in echten Nazigeist gedrillt werden, ehe ihnen gestattet wird, zu studieren.

Nicht nur die jüdischen Professoren, auch die jüdischen Studenten wurden aus den Universitäten vertrieben. An den höheren Lehranstalten werden nur noch anderthalb Prozent neueintretende Schüler „nichtarischer“ Rasse zugelassen. (Preußischer Ministerialerlass vom 8. Mai 1933.)

Die zwangsweise Mitgliedschaft aller Lehrer im nationalsozialistischen Lehrerbund ist die Voraussetzung für ihre staatliche Beschäftigung als Lehrkraft.

Wir lassen das neue Deutschland nun in einigen Erlassen und Verfügungen selbst sprechen.

Aus dem Gesetz gegen die Überfüllung und Überfremdung der Hochschulen.

-§1. Bei allen Schulen außer den Pflichtschulen ist die Zahl der Schüler und Studenten soweit zu beschränken, dass die gründliche Ausbildung gesichert und dem Bedarf der Berufe genügt ist. §4. Bei den Neuaufnahmen ist darauf zu achten, dass die Zahl der Reichsdeutschen die im Sinne des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 nicht-arischer Abstammung sind, unter der Gesamtheit der Besucher jeder Schule und jeder Fakultät den Anteil der Nichtarier an der reichsdeutschen Bevölkerung nicht übersteigt. Die Anteilzahl wird einheitlich für das ganze Reichsgebiet festgesetzt. (1,5%) § 7. Das Gesetz tritt mit seiner Verkündung in Kraft.

Erleichterte juristische Prüfungen für Mitglieder der nationalen Verbände.

Der Kommissar des Reiches für das preußische Justizministerium. Kerl, hat durch Erlass vom 5. April verfügt, dass Rechtskandidaten und Referendare, die als Mitglieder einer der anerkannten nationalen Verbände im vaterländischen Dienst eine gewisse Zeit hindurch tätig gewesen sind, zum Ausgleich einer dadurch verursachten Behinderung des Ausbildungsganges auf Antrag die juristischen Prüfungen in abgekürzter Form ablegen können.

(„D. A. Z.“ vom 12. 4. 33.)

6.14 Der „Geist“ der Scheiterhaufen–Studenten

. 1. Sprache und Schrifttum wurzeln im Volke ...

2. Es klafft heute ein Widerspruch zwischen Schrifttum und deutschem Volkstum. Dieser Zustand ist eine Schmach.

3. Reinheit von Sprache und Schrifttum liegt an Dir!

4. Unser gefährlichster Widersacher ist der Jude ...

5. Der Jude kann nur jüdisch denken. Schreibt er deutsch, dann lügt er. Der Deutsche, der deutsch schreibt, aber undeutsch denkt, ist ein Verräter! ...

6. Wir wollen die Lüge ausmerzen, wir wollen den Verrat brandmarken ...

7. Wir wollen den Juden als Fremdling achten und wir wollen das Volkstum ernst nehmen. Wir fordern deshalb von der Zensur:

  • Jüdische Werke erscheinen in hebräischer Sprache. Erscheinen sie in deutsch. sind sie als Übersetzung zu kennzeichnen... Deutsche Schrift steht nur Deutschen zur Verfügung. Der undeutsche Geist wird aus öffentlichen Büchereien ausgemerzt . .

Die Deutsche Studentenschaft

(Aus den 12 Thesen „Wider den undeutschen Geist?, angeschlagen von den Berliner Studenten am 13. April 1933 in der Berliner Universität.)

6.15 „Gleichschaltung“ der Presse

Am Abend des 30. Januar 1933, dem Tage der Berufung der Regierung Hitler-Hugenberg, versammelte der neue Reichsinnenminister Frick die Vertreter der Berliner Presse zu einer Konferenz. Er versprach, dass die neue Regierung sich von all ihren Vorgängern durch eine weitgehende Wahrung der Pressefreiheit unterscheiden würde.

Wenige Tage nach „diesem deutschen Manneswort“ setzte in ganz Deutschland eine Verbotswelle gegen die kommunistische und sozialdemokratische Presse ein. Mitte Februar war fast die gesamte kommunistische Presse Deutschlands verboten. Es hagelte Verbote sozialdemokratischer und demokratischer Blätter. SA-Trupps zogen während des Reichstagswahlkampfes nachts vor die Druckereigebäude von Zentrumsblättern im Rheinland, erzwangen den Abdruck nationalsozialistischer Ministerreden und übten, gedeckt durch die Polizeibehörden, brutalste Vorzensur aus.

In jenen letzten Tagen vor dem Reichstagsbrand war Fricks „Pressefreiheit“ fast völlig von den Stiefeln der SA und der Polizei zertreten. Die Arbeiterblätter wurden nur noch durch Wachen tapferer proletarischer Selbstschutzgruppen vor der Demolierung ihrer Druckereien und Redaktionen geschützt. Als das ungeheuerliche Provokationsstück im Reichstag geglückt war und der braune Pogrom zu rasen begann, wurden mit einem Schlag die letzten kommunistischen und sozialdemokratischen Zeitungen verboten.

Der letzte Rest der Pressefreiheit war gemordet. Kommunistische, sozialdemokratische, linksbürgerliche Journalisten wurden verhaftet oder Freibeute sadistischer Folterknechte in SA-Kasernen. Die weiter erscheinende bürgerlich–demokratische Presse und die Blätter des Zentrums begannen, sich dem neuen Pogromregime „gleichzuschalten“. In den großen demokratischen Verlagen Berlins, bei Ullstein und Mosse, bei der liberalen Presse im Reiche begann die „freiwillige“ Entfernung jüdischer, pazifistischer oder sonst bei den Nazis unbeliebter Redakteure. Auch diese Presse feierte die „schicksalsgewaltigen Ereignisse dieser Tage“. Sie entdeckte ihr Herz für das „Erwachen“ der Nation, für Hitler. Sie unterschlug die Meldungen über die Massakers in den Arbeitervierteln. Sie verschwieg die Greueltaten, die — schlimmer, als die Phantasie sie sich ausdenken kann — wenige Minuten vom Sitz ihrer Redaktionen entfernt, sich täglich ereigneten. Die „Judenblätter“ dementierten die Judenverfolgungen.

Die ausländische Presse, die nicht so willfährig im Verschweigen der unmenschlichen Greuel war, geriet sehr rasch in einen Konflikt mit der Hitlerregierung. Am 7. März erschien eine amtliche Regierungsmitteilung:

„Angesichts der böswilligen Berichterstattung über innerdeutsche Vorgänge in der ausländischen Presse, waren ernste Maßnahmen gegen eine Anzahl von Auslands-Korrespondenten in Vorbereitung. Ein Teil der fraglichen Korrespondenten hat sich dem Zugriffder Polizei durch Abreise entzogen. Was die übrigen Korrespondenten anlangt, so liegt von diesen nunmehr die Zusicherung vor, in Zukunft in ihrer Berichterstattung sich jeder böswilligen Tendenz zu enthalten und Zweideutigkeiten zu vermeiden. Im Hinblick hierauf sind die fraglichen Korrespondenten zunächst von der Ausweisung verschont geblieben; es ist ihnen vielmehr eine Bewährungsfrist von 2 Monaten zugebilligt worden.“

Am 5. April holte sich die Hitlerregierung eine Niederlage beim Verein der ausländischen Presse. Sie hatte dem Verein den Boykott angedroht. wenn er nicht seinen Präsidenten, den Berichterstatter der „Chicago Daily News“, Mowrer, absetzen würde. Die Generalversammlung des Vereins der ausländischen Presse beschloss mit 60 gegen 7 Stimmen, bei 3 Stimmenthaltungen, das Rücktrittsangebot Mowrers abzulehnen. In den darauffolgenden Wochen wurde unter dem Druck der öffentlichen Meinung des Auslands die Hitlerregierung gezwungen, gegenüber den ausländischen Pressevertretern weitere Rückzüge zu machen.

Zwangsweise „gleichgeschaltet wurden der Reichsverband der deutschen Presse mit dem nationalsozialistischen Pressechef Dietrich als Vorsitzenden, die Vereinigung deutscher Zeitungsverleger und der Reichsverband deutscher Zeitschriftenverleger e. V. „Gleichgeschaltet“ wurden alle bezirklichen Organisationen der Verleger und Journalisten. Der Reichsverband der deutschen Presse beschloss unter seiner neuen Führung, dass künftig jüdische und marxistische Redakteure nicht mehr seine Mitglieder sein dürfen. Die „Germanisierung“ seines Redakteurstabs und die demütige Unterwerfung unter die Hitlerpolitik half dem Rudolf–Mosse–Verlag, der das „Berliner Tageblatt“ herausgibt, nicht viel. In den ersten Apriltagen wurde der Verlag faktisch enteignet und von einer neugegründeten G.m.b.H. übernommen, deren Leitung bei dem nationalsozialistischen Kommissar Ost, dem Verlagsdirektor Karl Vetter und einem nationalsozialistischen Betriebsrat lag. Ein neuer Redakteurstab, der alle Garantien für Hitlertreue bot, wurde eingestellt. Der nationalsozialistische Kommissar Ost, ein Vertrauensmann des damaligen SA–Führers Graf Helldorf, wurde wenige Wochen später verhaftet. Er hatte bei der erpresserischen Enteignung des Rudolf Mosse-Verlages einige Hunderttausend Mark in die eigene Tasche fließen lassen. Nach 3 Monaten des Wirtschaftens der Nazikommissare stellte Mitte Juli 1933 der Verlag Rudolf Mosse seine Zahlungen ein. Ein Beispiel mehr für die zahlreichen „Gleichschaltungen“ bürgerlicher Zeitungsverlage ist die „freiwillige“ Umwandlung des „Dortmunder General–Anzeigers“ in ein nationalsozialistisches Parteiblatt. Der „Dortmunder Generalanzeiger“, der über die größte Druckerei Europas verfügt, hatte die höchste Auflage aller deutschen Zeitungen außerhalb Berlins. Da er besonders in den dichtbevölkerten Arbeitergebieten von Rheinland–Westfalen seine Verbreitung fand, machte er in seinem Inhalt starke Konzessionen an antikapitalistische und antifaschistische Massenstimmungen. Nach der Bildung der Hitlerregierung mussten die alten Redakteure abtreten. Die übliche „freiwillige Gleichschaltung“ begann. Das genügte den braunen Machthabern aber nicht. Am 20. April war in der Zeitung inmitten zahlreicher Geburtstagshymnen eine Hitler–Radierung des Zeichners Stumpp erschienen. Die SA-Führer erklärten dieses Bild für eine Karikatur Hitlers. Sie ließen die Zeitung beschlagnahmen und das Gebäude des „Dortmunder General-Anzeiger“ durch die SA schließen. Der Dortmunder Polizeipräsident beauftragte den Chefredakteur der nationalsozialistischen Zeitung „Rote Erde“ mit der Leitung des Betriebs.

Es kann hier nicht die Kette der Verbote und Verwarnungen gegen bürgerliche Zeitungen und Zeitschriften aufgezählt werden. Der „Gleichschaltungs“–Feldzug führte zu einer diktatorischen Umgestaltung des ganzen deutschen Nachrichtendienstes, die Leitung des amtlichen Wolffschen Telegraphenbüros wurde geändert. Die Leserschaft der in Deutschland noch erscheinenden Presse wird hermetisch von allen wahrheitsgetreuen Nachrichten aus dem Auslande abgeschnürt.

Über 230 ausländische Zeitungen sind in Deutschland verboten, und zwar aus folgenden Staaten: USA 9, Argentinien 2, Belgien 7, Kanada 2, Dänemark 4, Danzig 3, Großbritannien 5, Frankreich 31, Holland 9, Lettland 2, Litauen 1, Luxemburg 5, Österreich 37, Polen 24, Rumänien 1, Saargebiet 4, Schweden 1, Schweiz 26, Sowjetunion 9, Spanien 2, Tschechoslowakei 66. Am stärksten sind also die Tschechoslowakei, Österreich, Frankreich, die Schweiz und Polen unter diesen Verboten vertreten.

Deutschland war das Land der größten literarischen Produktion. Kennzeichnend für

den Rückgang der literarischen Produktion schon in den ersten Wochen des Hitlerregimes ist folgende Meldung:

Rückgang des Papierverbrauchs in der Verlagsproduktion.

„Nach einer Mitteilung der „Frankfurter Zeitung“ vom 15. April 1933 sank die Beschäftigung der Druckpapierfabrikation im Verlauf der „nationalen Revolution“ in vielen Fällen bis zu 25%. Die „Deutsche Allgemeine Zeitung“ vom April berichtet, dass die Verlagsproduktion im ersten Vierteljahr 1933 um 30% gegenüber dem ersten Quartal 1931 zurückgegangen ist. Der Export zeigt einen ständigen weiteren Rückgang. Der deutsche Buchhandel ist seiner besten Kunden beraubt, ganzer Wissens– und Literaturgebiete entblößt.“

6.16 Verzeichnis der in Hitler–Deutschland gemaßregelten Wissenschaftler und Künstler

HOCHSCHULPROFESSOREN BERLIN-UNIVERSITÄT

Prof. Albert Einstein (Physik: Nobelpreisträger) Prof. Dr. Fischel (Kunstgeschichte) Prof. Dr. Jollos (Zoologie) Prof. Dr. Fritz Haber (Chemie: Nobelpreisträger) Prof. Dr. Walter Norden (Versicherungskunde) Prof. Bernhard Zondek (Gynäkologie) Prof. Dr. Richter (Medizin) Prof. Dr. Pringsheim (Chemie) Prof. Moritz Bonn (Nationalökonomie) Prof. Dr. Hermann Grossmann (Technik) Prof. Emil Lederer (Nationalökonomie) Prof. Manes (Versicherungskunde) Prof. H. Freundlich (Colloidchemie) Prof. Dr. Byk (Physik) Prof. Dr. Polanyi (Physikalische Chemie) Prof. Ferdinand Blumenthal (Krebsforschung) Prof. Franz Blumenthal (Dermatologie) Prof. Peter Rona (Chemie und Physiologie) Prof. Dr. Birnbaum (Psychiatrie) Dozent Dr. Otto Lippmann (Psychologie) Prof. Mittwoch (Semitische Philologie) Prof. Dr. Julius Pokorny (Keltische Philologie) Prof Dr. Issai Schur (Mathematik) Dozent Dr. Konrad Cohn (Zahnheilkunde) Prof. James Goldschmidt (Strafrecht) Prof. Dr. Karl Brandt (Ackerbau) Dozent Dr. Fritz Baade (Soziologie) Dozent Dr. Balogh (Philosophie) Dozent Dr. Kurt Häntzschel (Presserecht) Dozent Dr. Walter Lande (Medizin) Prof. Dr. Wolff-Eisner (Medizin) Prof. Noeller (Tierheilkunde)

BERLIN — TECHNISCHE HOCHSCHULE

Prof. Dr. Kurrein (Technik) Prof. Traube (Colloidchemie) Prof. Dr. Schlesinger (Maschinenbau) Prof. Dalinger (Elektrizität)

Prof. Dr. Schwerin (Elastizitätslehre) Privatdozent Dr. Kelen (Hydraulik) Prof. Dr. Levy (Nationalökonomie) Dozent Grabowski (Mathematik) Prof. Dr. Lehmann (Photochemie) Prof. Chajes (Hygiene) Prof. Korn (Photo-Telegrafie) Prof. Igel (Eisenbahnbau) Prof. Nolde (Chemie) Prof. Fritz Frank (Chemie)

BERLIN — DEUTSCHE HOCHSCHULE FÜR POLITIK

Prof. Dr. Jäckh Prof. Dr. Drews Prof. Dr. Simons

AACHEN — TECHNISCHE HOCHSCHULE

Prof. Blumenthal (Technik) Prof. Mautner (Eisenkonstruktion) Prof. Hopf (Höhere Mathematik) Prof. Levy (Organische Chemie) Prof. Fuchs (Physik) Privatdozent Strass (Literatur) Prof. Meusel (Nationalökonomie) Privatdozent Pick (Mathematik)

FRANKFURT a. M.

Prof. Heller (Öffentliches Recht) Prof. Plessner (Orientalische Sprachen) Prof. Horckheimer (Soziologie) Prof. Sommerfeld (Philologie) Prof. Löwe (Nationalökonomie) Prof. Mannheim (Soziologie) Prof. Tillich (Philosophie) Prof. Walter Fraenkel (Metallurgie) Prof. Sinzheimer (Arbeitsrecht) Prof. Fritz Mayer (Chemie) Prof. Salomon (Soziologie) Prof. Ernst Kahn (Handelsjournalismus) Karl Mennicke (Philosophie) Prof. Ludwig Wertheimer (Bankwesen) Prof. M. Wertheimer (Psychologie) Prof. Neumark (Nationalökonomie) Prof. Strupp (Internationales Recht) Prof. Ernst Cohn (Privatrecht) Prof. Pribram (Nationalökonomie) Prof. Richard Koch (Medizin) Prof. Glatzer (Judentum) Prof. Altschul (Nationalökonomie) Prof. Braun (Hygiene) Prof. Weil (Orientalische Sprachen)

KIEL

Prof. Schücking (Internat. Recht) Privatdozent Kolle Prof. Kantorowicz (Strafrecht) Prof. Dr. Krohner Prof. Adolf Fraenkel (Mathematik) Prof. Dr. Liepe (Deutsche Philologie) Prof. Ernst Fraenkel (Recht) Privatdozent Colm (Nationalökonomie) Prof. Neisser (Nationalökonomie) Prof. Dr. Feller Prof. Stenzel (Philosophie) Prof. Opet (Deutsches Recht)

Privatdozentin Melitta Gerhardt Prof. Skalweit (Nationalökonomie) Prof. Höber Prof. Wedemeyer Prof. Dr. Rosenberg Prof. Schrader Prof. Husserl (Römisches Recht) Prof. Rauch (Philosophie) Prof. Höniger (Recht) Prof. Dr. Klemperer (Medizin) Prof. Löwe Prof. Dr. Emil Fuchs (Theologie) Prof. Harder Lektor Dr. Marano Prof. Jacoby (Philosophie) Prof. Wilhelm Oppermann Prof. Keiser Dozent Dr. Friedrich Copei

KÖNIGSBERG — UNIVERSITÄT

Prof. Henzel (Öffentliches Recht) Prof. Reidemeister (Mathematik) Prof. Paneth (Chemie) Prof. Schneider (Philosophie)

KÖNIGSBERG — HANDELSHOCHSCHULE

Prof. Rogowski Prof. Kürbs Prof. Hänsler Prof. Feiler

KÖLN

Prof. Kelsen (Öffentliches Recht) Prof. Cohn-Vossen (Mathematik) Prof. Schmalenbach (Nationalökonomie) Prof. Braunfels (Philosophie) Prof. Lips (Soziologie) Prof. Schnittmann (Nationalökonomie. Verhaftet) Prof. Esch (Verkehrswesen) Prof. Beyer (Pädagogik) Prof. Spitzer (Philosophie) Prof. Honigstein (Soziologie)

JENA

Prof. Emil Klein (Medizin) Prof. Dr. Peters (Psychologie) Prof. Theodor Meyer-Steinegg (Geschichte der Medizin) Prof. Schaxel (Zoologie) Prof. Hans Stimmel (Philosophie) Prof. Berthold Josephy (Nationalökonomie) Prof. Mathilde Vaerting (Pädagogik) Privatdozent Leo Brauner (Botanik)

BRESLAU

Prof. Mark (Rechtsphilosophie) Prof. Cohn (Recht)

BONN

Prof. Löwenstein (Psychiatrie) Prof. Dr. Hans Rosenberg (Philosophie) Prof. Kantorowicz (Zahnheilkunde)

MARBURG

Prof. Röpke (Staatswissenschaften) Prof. Hermann Jacobsohn (Indogermanische Philologie. Verübte nach der Absetzung Selbstmord)

GÖTTINGEN

Prof. James Franck (Experimentelle Physik. Nobelpreisträger) Prof. Born (Theoretische Physik) Prof. Honig (Strafrecht) Prof. Emmi Noether (Philosophie) Prof. Courant (Mathematik) Prof. Bernstein (Statistik) Prof. Brandi (Geschichte)

GREIFSWALD

Prof. Klingmueller (Privatrecht) Prof. Dr. Braun (Nationalökonomie. Nach der Absetzung verhaftet.) Prof. Ziegler (Klassische Philologie)

M ÜNSTER

Prof. Freud (Recht) Prof. Bruck (Nationalökonomie) Prof. Heilbronn (Botanik)

HEIDELBERG

Prof. Hans v. Eckardt (Journalistik) Prof. Dr. Anschütz (Öffentl. Recht) Prof. Radbruch (Strafrecht) Prof. Alfred Weber (Soziologie)

HANNOVER Prof. Theodor Lessing (Philosophie)

DRESDEN — TECHNISCHE HOCHSCHULE Prof. Dr. Holidack (Recht)

HALLE

Prof. D. Dehn (Theologie) Prof. Kitzinger (Strafrecht) Prof. Dr. Aubin (Recht) Prof. Utitz (Psychologie) Prof. Frankl (Kunstgeschichte) Prof. Hertz (Soziologie) Prof. Kisch (Rechtsgeschichte) Privatdozent Dr. Baer (Mathematik)

HAMBURG

Prof. Eduard Heimann (Recht) Prof. W. A. Berendson (Literatur) Prof. Panofsky (Kunstgeschichte) Prof. Richard Salomon Prof. William Stern Prof. Ernst Cassirer (Philosophie)

T ÜBINGEN

Prof. Dr. Hegler Prof. G. Weise (Kunstgeschichte)

LEIPZIG

Prof. Witkowski (Literaturgesch.) Prof. Eveeth (Journalistik) Prof. Götz (Geschichte) Prof. Hellmann (Medizin) Prof. Apelt (Öffentliches Recht) Dozent Dr. Becker (Philosophie)

D ÜSSELDORF

Prof. Boden Prof. Dr. Meyer Prof. Ellinger Privatdozent Dr. Neustadt

DOZENTEN AN PÄDAGOGISCHEN AKADEMIEN

Prof. Dr. Otto Haase, Elbing Prof. Emil Fuchs, Kiel Prof. Dr. Karl Thieme, Elbing Prof. Wilhelm Oppermann, Kiel Prof. Hans Haffenrichter, Elbing Dozent Dr. Friedrich v. Copet, Kiel Prof. Emil Gossow, Elbing Prof. Dr. Joh. Sippel, Dortmund Prof. Helene Ziegert, Elbing Dozent Dr. Hans Plug, Dortmund Dozentin Joh. Kretschmann, Elbing Prof. Dr. Conrad Ameln, Dortmund Prof. Julius Frankenberger, Halle Prof. Martin Schmidt, Frankfurt Prof. Frau Dr. Elisabeth Blochmann, Halle Prof. Dr. Marianne Kunze, Frankfurt Dr. Fritz Haschek, Halle Prof. Dr. Gerda Simons, Frankfurt Prof. Anna Deynehl, Halle Prof. Dr. Hermann Semiller, Frankfurt Prof. Martin Rang, Halle Prof. Herbert Kranz, Halle Prof. Dr. Adolf Reichwein, Halle Dozent Hans Thierbach, Frankfurt Prof. Dr. Karl v. Hollander, Halle Dozentin Berta Kieser, Frankfurt Prof. Fritz Kauffmann, Halle Prof. Hans Rosenberg, Bonn Prof. Dr. Hans Hoffmann, Halle Prof. Dr. Johannes Richter, Leipzig Prof. Dr. Spemann, Frankfurt

MUSIK

Otto Klemperer, Generalmusikdirektor. Hanns Eisler Prof. Arthur Schnabel Bruno Walter, Generalmusikdirektor Fritz Busch, Generalmusikdirektor Prof. Daniel, Hochschule f. Musik, Berlin Fritz Stiedry Prof. Leonid Kreutzer, Hochschule für Musik, Berlin Gustav Brecher, Generalmusikdirektor. Oskar Fried Prof. Emanuel Feuermann, Hochschule Arnold Schönberg für Musik, Berlin Franz Schrecker Prof. Hörth, Hochschule für Musik, Berlin Kurt Weill Fritz Kreisler Prof. Hünemann, Hochschule für Musik, Berlin Prof. Karl Flech Bruno Eisner

MALEREI

Prof. Käthe Kollwitz (wurde veranlasst, aus der Kunstakademie auszutreten) Prof. Max Liebermann, Ehrenpräsident der preußischen Akad. d. Künste (gab seine Demission) Prof. Otto Dix (aus der Akademie der bildenden Künste entlassen) Prof. Karl Hofer (von der Akademie d. b. K. ’beurlaubt’) Prof. Paul Klee beurlaubt Prof. Oskar Moll (’beurlaubt’) Prof. Georg Tappert, Staatliche Kunstschule Berlin-Schöneberg Prof. Curt Lahs, Staatliche Kunstschule Berlin-Schöneberg Prof. Josef Vinecky. Staatliche Kunstschule Berlin-Schöneberg Prof. Fritz Wiechert, Direktor der Kunstgewerbeschule Frankfurt.

MUSEEN

Geheimrat Wilhelm Waetzold, Generaldirektor der staatlichen Museen, Berlin Geheimral Max J. Friedländer. Direktor des ’Kaiser Friedrich Museums’, Berlin Geheimrat Ludwig Justi, Direktor der ’National-Galerie’, Berlin Professor Georg Swarczenski, Direktor des ’Staedel-lnstituts’, Frankfurt und viele weitere Museumsleiter.

RECHTSANWÄLTE

Allein in Berlin wurden über 1200 Rechtsanwälte als Juden oder „Marxisten“ nicht mehr zur Ausübung ihres Berufes zugelassen.

DICHTER UND SCHRIFTSTELLER deren Werke verboten wurden und die zum großen Teil Deutschland verlassen haben:

Thomas Mann, Heinrich Mann, Ernst Toller, Stefan Zweig, Arnold Zweig, Jakob Wassermann, Lion Feuchtwanger, Kurt Tucholski, Emil Ludwig, Alfons Goldschmidt, Gustav Regler, Otto Katz, Theodor Wolff, Alfred Kerr, Bert Brecht, Carl von Ossietzky (verhaftet), Hellmuth von Gerlach, Otto Lehmann-Russbüldt (verhaftet), Dr. Friedrich Wolff, Anna Seghers (Kleistpreisträgerin), Dr. Martin Buber, Dr. Jürgen Kuczinski. Erich Maria Remarque, Josef Roth, Hans Marchwitza, Alfred Döblin, Werner Hegemann, Bruno von Salomon, Dr. Ernst Bloch, Walther Mehring, Arthur Holitscher, Prof. E. Gumbel, Prof. Grossmann, S. Krakauer, Hermann Wendel, K. A. Wittfogel (verhaftet), Botho Laserstein, Egon Erwin Kisch (ausgewiesen), F. C. Weiskopf, Johannes R. Becher, Bruno Frei, Paul Friedländer, Heinz Pol, Otto Heller, Erich Weinert, Ludwig Renn (verhaftet), Dr. Hermann Dunker (verhaftet), Bernhard Kellermann, Leonhard Frank, Franz Werfel, Ludwig Fulda, Vicki Baum, Adrienne Thomas, Ferdinand Bruckner–Tagger, Carl Sternheim, Georg Kaiser, Carl Zuckmayer, Georg Bernhard, Heinrich Simon (Frankfurter Zeitung), Erich Baron (im Gefängnis gestorben), Walter Schönstedt und viele andere Dichter, Schriftsteller und Journalisten.

ÄRZTE

Dr. Magnus Hirschfeld, Prof. Scheller, Bakteriologie, Breslau (verübte Selbstmord nach seiner Entlassung aus der Schutzhaft). Dr. Felix Boenheim (verhaftet), Dr. Hodann, Stadtrat u.Schriftsteller (verhaftet), Dr. Fritz Weiss, Dr. Schmincke, Stadtarzt, Dr. Fraenkel, Dr. Elisabeth Aschenheim, Dr. Karl Bamberg, Dr. Georg Benjamin, Dr. Borinski, Hauptgesundheitsamt Berlin, Dr. Cohn, Stadtärztin, Dr. Cohn, Hauptgesundheitsamt Berlin, Dr. Gustav Emanuel, Dr. Kurt Friedmann, Dr. Alfred Gottheimer, Dr. Rosa Holde, Dr. Levi, Chefarzt der Allgemeinen Ortskrankenkasse, Braunschweig (verhaftet), Dr. Max Levi, Dr. Julius Lewin, Dr. Ruth Lubliner, Dr. Erwin Markussen, Dr. Seligmann, Hauptgesundheitsamt Berlin, Dr. Josef Stueinas (geborener Litauer), Direktor eines Krankenhauses in Berlin–Lichtenberg (wurde ausgewiesen), Dr. Wohlgemut, Vorstandsmitglied des Vereins der Krankenkassenärzte Hamburgs (verhaftet), Dr. Asch, Berlin (ermordet), Dr. Dienemann Krankenhaus Wittenau, Dr. Goetz, Oberarzt der Heilanstalt Wuhlgarten und über tausend andere jüdische Ärzte, die ihrer beruflichen Tätigkeit nicht mehr nachgehen dürfen, von denen viele verhaftet und eine Reihe ermordet sind.