Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitler-Terror (1933)
PeopleWilli Münzenberg, Marinus van der Lubbe, Hermann Göring, Joseph Goebbels, Adolf Hitler, Ernst Röhm, Edmund Heines, Georgi Dimitrov, Paul von Hindenburg, Franz von Papen, Kurt von Schleicher, Heinrich Brüning, Alfred Hugenberg, Gregor Strasser, Wilhelm Frick, Robert Ley, Otto Wels, Albert Einstein, Magnus Hirschfeld, Ernst Toller TermsBrown Book of the Reichstag Fire and Hitler Terror (1933), Reichstag fire (1933), Reichstag Fire Decree, Reichstag fire trial (1933), Sturmabteilung (SA), Schutzstaffel (SS), Gleichschaltung, Nazi book burnings, Institute for Sexual Science EventsThe Nazi Seizure of Power and the Enabling Act, The German Sexual Reform Movement and Its Destruction by the Nazis (1897–1935)
10 Mord
„Es werden Köpfe rollen, ja, es werden Köpfe rollen.“
Hitler vor dem Reichsgericht im Jahre 1930.
Der Mord geht durch Deutschland. Aus SA-Kasernen werden in geschlossenen Särgen verstümmelte Leichen abtransportiert. In düsteren Wäldern findet man Tote, die bis zur Unkenntlichkeit entstellt sind. Flüsse schwemmen zusammengebundene Körper von Ermordeten ans Land. In Leichenschauhäusern sind „unbekannte“ Tote aufgebahrt.
Hunderte von grausamen Tragödien spielen sich ab: die Frau sieht ihren Mann zwischen den Revolvern und Knüppeln der SA–Leute, die ihn mitten in der Nacht aus dem Bette reißen, und sie weiß, dass sie ihren Mann nicht mehr lebend wiedersehen wird. Am nächsten Morgen findet man ihn mit zertrümmertem Schädel, mit einem Dutzend Messerstichen, mit verzerrtem Gesicht. Die Presse meldet „Auf der Flucht erschossen!“ Falls überhaupt eine Mitteilung in einer Zeitung erscheint. Die Mutter hört Tag und Nacht in hilfloser Verzweiflung die Schmerzensschreie ihres gefangenen Sohnes, sie will das Furchtbare nicht wahr haben, und dennoch kommt nach einigen Tagen die gefürchtete Nachricht, „dass seine Leiche in Empfang zu nehmen sei“.
Einer wird nachts „ abgeholt“. Man hört straßenweit seine Schreie aus der SA-Kaserne, bis er stirbt. Einer wird getreten, geschlagen, gefoltert, bis er fast wahnsinnig aus dem Fenster springt. Die Henkersknechte höhnen: er habe aus dem Fenster des dritten Stockes flüchten wollen. Ein Anderer wird mit zerschmetterten Gliedern im Lichtschacht des Gefängnisses gefunden. Ein Dritter liegt mit abgeschlagenen Nieren: Verletzungen sind äußerlich kaum zu sehen. Statt Urin gibt er Blut von sich. Er stirbt nach kurzer Zeit.
Der Mord geht durch Deutschland heimtückisch, bestialisch, planmäßig. Welche ausländische „Greuelmeldung“ wäre imstande, auch nur annähernd ein Bild der wirklichen entsetzlichen Greuel zu geben, die in Namen und Auftrag der Hitler–Regierung täglich und nächtlich in den SA-Kasernen und Konzentrationslagern, in Arbeiterstraßen und in entlegenen Wäldern verübt werden! Es ist eine historische Erfahrung, dass die herrschende Schicht einer untergangsreifen Gesellschaftsordnung mit unmenschlicher Brutalität ihre Herrschaft aufrechtzuerhalten versucht. Das Deutschland Adolf Hitlers bietet dafür ein neues Zeugnis.
Im Weltkrieg wurden Totenlisten geführt. Sie wurden sogar von Feind zu Feind ausgetauscht. Die Hitler-Regierung ist natürlich nicht so „liberal“, die Listen all ihrer Opfer zu veröffentlichen. Nur ein geringer Teil der Morde, solche Fälle, die wegen der Persönlichkeit des Ermordeten oder der großen Zahl von Mitwissern nicht verheimlicht werden können, wird als „auf der Flucht erschossen“ oder in anderer gefälschter Form bekanntgegeben. Wehe dem, der versuchen würde, der Wahrheit auf den Grund zu gehen! Ihn erwartet das gleiche Schicksal: Folter und Tod.
Die Hunderte von Morden, begangen im Auftrage der SA–Führer, werden unter dem Hitler-Regime niemals vor Gericht kommen. Am 22. März ist eine Generalamnestie für alle Straftaten, die „im Kampf um die nationale Erhebung begangen worden sind“, ausgesprochen worden. Diese Generalamnestie ist ein Freibrief für alle vergangenen und kommenden Morde. Am 23. Juli garantiert Göring noch einmal Straflosigkeit für die grauenhaftesten Taten „im Dienste der nationalen Erhebung“.
10.1 Hitlers Kameraden von Potempa
Es gibt keine genaue Zusammenstellung der Opfer, die schon in den Monaten vor Hitlers Regierungsantritt unter den Kugeln und Messern der SA fielen. Ihre Zahl beträgt viele Hundert sozialdemokratische, christliche, kommunistische und parteilose Arbeiter. Wenn die Nationalsozialistische Partei sich in besonderen politischen Schwierigkeiten befand oder wenn der hartnäckige Widerstand der Arbeiter ihr Vordringen aufzuhalten drohte, schlugen die Wellen der braunen Terrorakte besonders hoch. Bombenattentate, Handgranatenanschläge, Mordüberfälle auf Sozialdemokraten, Kommunisten und Demokraten erfolgten in der Nacht nach den Juliwahlen 1932; in vielen Städten fanden sie zur selben Stunde statt, offenbar genau verabredet. Im Januar 1933, unter der Regierung Schleicher, stieg die Zahl der nationalsozialistischen Gewalttaten wieder sehr rasch. Nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler wurde der SA–Terror von Tag zu Tag schrankenloser entfesselt. Allein aus der ersten Februarhälfte sind 27 SA–Morde an Arbeitern und Arbeiterinnen bekannt geworden.1 Schon vor dem 30. Januar hatte die SA ihre wohlausgearbeitete Mordtaktik. Ortsansässige SA-Leute kundschafteten die Gelegenheiten aus und bereiteten die Morde vor. Ortsfremde Trupps mussten in Übermacht auftreten, oft aus dem Hinterhalt. Nach der Niederstreckung einiger Gegner mussten sie sofort wieder (meist in Autos) aus der Gegend verschwinden. Eine Anzahl Attentate und Erschießungen fanden aus vorüberrasenden Autos oder von Motorrädern aus statt. Schüsse schlugen in die Arbeiterlokale, Arbeiter sanken hin — und die Schützen waren verschwunden, bevor an ihre Feststellung oder an eine Abwehr gedacht werden konnte.
Es sei an jene bestialische Mordtat erinnert, die im Sommer 1932 im oberschlesischen Ort Potempa sich ereignete und durch Hitlers offene Billigung in der ganzen Kulturwelt Aufsehen erregte. Ein Mordkommando der SA, das sich vorher in einer Kneipe Mut angetrunken hatte, drang ein in die Wohnung eines kommunistischen Arbeiters, der buchstäblich zertrampelt wurde vor den Augen seiner alten Mutter. Als die Tat in all ihren viehischen Einzelheiten vor Gericht enthüllt und Todesurteile gegen einige der
11. II. Helmuth Schäfer (Velberth), Franke und Hans Hasse (Wilhelmsburg), Paul Schulz (Berlin), 2. II. Höfe (Altona), Wilhelmine Struth (Hamborn), 3. II. Käthe Sennholt (Duisburg), Erwin Berner und Alfred Kollatsch (Berlin), Wettmann, 5. II. Anna Röder (Berlin) , Walter Steinfeld (Breslau), Bader (Göttingen), Paul Fischer (Chemmitz), Hermann Kasten (Stassfurt), 6. II. Martin Leuschel (Wilhelmsburg), 7. II. Robert Rathke (Köln), 8. II. Wilhelm Esser (Gladbach-Rheydt), 9. II. Heinrich Lipps (Köln), 11. II. Szieflik (Hecklingen), 12. II. Barnikau (Asseln-Dortmund), Joseph Meng (Bensheim), ein Landarbeiter in Groß–Justin, 14. II. Otto Helm und Walter Schneider (Eisleben), Stock (Köln–Kalk), Kurt Löhr (Duisburg-Ort).
Mörder verhängt wurden, solidarisierte sich Hitler öffentlich mit den Mordbuben und nannte sie in einem Telegramm „Meine Kameraden“. Sie wurden von der Regierung Papen begnadigt.
Unmittelbar nach dem 5. März noch vor der „Generalamnestie“ wurden diese Mörder durch Hitler amnestiert und wieder auf die Arbeiterschaft losgelassen.
10.2 Die Tarnung der Morde
Wir benutzen, wie in allen Abschnitten dieses Buches, nur sorgfältig verbürgtes Material. Wir beschränken uns vorwiegend auf zwei bestimmte Arten von Quellen auf Zeugenberichte aus Deutschland von Personen, die selbst die Vorfälle erlebt haben, und auf Nachrichten der „gleichgeschalteten“ deutschen Presse. Die Presseberichte enthalten nicht nur eine offizielle Bestätigung der Morde, sondern zeigen auch drastisch die groben Methoden, mit denen man den wahren Tatbestand zu verhüllen sucht und ihn dabei oft selbst unfreiwillig enthüllt.
Im Monat März erschienen noch solche Nachrichten über politische Morde, die von der Presse selbständig verfasst waren. Allerdings waren die Arbeiterblätter bereits unterdrückt und war die Presse der „Mitte“ dermaßen eingeschüchtert, dass sie selbst die sichersten Nachrichten meist nicht zu drucken wagte.
Trotz der Unterwürfigkeit der Presse drangen aber noch so viele kompromittierende Meldungen in die Öffentlichkeit, dass die Hitler-Regierung ihr Prestige bedroht sah. Zur lokalen Zensur durch Nazikommissare und zur „Selbstzensur“ der Zeitungen trat die zentralisierte Zensur durch das Propagandaministerium hinzu. Am 2. April wird offen zugegeben, dass im „Dritten Reich“ die Berichterstattung über Morde nicht eine Sache der Polizei und der Presse, sondern der Propaganda ist:
„Berlin, 2. April WTB. Die Reichsregierung hat an sämtliche Nachrichtenagenturen die Anweisung gegeben, dass Mitteilungen über Zwischenfälle in Deutschland ... nicht veröffentlicht werden dürfen, bevor nicht die Pressestelle der Reichsregierung (im Propaganda–Ministerium) die Genehmigung ausdrücklich erteilt hat. Jede Nachrichtenveränderung des genehmigten Wortlauts ist verboten.“
Infolge der zentralisierten Zensur werden die Nachrichten schematischer. Die „gleichgeschaltete“ Presse richtet sich streng nach den Vorschriften. Ein konkretes Bild der Tatumstände wird selten gegeben. Werden nähere Angaben gemacht, so enthüllen Widersprüche in den Details sofort die Lüge.
Verschiedene Kategorien der Fälschung treten immer deutlicher hervor: Erstens: Auffindung angeblich unbekannter Leichen. Der Polizei gelingt es in den meisten Fällen, die Toten, die bereits seit Tagen als „vermisst“ oder „verschleppt“ gemeldet sind, sofort zu identifizieren. Vor der Öffentlichkeit wird die Identifizierung geheim gehalten oder erst nach vielen Wochen möglichst unauffällig bekanntgegeben. Unter dieser Kategorie befinden sich eine Anzahl von der Feme ermordeter rebellierender SA-Leute.
Zweitens: im Zusammenhang mit der Welle von Selbstmorden, die seit dem 5. März den faschistischen Terror begleitet, wird versucht, eine große Anzahl von Mordtaten als Selbstmorde darzustellen.
Wie plump dieser Betrug oft betrieben wird, zeigt der amtliche Bericht der Ermordung des Magdeburger Stadtrats Kresse:
„Magdeburg, 14. März (TU). In Felgeleben bei Magdeburg kam es in den späten Abendstunden des Sonntags in einer Gastwirtschaft, die als Wahllokal gedient hatte, zu einem blutigen Zwischenfall. Der aus Magdeburg kommende sozialdemokratische Stadtrat Kresse wurde nach Betreten des Lokals von den dort anwesenden Schutzpolizeibeamten auf Verlangen einiger SA–Männer in Schutzhaft genommen. In einem Nebenraum des Wahllokals kam Kresse mit mehreren SA-Männern in Wortwechsel, in dessen Verlauf er einen Schuss auf die Nationalsozialisten abgab. Durch den Schuss wurde der Sturmführer Gustav Lehmann schwer verletzt. Alle Anwesenden verließen fluchtartig das Lokal, in das dann von außen mehrere Schüsse fielen. Kurze Zeit darauf wurde Kresse mit einem Kopfschuss tot in der Gastwirtschaft aufgefunden. Zurzeit findet eine Obduktion statt, um festzustellen, ob Kresse nach seinem Revolveranschlag seinem Leben selbst ein Ende gemacht hat oder ob er durch eine der von draußen auf das Lokal abgegebenen Schüsse getötet worden ist.“
Die nationalsozialistische Parteipresse hat die Tendenz, solche Meldungen noch sensationell auszuschlachten. Am 25. April bringt der „Völkische Beobachter“ einen der grausigsten Lynch–Morde als „Selbstmord“ in einer Fassung, aus der gerade durch die Details hervorgeht, dass Selbstmord ausgeschlossen ist:
„Furchtbarer Selbstmord. Mit Teer eingerieben und verbrannt. Ein hiesiger Einwohner beging in seiner Wohnlaube auf dem Horner Moor in furchtbarer Weise Selbstmord, Er ging in den angebauten Geräteschuppen, in dem sich u. a. ein Fass Teer befand. Nachdem er sich teilweise entkleidet hatte. rieb er sich über und über mit Teer ein und zündete dann das Fass an. In dem entstandenen Brand hat er den Tod gefunden. Der Beweggrund zum Selbstmord ist in Schwermut zu suchen. Die Wohnlaube ist vollkommen niedergebrannt. Der Selbstmörder war verheiratet und hatte mehrere Kinder.“
Diese Art von Berichterstattung will wie ein Kolportageroman wirken. Sie will durch grausige Ausmalung des Vorfalls die Frage nach dem Motiv und den Zusammenhängen ausschalten.
Drittens ist man bemüht, bei solchen Opfern, die infolge der Misshandlungen im Krankenhaus sterben, einen natürlichen Tod vorzutäuschen. In einer Reihe von Fällen (z. B. Dr. Eckstein–Breslau) lässt es sich die Berichterstattung nicht entgehen, die Ermordeten noch über den Tod hinaus zu verleumden. Die Erfindung von Geschlechtskrankheiten wird zur Diffamierung benutzt.
Viertens: Vortäuschung eines unpolitischen Verbrechens. Es fehlen die einfachsten Angaben über Motiv und Täter, weil sie sofort auf die richtige Spur lenken würden. Die brutale Inhaltslosigkeit solcher Berichte erinnert an die leere Schematik der amtlichen Kriegsberichterstattung:
„Die Polizei meldet: Am Samstagabend wurde der Dachdecker Henseler von mehreren Personen veranlasst, mit ihnen in das Haus Lessingstraße Nr. 21 zu gehen. Die Bewohner hörten kurz darauf mehrere Schüsse. H. wurde mit schweren Verletzungen auf dem Speicher des Hauses aufgefunden und in ein Krankenhaus gebracht, wo er kurze Zeit später starb. Die Täter sind unerkannt entkommen.“ („Germania“ vom 15. Mai.)
Fünftens: Wo alle anderen Manöver versagen, wo nicht mehr zu verheimlichen ist, wer wen umgebracht hat und dass allein die politische Gesinnung der Grund der Ermordung war, tritt eine Formel ein, die seit der Ermordung Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs einen ganz bestimmten, unzweideutigen Charakter angenommen hat „Auf der Flucht erschossen“. Als Dokument für die schamlose Offenheit, mit der diese Methode angewandt wird, bringen wir die amtlichen Originalberichte über den Fall Heinz Bässler: I. „Frankfurter Zeitung“, 5. April, meldet aus Düsseldorf vierten April (WTB)
„Der lang gesuchte Kommunistenführer Bässler konnte heute morgen von Hilfspolizeibeamten gestellt werden. Bei der Leibesvisitation benutzte der Verhaftete einen unbewachten Augenblick zu einem Fluchtversuch. Da er auf wiederholte Anrufe nicht stehen blieb, griffen die Beamten zur Schusswaffe. B. wurde durch einen Schuss schwer verletzt und ist nach seiner Einlieferung ins Krankenhaus gestorben.“
II:
„Angriff“, 5. April, meldet aus Düsseldorf fünften April (Die Polizeistelle teilt mit):
„Am 4 April gegen sechzehn Uhr (!) wurde der kommunistische Funktionär Bässler von SS-Männern in seiner Wohnung festgenommen Bei der Durchsuchung seiner Wohnung wurden zwei Pakete Dynamit gefunden. Ausserdem wurden Schriftstücke beschlagnahmt Auf dem Wege zur Präsidialwache unternahm B. einen Fluchtversuch. Mehrmaligen Zurufen <Stehenbleiben? leistete er keine Folge, sondern setzte trotz Abgabe mehrerer Warnungsschüsse die Flucht fort. Durch einen Rückenschuss wurde er schwer verletzt und starb kurz nach seiner Einlieferung in das Krankenhaus.“ (Tatsächlich wurde Bässlers Wohnung schon nachts umstellt, frühmorgens wurde er abgeholt und auf der Straße erschossen. Die Widersprüche in den amtlichen Berichten lassen sich nicht aus der Welt schaffen. Das „Dynamit wurde nicht gefunden, sondern erfunden. Aber die „Warnungsschüsse“ waren wohl gezielt.)
„Auf der Flucht erschossen“ ist der faschistische Ausdruck für Treibjagd auf Menschen. Zu dieser Treibjagd gehört auch die Art der Berichterstattung. Sie ist so terroristisch wie das ganze Hitler–Regime.
10.3 „Stärkster Rückgang der politischen Mordtaten“
Die „Deutsche Allgemeine Zeitung“ vom 6. Mai 1933 veröffentlichte unter dem Titel „Stärkster Rückgang der politischen Mordtaten seit der Machtergreifung durch die nationale Regierung“:
(Amtlich wird mitgeteilt:)
„Wie der Herr Preußische Ministerpräsident und Minister des Innern, Göring, durch den Leiter des Geheimen Staatspolizeiamts mitteilt, ist seit dem Beginn der nationalen Erhebung ein merklicher Rückgang der aus politischen Motiven verübten Gewalttaten mit Todesfolge eingetreten ... Fast gleichzeitig mit der Machtergreifung durch die Nationale Regierung zeitigten die tatkräftigen Abwehrmaßnahmen der neuen Regierung in Verbindung mit der aus dem Siege der nationalen Bewegung hervorgegangenen Entspannung der politischen Gegensätze ein schnelles Absinken der Todesfälle, das bisher stetig angehalten und nunmehr mit nur zwei Todesfällen im April d. J. den seit langer Zeit tiefsten Stand erreicht hat.“
In den gleichen Tagen, in denen die Hitler-Regierung diese durchsichtige Mitteilung verbreiten ließ, wurde ebenfalls amtlich berichtet, „dass allein im Berliner Schauhaus im Monat April 46 Tote, deren Gesichtszüge bis zur Unkenntlichkeit entstellt waren, eingeliefert worden sind“. Die faschistische Presse hat im Monat April über 50 politische Mordfälle mit Namensnennung selbst durch Nachrichten eingestanden.
Wir schildern hier einige der erschütterndsten Ermordungen von Arbeitern und Intellektuellen durch SA. Es gibt Augenblicke, da dem Leser der Zweifel kommt und die Phantasie den Berichten des Grauens nicht folgen will. Und doch sind sie leider wahr. Bestätigt durch zahlreiche Zeugen, bestätigt oft durch die Mörder selber kommt hier die Wahrheit über die Schrecken des dritten Reiches zum Wort.
10.4 „Diese Tat war keine deutsche Tat“
Am 4. April 1933 wurde in Düsseldorf der kommunistische Arbeiter Heinz Bässler von SA ermordet. Wir veröffentlichen oben die Meldungen der „Frankfurter Zeitung“ und des „Angriff“, die sich bemühen, den Mord in eine Erschießung „auf der Flucht“ umzufälschen. Heinz Bässler wurde das Opfer der braunen Feme. Er war bis zum Dezember 1930 Mitglied der Nationalsozialistischen Partei und Sturmführer der SA. Er erlebte die Nazi-Lüge aus nächster Nähe und schied angewidert im Dezember 1930 aus den Reihen der SA. Er suchte und fand den Weg zur Kommunistischen Partei. Daher der Mord. Der Mord an einem jungen Arbeiter, der nach schwerem seelischen Kampf und nach eindringlichen politischen Studien die NSDAP verließ und in die Partei der revolutionären Arbeiterbewegung eintrat. Folgender Brief eines Augenzeugen entlarvt das Verbrechen der der Nazis in seiner ganzen Gemeinheit. Der Brief ist es wert, in Millionen Exemplaren verbreitet zu werden.
„Wenn doch unser liebes Heinzel noch leben würde. Ich kanns nicht fassen. Aber Gott wird diese Tat rächen. Diese Tat war keine deutsche Tat. Morgens, also Dienstagmorgen um 4 Uhr wurden wir von 7 SS-Männer u. 2 Kriminalbeamte aufgeweckt. Mit Revolvern wurden wir in Schach gehalten, Heinz musste sich anziehen und musste mitgehen. Wir mussten die Türe schließen u. durften die Fenster nicht öffnen. O, Gott wie robust haben sie nun unser Heinzel behandelt. Die Straßen haben sie um 3 Uhr schon abgesperrt und um 4 Uhr kamen sie rauf. Und dann haben sie ihn mitgenommen und auf der Sternstr. haben sie ihn erschossen, standrechtlich. O, was mag der arme Jung gelitten haben, wäre ich doch mitgegangen! Er hat 3 Herzschüsse, ein Arm–, ein Hals–, einen Beckenschuss und dann noch 2 Schüsse, im ganzen acht Schüsse. Sie haben ihn dann liegen gelassen u. Bauern haben ihn gefunden, wie einen Hund. Ich kann es nicht glauben. Ich bin sofort morgens nach Herrn M. gelaufen, denn Heinz sagte mir, geh sofort nach ihm und sag es ihm, denn M. hat mir in die Hand versprochen, dass er mir helfen wird. Aber wie hat er ihm geholfen! Heinz hat zu viel Vertrauen auf die Menschheit gehabt. Frau L., (...), wenn sie Heinz jetzt gesehen hätten, auf der Totenbahre, Sie hätten Gott angerufen zum Richter, so misshandelt haben sie ihn. Ich kann das Bild nicht vergessen, wie kann man einen armen hilflosen Menschen so misshandeln! Und dann die Lügenblätter, Heinz sei auf der Flucht erschossen und zwei Pakete Dynamit hätten sie gefunden. So eine Gemeinheit und man kann keine Gerechtigkeit bekommen. Noch nicht mal eine Pistole oder ein belangloses Blättchen haben sie gefunden. Nur meine Liebesbriefe und ein paar Hefte haben sie gefunden und dann schreiben die Zeitungen so eine Hetze. Aber Gott im Himmel rufe ich als Richter an, für solch eine robuste und gemeine Tat. (...) Die Menschen sind alle über diese Tat so erschüttert, das können sie nicht fassen, dass diese Leute einen einzelnen Menschen so gemein und brutal niederschießen. Das Begräbnis ist Samstagmittag um 1 22 Uhr auf dem Südfriedhof. Heinz wird mit dem Geistlichen begraben und viele, viele Leute wollen ihm das letzte Geleite geben. Wie ich beim Herrn M. war, wie hat er mich behandelt! Als ich ihm sagte, wie kann man einen hilflosen Menschen so erschießen, antwortete er mir: ’Wenn Sie noch viel machen, lass ich Sie auch verhaften!’ Mutter lässt Sie grüßen und nach dem Begräbnis käme sie wieder nach Haus. Ich will Sie herzlich grüßen zum Dank, dass sie so an Heinzel gedacht haben. Adieu und ich grüße Sie. Ich kann ihn nie vergessen, denn ich hatt ihn zu lieb! Bitte schreiben Sie mir bitte und seien Sie meinem Jung nicht böse, dass er nicht geschrieben hat. Ich war schuld. Ach hätte ich das nicht getan! Mein lieber guter Jung!“
10.5 „Ich schieße Dich nieder“
(Zeugenbericht - Photodokument.) Die Arbeiterin Grete Messing, verheiratet, Mutter zweier Kinder, verließ am 6. März abends gegen sechs Uhr mit ihrer Markttasche ihre Wohnung am Sommermühlenweg in Selb (Bayern) und ging gegen das Stadtinnere, um Besorgungen zu machen. Etwa vierzig Schritte von ihrer Wohnung entfernt begegnete ihr ein gleichfalls am Sommermühlenweg wohnhafter Nationalsozialist namens Lager. Er trat der Arbeiterin in den Weg und provozierte sie durch den Gruss „Heil Hitler“. Frau Messing erwiderte darauf „Rot Front“ und suchte weiterzukommen. Lager hielt sie auf, drohte ihr wütend „Ich schieße Dich nieder.“ Sie antwortete ruhig „Schieß zu!“
Lager setzte der Arbeiterin den Browning an den Hals und drückte ab. Frau Messing war tödlich getroffen. Sie wurde von ihrem Mann in die Wohnung gebracht. Dort verblutete sie.
Der Mörder begab sich in das Nazi-Verkehrslokal des Ortes, stärkte sich mit einigen Schnäpsen und stellte sich der „Hilfspolizei“. Er wurde in Haft genommen. Nach zehn Tagen wurde er bereits wieder entlassen. Eine Ehrenabordnung empfing ihn am Bahnhof in Selb.
Lager wurde nicht aus der SA ausgeschlossen. Hingegen sitzen der Mann und der 19jährige Sohn der Ermordeten in „Schutzhaft“ im Bayreuther Arbeitshaus. Polizei und Hilfspolizei veranstalten in den Selber Arbeiterwohnungen immer wieder Haussuchungen. Sie fahnden nicht nach einem Verbrecher, nicht nach einem Mörder, sondern nach einer Photographie, welche die tödliche Wunde der Ermordeten dokumentarisch festhält. Diese Photographie zu besitzen, ist in Deutschland lebensgefährlich.
10.6 Die Leichen im Machnower Forst
(Zeugenbericht.)
Die gesamte Presse berichtete am 11. 3. 33. über die Auffindung von drei erschossenen jungen Leuten im Machnower Forst, deren Identität noch nicht festgestellt sei. Trotz Feststellung der Personalien durch die Polizei werden diese der Öffentlichkeit verschwiegen. Nach Ermittlungen handelt es sich um folgende Personen:
1. Fritz Nitschmann, Tapezierer, geb. 1. 3. 09 in Oldenburg. Wohnhaft in Berlin-Schöneberg. Parteilos. Eltern ebenfalls parteilos.
2. Hans Balschukat, Arbeiter, geb. 28. 8. 13 in Berlin. Wohnhaft in Berlin-Schöneberg. Mitglied der „Roten Hilfe“.
3. Preuss, 23 Jahre alt. Wohnhaft in Berlin, Gotenstraße 22. Über Fritz Nitschmann, der keiner Organisation angehörte, ist folgendes ermittelt worden:
Am 8. März, abends halb 10 Uhr, ging Nitschmann mit seiner Braut von der Gleditschstraße durch die Grunewaldstraße in Richtung Siegfriedstraße nach seiner Wohnung. Als Beide sich an der Ecke Stubenrauch–Erdmannstraße befanden, kam ein roter Personenwagen über die Siegfriedbrücke und fuhr in der menschenleeren Straße auf der linken Seite. Aus dem Wagen sprangen zwei uniformierte SA-Leute (der Chauffeur war in Zivil), kamen auf Nitschmann und seine Braut zu und riefen sie an: „Halt, stehen bleiben, mitkommen zur Personalfeststellung.“ Die drei SA-Leute hatten entsicherte Pistolen in der Hand. Nitschmann sagte mit aller Ruhe: „Sie verkennen sich wohl“, worauf die SA–Leute sagten: „Maul halten, einsteigen!“ Nitschmann folgte dieser Aufforderung, da er sich nichts bewusst war. Die Braut, die ebenfalls parteilos ist, wollte mit in den Wagen einsteigen, bekam aber von den SA–Leuten einen heftigen Stoß vor die Brust. Diese sagten ihr aber noch, dass Nitschmann nur zur Personalfeststellung mitkommen müsse, passieren würde ihm nichts. Die Braut, die nach dem heftigen Stoß weinte, hat weder die Autonummer noch die Nummer auf dem Kragen der SA–Leute feststellen können.
Das Auto fuhr durch die Stubenrauchstraße und bog in die Hauptstraße ein. Kurz nach der Verhaftung ging die Braut zur Mutter des Nitschmann und erzählte ihr den Vorgang. Von dort ging sie zur Polizeiwache Kriemhildstraße und erstattete Anzeige. Dort sagte man ihr: „Ihm wird schon nichts passieren, er wird schon wieder kommen. Kommen Sie am nächsten Tag noch ein mal wieder. Am 9. März früh um 8 Uhr ging die Mutter zu demselben Polizeirevier, auch sie erhielt dieselbe Antwort wie die Braut. Man sagte aber noch, dass man im Laufe der Nacht sämtliche Reviere angerufen habe, Nitschmann sei aber nirgends eingeliefert worden. Sie solle mittags um 12 Uhr wiederkommen. Um 12 Uhr ging der Vater zum Revier und gab Verlustanzeige auf.
Die Eltern des Nitschmann blieben bis zum ll. März ohne jede Nachricht von der Polizei. Um 9 Uhr an diesem Tage kamen Beamte zu ihnen mit der Mitteilung, dass in der Berliner Morgenpost eine Notiz stehe, nach der im Machnower Forst drei Leichen gefunden worden seien. Nach der Personalbeschreibung vermutete der Vater sofort, dass sich unter den dreien sein Sohn befinden müsse. Er begab sich sofort wieder zur Polizei, die ihm aber auch jetzt noch keine Auskunft geben konnte.
Mittags 12 Uhr ging der Vater zur Mordkommission ins Präsidium und sprach dort mit dem Kommissar, der die Untersuchung leitete. Dieser, noch nicht über die Verhaftung des Nitschmann durch SA informiert, sagte zu dem Vater, dass ihm während seiner Kriminaltätigkeit solch ein roher, brutaler Mord noch nicht vorgekommen sei. Nachdem der Vater ihm den Sachverhalt geschildert hatte, sagte der Kommissar, dass er und seine Beamten sich die größte Mühe geben würden, um den Mord aufzuklären.
Im Leichenschauhaus stellte der Vater im Beisein des Kommissars die Identität seines Sohnes fest. Die Leiche wies insgesamt zehn Schüsse auf, davon 8 Rückenschüsse, einen Halsschuss und einen Kieferschuss. Die Erlaubnis zum Photographieren der Leiche wurde verweigert. Verbrennung darf nicht stattfinden wegen eventueller Widersprüche der Sachverständigen. Am 15, März März mittags waren die Leichen von der Staatsanwaltschaft noch nicht freigegeben.
Bei dem Vater des Ermordeten haben sich jetzt zwei Personen unabhängig voneinander gemeldet und bezeichnen übereinstimmend die Nummer des roten Autos, in dem Nitschmann entführt worden ist. Es handelt sich um die Nummer I A 78087. Auch bezeugen Beide, dass es sich um einen roten Wagen handelt.
Die Entführung des zweiten Ermordeten ging nach angestellten Ermittlungen folgendermaßen vor sich:
Hans Balschukat wurde am 8. März abends vor dem Hausflur Gotenstraße 14 in Schöneberg von drei Nationalsozialisten mit vorgehaltenem Revolver verhaftet und in einem dunklen Auto fortgeschafft.
Am 10. März morgens erhielt der Vater des Balschukat eine Postkarte mit folgendem Inhalt
„Habe heute eine Brieftasche mit Inhalt gefunden, bitte Sie die Tasche bei mir abzuholen am Sonnabend, dem 11. 3. um 6 Uhr nachmittags.
Hans Schmidt Bornstedt bei Potsdam Viktoriastr. 26“
Als die Karte ankam, war der Vater nicht zu Hause, die Mutter ging mit dieser Karte zur Kriminalpolizei, dort wurde ihr gesagt, sie solle unter keinen Umständen nach Bornstedt hinausfahren. Gleichzeitig wurde nach dem Alex (Präsidium) telephoniert, von dort nach Bornstedt und zur Mordkommission, die noch im Machnower Forst beschäftigt war. Die Brieftasche wurde von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt. Am selben Tage ging der Vater nochmals zur Kriminalpolizei, wo auch ihm gesagt wurde, er solle unter keinen Umständen nach Bornstedt hinaus fahren, den angeblichen Finder habe man bereits verhaftet, da man in ihm einen Täter vermute. Verdacht bestehe deshalb, weil die Brieftasche nicht beschmutzt gewesen sei.
Am 11. 3. besichtigte der Vater die Leiche seines Sohnes. Es war ihm nicht möglich, sofort seinen Sohn zu erkennen, da er schrecklich zugerichtet war. Die Lippen waren dick geschwollen und blau, das Kinn durch Schläge aufgeschlagen. Hals, Kehlkopf und Brust wiesen viele blaue Stellen auf, anscheinend durch gewaltige Fußtritte hervorgerufen. Die Arme und die Brust hatten viele blutunterlaufene Stellen, die anscheinend von einer Fesselung herrühren.
Der Ermordete hat nach oberflächlicher Besichtigung durch den Vater (eine gründliche Untersuchung wurde dem Vater verwehrt) zirka sieben bis acht Schüsse erhalten, davon zwei Schüsse in den Hinterkopf, einen Schläfenschuss, zwei bis drei Schüsse in den rechten Arm, sowie einen Brustschuss auf der rechten Seite.
Über den dritten Ermordeten Preuss ist noch nichts zu erfahren gewesen, da der Vater jede Auskunft verweigert. Der Vater ist Maschinist bei der Reichsbahn, er kümmert sich auch nicht um die Beerdigung seines Sohnes. Diese wird durch die Wohlfahrt übernommen. In Schöneberg redet man darüber, dass den Nazis mit Preuss ein Missgriff unterlaufen sei. Der ermordete Preuss soll den Nazis nahegestanden haben
10.7 Stahlruten und Salzsäure
(Zeugenbericht aus Braunschweig)
Der Telegraphenmonteur Grotehenne hatte keine politische Funktion, er war Mitglied des Reichsbanners. Am Montag, dem 27. März wurde Grotehenne von SA-Männern aufgesucht und aufgefordert, in das Lokal der SA zu kommen. Seine Frau glaubte, es handle sich um den üblichen Zwang, der NSDAP beizutreten, und riet ihrem Mann, den Beitritt sofort zu vollziehen und das Haus nicht zu verlassen.
Grotehenne begab sich aber in Begleitung der Nazi in das SA–Lokal. Stunden vergingen. Er kam nicht zurück. Seine Frau entschloss sich, ihm nachzugehen. Vor dem SA-Lokal stand ein Nazi namens Meyer. Frau Grotehenne kniete vor ihm nieder, jammerte und bat, ihren Mann freizugebei. In diesem Augenblick wurde der Körper Grotehennes auf die Straße geschleudert. Der Mann war zu einem blutigen Fleischklumpen zusammengehauen worden. Mehrere Männer brachten den Schwerverletzten nach Hause. Er klagte nicht nur über äussere, sondern auch über innere Schmerzen. Da man Gift vermutete, wurde ihm Milch eingeflösst. Er erbrach. Die Frau, die ihm den ausgetretenen Schaum vom Munde abwischte, bemerkte, dass ihr Taschentuch von der Säure, die er erbrochen hatte, ganz zerfetzt wurde. G. hatte zeitweise soviel Bewusstsein, um den Vorgang seiner Marterung zu erzählen. Er war entkleidet und drei Stunden lang mit Stahlruten geschlagen worden. Zwischendurch war er gezwungen worden, mit seinen Kleidern das Blut vom Boden aufzuwischen.
Als er bewusstlos mit zusammengebissenen Zähnen dalag, versuchten die SA-Männer, ihm Salzsäure einzuflößen. Da dies nicht sofort gelang, wurde ihm der Mund gewaltsam geöffnet. Dabei wurde ihm ein Teil der Oberlippe weggerissen. Grotehenne starb nach ungeheuren Schmerzen am Abend des 29. April. Die Leiche wurde gerichtlich obduziert. Als Todesursache wurde „Gehirnschlag und innere Verbrennung“ festgestellt. Die Staatsanwaltschaft wurde mit der Angelegenheit befasst, doch ist bis jetzt keiner der Schuldigen irgendwie zur Verantwortung gezogen worden.
10.8 Buchstäblich zerrissen
(Zeugenberichte aus Heidenau.)
Anfang März Wurde Fritz Gumbert aus Heidenau in Schutzhaft genommen. Man beschuldigte ihn, „Munition und Waffen vergraben zu haben“. Er wurde in die Festung Königstein und von dort in das Konzentrationslager Hohenstein gebracht. Dort wurde er in Ketten gelegt und gefoltert. Die Misshandlungen, die er zu erleiden hatte, waren derart schwer, dass er starb. Als Todesursache teilte man seiner Frau mit: er sei an Magen– und Darmblutungen verstorben.
Die Arbeiterschaft der Heidenauer Betriebe veranstaltete hierauf eine Sammlung und ließ die Leiche nach Heidenau überführen. Dies wurde bewilligt, allerdings unter der ausdrücklichen Bedingung, dass der Sarg nicht geöffnet würde. Die Arbeiter hielten sich nicht an diesen Befehl. Keiner der Augenzeugen wird den Anblick jemals vergessen. Das Gesicht war völlig zusammen geflickt. Allem Anschein nach fehlte die Zunge. An den Armen waren die Spuren der schweren Ketten sichtbar. Das Hinterteil des Körpers war ein zerstückelter, durchlöcherter Fleischfetzen. Der After war mit einem Lumpen verstopft, der die Verblutung aufhalten sollte. Das Rückgrat war gebrochen. Die Geschlechtsteile waren zerfetzt. Der rechte Schenkel war aufgerissen. Die Magengrube war eingetreten, sodass die Gedärme heraustraten. Die ganz zerbissenen Lippen zeugten von den entsetzlichen Schmerzen, die Gumbert ausgehalten hatte.
Auf Grund der Ansammlung der entsetzt und empört herzudrängenden Arbeiter wurde der Leichnam wiederum von der SA beschlagnahmt. Der Henker Killinger2 selber erschien am Ort mit einem Stab von Polizei und Ärzten. Es wurde eine Razzia durch die Arbeiterwohnungen veranstaltet, um photographische Apparate und Platten zu beschlagnahmen. Unter Androhung schwerster Strafen wurde allen Zeugen verboten zu sprechen. Diejenigen, von denen man wusste, dass sie an der Besichtigung teilgenommen hatten, wurden vorgeladen und verwarnt, „die Schnauze zu halten“.
Am Freitag, dem 28. April, fand das Begräbnis statt. Gegen drei Tausend Arbeiter und Arbeiterinnen waren erschienen, dem Toten das Geleit zu geben. Sämtliche Zugangstraßen waren von SA mit Karabinern im Anschlag abgesperrt. Als sich der Zug vor der Friedhofstür einfand, wurde er von den Nazis angefallen und auseinandergesprengt. Nur die Angehörigen durften den Friedhof betreten.
Am Grabe sprach ein Geistlicher, der demonstrativ das Hakenkreuz trug.
10.9 Zerschlagen, zerstochen, zertreten
(Zeugenbericht.)
Am 28. März wurde der Kommunist Edom, Königsberg, Robertstraße 6, nachts 12 Uhr aus seiner Wohnung geholt. Da man wusste, dass er mit dem kommunistischen Reichstagsabgeordneten Schütz befreundet war, schlug man ihn zwei Stunden lang so unmenschlich, dass er völlig hilflos, besinnungslos und irrsinnig vor Schmerzen zusammenbrach und die Wohnung des Schütz verriet.
Um 2,30 Uhr morgens wurde Schütz in die gleiche SA-Kaserne geschleppt und dort zwölf Stunden lang zu einer formlosen, unkenntlichen Masse zerschlagen, zerstochen, zertreten. Am 29. März abends starb Schütz im Krankenhaus. Der Totenschein lautet auf Herzschlag.
Am 3. April ist Schütz wie ein Tier verscharrt worden. Keine deutsche Zeitung hat über seinen Tod berichtet. Durch Drohungen wurde von den Ärzten und Pflegern Verschwiegenheit erzwungen.
Die Frau des Toten wurde während dieser Tage in Schutzhaft genommen. Den zwölfjährigen Sohn stieß man vor der Beerdigung an den entstellten Leichnam des Vater. Ein Nazi erklärte: „So geht es Dir, wenn Du in seine Fusstapfen trittst.“
10.10 Die Nieren abgeschlagen
B. T. 9. Mai :„Wie polizeiamtlich mitgeteilt wird, verstarb am Montag vormittag im Breslauer Krankenhaus in der Einbaumstraße der seit dem 28. II. in Schutzhaft befindliche Rechtsanwalt Dr. Eckstein an Lungen– u. Nierenentzündung u beginnender Geisteskrankheit.“
Der Tod Ecksteins hat die Breslauer Arbeiterschaft nicht überrascht. „Den Eckstein werdet ihr nicht wiedersehen“, erklärten die SA-Leute bereits bei seiner Festnahme am 28. April. Als man am Vorabend des 1. Mai die Breslauer Schutzhäftlinge im Triumphzug, Musik an der Spitze, aus dem Braunen Haus (Neudorferstraße) zum Konzentrationslager (Stechlauer Chaussee) führte, da fehlte Eckstein bereits. Die Blätter mussten melden, dass er sich im Gefängnis „selbst verwundet“ habe. Er befand sich schon damals in einem Zustand, in dem man ihn der Öffentlichkeit nicht mehr zu zeigen wagte. Man brachte ihn gesondert in das neu errichtete Lager. Die Misshandlungen wurden fortgesetzt. Die Nieren hat man ihm durch viehische Prügel abgeschlagen. Die „Lungenentzündung“ ist hinzugetreten, als man den bewusstlos Geprügelten mit Eimern kalten Wassers wieder auf weckte. „Geisteskrank “ würde man seine Mörder nennen, wenn ihr Verhalten nicht einem von der deutschen Regierung gezüchteten Normalzustand entspräche.
10.11 Im Gefängnis gelyncht
Die drei folgenden amtlichen Berichte zum Fall Schumm entlarven die Methoden des faschistischen Nachrichtendienstes vollkommen:
I.
„Kiel, 1. April, TU. Gegen 11 Uhr kam es vor dem jüdischen Möbelgeschäft Schumm zu einem Wortwechsel, wobei sich der Sohn des jüdischen Inhabers auf einen SS–Mann stürzte. Als ein Kamerad diesem zu Hilfe kam, entstand zwischen den beiden SS–Leuten und dem herbeieilenden Firmeninhaber und dessen Sohn ein Kampf, wobei ein Schuss losging, der den 22 Jahre alten SS-Mann Walter Asthalter aus Kiel an der Brust schwer verletzte.“
Der Vorfall spielte sich in Wirklichkeit folgendermaßen ab: Im Verlaufe des Judenboykotts besetzte eine SA-Mannschaft das Geschäft des Möbelhändlers Schumm. Der Inhaber wurde von den Eindringlingen belästigt. Dagegen setzte sich der Sohn des Händlers, Rechtsanwalt Schumm, zur Wehr. Es kam zum Wortwechsel und zum Handgemenge, „ wobei ein Schuss losging“ — und zwar von Seiten eines der SA-Leute —, der einen andern SA-Mann schwer verletzte.
II.
„Kiel, 1. April, WTB. Der Sohn des Möbelhändlers Schumm, der vormittags vor dem Geschäft seines Vaters auf einen SA-Mann einige Schüsse abgegeben hatte, durch die dieser einen schweren Bauchschuss davontrug, ist im Polizeiqefängnis, wohin er gebracht worden war, erschossen worden. Wie verlautet, verlangten einige Personen im Polizeipräsidium, dass ihnen die Tür des Schumm geöffnet werde. Als diesem Verlangen stattgegeben wurde, fielen mehrere Schüsse, die auf der Stelle töteten. Die Leiche wurde dem gerichtsmedizinischen Institut zugeführt.“
Der zweite Bericht ist bereits insofern „korrigiert“, als von Schumm, der überhaupt keine Waffe besessen hat, behauptet wird, er habe nicht nur „den Schuss“, sondern sogar „mehrere Schüsse “ abgegeben. Dieser Bericht bringt die Umstände der Ermordung Schumms ziemlich wahrheitsgemäß, allerdings ohne ausdrücklich zu erwähnen, dass eben jene SA-Leute Schumm umgebracht haben, um den Zeugen der Bluttat vom Vormittag zu beseitigen.
Beide Berichte sind so durchsichtig, so ungeschickt und kompromittierend abgefasst, dass noch am selben Nachmittag die zentrale Pressestelle eingreift und den dritten in jeder Weise bereinigten und in jeder Weise falschen Bericht herausgibt:
III.
„Kiel, 1. April, WTB. Der jüdische Rechtsanwalt und Notar Schumm schoss vormittags gegen 11.30 Uhr den SS–Mann namens Walter Asthalter in der Kehdenstraße durch Bauchschuss nieder, und zwar nach den bisherigen Meldungen ohne triftigen Grund. Der SS-Mann ist in der Klinik gestorben. Eine erregte Menschenmenge sammelte sich vor dem Polizeigefängnis an, bevor der vom Oberpräsidenten angeordnete Abtransport des Rechtsanwalts Schumm ermöglicht werden konnte. Die erregte Volksmenge drang in das Polizeigefängnis ein, wo Schumm durch Revolverschüsse getötet wurde. Das ganze entwickelte sich so schnell, dass polizeilich der Vorgang nicht verhindert werden konnte. Die Menge drang auch in das Geschäft des Vaters des Rechtsanwalts Schumm in der Kehdenstraße ein und zerstörte das Inventar.“
Dieser Bericht kann zwar die Öffentlichkeit über den wirklichen Verlauf des Vorfalls nicht mehr täuschen, aber er hat eine weitere und „tiefere“ Bedeutung: er ist als ein Schema zu betrachten für die Art, wie auf Befehl des Reichspropagandaministers Goebbels in Zukunft solche Ereignisse — soweit sie nicht überhaupt verheimlicht werden können — der Öffentlichkeit mitzuteilen sind. Am selben Abend noch wurde die oben zitierte Bestimmung erlassen. dass „Mitteilungen über Zwischenfälle“ nicht ohne vorherige Genehmigung erlaubt und dass jegliche Veränderungen des amtlichen Wortlauts verboten seien.
10.12 Aus dem Fenster gestürzt!
Am 16. April wurde der Bergarbeiterführer Albert Funk in Dortmund von einem Nationalsozialisten erkannt und der Polizei denunziert. Albert Funk war ein langjähriger Streikführer der Bergarbeiter, ehemaliger kommunistischer Reichstagsabgeordneter und Führer des Einheitsverbandes der Bergarbeiter. Geachtet und geliebt von den revolutionären Bergarheitern, genoss Albert Funk weit über die Partei– und Verbandsgrenzen hinaus das Vertrauen der Ruhrkumpels.
Albert Funk wurde ins Dortmunder Polizeigefängnis eingeliefert. Es gelang ihm, einen Brief hinauszuschmuggeln, in dem er über furchtbare Misshandlungen an sieben andern Gefangenen berichtete. Funk wurde in den ersten Tagen nicht misshandelt.
Die Zeitungen berichteten kein Wort über seine Verhaftung. Diese Tatsache musste die schlimmsten Befürchtungen erwecken. Was war mit Albert Funk geplant? Warum wurde seine Verhaftung verschwiegen?
Am 26. April, nach zehntägiger Haft, wurde Albert Funk ermordet. Seine Frau erschien im Dortmunder Polizeigefängnis, um ihren Mann zu sprechen. Die Verwaltung ließ ihr erklären, dass sie ihren Mann nicht mehr sprechen könne, weil er sich in der Zelle selbst vergiftet habe. Am nächsten Tag, dem 29. April erschienen in der Presse des Ruhrgebiets große „sensationelle Enthüllungen“ über angeblich entdeckte Waffen, Dynamitlager, Terrorgruppen usw. der Kommunisten im Gebiet Recklinghausen, Gelsenkirchen. In diesem Zusammenhang wurde mitgeteilt: Der verhaftete kommunistische Reichstagsabgeordnete Albert Funk sei bei dem tollkühnen Versuch, aus dem Recklinghauser Untersuchungsgefängnis zu flüchten, aus dem Fenster des III. Stockes in den Hof gesprungen und habe sich Rückgrat, Arme und Beine mehrfach gebrochen, er sei bei vollem Bewusstsein ins Spital eingeliefert worden und dort kurz darauf gestorben. Es wurde verschwiegen, dass Funk sich schon etwa zwei Wochen in Haft befand und es wurde natürlich kein Wort der Erklärung dafür gegeben, wieso er plötzlich von Dortmund nach Recklinghausen kam.
Der Bergarbeiterführer Albert Funk wurde durch furchtbarste Misshandlungen dem Wahnsinn nahegebracht und von seinen Folterknechten zum Sturz aus dem Fenster gezwungen. Als gefangene Kameraden des Ermordeten, die sich gerade auf dem Gefängnishof befanden, erschüttert aufschrien, rissen die Mörder die Fenster auf und schrien ihnen zu: „Ihr Moskauschweine könnt hier nachspringen!“
10.13 Der Fememord an Dr. Georg Bell
Am 5. April fiel Dr. Georg Bell im österreichischen Ort Durchholzen bei Kufstein einem Mordkommando der SA-Führung zum Opfer.
Die Schüsse von Durchholzen haben einem abenteuerlichen Leben ein Ziel gesetzt. Wer war Georg Bell?
Bis Anfang 1930 ein Agent. von dessen Existenz nur seine nationalsozialistischen Freunden wussten. Erst im Januar 1930 beschäftigte er die Öffentlichkeit. Damals saß er (der bereits früher in München wegen Spionage verurteilt war) im Tscherwonzenfälscherprozess mit auf der Anklagebank. Von ihm soll der Plan ausgegangen sein, sowjetrussische Noten zu fälschen, um auf diese Weise di USSR in Schwierigkeiten zu bringen und die Südstaaten von Russland loszureißen. Bell operierte in diesem Prozess außerordentlich geschickt. Immer, wenn das Gericht, das ohnehin bestrebt war, nicht zu tief in die Machenschaften gegen den Arbeiter- und Bauernstaat hineinzuleuchten, für Bell peinliche Punkte berühren musste, drohte er über Beziehungen zu deutschen Staatsmännern auszupacken. So beherrschte er das Gericht, das sich willig beherrschen ließ, und — wurde freigesprochen. Eine Tatsache aber ergab der Prozess doch: Bells Hintermann bei diesen Fälschungen ist der englische Ölkönig Sir Henry Deterding, der auf diese Weise die Ölkonkurrenz Sowjetrusslands bekämpfen und in den Besitz neuer Ölquellen gelangen will. Deterding ist auch einer der Geldgeber der deutschen Nationalsozialisten, die ihm als der beste Vorspann für seine antisowjetischen arbeiterfeindlichen Pläne erscheinen. Der Verbindungsmann zwischen Deterding und den Nazis aber ist Georg Bell. Das erfuhr man Mitte 1932 in einem zweiten Prozess, der in München stattfand und die Öffentlichkeit stark erregte. Es handelte sich um eine Beleidigungsklage des Fememörders Schulz und des Reichsführers der NSDAP Schwarz gegen die sozialdemokratische „Münchener Post“.
Welcher Tatbestand lag dem Münchener Prozess zu Grunde? Mitte Februar 1932 veröffentlichte die „Münchener Post“ vertrauliche Informationen, aus denen hervorging, dass in der NSDAP eine Sonderabteilung besteht, die die Aufgabe hat, missliebige Personen aus dem Wege zu schaffen. Die Abteilung führt den Namen „Zelle G“.
In diesem Prozess sagte Bell als Zeuge folgendes aus:
„Eines Tages habe ihm Röhm gesagt: ‘Wissen Sie schon das Neueste? Man will uns umbringen, Sie, du Moulin–Eckhard und mich.‘ Er habe es anfangs nicht glauben wollen, bis Röhm Einzelheiten mitteilte und erwähnte, dass Major Buch dahinterstecke. Bald darauf habe er Schweickard in einem Kaffeehaus getroffen. Auch von diesem sei er gefragt worden, ob er schon wisse, dass er umgebracht werden solle. Schweickard habe weiter erklärt: ‘Ein Wort von mir bei der Polizeidirektion würde genügen, dass die ganze Saubande ins Zuchthaus käme.‘ (Mit der ‘Saubande‘ war die Reichsleitung der NSDAP gemeint.) Schweickard habe ihn dann gefragt: ‘Willst Du Deinen Mörder kennenlernen? Er wird bald hierher kommen.‘ Tatsächlich sei dann Dr. Horn aus Karlsruhe in das Lokal gekommen.“
Im sogenannten Danzeisenprozess, der im Juli 1932 stattfand, erfuhr man dann, dass Röhm und du Moulin–Eckard wegen ihrer homosexuellen Veranlagung, Bell wegen seines Wissens darum, das er zu Erpressungen benutzt hatte, „gekillt“ werden sollten. Die Weisung des Auftraggebers war eindeutig:
„Wieland II, Ausland, den ...
An die Helene, Sie setzen sich sofort in Solln (Major Buch) in Verbindung. Vorher telefonischen Anruf an die Wohnung. Hausfrau weiß Bescheid. Tatbestand ist der: Graf du M. ist mit R. auf Grund Paragraph 175 von früher bekannt. R. wird durch einen gewissen Bell erpresst. Du M. hat einen großen Einfluss auf R. Es muss gehandelt werden, desgleichen auch bei Uhl. Das dicke Häschen übernimmt den Auftrag Uhl. Gue (Guensch) übernimmt den Auftrag Bell mit seiner gesamten Gruppe. Den Auftrag Zi. 50 (Zimmer 50, in dem Graf du Moulin untergebracht ist) übernehmen Sie als den gefährlichsten. Radschrauben lösen (blauer Anton) oder noch was besseres. Zi. 50 fährt einen Opel 1050. Auf Häschen einen starken Druck ausüben, Bei Fehlschlag ist für juristische Deckung gesorgt. Hausfrau weiß Adresse.
Wld. II
Dass Dr. Bell zu viel von dem persönlichen Leben der „Führer“ wusste, war nicht der einzige Grund, aus dem er beseitigt wurde, beseitigt von der gleichen Gruppe „G“, gegen die sich früher sein Freund Röhm und er schutzsuchend an die sozialdemokratische Zeitung gewandt hatten. Das letzte und entscheidende Moment dafür war, dass er zuviel vom Reichstagsbrand, von der Beteiligung Görings, Goebbels , Heines und Röhms wusste. War doch das Werkzeug van der Lubbe auch sein Agent und konnte er doch aus dessen Mitteilungen Rückschlüsse über seine Verbindungsleute ziehen. Das ist in einem fruheren Kapitel eindeutig unter Beweis gestellt. Aber auch die Leitung der SA, die Göring und Röhm, wussten durch ihren ausgedehnten Spitzelapparat, was Bell wusste, der seine Kenntnis wieder einmal in klingende Münze umsetzen wollte.
Deshalb gab Röhm den Befehl, Dr. Bell zu erledigen. Bell, der davon hörte, trat zuerst aus der NSDAP aus. Als er sich weiter verfolgt sah, floh er nach Österreich. Seine Frau und seine Tochter wurden von der SA als Geiseln in Haft genommen. Durch einen Freund Bells, den SA–Mann Konrad, erfuhr Röhm seinen Aufenthaltsort. Vergebens bat Bell in einem Telegramm den allmächtigen Röhm, ihn zu schonen. Röhm wies vier Mann seiner engeren Leibgarde an, Bell nach Deutschland zu verschleppen. Beim Abschied sagte er ihnen: „Bringt ihn mir lebend oder tot; lieber ist mir aber, ihr bringt mir ihn lebendig. Also keine Geschichten, Schlag auf den Kopf, hinein ins Auto und marsch, marsch über die Grenze!“ Röhms Mordkommando fuhr mit einem Auto der Naziparteileitung; außerdem aber wurde noch von dem Münchener Polizeipräsidenten Himmler, der zugleich oberster Chef der SS ist, ein Auto mit SA-Leuten, die als Hilfspolizisten Dienst machen, aufgeboten.
Bell, der inzwischen von Konrad telegraphisch gewarnt war, packte gerade seine Koffer, als seine Verfolger eintrafen. Er lehnte es ab, in ihrem Auto nach Deutschland mitzufahren. Sechs Schüsse waren die Antwort. Alle trafen drei in den Kopf, zwei in die Brust, einer in den Bauch. Bell war sofort tot.
10.14 Der Mord an dem Hellseher
Erik Jan Hanussen, recte Herschmann-Steinschneider, ist am 2. Juli 1882 in Wien als Sohn jüdischer Eltern geboren und nach Prossnitz (CSR) zuständig. Er wird Artist, macht im Krieg für das österreichische Militär Wünschelrutenexperimente und tritt nach dem Kriege in Variétés auf. Dabei gibt er seine Taschenspielereien als ’Wirkung übernatürlicher Kräfte aus, wird deshalb wiederholt verhaftet und aus Wien und Memel ausgewiesen.
In der Tschechoslowakei betätigt er sich zum ersten Mal öffentlich in größerem Umfang als Hellseher. Er hat das Glück, von einem Gendarmen wegen Betruges angezeigt zu werden. Es gelingt ihm, den gefährlichsten Zeugen, seinen Sekretär Erich Juhn, der ihm durch Tricks das „Hellsehen“ ermöglicht hatte, am Erscheinen vor Gericht zu verhindern. Das Leitmeritzer Gericht spricht ihn mangels Beweisen frei.
Gestützt auf diese Reklame, beginnt er, sich in Deutschland als Hellseher zu betätigen. Er gewinnt großen Zulauf, besonders seitdem er auch politische Fragen in den Kreis seiner Prophezeiungen zieht. Er veranstaltet Seancen und Vorträge, gründet eine Zeitung „Hanussens Bunte Wochenschau “ und wird ein reicher Mann. Nach dem Wahlsieg der Nazis am 14. September 1930 wird er Nationalsozialist. Der Massenstimmung folgend, beginnt er Hitler zu popularisieren. Er fälscht seinen Pass, indem er das Wörtchen „van“ hineinsetzt, ist nun Arier aus adligem Geschlecht. So wird er Mitglied der SA und Freund hoher Naziführer, insbesondere des Grafen Helldorf. Als ihn der „Angriff“ im Dezember 1932 anlässlich eines Betrugsprozesses einen „tschechischen Juden“ nennt, interveniert Helldorf und der „Angriff“ druckt eine Ehrenerklärung. Er stellt seine Autos der SA, sein Geld den SA-Führern zur Verfügung und erhält den Schutz eines SA-Sturms. Sein Chauffeur ist Sturmbannführer.
Als Hitler am 30. Januar zum Reichskanzler ernannt wird, veröffentlicht der Jude Hanussen, der inzwischen zum Christentum übergetreten war, einen offenen Brief an Hitler, in welchem er Hitlers Sieg als seinen Sieg feiert.
Nach der „nationalen Erhebung“ wurde Hanussen übermütig. Er ließ sich allabendlich in der „Scala“, einem Berliner Varieté, in dem er auftrat, als Propheten des dritten Reiches feiern, er ging zu jüdischen Firmen und Zeitungsverlagen, um unter Berufung auf seine guten Beziehungen zur SA Gelder zu erpressen. So kam er auch zu dem gleichgeschalteten Verlagsdirektor des „Berliner Tageblatts“ Karl Vetter und erklärte ihm, er könne ihn vor allen Anfeindungen der Nationalsozialisten bewahren. Der Nazikommissar im Mossehaus, von Ost, Helldorf und andere SA-Führer, seien ihm viel Geld schuldig. Vetter nahm das Angebot nicht an, er ging zu Ost, überreichte ihm einen Scheck mit einem namhaften Betrag und bat ihn, sich aus der Abhängigkeit von Hanussen zu befreien. Ost erwiderte: „So wird das bei uns nicht geregelt!“ Ost ging zu Göring, Helldorf und Himmler.
Am gleichen Abend, dem 24. März, wurde Hanussen vor seinem Auftreten in der
„Scala“ verhaftet. Dem Publikum wurde erklärt, er habe einen Nervenzusammenbruch erlitten. Der „Völkische Beobachter“ meldete, Hanussen befinde sich im Polizeipräsidium Berlin, weil er sich mit falschen Papieren in die NSDAP eingeschlichen habe. In Wahrheit entführte man Hanussen in einem Auto nach Baruth bei Zossen nahe Berlin. Nach zehn Tagen fanden hier Spaziergänger seine Leiche im Waldesdickicht, sein Gesicht war durch sechs Schüsse bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Wieder war ein gefährlicher Mitwisser zahlreicher Geheimnisse der hohen SA-Führung von der nationalsozialistischen Feme beseitigt.
10.15 Bartholomäusnacht in Köpenick
In vielen Stadtgebieten Deutschlands hat die SA. die vor Hitlers Machtantritt angekündigte „Nacht der langen Messer“ regelrecht durchgeführt. In der Nacht vom 21. zum 22. Juni begann im Berliner Vorort Köpenick ein bestialisches Morden der SA, das mehrere Tage wütete. Funktionäre der Sozialdemokratie, des Reichsbanners und der Kommunisten fielen ihm zum Opfer.
Am 21. Juni führte die SA zwei Haussuchungen bei dem Gewerkschaftssekretär Schmaus in der Siedlung Köpenick durch. Sie suchte angeblich nach Waffen. In der Nacht kam die SA zum dritten Mal, schleppte den verhafteten kommunistischen Schwiegersohn von Schmaus mit und stürmte unter Abgabe von mehreren Schüssen das Haus. Schmaus hat einen geistesschwachen 22jährigen Sohn, der durch die Schießerei erwachte und in unbekleidetem Zustand, mit dem Revolver in der Hand, der SA entgegentrat. Seine Mutter rief ihm erschrocken zu „Schieß nicht!“ Er schoss jedoch und verletzte zwei eindringende SA–Leute tödlich.
Nun begann ein Abschlachten: Schmaus’ Schwiegersohn Rakowski wurde sofort vor dem Haus von der SA erschossen. Der Sohn von Schmaus wurde verhaftet und zu Tode misshandelt.
Schmaus wurde von der SA im Hause aufgehängt. Mutter Schmaus wurde von SA-Leuten beschuldigt, sie habe gerufen; „Schiess doch!“ Sie wurde so gefoltert, dass sie nach wenigen Tagen starb.
In der Siedlung, in ganz Köpenick und in Friedrichshagen wurden „Marxisten“ noch in der Nacht aus den Betten herausgeholt, darunter der Reichsbannerführer und frühere Ministerpräsident von Mecklenburg, Johannes Stelling, der 55jährige Reichsbannerfunktionär Paul von Essen aus Köpenick und der 57jährige ehemalige Reichsbannerführer von Friedrichshagen, Assmann.
Wie es den Verhafteten in der Mörderkaserne erging, schildert ein sozialdemokratischer Augenzeuge:
„Das Auto brachte uns zum Köpenicker Gerichtsgefängnis. Der Platz vor dem Amtsgericht war voll von SA-Leuten, die sich sofort auf uns stürzen wollten. Der Sturmführer brüllte jedoch: „Halt, auf der Straße nicht schlagen!“ Kaum hatten wir jedoch das Gebäude betreten, so ging es los. Wir wurden die Treppe hinauf und einen langen Gang entlang getrieben, In einer großen Zelle standen 10 Genossen mit dem Gesicht zur Wand, Fussboden und Wand waren mit Blut befleckt. Eine alte Frau, blutend aus Mund und Nase, mit blutbeflecktem Kleide, musste den Fußboden scheuern. Der SA–Mann Lohse fragte mich: „Kennst Du diese Hure?“ Ich sah genauer hin und erkannte mit Entsetzen die Mutter meiner Frau. Nun wurde Genosse Kaiser von Lohse aufgefordert, einem anderen Genossen mit der Faust ins Gesicht zu schlagen. Als Kaiser zögerte, erhielt er selber von Lohse einen Faustschlag, so dass er mit dem Kopf an die Wand flog. Dann wurden die Genossen mit Stöcken angetrieben, sich gegenseitig zu schlagen, bis sie bluteten. Ich wurde von Lohse mit den Worten empfangen: „Endlich haben wir dich, du Marxistenschwein.“ Darauf schlug er mir ins Gesicht und seine Kumpane folgten seinem Beispiel. Allen wurden Haare und Bart abgeschnitten, mir wurde ein Hakenkreuz zurechtgeschnitten. Einem Kommunisten schnitt man absichtlich mit der Schere in die Nase, wobei der Führer brüllte ‘Schadet nichts, wenn Haut mitgeht, wir haben Verbandszeug‘. Danach mussten wir etwa zehnmal durch Spaliere von SA-Leuten, die mit Stöcken und Knüppeln bewaffnet waren, Spießruten laufen. Einige ältere Leute brachen dabei zusammen. Inzwischen war unter ungeheurem Siegesgeheul der 55jährige Genosse Paul von Essen herbeigeschleppt worden. Er war seit langer Zeit erwerbslos, eben erst aus dem Krankenhaus gekommen und auf einem Auge blind, Vater von vier Kindern und Kriegsteilnehmer. Man schlug ihn erst ins Gesicht, dann riss man ihm die Hosen herunter und schlug ihn mit geradezu rasender Wut mit Stöcken und Knütteln auf den entblößten Körper, bis er die Besinnung verlor. Ein SA–Führer sagte dann ‘So, ein Schwein wäre fertig‘. Genosse von Essen ist inzwischen den furchtbaren Verletzungen, die ihm seine Peiniger zufügten, erlegen. Gefangene, die noch stehen konnten, mussten unter Kommando Lohses stundenlang miteinander boxen. Erlahmten sie dabei, so wurden sie mit Gummiknüppeln und Stöcken zu größerem Eifer angetrieben. Ich wurde dabei einem Mann zum Boxen gegenübergestellt, den ich nicht erkennen konnte, weil sein Gesicht, eine geschwollene, blutige Masse war. Dann wurden wir jeder einzeln in eine Zelle geprügelt. Auch dort wiederholten sich mit stündlicher Regelmäßigkeit die körperlichen Misshandlungen. Schließlich wurde ich dem Sturmbannführer Gericke vorgeführt. In meiner Verzweiflung bestritt ich, ein Marxist zu sein. Gericke ordnete darauf an, dass ich einstweilen weiter nicht zu schlagen sei, hätte ich aber die Unwahrheit gesagt, so würde ich erschossen werden. Nach kurzer Zeit wurde die Tür meiner Zelle aufgerissen, der Sturmführer Kobold aus Köpenick, Aahlwitzer Platz wohnhaft, stürzte mit einigen SA–Leuten herein, schlug auf mich los und brüllte: ‘Du Lump wirst heute fertiggemacht!’ Man zerrte mich den Gang entlang zur Zelle meiner Schwiegermutter; während mich zwei SA-Leute festhielten, wurde die 53jährige Frau von Kobold und anderen mit Stöcken geschlagen, bis sie am Boden lag. Sie ist jetzt geistesgestört und befindet sich in einer Anstalt. Ich sah auch noch, wie die mir bekannten Brüder Hasche, zwei ganz junge Leute, grauenhaft geschlagen wurden. Diese Misshandlungen dauerten den ganzen Tag. Zur Ablösung kamen immer wieder neue Schlägerkolonnen. Um 4 Uhr nachmittags wurde ich aus der Zelle geholt mit dem Befehl, sofort nach Hause zu gehen. Der Truppführer Kobold fuhr mit drei SA-Leuten auf Motorrädern voran. Ein SA-Mann, der mit mir Mitleid hatte, raunte mir zu, ich sollte ermordet werden. Mein Weg führte durch den Wald, dort gelang es mir, zu entkommen.“
Dieser Augenzeuge hat Stelling nicht unter den Verhafteten erkannt, da ihre Gesichter völlig entstellt waren. Nach einigen Tagen fischte man die Leiche von Stelling, in einen Sack eingenäht und mit Wunden bedeckt, im Finowkanal auf. Gleichzeitig wurden zwei andere unbekannte Leichen gelandet. Noch elf Männer waren vermisst. Am 12. Juli erfuhr man in Friedrichshagen, dass auch die Leiche von Assmann aufgefunden worden war.
Die SA–Leitung hat diese „Nacht der langen Messer“ bewusst organisiert, um die steigende Unzufriedenheit der SA–Leute, die gerade zu jener Zeit auf Verwirk1ichung der „sozialistischen“ Forderungen der NSDAP in einer „zweiten Revolution“ drängten, durch Gewährung ungehemmter Mordfreiheit abzulenken. So steigt gerade in den Tagen, in denen Hitler sich offener zu den Forderungen der großkapitalistischen Kreise bekannte, die Zahl der Morde in allen Teilen Deutschlands!
11 Mordliste des Dritten Reiches
— Abgeschlossen am 29. Juli 1933.— „Mein Vater ist tot. Meine Mutter ist halb wahnsinnig. Ich bin auch nicht mehr ganz normal.“ (Brief der Tochter eines ermordeten Arbeiters aus Deutschland.)
Im Folgenden veröffentlichen wir einen Auszug aus unserer Liste der ermordeten Arbeiter und Intellektuellen. Uns liegen Mitteilungen über mehr als 500 Morde der SA vor. Wir übergeben heute daraus 250 Mordfälle der Öffentlichkeit. Wir stützen unsere Angaben auf amtliche deutsche Meldungen, auf Zeitungsberichte, die nicht dementiert wurden und auf Aussagen von Zeugen, die vor uns oder unseren Vertrauensmännern erschienen sind.
3. März
- Gerdes, kommunistischer Landtagsabgeordneter, Oldenburg, auf der Straße erschossen (WTB).
(Frankf. Z., 16. März: „Das Staatsministerium kann die Tat keineswegs billigen. Es hat aber trotzdem das Verfahren gegen die in Haft genommenen Personen niedergeschlagen ...)“
- Unbekannter Kommunist, Homberg, Kreis Moers, durch Pistolenschuss getötet (WTB).
(WTB: „Die Polizei bemerkt dazu, sie vermute, dass die Täter in Kreisen politischer Gegner zu suchen sind.“)
- Unbekannter Reichsbannermann, Bremen, auf der Straße erschossen (WTB).
- Unbekannter Arbeiter, Bernburg, von Nationalsozialisten erschossen (WTB).
- Gustav Segebrecht, Berlin, Liebenwalderstr. 44, im Lokal Stephan, Liebenwalderstr. 41, durch Schlagaderschuss getötet. (Zeugenbericht).
- Bernhard Wirsching, Berlin, Petristr. 8/9, in der Wohnung von SA erschossen (Zeugenbericht).
- Ebeling, Arbeiter, Magdeburg, in der Breckenstraße durch Bauchschuss getötet (Zeugenbericht).
- Weiss, Ökonom des sozialdemokratischen Volkshauses, Worms, erschossen (Zeugenbericht).
- Ungenanntes Mädchen, Worms, beim Überfall auf das Volkshaus getötet (Zeugenbericht).
- Fabian, kommunistischer Arbeiter, Kellinghusen, angeschossen, im Krankenhaus gestorben (WTB).
4. März
- Zwei ungenannte Arbeiter, Köln, bei einer Schießerei schwer verletzt, gestorben. (WTB).
- Ungenanntes Mitglied der „Eisernen Front“, Thaleschweiler, auf der Straße erschossen (WTB).
(WTB: „Bei einem Werbe-Umzug aus dem Verkehrslokal der Nationalsozialisten etwa 20 Schüsse abgegeben.“)
- Friedrich Marquardt, Düsseldorf, Behrenstr. 14, parteilos, durch Querschläger getötet (Zeugenbericht).
5. März
- Klassen und de Longueville, Oberhausen (Rheinprovinz), bei einem „Fluchtversuch“ im Hof des Realgymnasiums erschossen (WTB). Beide haben Schüsse von vorn (Augenzeuge).
- Warnicke, Quickborn bei Pinneberg, erschossen (WTB).
(Brief an die Frau des Ermordeten: „Das schadet Ihnen gar nichts, dass Ihr Mann ermordet worden ist ... Es dauert nicht lange, dann liegen auch Sie und Ihr Sohn auf der Bahre.“ Der Sohn ist 8 Jahre alt.)
- Ungenannter Reichsbannermann, Mitteldeutschland, erstochen (WTB).
- Zwei Brüder Bassy, Bankau, Oberschlesien, von SA ermordet (Zeugenbericht).
- Karl Tarnow, Berlin, Kolonie Frieden am Mariendorfer Weg, in Neukölln, Knesebeckstraße, erschlagen (Zeugenbericht).
6. März
- Grete Messing, Arbeiterin, Selb, auf der Straße niedergeschossen (WTB). (Siehe Bericht.)
- Hans Bauer, parteiloser Arbeiter, Berlin-Moabit, aus SA-Kaserne Friedrichstraße 234 (Hedemannstraße) nicht zurückgekehrt (Augenzeugenbericht).
- Friedländer, Bäckerlehrling, 19 Jahre, Berlin-Friedrichshain, Allensteinerstr. 11, in der SA-Kaserne Hedemannstraße ermordet. (Berliner Tageblatt).
7. März
- Bernhard Krause, kommunistischer Arbeiter, Wiesenau bei Frankfurt a. d. Oder, von SA erschossen (WTB).
- Zwei ungenannte Arbeiter, Hamburg, Überfall der SA auf Arbeiter. Getötet wurden zwei Arbeiter, schwer verletzt acht ... (WTB).
- Ungenannter Arbeiter, Düsseldorf, bei einem Überfall in der Levetzowstraße getötet. (TU)
8. März
- Ungenannter kommunistischer Arbeiter, Billstedt bei Hamburg, bei „Fluchtversuch“ erschossen.
- Philipp, Ökonom des Gewerkschaftshauses, Breslau, bei Besetzung des Gewerkschaftshauses erschossen. (WTB)
- Heinrich Sparlich, Bauarbeiter, Breslau, von Nationalsozialisten durch einen Messerstich in den Rücken und durch einen Schuss getötet (Deutsche Allgemeine Zeitung).
- Balschukat, Nitschmann und Preuss, Berlin-Schöneberg. Als Leichen aufgefunden im Machnower Forst am 11. März (Voss. Z.). (Siehe Bericht).
- Ungenannter kommunistischer Arbeiter, Bochum-Düstern, wie amtlich mitgeteilt wird, ... erschossen auf der Straße gefunden (TU).
- Ungenannter Arbeiter, Bochum, in der Nacht in seiner Wohnung von 6 Unbekannten Männern überfallen und niedergeschossen (TU).
- Bless, Reichsbannermann, Offenbach, bei SA–Überfall auf Wahllokal am 5. III. tödlich verletzt, gestorben (Zeugenbericht).
9. März
- Ungenannter Reichsbannermann, München, als verweste Leiche aufgefunden im Münchner Gewerkschaftshaus. (Zeugenbericht). (Es handelt sich offenbar um einen der am 1. März bei der Besetzung des Gewerkschaftshauses in der Münchner Presse als „Vermisst“ gemeldeten Reichsbannerleute.)
- Landgraf, Verlagsdirektor, Chemnitz, bei Besetzung der „Volksstimme“ erschossen (TU).
- Hellpuch, kommunistischer Arbeiter, Duisburg, im Stadtteil Düssen erschossen aufgefunden (WTB).
10. März
- Frau Bicks, 70jährig, Berlin-Weissensee, Angehörige des SA–Sturmes Langhansstraße schossen durch die Wohnungstür, wodurch Frau B., die ein Kind auf dem Arm trug, tödlich verletzt wurde (WTB).
- Herrmann, Uhrmacher, Dresden, Funktionär der IAH, im Hause totgeschlagen. (Zeugenbericht, erschienen in der illegalen Dresdner Arbeiterstimme).
- Hans Saile, Werbeleiter, Braunschweig, bei Besetzung des „Volksfreund“ erschossen (Zeugenbericht).
- Ullrich, Führer der hessischen Sozialdemokraten, zu Tode misshandelt (Berliner Tageblatt).
(Der Staatspräsident von Hessen, Herr Dr. Werner, hat an die Witwe des ermordeten Ullrich einen Beileidsbrief gesandt. Das „Berliner Tageblatt“ versieht die Meldung über diese Blasphemie mit der Überschrift „Eine ritterliche Handlung“.)
- Zwei ungenannte Arbeiter, Zschopau, von SA erschossen (Berliner Lokal Anzeiger).
- Alfred Petzlaff, kommunistischer Arbeiter, Berlin-Schöneberg, Nollendorfstr. 10, von SA aus der Wohnung geholt, der Leichnam wurde völlig entstellt im Laubengelände am Bahnhof Priesterweg gefunden (Zeugenbericht).
- Scheunflügel, Arbeiter, Bernau bei Chemnitz, durch „verirrte Kugel“ getötet (Berliner Lokal Anzeiger).
11. März
- Erich Meyer, Jungarbeiter, Spandau, totgeschlagen (Frankf. Zeitung).
(Wiener Arbeiter Zeitung, 25. März: „...20 Nazi ... kletterten auf das Dach der Wohnlaube ... breiteten Strohbündel darauf aus ... drohten die ganze Kolonie in Brand zu stecken ...“)
- Robert Dittmar, Arbeiter, Karlshorst bei Berlin, erschossen aufgefunden (Berliner Lokal Anzeiger).
- Ungenannter Arbeiter, Breslau, erstochen (TU).
- Förster und Tandler, kommunistische Arbeiter, Limbach bei Chemnitz, auf der Flucht erschossen (Zeugenbericht).
- Paul Krantz, Jungarbeiter, Limbach bei Chemnitz, auf der Flucht erschossen (WTB).
(Zeugenbericht: „K. lehnte es ab, den Aufenthalt des Vaters zu verraten. ... dermaßen geschlagen, dass er bewusstlos zusammenbrach. wieder zum Bewusstsein gebracht . . wiederholte man die Tortur. Als er auch dann nichts verriet, wurde er an die Wand gestellt und erschossen. Der Mörder ist der Nationalsozialist Moltz.“)
Ungenannter Mann, parteilos, Oppeln, auf der Rathaustreppe erschossen (Berliner Lokal Anzeiger).
12.März
- Stadtrat Kresse, Sozialdemokrat, Magdeburg, im Wahllokal in Felgeleben erschossen (TU).
- Eichholz und Kather, Arbeiter, Tolkemith, auf der „Flucht“ erschossen (TU).
- Spiegel, sozialdemokratischer Rechtsanwalt, Kiel, in der Wohnung überfallen und erschossen (WTB).
(Als „Zivilmord“ dargestellt. Frankf. Z. Kiel, 26. März: Die Ermittlungen der Polizei ... bisher noch nicht zu Ergreifung der Täter geführt ... mindesten vier Personen beteiligt ... Während zwei von ihnen die Tat begingen . .. die beiden andern vor einem Nachbargrundstück als Aufpasser.“)
13. März
- Unbekannter Arbeiter, Elbing, im Meissnerschen Grund mit einem Kopfschuss tot aufgefunden (TU).
14. März
- Krug, Schweinfurth, durch SA-Mann in „Notwehr“ erschossen (TU).
- Ungenannter Arbeiter, Hamburg, durch Kriminalbeamte erschossen (WTB). Leo Krell, Redakteur, Berlin, totgeschlagen (Siehe Bericht).
17.März
- Zwei Unbekannte, Elbing, auf der „Flucht“ erschossen (Nachtausgabe).
18. März
- Walter Schulz, kommunistischer Arbeiter, Wittstock an der Dosse, im Gefängnis ermordet (Zeugenbericht).
- Hans Sachs, Fabrikant, Chemnitz, erschossen (WTB).
(Der Tag, Chemnitz, 19. März: „Mitdirektor der bekannten Trikotagenfabrik Marschel Frank Sachs AG., hat sich gestern abend, als er in Schutzhaft genommen werden sollte, erschossen.“)
- Siegbert Kindermann, Berlin-Charlottenburg, Kaiser Friedrichstraße, verschleppt in die Hedemannstraße, totgeschlagen, aus dem Fenster geworfen (Berliner Tageblatt).
- Ungenannter Arbeiter, Berlin-Wedding, Gerichtstraße, im SA-Lokal-Novalisstraße erschlagen (Zeugenbericht)
19. März
- Krebs, kommunistischer Arbeiter, Berlin–Moabit Birkenstraße 54, von SA auf der Straße erschossen (Zeugenbericht).
20. März
- Günther Joachim, Rechtsanwalt, Berlin, im Ulap 1 gefoltert, im Staatskrankenhaus Moabit gestorben (Voss. Ztg.).
- Kurt Possanner2, Berlin–Wien, erschossen. Fememord? (Wiener Blätter).
(Wien, 21. März: „Vor einer Woche unter dem Verdacht unerwünschter politischer Tätigkeit in Berlin verhaftet auf dem Transport an der österreichischen Grenze erschossen. Lange Zeit Verbindungsoffizier der deutschen mit den österreichischen Nationalsozialisten, in der letzten Zeit mit der Führung überworfen.“)
21. März
- Otto Selz, Sträubing, erschossen (Zeugenbericht).
22. März
- Walter Boege, Ebersbach, Verhaftet in Löbau bei Besetzung der sozialdemokratischen „Volkszeitung“. Auf der „Flucht“ erschossen (Vossische Zeitung).
- Wilhelm Wenzel, kommunistischer Arbeiter, Essen, auf der Straße erschossen (WTB).
(Voss Z. 22. März: „In der Nacht zum Dienstag schoss ein Hilfspolizist den 29jährigen W W. aus Essen nieder. W. starb kurz nach der Aufnahme im Krankenhaus.“)
- Dresche, Dresden, ermordet aufgefunden (Zeugenbericht).
- Paul Reuter, Berlin, Selchowerstraße, von SA erschlagen (Zeugenbericht).
23. März
- Erich Lange, ehemaliger SS-Mann, Gelsenkirchen, von SA erschossen (Zeugenbericht).
- Franck, Mitglied des Reichsbanners, Worms, Neffe des im Kriege gefallenen sozialdemokratischen Reichstagsmitglieds Franck, angeblich Selbstmord („Unsere Zeit“). (Zeugenbericht „Aus dem Bett geholt, misshandelt und in einem Stall aufgehängt.“ )
- Herbert Pangeritz, Arbeiter, Berlin N, Bergstraße 78, misshandelt, kurz nach Einlieferung ins Urban-Krankenhaus gestorben (Zeugenbericht).
(Der ärztliche Totenschein besagt: „Der Tod ist infolge von schweren inneren Verletzungen, infolge Zertretens der Blase und Zertrümmerung der Schädeldecke erfolgt.“)
24. März
- Frau Arbets, Arbeiterin, Gladbach-Rheydt, bei einem „Fluchtversuch“ erschossen (TU).
(Überschrift des Völkischen Beobachters: „Ein Kommunistenweib erschossen.“ )
- Erich Perl, Jungarbeiter, 17 Jahre, Leipzig, nach Entlassung aus der Nazi-Kaserne auf der Straße erschossen. (Zeugenbericht).
(Zeugenbericht: „Die Nazis bildeten Spalier, durch welches die Arbeiter hindurch mussten, wobei sie nochmal Prügel erhielten. Als sie die nächste Ecke erreichten, fielen eine ganze Reihe von Revolverschüssen ... Perl wurde mit 5 Bauchschüssen, einem Lungenschuss, Schenkel- und Armschüssen ins Krankenhaus eingeliefert, 20 Stunden später ist er gestorben.“)
- Haus, Landrat a. D., SPD, Dortmund, im Straßengraben in Eichlingshofen erschossen aufgefunden (Frankfurter Zeitung).
25.März
- SPD-Bezirksvorsteher, Berlin-Wedding, misshandelt, im Krankenhaus gestorben (Zeugenbericht).
(„... gezwungen, eine Rede in faschistischem Sinne zu halten. Als er dies ablehnte , ... an den Füssen gepackt ... schleiften ihn aus dem 3. Stockwerk über die Steintreppen auf die Straße ...“)
- Frau Müller, Aue, Sachsen, misshandelt, angeblich Selbstmord (Zeugenbericht).
27.März
- Neumann, Warenhausbesitzer, Königsberg, überfallen, geschlagen und als Zielscheibe benutzt (TU).
(Zeugenbericht: „Die Wunden wurden ... Salz und Pfeffer bestreut. Nach seiner Befreiung wurde er in ein Krankenhaus in Berlin überführt, wo er starb.“)
- Grotehenne, Braunschweig, Telegraphenmonteur, Mitglied des Reichsbanners, im SA-Lokal erschlagen (Siehe Bericht)
- Rechtsanwalt Dr. Max Plaut, in Kasseler Nazikaserne (Bürgersäle, Karlstraße) wegen einer persönlichen Feindschaft mit seinem Nazi–Kollegen, dem jetzigen Unterstaatssekretar Freisler, auf dessen Befehl zu Tode geprügelt (Zeugenbericht). Max Bilecki, Schöneberg, Hauptstraße 18, in der SA–Kaserne General–Papestr. gefoltert, im Urbankrankenhaus gestorben. (Zeugenbericht).
29. März
- Walter Schütz, Königsberg kommunistischer Reichstagsabgeordneter, totgetreten. Keine deutsche Zeitung darf seinen Tod bekannt geben. (Siehe Bericht.)
30.März
- Fritz Rolle, Arbeiter, Siemensstadt, erstochen aufgefunden (WTB).
(Voss. Z. 30. März: „... durch mehrere Stiche in die rechte Brust getötet ... Der Tote wies auch Verletzungen am Kopf auf, die durch einen Fall entstanden sein könnten ... Da ein Suchhund vergeblich eingesetzt wurde, ist anzunehmen, dass die Mörder ein Auto benutzt haben.“)
- Leibl Vollschläger, Berlin SO, Skalitzerstraße, verschleppt, ermordet, ins Wasser geworfen (Zeugenbericht).
(„Der ausländische Jude L. V. wurde beim Betreten eines Restaurants von SA-Leuten verschleppt und war dann 3 Tage unauffindbar. Am 4. Tage wurde sein Leichnam aus der Spree geborgen. Das Begräbnis fand am 30. März in Weissensee statt.“)
- Unbekannter Jude, in Oberhessen, an den Füssen aufgehängt und dabei gestorben (Manchester Guardian).
1. April
- Wilhelm Pötter, Bäcker, und Karl Görmann, kommunistischer Arbeiter, Woldenberg (Neumark), auf der „Flucht“ erschossen (Voss. Ztg.).
- Wilhelm Dengmann, Hüttenarbeiter, Meidrich-Duisburg Hamborn, auf der Straße erschossen (Voss. Ztg.).
(Voss Z. 1. April: „... tot aufgefunden. Die Leiche wies vier Schüsse auf. Nach den Tatumständen muss D. von einer Person verfolgt und von hinten erschossen worden sein. Über das Motiv der Tat fehlt jeder Anhaltspunkt“)
- Ungenannter 23jähriger Arbeiter, München, bei Schöffelding auf der „Flucht“ erschossen (Münchner Neueste Nachrichten).
(M.N.N. 1. April: „... in Schutzhaft ... im Auto von München nach Landsberg gebracht. Da er auf dreimaligen Anruf nicht stehen blieb, gab die Begleitmannschaft Feuer.“)
- Fritz Schumm, Rechtsanwalt, Kiel, in der Gefängniszelle erschlagen (TU). (Siehe Bericht.)
- Pressburger, Viehhändler, München, erschossen, angeblich Selbstmord vor der Verhaftung (Münchner Neueste Nachrichten).
(M.N.N. 1. 4.: „Am Sonntag früh tötete sich der jüdische Viehhändler P. durch einen Revolverschuss in den Kopf. P. hätte verhaftet werden sollen, da er wegen Verbreitung von Judengreuelnachrichten unter schwerem Verdacht stand.“)
2. April
- H. Wertheimer, Kehl, angeblich Schlaganfall vor der Verhaftung (WTB).
3. April
- Paul Jaros, Schmied, Limbach bei Chemnitz, auf der „Flucht erschossen“ (TU).
- Ungenannter Steindrucker, Augsburg, angeblich Schlaganfall bei der Verhaftung (TU).
- Georg Bell, Ingenieur aus München, engster Mitarbeiter des Braunen Hauses und des SA-Stabschefs Röhm, flüchtete vor der Nazifeme nach Österreich und wurde im Gasthof Durchholzen bei Walchsee (Bezirk Kufstein) von SA–Leuten erschossen (Conti WTB). (Siehe Bericht.)
4. April
- Heinz Bässler, Düsseldorf, auf der „Flucht“ erschossen (WTB). (Siehe Bericht.)
- Wilhelm Drews, Arbeiter, Berlin, erschossen aufgefunden (Voss. Ztg.).
- Dr. Philippstal, Berlin-Biesdorf, Arzt, totgeschlagen (Berliner Tageblatt).
(Zeugenbericht: „Ph. wurde nachts aus der Wohnung geholt. In einer SA-Kaserne misshandelt, ins Urbankrankenhaus gebracht. Ein paar Stunden, bevor er starb, brachte man ihn in die Charité, weil sich diese Fälle im Urban-Krankenhaus zu sehr häufen.“)
5. April
- Renois, kommunistischer Stadtrat, Bonn, auf der „Flucht“ erschossen (TU).
(Zeugenbericht: „... gefoltert... bis zur Unkenntlichkeit geschlagen ... als Zielscheibe benutzt. Am Morgen erschienen Schupo–Beamte ... erklärten der Frau des Ermordeten: Wir konnten es nicht verhindern, wir haben nichts damit zu tun.“)
- Sauer, Zubachwitz, Kalkulator, Mitglied der SPD, im Konzentrationslager erschlagen (Neue Welt).
(N.W. 12. April: Wurde im Konzentrationslager Hohenstein zu Tode geprügelt und am 5. April beerdigt.)
- Wilhelm Drews, kommunistischer Arbeiter, Hamburg, auf der Straße erschossen (TU).
(Völkischer Beobachter, 7. April: „Im pol. Streit, Mittwoch nachts wurde in der Humboldstr. in Hamburg ein Arbeiter gelegentlich einer politischen Unterhaltung von hinten angeschossen.“ Pressedienst der SP–Schweiz: „... wurde auf dem nächtlichen Heimweg von einem Nazi gestellt. Gleichzeitig schlichen zwei SA-Leute von hinten an den Arbeiter heran und versetzten ihm mehrere Dolchstöße in den Rücken ... mehrere Personen Zeugen dieses feigen Mordes ...“)
6. April
- Max Niedermayer, kommunistischer Stadtverordneter, Johann Georgenstadt (Sachsen), im Zwickauer Gefängnis erschlagen (Zeugenbericht).
- Kurt Friedrich, kommunistischer Arbeiter, Johann Georgenstadt (Sachsen), erschossen (Zeugenbericht). („Der Sturmführer Koch mit seinem berüchtigten Limbacher „Mordsturm“ hauste auch in Johann Georgen-Stadt. Viele flohen in den benachbarten Wald. Er wurde umstellt, und K. F. erhielt einen Kopfschuss.“)
7. April
- Herschmann Steinschneider (Erik Jan Hanussen), Berlin, Fememord (TU). (Siehe Bericht.)
8. April
- Ungenannter Arbeiter, Berlin-Neukölln, Ganghoferstr., von SA erschlagen (Zeugenbericht).
9. April
- Walter Kasch, Hamburg, von SA in der Laube überfallen und erschossen.
10. April
- Fritz Engler, unpolitischer Frisör, Chemnitz, im Zeisigwald zu Tode gefoltert (Zeugenbericht).
11. April
- Max Rupf, Angehöriger des Reichsbanners, Chemnitz, erschossen aufgefunden (TU)
(Berliner Börsen-Zeitung, 11. April: „In Neukirchen bei Chemnitz wurde ein Waffenlager entdeckt. Da Rupf Kenntnis davon hatte, flüchtete er. Er wurde später erschossen aufgefunden.“)
- Dr. Arthur Weiner, Rechtsanwalt, Chemnitz, erschossen aufgefunden (Frankf. Ztg.).
- Alwin Hanspach, kommunistischer Arbeiter aus Friedersdorf bei Zittau, in der Schutzhaft erschossen (TU).
(Voss. Z., 11. April: „... versuchte, in den Schlafraum der SS einzudringen ... als ihm ein SS-Mann entgegentrat, wollte er ihm die Waffe entreißen. Der SS-Mann gab einen Schreckschuss ab, und als H. nicht von ihm ließ, feuerte er einen scharfen Schuss, durch den H. tödlich getroffen wurde. Die Frau des Erschossenen befindet sich seit gestern wegen kommunistischer Umtriebe in Schutzhaft.“ Frankf. Z., 12. 4. behauptet sogar, H. sei dem SS-Mann „mit der Waffe entgegengetreten!“ Die sich widersprechenden Berichte offenbaren die Plumpheit der Erfindung.)
12. April
- Rechtsanwalt Benario, Artur Kahn, Kaufmann aus Nürnberg, Erwin Kahn, Kaufmann aus Nürnberg, Goldmann, Kaufmann aus Nürnberg, im Konzentrationslager Dachau „auf der Flucht erschossen“ (WTB, Deutsche Allgem. Ztg. etc.).
(Zeugenbericht aus München: „Alle vier wurden von vorn erschossen. Die Beerdigung durfte in keiner Zeitung bekannt gegeben werden, niemand wurde auf den Friedhof gelassen.“)
- Fritz Kollosche, Charlottenburg, im Röntgental-Prozess frei gesprochen, in der SA-Kaserne Rosinenstr. gefoltert, im Krankenhaus gestorben (Zeugenbericht).
13. April
- Albert Janka, kommunistischer Reichstagsabgeordneter, „angeblich Selbstmord (WTB).
(Baseler National-Zeitung, 18. April, WTB: „Der 26jährige frühere kommunistische Reichstagsabgeordnete Janka, der sich in Schutzhaft befand, hat sich im Gefängnis erhängt.“ Die faschistische Presse meldete Anfang März, Janka sei zur NSDAP übergetreten, wobei jedoch nur der Wunsch der Vater des Gedankens war. J. wurde wochenlang bearbeitet, seinen Übertritt zu erklären. Weil er standhaft blieb und die Lüge nicht durchgehalten werden konnte, ist er im Gefängnis ermordet worden.)
- Gustav Schönherr, Arbeiter, Hamburg, Alter Steinweg 71, zu Tode gefoltert.
(Brief des Vaters an den Propagandaminister Goebbels, erschienen am 19. 5. in der Saarbrücker Arbeiter-Zeitung.)
15. April
- Spiro, Jude, 17 Jahre, Berlin, Schönholzerstr. 17, im SA–Heim Prinzenstr. 100 gefoltert, in der SA-Kaserne Hedemannstraße ermordet (Zeugenbericht).
16. April
- Bretschneider, Siegmar (Sachsen), erschossen aufgefunden
(Der Tag, 16. April: „Der Antifaführer Bretschneider ist im Walde unweit von Siegmar erschossen aufgefunden worden.“)
17. April.
- Am Ostermontag wurde der jüdische Kaufmann Schneider aus München, Aventinstraße, in der Münchener Polizeidirektion getötet. Der Polizeiarzt, der die Untersuchung im Polizeigebäude vornahm, stellte eine Durchschlagung des Gesäßknochens fest.
18. April
- Beigeordneter Beyer, Krefeld-Uerdingen, erschossen aufgefunden (Voss. Ztg.).
- Richard Tolleit, kommunistischer Arbeiter, Königsberg, auf der „Flucht“ erschossen (Frankf. Ztg.).
- Ungenannter kommunistischer Arbeiter, Königsberg, auf der „Flucht“ erschossen (TU).
(Frankf. Z., 20. April: „Bei Durchsuchung einer Wohnung im Wallring, in der Kommunisten eine Versammlung abhielten, ergriffein Teilnehmer die Flucht. Da er der polizeilichen Aufforderung. stehen zu bleiben, nicht Folge leistete, wurde geschossen. Er wurde tödlich getroffen und starb auf dem Transport ins Krankenhaus.“)
19. April
- Ungenannter Bahngehilfe, München, von hinten erstochen, angeblich Selbstmord (Münchner Neueste Nachr).
- Alfred Elker, ein Christ. wegen seines jüdischen Aussehens von SA. erschlagen (Zeugenbericht). Die „Leipziger Neuesten Nachrichten“ registrieren dieses Ereignis nur im Anzeigenteil auf folgende Art:
20. April
- Kaminski, Dortmund-Hoerde, Mitglied des Kampfbundes gegen den Faschismus, im Gefängnis totgeschlagen (Zeugenbericht).
(„In der Hoerder SA-Kaserne wurde er in grauenhaftester Weise gefoltert, sodass man straßenweit sein Schreien hören konnte ... Es durfte keine Todesanzeige in der Zeitung veröffentlicht werden... Begräbnis unter Ausschluss der Öffentlichkeit ... nur die nächsten Angehörigen zugelassen ... Einige Tage später erschien eine illegale Zeitung, der Dortmunder Kämpfer“, in der von der Arbeiterschaft der Dortmunder Polizeipräsident Scheppmann als der Mörder Kaminkis angeprangert wurde.“)
21. April
- Fritz Dressel, Schreiner, Vorsitzender der kommunistischen Landtagsfraktion, angeblich „Selbstmord“, laut Zeugenbericht im Konzentrationslager Dachau ermordet. (Münchener N. Nachr.). 22. April
- Max Kassel, Milchhändler, Wiesbaden, in der Wohnung erschossen (Deutsche Allgem. Ztg.).
- Salomon Rosenstrauch, Kaufmann, Wiesbaden, in der Wohnung ermordet (Deutsche Allgem. Ztg.).
- Paul Papst, Arbeiter, angeblich Selbstmord in SA-Kaserne (Germania).
(Germ. 29. April: „Nach Verhaftung im Haus der SA–Gruppe Berlin–Brandenburg aus dem Fenster gesprungen. Schwerer Bruch der Wirbelsäule. Verstarb.“)
23. April
- Polizeiwachtmeister Kurt Benke, SA-Mann, Berlin, anscheinend Fememord (Angriff).
- Paul Herde, Arbeiter, Lübben, erschossen (Voss. Ztg.).
(Deutsche Allg. Z., 25. 4. „... ein Bahnschutzmann verfolgte H., rief ihn an und erklärte ihn als festgenommen. H. ging mit, riss sich jedoch nach kurzer Zeit los und flüchtete. Der Bahnschutzmann rief ihn dreimal an, H. stand jedoch nicht. Auch auf einen Schreckschuss hin lief er weiter. Der Bahnschutzmann schoss nun auf den Flüchtenden und traf ihn durch den Rücken ins Herz.“)
- Franz Schneider, antifaschistischer Arbeiter, Goch (Rheinland), angeblich Selbstmord in Gefangenschaft (Voss. Ztg.).
(Voss. Z., 24. April: „S., der in Schutzhaft zur Vernehmung vorgeführt werden sollte, sprang von der 2. Etage in den 8 m tiefen Lichtschacht. Er erlitt so schwere Verletzungen. dass er kurz darauf starb.“)
- Konietzny, kommunistischer Arbeiter, Ölsnitz (Erzgebirge), angeblich Selbstmord in Gefangenschaft (Voss. Ztg.).
(Voss. Z. 25. April: „...hat sich in seiner Zelle erhängt...“)
24. April
- Ungenannter Laubenkolonist, Horner Moor, geteert und verbrannt wie die Christen unter Nero, angeblich Selbstmord (Völkischer Beobachter, 25. April). (Siehe Bericht).
- Cordes und Sohn, Händler, Wittmund bei Bremen, bei einem Pogrom erschossen (WTB).
(Bremer Zeitung, 24. April: „In der Nacht zum Montag wurde der jüdische Händler C., aus seinem Hause gelockt und durch drei Schüsse getötet. Seine Frau wurde zu Boden geschlagen. Der 24jähige Sohn wurde im Bett durch einen Schläfenschuss getötet.“)
25. April
- Mendel Haber, Kaufmann, Dortmund, erschossen, ins Wasser geworfen (Dortmunder Generalanzeiger).
(Rote Erde, Organ der NSDAP, 28. April: „Der Jude H. wurde von SA festgenommen und in die SA-Kaserne eingeliefert ...“ Am 6. Mai stand in sämtlichen Dortmunder Tageszeitungen die Nachricht von einer Leiche, die im Kanal bei Castrop-Rauxel angeschwemmt wurde. Frau H. erkannte in dem Toten ihren vermissten Mann. Er hatte mehrere Kopfschüsse, Messerstiche, etc. Obwohl die „Rote Erde“ die Verhaftung Habers am 25. April eingestanden hatte, erschien am 19. Mai im Dortmunder General Anzeiger ein Artikel mit der Überschrift:
„Tausend Mark Belohnung — Raubmord an Dortmunder Händler — Wer hat den Toten am 25. April gesehen?“)
- Zwei ungenannte Arbeiter, Heil (Lippe), Leichenfund (Völkischer Beobachter). (V B., 25. April: „In Heil wurden aus dem Lippe–Seitenkana1 zwei mit Stricken zusammengebundene männliche Leichen geborgen. Beide wiesen erhebliche Kopfverletzungen auf, Es handelt sich um zwei Personen aus dem Arbeiterstand.“)
- Granitza, Arbeiter, Königsberg, auf der „Flucht“ erschossen (Nachtausgabe).
(Stuttg. Neues Tagbl., 26. 4.: „G. wurde in der Nacht zum Dienstag aus Königsberg nach Deutsch-Eylau zu einer Gegenüberstellung gebracht. Kurz vor Elbing sprang G. aus dem fahrenden Zug. Er wurde beschossen und durch einen Lungenschuss getötet.“)
26. April
- Willy Plonske, Arbeiter, Berlin, Manteuffelstr. 97, Leichenfund (Angriff).
(Angriff, 27. April: „... an der Kanalbrücke, Wuppertalerstraße in Teltow eine treibende Leiche .... Der rätselhafte Tod dieses Unbekannten konnte noch nicht geklärt werden.“ — Voss. Z., 13. Mai: „Die Leiche eines Mannes, der aus dem Teltowkanal geborgen werden konnte, konnte jetzt identifiziert werden.“)
27. April
- Erwin Volkmar, Berlin-Neukölln, Boxer. Angeblich „unpolitischer Totschlag“. Auf der Straße erschossen (Angriff)
28. April
- Ungenannter Mann, Wollenberg, Kreis Oberbarnim, erschossen und verbrannt(Frankf. Ztg.)
(Bericht der Mordkommission Prenzlau: „Die Leiche war mit Benzin übergossen und angezündet worden. Mehrere Blutlachen deuten darauf hin, dass der Fundort auch der Tatort ist und dass das Opfer lebte, als man es anzündete.“)
- Funk, kommunistischer Reichstagsabgeordneter, Dortmund im Gefängnis ermordet, angeblich Selbstmord (Angriff). (Siehe Bericht).
- Fritz Gumbert, kommunistischer Arbeiter, Heidenau, nach wochenlanger Folter totgeschlagen, am 28. April beerdigt. (Siehe Bericht).
29. April
- Unbekannter Mann, bei Werneuchen in der Mark ermordet aufgefunden (WTB).
30. April
- Hackstein, kommunistischer Arbeiter, Grevenbroich, auf der „Flucht“ erschossen (Köln. Ztg.).
(Köln. Z., 2. Mai: „H., der seit Fastnacht flüchtig ist und wegen Hochverrats gesucht wurde, wurde am Sonntag von der Polizei und Hilfspolizei aufgespürt und auf der Flucht, erschossen.“)
- Andreas v. Flotow3 deutschnationaler Landwirt, Mitglied des Reichswehrministeriums, von SA verhaftet und in Neubuckow bei Schwerin (Mecklenburg) auf der
„Flucht“ erschossen (Conti).
Ende April
- Ungenannter Arbeiter, Ebersdorf (Sachsen) und Heinz Goldberg, roter Sportler, Niederkunnersdorf bei Löbau, im Keller des „Hermann-Göring-Hauses“ in Löbau erschossen (Zeugenbericht).
Ende April wurde in Dachau der frühere Sekretär der „Roten Hilfe“ Karl Holy getötet. Vierzehn Tage nach seinem Tode erschien in der „Münchener Zeitung“ ein von ihm unterzeichneter Brief über die gute Behandlung in Dachau.
2. Mai
- Rodenstock, sozialdemokratischer Sekretär der Kommunalarbeiter und zwei unbekannte Gewerkschaftsbeamte im SA-Heim Duisburg, Wittekindstraße gefoltert und erschlagen (Zeugenbericht).
- Danziger, jüdischer Kaufmann aus Duisburg-Haniborn, nachts von SA-Leuten überfallen und derart misshandelt, dass er kurz darauf starb (Zeugenbericht).
3. Mai
- Dr. Ernst Oberfohren4 Vorsitzender der Deutschnationalen Reichstagsfraktion, in seiner Kieler Wohnung tot aufgefunden. Die deutsche Presse meldet seinen „Selbstmord“. In Wirklichkeit handelt es sich um einen Fememord der SA, weil Oberfohren eine Denkschrift über die wahren Reichstagsbrandstifter versandt hatte (Zeugenbericht).
4. Mai
- Ungenannter Stahlhelmer, Berlin, im SA-Lokal „Sturmvogel“ Malmöer-Ecke Uckermünderstraße, erschossen (Arbeiter-Zeitung Saarbrücken).
5. Mai
- Simon Katz, Handwerker, polnischer Staatsbürger, zu Tode geprügelt (Zeugenbericht).
(Berlin, 5. Mai: „... die Leiche aus der Spree herausgefischt. Die Leiche wies viele Verletzungen auf. Nationalsozialisten hatten K., nachdem sie ihn zu Tode geprügelt, in die Spree geworfen.“)
- Ungenannter Mann, Potsdam-Geltow, eingeschnürt ins Wasser geworfen (Voss. Ztg.).
(Voss. Z., 5. Mai: „Im sog. Grashorn bei Geltow männliche Leiche geborgen, deren Unterkörper in eine graue Militärdecke gehüllt und mit Bindfaden verschnürt war. Beine und Knie waren zusammengebunden. Über den Oberkörper war ein rotgestreifter Bettüberzug gezogen ... muss etwa seit Mitte April im Wasser gelegen haben ...“)
- Spangenberg, kommunistischer Arbeiter, Bredereiche (Kreis Templin), angeblich Selbstmord im Gefängnis (Voss. Ztg.).
(Voss. Z., 6. Mai: „In seiner Gefängniszelle im Amtsgericht Prenzlau ... Selbstmord durch Erhängen.“)
- Ungenannter Färberei-Arbeiter, Sagan, angeblich Selbstmord, im Gefängnis ermordet (WTB).
6.Mai
- Ungenanntes Mädchen, Grossen, Leichenfund (Angriff).
(Angriff, 8. Mai: „... die Leiche eines noch unbekannten Mädchens. Sie lag in der Nähe der Chaussee in einer Kiefernschonung. Spuren deuten daraufhin, dass die Unbekannte mit einem Auto dorthin gebracht ... Anscheinend ist das Mädchen erdrosselt worden.“)
8.Mai
- Dr. Eckstein, Führer der Sozialistischen Arbeiterpartei, Breslau, zu Tode gefoltert (WTB). (siehe Bericht).
9. Mai
- Dr. Meyer, jüdischer Zahnarzt, aus Wuppertal von SA–Leuten festgenommen und in das Düsseldorfer SA–Heim verschleppt. Dort wurde er lebensgefährlich misshandelt und verstümmelt, dann im Auto nach der Möhne–Talsperre gefahren und ertränkt (Zeugenbericht).
(Düsseldorfer Freunden wurde anonym mitgeteilt, dass für den Fall, dass diese Begebenheit veröffentlicht würde, zehn weitere Juden „dran glauben müssten.“)
- Galinowski, Allenstein, auf der „Flucht“ erschossen (WTB).
10. Mai
- Ungenannter Jungarbeiter, (Roter Sportler), Berlin-Wedding, in der SA-Kaserne-Hedemannstraße ermordet, mit durchschnittener Kehle aus dem Spreekanal gezogen (Zeugenbericht).
11.Mai
- Biedermann, sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter, Hamburg, angeblich Selbstmord (Frankf. Ztg.).
(Havas, Essen, 11. Mai: „... in der Nähe des Bahnhofs Recklinghausen auf den Eisenbahngeleisen aufgefunden ...“)
- Glückow, kommunistischer Arbeiter, Berlin O, Palisadenstr. 9, gefoltert, im Hedwigskrankenhaus gestorben (Zeugenbericht).
(Auf dem Totenschein ist angegeben „Innere Verblutung infolge von Gewalttätigkeiten.“)
12. Mai
- Sepp Goetz, kommunistischer Landtagsabgeordneter, im Konzentrationslager Dachau ermordet nach wochenlangen Misshandlungen. (Bericht eines aus Dachau entflohenen Augenzeugen.)
13. Mai
- Ungenannter SA-Hilfspolizist, Kiel, erschossen aufgefunden (Frankf. Ztg.).
(Frankf. Z., 14. Mai: „In einem Gehölz am Kaiser Wilhelm-Kanal in Kiel ... steht noch nicht fest, ob Mord oder Selbstmord ...“ Fememord. Nach Zeugenbericht hat der Erschossene in einem Nazi–Lokal die Frage gestellt, wann die Reichsregierung daran denke, mit ihren großen Versprechungen ernst zu machen.)
- Henseler, kommunistischer Arbeiter, Düsseldorf, erschossen (Germania).
15. Mai
- Dr. Alfred Strauss, München, Rechtsanwalt, 30 Jahre nationaldeutscher Jude, auf Befehl seines Kollegen Frank5, des bayrischen Justizministers, verhaftet, schwer misshandelt, erschlagen (Zeugenbericht).
- Ungenannter Stahlhelmer, Berlin. Bei einem Platzkonzert des Stahlhelms von SA überfallen und erstochen (Zeugenbericht).
- Paletti, Berlin-Schöneberg, zu Tode gefoltert (Zeugenbericht)
(„Auf die Brust und den Rücken wurde ihm das Hakenkreuz eingebrannt, dann wurde er derart geprügelt, dass ihm die Nieren abgetrennt wurden. Kurz darauf erlag er seinen Verletzungen.“)
17. Mai
- Hermann Riedel, Gladbeck, angeblich Selbstmord (Der Tag).
(Der Tag, 17. Mai: „In G. erhängte sich der ehemalige Spartakistenführer R., der während der roten Wirren der ersten Nachkriegszeit im Emscher–Lippe–Land eine Rolle spielte.“)
Johannes und Wilhelm Bardt, Duisburg, erschlagen (D. Tag).
(Der Tag, 17. Mai: „... von Unbekannten überfallen und lebensgefährlich verletzt ... ringen mit dem Tode.“ — „Inzwischen verstorben.“)
18. Mai
- Ungenannter Mann, Berlin, angeblich Selbstmord (Voss. Ztg.).
(Voss. Z.. 18. Mai: „Polizeibeamte bargen am Maybachufer die Leiche eines Mannes aus dem Wasser, der offenbar vor längerer Zeit Selbstmord verübt hatte. Die Personalien konnten noch nicht ermittelt werden.“)
- Honkstein, Grevenbroich, auf der „Flucht“ erschossen (WTB).
19. Mai
- Leonhard Hausmann, kommunistischer Funktionär, im Konzentrationslager Dachau auf der „Flucht“ erschossen (WTB).
20. Mai
- Arthur Müller, Reichsbannerarbeiter, wurde von Nazis im Auto entführt und in der Nazi-Kaserne Berlin-Schöneberg, General Papestraße gemartert und erschlagen (Zeugenbericht).
(„Die Leiche völlig entstellt. Der Schädel eingeschlagen, das rechte Auge ausgelaufen. Das ganze Gesicht war zerfetzt, der Körper über und über mit Striemen und Blutgerinnsel bedeckt. Ein Arm an zwei Stellen gebrochen.“)
25. Mai
- Schloss, Kaufmann aus Nürnberg, erschossen (Zeugenbericht).
26. Mai
- Gromann, Kunstmaler in Duisburg, wird von SS–Leuten im Kalkumer Wäldchen erschossen. Die Mörder heften an den Leichnam einen Zettel: „Zum Andenken an Schlageter“ (Zeugenbericht)
27. Mai
- Franz Lehrburger aus Nürnberg, 29 Jahre alt im Dachauer Konzentrationslager auf der „Flucht“ erschossen (Fränk. Kurier).
(Zeugenbericht: „Die Eltern erhielten einen versiegelten Sarg und durften ihn bei Androhung schärfster Strafen nicht öffnen.“)
29. Mai
- Wilhelm Aron, Referendar aus Bamberg, 24 Jahre alt, Reichsbanner, in Dachau auf der „Flucht“ erschossen (Bamberger Zeitung).
Ende Mai
- Zwei kommunistische Arbeiter, im Konzentrationslager Siegburg erschossen (Zeugenbericht).
8.Juni
- Oppositioneller SA–Mann, Düsseldorf, beim Flugblattverteilen erschossen (Dortmunder General Anzeiger).
(Eine Bekanntmachung des Düsseldorfer Polizeipräsidenten vom 10. Juni sagt darüber: „In den letzten Tagen wurden wiederholt Flugblätter verteilt mit der Aufschrift ‘Alarm, Kampfblatt der Gruppe revolutionärer SA-Leute der Standarte 39‘. Einer dieser Flugblattverteiler, dessen Personalien bisher noch nicht festgestellt werden konnten, wurde in verflossener Nacht auf der Rheinbrücke erschossen aufgefunden.“)
10. Juni
- Karl Lottes, kommunistischer Arbeiter, auf der „Flucht erschossen (WTB).
- Fritz Kokorenz, ein oppositioneller SA-Mann in seiner Wohnung Berlin, Köpenickstr. 114, erschossen aufgefunden (Zeugenbericht).
(„Es handelt sich um einen Fememord, Kokorenz hatte in letzter Zeit wiederholt Auseinandersetzungen mit seinen Vorgesetzten. Am Abend vor seinem Tode hatte er in einer SA-Veranstaltung eine oppositionelle Rede gehalten. Seine Wohnung befindet sich im gleichen Hause wie das Nazi-Büro. Angesichts seiner Leiche äußerten 2 SA–Leute: Man muss vorsichtig sein; sonst geht es uns auch noch so.“)
- Walter Ernst, auf dem Friedhof in Henningsdorf bei Berlin halb eingegraben aufgefunden (WTB).
(Zeugenbericht: „„Walter Ernst wurde in der SA-Kaserne Meisnerhof bei Velten totgeschlagen. Die Friedhofswärter fanden in Henningsdorf die Leiche halb eingescharrt auf.“)
12. Juni
- Ungenannter Arbeiter, Essen, auf der „Flucht erschossen (TU).
20. Juni
- Walter Kersing, Arbeiter, Mitglied des deutschnationalen Kampfringes, in Frankfurt a. d. Oder, bei „Auseinandersetzungen“ von Nazis erschossen (WTB).
21. Juni
- Paul Urban, Arbeiter, Brandenburg, angeblich „Selbstmord“ im Gefängnis (Nachtausgabe).
- Drei Unbekannte im Filzteich in Neustädtel bei Zwickau als Leichen gefunden. (12-Uhr-Mittagsblatt).
(12 Uhr Blatt, 23. Juni: „... an den Füssen mit Stricken zusammengebunden ... durch Steine beschwert ... mit Draht aneinandergefesselt ... Männer im Alter zwischen 25 und 30 Jahren ... Taschentücher mit G. E. und M. H. gezeichnet ... gelang es bisher nicht, die Personalien festzustel1en.“)
22.Juni
- Altenburg, kommunistischer Arbeiter, Arnswalde (Neumark), auf der „Flucht erschossen (Deutsche Allgem. Ztg.).
- Familie Schmaus, Berlin-Köpenick Vater, Mutter und Sohn von SA ermordet (siehe Bericht).
- Rakowski, Arbeiter, Köpenick, von SA erschossen (s. Bericht).
- Johannes Stelling, ehemaliger mecklenburgischer Ministerpräsident, in Köpenick verschleppt und ermordet (siehe Bericht).
- Paul von Essen, Reichsbannerführer, Köpenick, zu Tode misshandelt (siehe Bericht).
24. Juni
- Arthur May, kommunistischer Funktionär in Aachen, auf der „Flucht“ beim Transport nach der Festung Jülich erschossen. (Polizeipressestelle Aachen).
26. Juni
- Unbekannter kommunistischer Arbeiter, Braunschweig, im Gefängnis ermordet, angeblich „Selbstmord“ (WTB).
29. Juni
- Dr. Rosenfelder, Rechtsanwalt aus Nürnberg, ermordet im Konzentrationslager Dachau (Zeugenbericht).
Ende Juni
- Gläsper, Bezirksleiter der „Roten Hilfe“, Elberfeld
- Gottschalk, Stadtverordneter (Bruder des ermordeten Franz G.)
- Erwin Dähler, Jungarbeiter, Elberfeld, Wirkstraße, mit aufgeschlitztem Leib auf der Müllkippe, Elberfeld, tot aufgefunden.
- Gorsmeier, Jungarbeiter, Elberfeld, im Auto nach der Festnahme durch SA erschossen; am andern Morgen in einem Wassertümpel in der Beck tot aufgefunden.
- Ungenannter Arbeiter, Elberfeld, tot aufgefunden in der Bremerstraße (2 Bauchschüsse, 1 Brustschuss).
- Ungenannter Arbeiter. Elberfeld, Osterbrunn, tot (1ufgfu?de? (2 Bauchschüsse, 2 Rückenschüsse). (Sämtliche Angaben über die Elberfelder Bluttate beruhen auf geprüften Zeugenberichten. Sechs weitere Meldungen konnten bisher nicht kontrolliert werden. Die Mordaktionen wurden fast ausnahmslos geleitet von dem SA-Führer August Puppe, Elberfeld, Reitbahnstraße.)
- Hunglinger, Polizeimajor, München,
- Sebastian Nefzger, München,
- Michael Sigman, Sozialdemokrat, Pasing, im Konzentrationslager Dachau ermordet (Zeugenberichte).
1. Juli
- Max Margoliner, Breslau, 24jähriger Kaufmann, im April im Braunen Haus, Karlstraße gefoltert, nach 2 Monaten im jüdischen Krankenhaus Breslau-Süd gestorben (Zeugenbericht). (Saarbrückener Volksstimme: „... die entmenschten Burschen drehten dem Bewusstlosen eine Spiralfeder in den Mastdarm. im Krankenhaus lag er 8 Wochen im Wasser, weil er weder sitzen noch liegen konnte.“)
10. Juli
- Joseph Nies, Redakteur, Bezirksleiter des proletarischen Freidenkerverbandes, Erfurt,
- Alfred Noll, kommunistischer Funktionär, Jena und ein
- Ungenannter kommunistischer Arbeiter, Erfurt, bei Aushebung der illegalen Druckerei des kommunistischen „Thüringer Volksblattes“ durch SA „standrechtlich“ erschossen (Zeugenbericht).
12. Juli
- Assmann, Reichsbannerfunktionär, Köpenick–Friedrichshagen, Opfer der Köpenicker „Bartholomäusnacht“ (siehe Bericht).
- Van Tende, kommunistischer Arbeiter, Essen, politischer Zuchthausgefangener seit Oktober 1931, auf der „Flucht“ erschossen. (Conti-WTB)
- Schulz, kommunistischer Landtagsabgeordneter, Berlin, infolge Misshandlungen im Gefängnishospital gestorben. (Temps)
(Saarbrückener Volksstimme. 18. Juli: „... Schulz ..., der an Stelle eines sozialdemokratischen Redakteurs, der im Jahre 1930 für den Bau von Panzerkreuzern sprechen sollte, überraschenderweise gegen die Regierungstaktik im Berliner Rundfunk auftrat ...“)
- Fritz Lange, kommunistischer Arbeiter, Königsberg, gelyncht (Angriff).
(Angriff, 12. Juli: „Eine große Volksmenge zog vor das Gerichtsgefängnis, holte den kommunistischen Mörder heraus und lynchte ihn.“)
- Joseph Messinger, kommunistischer Arbeiter, Bonn, im Gefängnis umgebracht, angeblich „Selbstmord“ (Havas).
14. Juli
- Franz Braun, Redakteur der „Volkswacht“, Stettin, am Tage nach der Verhaftung in der Zelle umgebracht (Conti WTB).
- Ungenannter kommunistischer Arbeiter, Stettin, niedergeschossen (Conti WTB).
- Drei ungenannte Kommunisten, Kreis Schwerin (Warthe), bei der Überführung in das Konzentrationslager Sonnenburg auf der „Flucht“ erschossen (Vossische Ztg.). Ungenannter kommunistischer Funktionär, Bochum, gelegentlich einer Vernehmung auf der „Flucht“ erschossen (Voss. Ztg.).
15. Juli
- Speer, Schneider, Berlin, in der Nähe der Versuchsanstalt für Handfeuerwaffen mit durchschnittener Kehle aufgefunden (Zeugenbericht).
- Klara Wagner, Sekretärin, Berlin–Treptow, erschossen (Zeugenbericht).
17. Juli
- Dr. Wilhelm Schäfer, Frankfurt, früher Nationalsozialist, bekannt geworden durch die Veröffentlichung der „Boxheimer Dokumente“ (Terror-Anweisungen der Nazis von 1931), erschossen aufgefunden im Frankfurter Stadtwald. Fememord (Frankf. Ztg.).
(F.Z. 18. Juli: „... von den Tätern fehlt bisher noch jede Spur ...“
20. Juli
- Ungenannter Arbeiter, Berlin, bei Hirschgarten am Müggelseedamm tot aufgefunden (Zeugenbericht).
- 50jähriger Mann, Berlin, in der Nälie der Museumsbricke am Kupfergraben tot aufgefunden (Zeugenbericht).
- Hugo Feddersen, kommunistischer Arbeiter, Hamburg, im Gefängnis umgebracht, angeblich „Selbstmord“ (WTB).
- Oppositioneller SA-Mann, Obermenzig bei München, in der Nähe des Umspannwerkes Karlsfeld erschossen aufgefunden. Fememord (Conti-WTB).
24. Juli
- Erich und Gustav Rudolf, Dühringshof (Ostbahn), in Landsberg an der Warthe auf der „Flucht“ erschossen (Frankf. Ztg.).
- Drei oppositionelle SA-Leute, im Grunewald bei Berlin erschossen aufgefunden, Fememord (Zeugenbericht). Jaskowiak, oppositioneller Nationalsozialist, Leverkusen, von einem SS-Mann angeblich in „Notwehr“ erschossen (Dortmunder General Anzeiger).
29. Juli
- Solecki, kommunistischer Arbeiter, Iserlohn, von Hilfspolizei „in Notwehr“ niedergeschossen (WTB).
- Heinrich Foerding, kommunistischer Arbeiter, Coesfeld, im Polizeipräsidium Recklinghausen aus dem Fenster gestürzt, angeblich Selbstmord, ein neuer Fall Funk! (WTB).
Am ersten August wurden die Arbeiter Lütgens, Tesch, Wolffund Möller in Altona hingerichtet.
Ein Bericht aus Braunschweig meldet, dass dort in den letzten Wochen zehn Gefangene ermordet wurden, darunter der Reichsbannermann Otto Rose („Selbstmord“), der 19jährige Benno Ehlers (zu Tode geprügelt), der Sekretär des Eisenbahnerbundes Hermann Basse, die Kommunisten Karl Wolf und Erich Schelpmann (aus dem 3. Stock des „Volksfreundehauses“ geworfen). Ein anderer Bericht sagt, dass in der Nacht vom 4. zum 5. Juli im früheren ADGB-Heim Rieseberg (Braunschweig) zehn Arbeiter erschossen wurden. Diese Nachrichten, wie auch die Meldungen u. a. über die Ermordung des sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Faust im Konzentrationslager Bremen, die Erschießung von fünfzehn oppositionellen SA-Leuten im Konzentrationslager Wilsede, konnten vor Abschluss der Drucklegung nicht mehr überprüft werden. Band II des „Braunbuches“ wird die hier noch nicht veröffentlichten Mordtaten des Hitler–Faschismus belegen.