Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitler-Terror (1933)
PeopleWilli Münzenberg, Marinus van der Lubbe, Hermann Göring, Joseph Goebbels, Adolf Hitler, Ernst Röhm, Edmund Heines, Georgi Dimitrov, Paul von Hindenburg, Franz von Papen, Kurt von Schleicher, Heinrich Brüning, Alfred Hugenberg, Gregor Strasser, Wilhelm Frick, Robert Ley, Otto Wels, Albert Einstein, Magnus Hirschfeld, Ernst Toller TermsBrown Book of the Reichstag Fire and Hitler Terror (1933), Reichstag fire (1933), Reichstag Fire Decree, Reichstag fire trial (1933), Sturmabteilung (SA), Schutzstaffel (SS), Gleichschaltung, Nazi book burnings, Institute for Sexual Science EventsThe Nazi Seizure of Power and the Enabling Act, The German Sexual Reform Movement and Its Destruction by the Nazis (1897–1935)
Vorwort der Verfasser und des Verlags
Als der Verlag seine Absicht bekannt gab, ein dokumentarisches Buch über Reichstagsbrand und Hitler–Terror zu publizieren, da meldeten sich Hunderte freiwilliger Mitarbeiter. Schriftsteller, Arbeiter, Ärzte, Rechtsanwälte, die der Hitler-Terror aus Deutschland vertrieben hatte, stellten sich zur Verfügung. Sie beschafften Material, sichteten und prüften es, sorgten für die Verbindungen nach Deutschland und schrieben den Text. Nicht nur Emigranten haben an diesem Buche gearbeitet. In dem großen braunen Kerker, der sich „Drittes Reich“ nennt, fanden wir viele Mithelfer, die unter Lebensgefahr Material über die deutschen Ereignisse besorgten und Material, das wir ihnen sandten, auf seine Zuverlässigkeit hin prüften. So entstand dieses Buch: als Kollektivarbeit von Antifaschisten, als Gemeinschaftsarbeit von Kämpfern innerhalb und außerhalb Deutschlands, die geeint sind in dem Gedanken, für den Sturz des Hitler-Faschismus und für ein sozialistisches Deutschland zu wirken. Es ist ein deutsches Buch. Deutsche haben es erlebt und erlitten. Deutsche haben es geschrieben. Es ist ein internationales Buch. Antifaschisten in England und Frankreich, in Holland und Amerika haben die Herausgabe dieses Buches unterstützt. Das Weltkomitee für die Opfer des Hitler-Faschismus, an dessen Spitze Prof. Einstein und Lord Marley stehen, hat diesem Buche seine Hilfe geliehen. Internationale Schriftsteller von hohem Rang haben durch Beiträge die Solidarität mit den Opfern des Hitler-Terrors und mit dem Kampf gegen den Hitler-Faschismus dokumentiert. Es ist ein internationales Buch, es zeigt für alle Leser, gleichgültig, ob sie in Deutschland, in Amerika, in England oder Italien, in Polen oder Frankreich leben, die Gefahr des Faschismus. Nicht nur die Gefahr. Fünf Monate Hitler-Faschismus sind in diesem Buche dargestellt, fünf Monate Hitler-Hölle. Es ist ein dokumentarisches Buch. Jede Behauptung dieses Buches stützt sich auf dokumentarisches Material. Nicht immer ist es möglich, Namen und Adresse des Verfolgten oder des Augenzeugen zu veröffentlichen. In diesem Falle wurden die Beweise für unsere Behauptungen beim Notar niedergelegt.
Das Braunbuch ist das erste einer Bücherreihe über Hitler Deutschland. Andere werden folgen, in denen gezeigt werden soll, was die Hitlerdiktatur den Arbeitern, Bauern, den Mittelschichten Deutschlands ökonomisch, sozial und rechtlich genommen hat. Die Verelendung Deutschlands, die sich unter der Hitler Diktatur in rapidem Tempo fortsetzt, wird in diesen Büchern ihre Darstellung finden. In einem besonderen Band wird der Kampf innerhalb Deutschlands gegen den Hitler–Faschismus geschildert werden. Die Autoren dieses Buches wünschen, ungenannt zu bleiben.
Sie schrieben das Buch für die Opfer des Hitler–Faschismus, für die Gefangenen und Gemarterten der braunen Hölle, für Frauen und Kinder, denen der Hitler–Terror den Gatten und Vater nahm, für die Millionen antifaschistischer Kämpfer, deren Kampfwille durch Stahlruten und Konzentrationslager nicht gebrochen werden konnte. Der Kampf gegen den Hitler-Faschismus wird innerhalb Deutschlands entschieden. Es ist dafür gesorgt, dass dieses Dokument der braunen Schmach, das „Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitler–Terror“, seinen Weg nach Deutschland findet.
Juli 1933. Die Verfasser und der Verlag.
Vorwort von Lord Marley
Es ist immer schwierig, Authentisches über Dinge zu erfahren, die unter einem gut organisierten Terror geschehen. Selbst erfahrenen Journalisten mit ihren Fachkenntnissen gelingt es nur schwer, der Wahrheit nahe zu kommen, solche Angst haben die Leute zu sprechen, und so vollkommen funktioniert die Spionage. Es ist das besondere Verdienst einiger ausländischer Pressekorrespondenten in Deutschland, dass sie unter dem Risiko, ihre Stellungen zu verlieren, soviel von der Wahrheit über die Grenze gebracht haben. Dem Weltkomitee für die Opfer des Deutschen Faschismus sind viele authentische Dokumente zur Verfügung gestellt worden einige von Journalisten, andere von Ärzten und Rechtsanwälten, denen besondere Wege zur Wahrheit offen standen, die aber ihre Informationen in Deutschland nicht zu veröffentlichen wagen und es auch nicht können. Weitere Dokumente sind von den Gefolterten und Gemarterten selbst gesandt worden. Den Hauptteil des Materials verdankt das Komitee eigenen Berichterstattern, die unter Lebensgefahr in Deutschland ge arbeitet haben. Wir haben nicht die sensationellsten dieser Dokumente benutzt. Jede Feststellung, die in diesem Buche gemacht wird, ist sorgfältig geprüft worden und typisch für eine Reihe ähnlicher Fälle. Wir wären in der Lage, viel schlimmere Einzelfälle zu bringen, aber wir haben davon Abstand genommen, weil sie eben Einzelfälle waren. Kein einziger hier gebrachter Fall ist ein Ausnahmefall. Alle sind typisch für viele andere, die in unserem oder im Besitz der nationalen Hilfskomitees sind. Diese Zeugnisse des Faschismus sind schrecklich. Aber das Gedächtnis der Öffentlichkeit ist kurz, und die öffentliche Meinung ist leider nur allzu bereit, sich mit einem fait accompli abzufinden, wie heute im Falle Italien. Unser Buch soll die Erinnerung an den verbrecherischen Weg der Nazi-Regierung ständig wachhalten. Unser Buch ist ein Beitrag zum Kampf gegen den Hitler-Faschismus. Dieser Kampf ist nicht gegen Deutschland gerichtet. Dieser Kampf wird für das wahre Deutschland geführt.
House of Lords London SW. 1 Lord MARLEY, Vorsitzender des Weltkomitees für die Opfer des Hitler–Faschismus.
1 Der Weg zur Macht
Im Januar 1919 wird in München die „Deutsche Arbeiterpartei “ gegründet. Im Juli desselben Jahres tritt Adolf Hitler, damals „Bildungsoffizier“ in der Reichswehr, dieser Partei bei. Er ist das siebente Mitglied dieser Keimzelle der späteren Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei. Wer sind die Gründer und ersten Mitglieder der NSDAP? Aus welchen Schichten stammen sie und welche Interessen vertreten sie? Es sind zunächst Soldaten und Offiziere, die enttäuscht aus dem Weltkriege heimgekehrt waren. Vier Jahre lang hatten sie an die chauvinistischen Losungen ehrlich geglaubt. Sie hatten sich mit ihrem Leben für die „Erkämpfung eines mächtigen Großdeutschland“ eingesetzt. Sie glaubten an die Legende, dass Pazifisten und Sozialdemokraten als „Landesverräter“ die deutsche Front von hinten erdolcht und die Niederlage herbeigeführt hätten. Diese „Heimkehrer“ waren tief erbittert über die Schwäche der herrschenden Klassen, über Verrat und Flucht des Kaisers und der sang- und klanglos abgesetzten Fürsten, über die Generäle des großen Krieges, welche die „Novemberverbrecher“ nicht mit eiserner Faust niedergeschlagen, zur Rechenschaft gezogen und vor ein Kriegsgericht gestellt hatten. Diese zutiefst enttäuschten Soldaten und Offiziere fanden sich nicht mehr zurück ins bürgerliche Leben. Die Berufe, die sie einst innegehabt hatten, gab es zum Teil nicht mehr. Das galt vor allem für die Berufssoldaten, Militäranwärter und eine Reihe von Beamtenkategorien. Zu ihnen gesellten sich entwurzelte Adelige, Studenten, die durch den Krieg aus ihrem Studium herausgerissen waren, deklassierte und radikalisierte Kleinbürger, Angehörige der Mittelklassen, die jetzt vollends den Boden unter den Füssen zu verlieren begannen. Alle diese Elemente, die sich ebenso in den zahlreichen damals entstehenden Freikorps, in der Einwohnerwehr, im Stahlhelm (Bund der Frontsoldaten, gegründet 1919) und in der Brigade Ehrhardt sammelten, bildeten auch die ersten Kader des jungen Nationalsozialistischen Deutschen Arbeitervereins, wie sich die Partei zuerst offiziell nannte. In den ersten beiden Jahren nach der Gründung blieb die NSDAP zunächst eine unbedeutende Gruppe. Die November–Revolution 1918/19 war niedergeworfen, der Sturz des kapitalistischen Systems und die Erkämpfung des Sozialismus verhindert. Der Sozialdemokrat Friedrich Ebert wird der erste Reichspräsident der Weimarer Republik. Die Herrschaft der alten finanzkapitalistischen Kräfte konsolidiert sich wieder. Die Gewerkschaftsführer haben einen Friedenspakt mit den Unternehmern abgeschlossen die „Zentralarbeitsgemeinschaft“, die bereits im November 1918 zwischen dem Trustherrn Hugo Stinnes und dem Vorsitzenden der Generalkommission der Gewerkschaften, dem Sozialdemokraten Karl Legien vereinbart worden war. Was konnte also Hitler den führenden Gruppen des deutschen Kapitalismus damals bieten? Sie brauchten die NSDAP zu dieser Zeit noch nicht. Hitlers Verein konnte zunächst zu keiner Bedeutung gelangen. Er selbst blieb noch bis zum April 1920 in den Diensten der Reichswehr, für deren Soldaten er politische Vorträge hielt. Im Auftrage der Reichswehr „beobachtete“ er auch politische Vereinigungen und Versammlungen. Er lieferte Berichte und Informationen. Auf diese Weise kam Hitler auch mit der „Deutschen Arbeiterpartei“ in Verbindung. Die politische Bedeutung der NSDAP stieg aber bald. Die politische Lage in Deutschland änderte sich, je mehr die erdrückenden Auswirkungen des Versailler Friedensdiktates und des verlorenen Krieges spürbar wurden. Milliarden an Reparationen wurden gefordert und bezahlt. Wichtige Wirtschaftsgebiete wurden abgetreten: Elsass-Lothringen, Oberschlesien, Saargebiet, Posen und Westpreußen (der sogenannte „polnische Korridor“), Danzig und Eupen-Malmedy. Der deutsche Absatz wurde durch den Verlust eines erheblichen Teils der europäischen und überseeischen Absatzmärkte und der Kolonien noch weiter eingeengt. Die Kosten der Demobilisierung, insbesondere der Umstellung der Kriegsindustrien, lasteten schwer auf dem werktätigen Steuerträger. Die ausschlaggebenden Kreise des deutschen Monopolkapitals waren unablässig bemüht, die Reparations–Milliarden und alle andern Verluste auf die Schultern der Arbeiter und der Mittelklassen abzuwälzen. Diese Entwicklung fand ihren ersten Höhepunkt in der Inflation, die bereits 1917 während des Krieges von der wilhelminischen Regierung begonnen wurde, aber erst 1921/22 den Massen deutlicher spürbar wurde. Die Inflation erreichte ihre katastrophalste Steigerung im Herbst 1923. Sie hatte eine weitere Verelendung der Arbeiter und eine tiefgehende Proletarisierung der Mittelklassen zur Folge. Millionen kleiner Existenzen sind durch die Inflation buchstäblich ihrer letzten Habe beraubt worden. Banken und Großindustrielle heimsten riesige Profite ein. Der Staat zahlte ihnen 600 Millionen Goldmark als „Entschädigung“ für die Ruhrbesetzung, während die Masse der Bevölkerung leer ausging. Das Wirtschafts–Chaos ruft schwere politische Erschütterungen hervor. Erzberger und Rathenau fallen als „Erfüllungspolitiker“ den Kugeln nationalsozialistischer Mörder zum Opfer. Mit neuer mitreßsender Gewalt leben die Erinnerungen auf an die Berliner Spartakuskämpfe im Januar 1919, an den Ruhraufstand beim Kapp-Putsch im März 1920 und an die Arbeitererhebung im März 1921. Die Abwanderung der Arbeiter von der Sozialdemokratie nimmt zu, zunächst zu den Unabhängigen, dann, nach der Spaltung der U. S. P. im Herbst 1920, immer stärker zur Kommunistischen Partei. Mächtige antifaschistische Demonstrationen finden statt. In großen Massenbewegungen, die sich im Oktober 1923 zum Hamburger Aufstand steigern, kämpfen revolutionäre Arbeiter gegen die Diktatur Eberts und der Reichswehrgenerale.
1.1 Die 25 Punkte - das Programm der NSDAP
In dieser Zeit erlebt die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei ihren ersten Aufschwung. Im Februar 1920 war das „P r o g r a m m“ der Partei, die sogenannten „25 Punkte“, von Hitler selbst in seiner Versammlung im Münchener Hofbräuhaus verkündet worden. Es enthält ein Gemisch von Sätzen und Forderungen, die zum Teil einander widersprechen. Die politische Praxis der NSDAP hat mit ihnen niemals in Einklang gestanden. Was scherte es Hitler und seine Vasallen, dass es am Schlusse des Programms großspurig hieß:
„Die Führer der Partei versprechen, wenn nötig unter Einsatz des eigenen Lebens, für die Durchführung der vorstehenden Punkte rücksichtslos einzutreten“
Es blieb nicht das einzige Versprechen, das die Führer der NSDAP gaben, ohne es zu halten. Von einer Generalmitgliederversammlung der Partei im Mai 1926 ist noch einmal die „Unabänderlichkeit“ des Programms ausdrücklich beschlossen worden. Außerdem hat Gottfried Feder, Mitverfasser der 25 Punkte und „Theoretiker“ der NSDAP, in seinem Programm-Kommentar mit „aller Entschiedenheit “ und „unbeugsamer Deutlichkeit“ betont:
„An den Grundlagen und Grundgedanken dieses Programms darf nicht gerüttelt werden. Es gibt kein Drehen und Wenden aus etwaigen Nützlichkeitserwägungen, es gibt kein Versteckspielen mit wichtigsten, der heutigen Staats–, Wirtschafts– und Gesellschaftsordnung besonders unangenehmen Programmpunkten und es gibt kein Schwanken in der Gesinnung... Wer in der Judenfrage, in unserem Kampf gegen die Hochfinanz, gegen Dawes–Pakt und Verelendungspolitik, oder in anderen programmatischen Fragen nicht mit unseren unverrückbar festgelegten Wegen und Zielen übereinstimmen zu können glaubt, wer durch Völkerbund oder Locarno, wer durch Kompromisseln und Feigheit die Freiheit der deutschen Nation erkaufen zu können glaubt, der hat eben bei uns nichts zu suchen, der steht außerhalb der NSDAP.“
Alle diese tönenden Worte können nicht darüber hinweg täuschen, dass die Führerschaft der NSDAP in ihrer praktischen Politik ihr eigenes, kompromisslerisches, halbes „Programm “ immer wieder verleugnet und in der Praxis das Gegenteil getan haben. Der Betrug beginnt gleich bei den ersten beiden Punkten: „Zusammenschluss aller Deutschen auf Grund des Selbstbestimmungsrechts der Völker zu einem Groß-Deutschland“ (Punkt 1) und „Gleichberechtigung des deutschen Volkes gegenüber den anderen Nationen, Aufhebung der Friedensverträge von Versailles und St. Germain“ (Punkt 2). Keine dieser beiden Programmforderungen hatten Hitler gehindert, sowohl vor wie nach der Machtergreifung, mit den Signatarmächten des Versailler Vertrages Kompromisse zu schlißsen, durch Beauftragte mit dem Völkerbund, mit Frankreich, Polen, England und Italien zu verhandeln!
Über diese „Zwirnsfäden “ ist er nicht gestolpert als er Südtirol an Mussolini verriet. In der ersten Auflage des Federschen Programmkommentars hatte es noch geheißen „Wir verzichten auf keinen Deutschen in Süddeutschland, in Elsass–Lothringen, in Südtirol, in Polen, in der Völkerbundskolonie Österreich und den Nachfolgestaaten des alten Österreich“. In der zweiten und in allen späteren Auflagen der Federschen Schrift sind die Worte „in Südtirol“ gestrichen! Dabei wagte Feder im Vorwort zur 5. Auflage zu schreiben: „Verbessert sind nur da und dort einige Schönheitsfehler (!) im Ausdruck und Stellen, die zu Missdeutungen führen könnten“
Ähnlich steht es mit anderen Punkten des Programms, vor allem mit den wirtschafts–und sozialpolitischen Forderungen: „Abschaffung des arbeits– und mühelosen Einkommens“, „Brechung der Zinsknechtschaft “ (Punkt 11), „restlose Einziehung aller Kriegsgewinne“ (Punkt 12), „Verstaatlichung aller (bisher) bereits vergesellschafteten (Trusts) Betriebe“ (Punkt 13), „Gewinnbeteiligung an Großbetrieben“ (Punkt 14), „großzügiger Ausbau der Altersversorgung“ (Punkt 15), „Schaffung eines gesunden Mittelstandes und seine Erhaltung, sofortige Kommunalisierung der Großwarenhäuser und ihre Vermietung zu billigen Preisen an kleine Gewerbetreibende, schärfste Berücksichtigung aller kleinen Gewerbetreibenden bei Lieferung an den Staat, die Länder oder Gemeinden“ (Punkt 16), „eine unseren nationalen Bedürfnissen angepasste Bodenreform, Schaffung eines Gesetzes zur unentgeltlichen Enteignung von Boden für gemeinnützige Zwecke, Abschaffung des Bodenzinses und Verhinderung jeder Bodenspekulation“ (Punkt 17). Es ist nicht notwendig, auf jeden dieser Programmpunkte hier im einzelnen einzugehen. Einige der Programmpunkte werden in späteren Kapiteln des vorliegenden Buches behandelt werden, z. B. die Judenfrage (Punkt 4-8 und 23). Hier kommt es uns darauf an, den Grundzug des nationalsozialistischen Programms zu skizzieren und die Skrupellosigkeit der Führer der NSDAP aufzuzeigen, die es Punkt für Punkt verfälschen und verraten. Die Forderungen selbst sind zum Teil kleinbürgerlich–reaktionäre, wie die in Punkt 16 erhobene („Schaffung und Erhaltung eines gesunden Mittelstandes“); auch hier Halbheit und Widersprüche, die für das ganze Programm charakteristisch sind: wie soll der „Mittelstand“ erhalten werden, wenn zugleich die Voraussetzungen für sein allmähliches Verschwinden, die Voraussetzung für die Proletarisierung der Mittelklassen, nämlich das kapitalistische Wirtschaftssystem, von der NSDAP grundsätzlich bejaht wird? Dasselbe gilt entsprechend für Punkt 17, der die Grundlage für die nationalsozialistische Agrarpolitik bilden soll: wie will Hitler den Bauer retten, wenn er absolut auf dem Boden des Privateigentums steht, wenn von einer unentgeltlichen Enteignung des Großgrundbesitzes zu Gunsten der landarmen Kleinbauern keine Rede sein kann? Hitler hat im April 1928 nochmals ausdrücklich betont, dass die NSDAP das Privateigentum an den Produktionsmitteln mit aller Kraft zu verteidigen entschlossen ist. Er hob in einer Erklärung zu eben diesem Punkt 17 des Programms hervor, dass der Passus „unentgeltliche Enteignung “ nur auf die Schaffung gesetzlicher Möglichkeiten Bezug habe, Boden der auf unrechtmäßige Weise erworben sei oder nicht nach den Gesichtspunkten des Volkswohles verwaltet werde, wenn nötig (!) zu enteignen. Dieser Passus richte sich demgemäß in erster Linie gegen die — jüdischen Grundstücksspekulationsgesellschaften. Widersprüche und Kompromisse auf der ganzen Linie! Auf der anderen Seite finden wir in den wirtschafts– und sozialpolitischen Programmpunkten der NSDAP wohlbekannte alte Ladenhüter aus den Programmen bürgerlich–liberaler Parteien und der — Weimarer Verfassung. Punkt 13 (Verstaatlichung der Trusts) ist direkt gestohlen aus dem Programm der Deutschen Demokratischen Partei von 1919! Andere Punkte figurieren als nie erfüllte Versprechungen der Weimarer Verfassung: Punkt 15 (Ausbau der Altersversorgung), 20 („Freie Bahn dem Tüchtigen!“— vergleiche Reichsverfassung und Reichsjugendwohlfahrtsgesetz von 1924), 21 (Hebung der Volksgesundheit, Schutz für Mutter und Kind), 24 („Gemeinnutz vor Eigennutz“ — vergl. Art. 156 der Verfassung).
1.2 Der erste Aufschwung der nationalsozialistischen Bewegung
Mit diesem Programm, mit Reden, die im Geiste der 25 Punkte gehalten waren, trat Hitler in der Zeit des ersten Aufschwungs der NSDAP in den ersten größeren Versammlungen auf. Die Agitation gegen Versailles stand dabei durchaus im Vordergrund. Je stärker das Kleinbürgertum durch die fortschreitende Inflation in Gärung kam, desto größer war der Zustrom zu den nationalsozialistischen Kundgebungen. Zweifellos spielte aber in den kleinbürgerlichen Massen nicht nur die materielle Schädigung durch Reparationen, Geldentwertung und Ruhrbesetzung eine Rolle, sondern auch die Verletzung des Nationalgefühls durch das Versailler Friedensdiktat und den Einfall der französischen Truppen in deutsches Gebiet. Im Februar 1921, kurz nach den Reparationsverhandlungen, startet die erste Hitler-Versammlung im Riesenraum des Zirkus Krone. Thema „Zukunft oder Untergang“! Zum ersten Male fahren Lastwagen mit wehenden Hakenkreuzfahnen durch die Straßen Münchens, um für die Versammlung Propaganda zu machen. Die NSDAP ahmt Agitationsmethoden der revolutionären Arbeiterschaft nach. Sie lässt feuerrote Plakate für die große Kundgebung anschlagen mit dem demagogischen Text:
„Wenn 60 Millionen, Mann und Weib, vom Greis bis zum Jungen, in einmütiger Entschlossenheit erklären, wir wollen nicht, dann soll der Wille dieser Millionen wenigstens das eine sichern, die Achtung, die man dem verweigert, der diese Peitsche küsst. Wir sind Menschen und keine Hunde. Die 60 Millionen sollen der Reichsregierung zum klaren Bewusstsein bringen, dass, wer verhandelt, stürzt!“
Die Zirkusversammlung war ein Erfolg Hitlers, vor allem gegenüber den anderen bürgerlich–nationalen Parteien und Verbänden, die noch mit den alten Methoden der Vorkriegszeit operierten. Sie hatten geringschätzig gelächelt, als der „junge Mann“ ihnen die sofortige Organisierung von Riesenkundgebungen gegen die Erfüllungspolitik der Reichsregierung vorschlug, und gar, als er nach ihrem Zögern und ihrer offenen Ablehnung mit seiner immerhin noch schwachen Gruppe allein das Wagnis unternahm. Das Programm dieser Parteien der großbürgerlich–junkerlichen Reaktion war nicht geeignet, ihnen in den klein bürgerlichen Schichten die Positionen zu verschaffen, die sich die Nationalsozialisten später mit ihren 25 Punkten und ihren skrupellosen Agitationsmethoden zu erobern verstanden. Das Scheitern des Kapp-Putsches im März 1920 hatte dies bereits bewiesen.
Ohne Fühlung mit den in Gärung befindlichen Mittelklassen, lediglich auf die Großgrundbesitzer, Teile der Reichswehr und der hohen Bürokratie sowie einige Freikorps und Wehrverbände gestützt, war dieser Restaurationsversuch des junkerlichen Flügels der Bourgeoisie, war der Kapp-Putsch von der deutschen Arbeiterschaft innerhalb 24 Stunden vereitelt und niedergeschlagen worden.
Auch der Stahlhelm war über einen begrenzten Einfluss unter Teilen der bäuerlichen und bürgerlichen Jugend und den rückständigsten Arbeiterschichten (Mitgliedern der gelben Verbände und der Werkvereine, Landarbeitern) nie hinausgekommen. Anders die NSDAP. Mit ihrem Scheinkampf gegen das „internationale jüdische Bank- und Börsenkapital“, mit ihrer Losung der „Volksgemeinschaft“, in der alle Klassen unter einem über ihnen stehenden starken Staat friedlich miteinander leben sollten, konnte sie in breitere Schichten eindringen. Es gelang ihr, größere Teile der kleinbürgerlichen Massen unter ihre Fahnen zu sammeln. Der Einfluss der Nationalsozialisten wächst. 1921 verdoppelt sich die Mitgliederzahl: sie steigt von 3.000 auf 6.000. Der Wirkungskreis der NSDAP beschränkte sich damals fast ausschließlich auf Bayern. In Norddeutschland ist die völkische Bewegung, die von Graefe, Wulle, Henning und Graf Reventlow geführt wird, weitaus stärker.
Zwei Jahre nach Kriegsschluss finden die ersten Kongresse und Parteitage statt. 1920 tritt in Salzburg eine Tagung zusammen, auf der mit den Führern der österreichischen und deutschen nationalsozialistischen Bewegung gemeinsame Beratungen abgehalten werden. Die Bewegung war in den Gebieten des früheren Österreich bereits viel älter. Eine österreichische „Deutsche Arbeiterpartei“ war bereits 1904 gegründet und auf einer Wiener Tagung im Mai 1918 zusammen mit anderen Gruppen in „Nationalsozialistische Partei Österreichs“ umbenannt worden. Die Anfänge des Nationalsozialismus gehen also auf den Beginn des Jahrhunderts zurück. Er entfaltete sich zuerst im alten Völkergefängnis Österreich, in Böhmen, wo die nationale Frage eine besondere Rolle spielte. Hitler als geborener Österreicher hat vieles von dort übernommen. In Salzburg kam eine Verständigung mit Jung, dem Leiter der böhmischen Partei, nicht zustande. Es waren andere Verhältnisse, in denen der deutsche Nationalsozialismus sich entwickelte.
Der nächste Kongress wurde 1921 in Reichenhall gemeinsam mit russischen und ukrai-
nischen weißgardistischen Verbänden abgehalten. Der berüchtigte Hetman Skoropadski war unter den Rednern. Zusammen mit dem Nationalsozialisten Alfred Rosenberg, einem Balten, dem späteren Chefredakteur des „Völkischen Beobachters“ und Außenpolitiker der NSDAP, entwickeln die weißgardistischen Emigranten ihre Interventionspläne gegen den jungen Sowjetstaat, der soeben die letzten Interventionstruppen aus dem Lande gejagt hat. Damals bereits knüpfte Rosenberg Verbindungen mit Deterding und dem deutschen Großindustriellen Rechberg, wütenden Feinden der Sowjetrepublik, an. Er schreibt im „Völkischen Beobachter“ seine ersten antibolschewistischen, propolnischen (!) Hetzartikel.
Im Januar 1922 wird dann in München der erste offizielle Parteitag der NSDAP abgehalten. ln einer Proklamation anlässlich des Parteitages erklärt Hitler, der noch um die alleinige diktatorische Herrschaft in der Partei zu kämpfen hat es gelte, die Bewegung reinzufegen, denn sie sei eine „Brutstätte gutgesinnter, aber deshalb umso gefährlicherer Narren“. Das richtete sich deutlich gegen die alten Mitbegründer der Partei, u. a. gegen Anton Drexler und Körner, die mit den neuen skrupellosen Methoden Hitlers nicht mitkommmen konnten und wollten.
Einflussreiche hohe Offiziere des Münchener Reichswehrkommandos hatten die junge Bewegung seit langem gefördert. Unter ihnen waren frühere Kameraden Hitlers aus den Jahren 1919/20. Mit ihrer Hilfe hatte er neben der eigentlichen Parteiorganisation und dem Presse– und Propaganda–Apparat eine dritte Organisation errichtet, die ihm bereits in diesen Jahren des ersten Aufschwungs als hervorragendes Kampfinstrument diente: die SA. Ursprünglich hatte die NSDAP in Sommer 1920, angeblich zum Schutze ihrer Versammlungen gegen Überfälle der „Roten “, eine „Ordnungstruppe“ geschaffen. Diese genügte aber auf die Dauer nicht; sie war zu klein und schwach im Vergleich zu den anderen nationalistischen Wehrverbänden. So schritt Hitler im August 1921 zur Gründung eines eigenen nationalsozialistischen Wehrverbandes, der Sturm-Abteilungen, der SA. Sie stellt die terroristische Kampftruppe der NSDAP dar und ist der politischen Führung untergeordnet.
1.3 Wer finanzierte Hitler?
Bald begannen sich auch eine Reihe von Kapitalisten, besonders in Süddeutschland, für Hitler und die NSDAP zu interessieren, um sie in den Dienst ihrer reaktionären Politik zu stellen. Sie erkannten den Wert der nationalsozialistischen Bewegung für die Niederhaltung der klassenkämpferischen Arbeiterschaft. Sie waren bereit, die NSDAP zu „fördern“ und sie vor allem finanziell zu unterstützen. Im späteren Hitler–Ludendorf–Prozess (1924) ist festgestellt worden, dass Hitler von dem Direktor des bayerischen Industriellenverbandes, Geheimrat Aust, dem Verbandssyndikus Dr. Kuhlo, dem Inhaber der Klavierfabrik Bechstein, dem Großindustriellen Maffei (München), den Fabrikanten Hornschuh (Kulmbach) und Grandel (Augsburg) erhebliche Geldsummen für die Partei erhalten hat. Hitler hielt auch in den vornehmen Klubs der Bankiers, Großgrundbesitzer und Industriellen Vorträge über „seine Ziele“. Er nahm dafür Geldzuwendungen für die nationalsozialistische Presse und ähnliche Zwecke in Empfang.
Auch von dem bekannten Berliner Großindustriellen Borsig, dem als sozialpolitischen Scharfmacher bekannten Vorsitzenden der Vereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, hat Hitler bereits in jener Zeit Subventionen bekommen. Ein Agent Hitlers in der Schweiz, Dr. Gansser, soll ihm damals die Unterstützung Henry Fords und Gelder aus französischen Kapitalistenkreisen, die auf den bayerischen Separatismus spekulierten, verschafft haben.
Dokumentarisch wird man alle diese dunklen Geldquellen des „Arbeiterführers“ Hitler wohl erst dann im einzelnen nachweisen können, wenn die Archive in einem kommenden sozialistischen Arbeiter–Deutschland rücksichtslos geöffnet sein werden. Der politische Nachweis ist aber heute schon möglich. Die ganze Politik der NSDAP, die ihr später offene Sympathieerklärungen aus großkapitalistischen Kreisen (Thyssen, Schacht usw.) eingebracht hat, bestätigt das große Interesse, das die herrschenden Klassen an ihrer Förderung haben mussten. Die Schulden Hitlers, der ungeheuere Aufwand für die Propaganda und für die Unterhaltung der SA haben 1923 eine gewisse Rolle gespielt und ihn zum Losschlagen mit veranlasst.
1.4 Der Putsch vom 9. November 1923
Den Höhepunkt und Abschluss dieser ersten Aufschwungsperiode der NSDAP bildete der Münchener Putsch vom 9. November 1923. Im Laufe des Jahres 1923 hatte Hitler seine Verbündeten in der bayrischen Regierung und Reichswehr immer wie der zum Losschlagen gedrängt. In den ersten Novembertagen mobilisierte er schließlich die Kampfverbände und stellte den bayerischen Generalstabskommissar von Kahr, den zögernden General Ludendorffund den General von Lossow, den Kommandeur der bayerischen Reichswehr, in einer großen Versammlung der Vaterländischen Verbände Münchens im Bürgerbräukeller vor ein fait accompli. Zur Überraschung der meisten Anwesenden proklamierte Hitler die „nationale Republik“. Er setzt Ebert ab, „ernennt“ sich selbst zum Reichskanzler, Kahr zum Landesverweser, den Münchener Polizeipräsidenten Pöhner zum Ministerpräsidenten und Ludendorffzum Reichswehrminister. Der bayerische Ministerpräsident von Knilling, die Minister Gürtner, Schweyer, Wutzelhofer und General von Lossow werden verhaftet, aber schon wenige Stunden später von Ludendorffgegen „ Ehrenwort “ entlassen. Kahr geht zunächst auf Hitlers Vorschläge ein, begibt sich aber mit Lossow und Oberst Seisser in der Nacht in die Kaserne des 19. Infanterie-Regiments. In einem Funkspruch verkünden die drei, dass sie den Hitlerputsch ablehnen. Kahr erklärt, seine Zustimmung zum Putsch für ungültig, da sie von ihm im Münchener Bürgerbräu mit Waffengewalt erpresst wurde. Um drei Uhr morgens verfasst der Generalstabskommissar von Kahr eine zweite Erklärung, in der es heißt, dass „treu– und wortbrüchige ehrgeizige Gesellen“ aus einer Kundgebung für Deutschlands Wiedererwachen eine Szene widerwärtiger Vergewaltigung gemacht hätten und dass die „mit vorgehaltenem Revolver abgepressten Erklärungen“ Kahrs, Lossows und Seissers null und nichtig seien. Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei sowie die Kampfbünde „Oberland“ und „Reichsflagge“ werden für aufgelöst erklärt.
Diese Mitteilung und die Auflösungsverordnung erscheinen noch am Morgen des 9. November in den Münchener Zeitungen.
Hitler und Ludendorffversuchen einen verzweifelten Gewaltstreich, obwohl Hitler einige Monate vorher dem bayrischen Innenminister Schweyer sein Ehrenwort gegeben hatte, nicht zu putschen. Sie marschieren mit den Kampfverbänden durch die Straßen. Die Reichswehr verhält sich neutral. Sie schießt nicht auf die Marschierenden. Bayerische Landespolizei erwartet Hitlers Anmarsch an der Feldherrnhalle. Sie gibt eine Salve ab. Die Hitlerleute haben fünfzehn Tote. Hitler selbst flieht und wird wenige Tage später, bevor er die österreichische Grenze erreichen kann, in der Luxusvilla einer Prinzessin verhaftet. Göring flüchtet nach Italien, später nach Schweden. Ludendorffbleibt von der Haft verschont.
Der Prozess gegen die Putschisten vom 9. November findet im Frühjahr 1924 vor dem Volksgericht in München statt. Die Richter sind gnädig und freundlich. Handelt es sich doch um lauter „nationalgesinnte“ Angeklagte, die „nur das Beste gewollt“ haben: Hitler, General der Infanterie Ludendorff, Polizeiamtmann Frick (1933 Reichsminister des Innern), Hauptmann Röhm, Oberleutnant Pernet, den Stiefsohn Ludendorffs usw. Die Geschichtsschreiber der NSDAP berichten, dass die Angeklagten in fröhlicher Stimmung seien, lächeln und spaßen. Hitler erhält fünf Jahre Festungshaft mit Bewährungsfrist, wenn ein Teil der Strafe verbüßt ist. Schon nach wenigen Monaten, im Dezember 1924, wird er aus der Festung Landsberg wieder entlassen. Röhm, Frick und Brückner kommen sogar mit nur drei Monaten Festungshaft weg. Ludendorffwird wegen „Sinnesverwirrung im Augenblick der Tat“ freigesprochen. Hitler, damals noch österreichischer Staatsbürger, darf weiter in Deutschland bleiben und wird nicht ausgewiesen. Die reaktionäre deutsche Justiz weiß, was sie diesem „Revolutionär“ schuldig ist.
1.5 Die NSDAP verschwindet vorübergehend vom Schauplatz
Der missglückte Putsch des Jahres 1923 bildete den Abschluss der „umstürzlerischen Periode“ der Hitler-Bewegung. Vorbei jede Zeit der illegalen oder nur halblegalen Pläne eines bewaffneten Auftretens gegen die „Berliner Judenregierung“. Diese Zeit der NSDAP war mit dem Übergang zu einer gewissen wirtschaftlichen Stabilisierung in Deutschland, mit dem Abebben der Gärungswelle in den kleinbürgerlichen Massen, endgültig vorbei. Die NSDAP geht durch eine tiefe Niedergangsperiode und verschwindet für einige Jahre fast völlig vom politischen Schauplatz. Die vereinigten Völkischen und Nationalsozialisten, die noch im Mai 1924 bei den Reichstagswahlen 1,9 Millionen Stimmen (32 Mandate) erhalten haben, bekommen im Dezember desselben Jahres nur noch 14 Reichstagssitze (840.000 Stimmen). Sie sinken zur Splitterpartei herab, während die Deutschnationalen über 100 und die Sozialdemokraten 120 Mandate für sich buchen können.
Die nächsten Jahre vergehen mit inneren Kämpfen der einzelnen völkischen und nationalsozialistischen Gruppen untereinander. Im Sommer 1925 erfolgt die Trennung von der Deutschvölkischen Freiheitspartei. Ein großer Teil von deren früheren Anhängern geht dabei zu Hitler über. Die kapitalistischen Mächte führen währenddessen den Abbau der 1918 erzwungenen Konzessionen an das Proletariat weiter. Im Januar 1925 wird eine reaktionäre Bürgerblock-Regierung unter deutschnationaler Führung gebildet. Drei Monate später wird der Generalfeldmarschall von Hindenburg von der vereinigten Rechten als Nachfolger Eberts zum Reichspräsidenten gewählt. Auch Nationalsozialisten, die im ersten Wahlgang die aussichtslose Kandidatur Ludendorffs unterstützt hatten, haben im zweiten Wahlgang für Hindenburg gestimmt: ein charakteristischer Zug für die beginnende Umformung der nationalsozialistischen Bewegung.
1.6 Die NSDAP für die Fürsten
1926, anlässlich des Volksentscheides für die Fürstenenteignung, findet man die NSDAP im Chor aller bürgerlichen Parteien von den Deutschnationalen bis zum Zentrum und den Demokraten, die schrien „Fürstenenteignung ist Diebstahl an wohlerworbenem Eigentum!“ Die NSDAP ist übrigens auch in späteren Jahren nicht von dieser ihrer damaligen Stellungnahme abgegangen. Durch den Mund ihres Fraktionsführers im Preußischen Landtag, des nachmaligen Oberpräsidenten von Berlin und Brandenburg, Kube, nahm sie zu einem kommunistischen Antrag auf entschädigungslose Enteignung der Fürstenvermögen und Nichtauszahlung der dem früheren Kaiser und den Standesherren bewilligten Millionenrenten folgendermaßen Stellung:
„Den kommunistischen Antrag auf Fürstenenteignung lehnen wir aus Gerechtigkeitsgefühl (!) ab. Der deutsche Sozialismus hat auch das Recht der Hohenzollern anzuerkennen.“
Die deutschen Fürsten und ehemaligen Standesherren — wir nennen u. a. den Prinzen August–Wilhelm von Preußen aus dem Hause Hohenzollern, Sohn des Ex-Kaisers, den Herzog Karl Eduard von Sachsen–Koburg–Gotha, den Prinzen Wilhelm von Hessen, der im Juni 1933 von Göring zum Oberpräsidenten von Hessen-Nassau ernannt worden ist, den Prinzen Christian zu Schamburg-Lippe (neuerdings hat sich auch der ehemalige Kronprinz zur NSDAP bekannt, indem er ihrem Kraftwagenkorps beitrat) — sie alle haben sich für diese Haltung der NSDAP revanchiert, indem sie ihr aus ihren „Entschädigungs“-Geldern Millionen zur Verfügung stellten. Die Nationalsozialisten haben nicht ableugnen können, dass auch der Exkaiser Wilhelm II. an der Finanzierung der SA mitgewirkt hat. Durch seine neue Politik der Angleichung an die bürgerlichen Parteien versucht Hitler, das durch sein putschistisches Vorgehen erschütterte Vertrauen der Bourgeoisie wiederzugewinnen. Er bezieht legale Positionen, weil er einsieht, dass er sich nur so die Gunst und Unterstützung der herrschenden Klassen erhalten kann. Wieder hält er Vorträge in den Industriellenklubs, um die Schlotbarone von der Ungefährlichkeit seiner „Ideen“ zu überzeugen und ihnen darzulegen, wie viel besser sie mit der NSDAP fahren würden als mit der „landesverräterischen Sozialdemokratie “. Diesmal beschränkt sich der „ Führer“ nicht auf Süddeutschland. Er fährt gen Westen, um die Industrieherren von der Ruhr in ihren Zwingburgen aufzusuchen. 1926 spricht er zweimal vor geladenem Kreise in Essen und Königswinter, im April 1927 wiederum im Essener Krupp-Saal. Die schwerindustrielle „ Rheinisch-Westfälische Zeitung“ berichtet von dem Beifall, mit dem die Industriellen die Ausführungen Hitlers aufgenommen haben.
1.7 Strasser und Goebbels machen in „Sozialismus“
Zu gleicher Zeit – und das ist typisch für den zweideutigen, skrupellos-demagogischen Charakter der nationalsozialistischen Propaganda – reist Gregor Strasser, einer der Paladine Hitlers, in Nord- und Ostdeutschland umher und verbreitet dort seine „sozialistischen“ Losungen von der „deutschen Revolution“. Damals taucht auch Joseph Goebbels, ein junger katholischer Literat aus dem Rheinland, auf. Im Oktober 1925 gründet Strasser die „Nationalsozialistischen Briefe“, die sozusagen zum theoretischen Organ des „linken“ Flügels der NSDAP werden. Goebbels, zunächst Redakteur der „Nationalsozialistischen Briefe “, geht dann im Oktober 1926 als Gauleiter nach Berlin, wo die Bewegung noch sehr wenig Fuß gefasst hat. Er gibt seit Juli 1927 unter dem pseudosozialistischen Motto „Für die Unterdrückten! Gegen die Ausbeuter!“ ein eigenes Wochenblatt mit dem Titel „Der Angriff“ heraus. Gregor Strasser gründet zusammen mit seinem Bruder Otto, einem früheren Sozialdemokraten, in Berlin einen kleinen Pressekonzern, den Kampf–Verlag. Er gibt drei Tageszeitungen heraus den „Nationalen Sozialist“ (NS) in Berlin, den „Märkischen Beobachter“ für die Provinz Brandenburg und den „Sächsischen Beobachter“. Es waren damals die einzigen nationalsozialistischen Tageszeitungen in Mittel- und Norddeutschland. Im Kampf-Verlag erschienen außerdem drei Wochenblätter und eine Reihe von Büchern und Broschüren. Es ist nicht zu bezweifeln, dass Gregor Strasser damals dem „Führer in Norddeutschland Konkurrenz zu machen versucht hat; er hatte gewisse Differenzen mit Hitler, dessen Autorität er sich später wieder unterordnete (er versuchte allerdings immer wieder, eine eigene Politik zu machen und wurde schließlich Ende 1932 von Hitler seiner Funktionen enthoben, als er sich zu eng mit dem General Schleicher verbunden hatte: im Dezember 1932 verschwand Gregor Strasser vorerst in der politischen Versenkung). In allen Publikationen des Kampf–Verlages wurden sehr „radikale“ Töne angeschlagen. Im Leser sollte der Eindruck erweckt werden, dass, der „Arbeiterfreund“ und sogar der „Klassenkämpfer“ zu ihm spricht. „Die Nationalsozialistische Partei ist die Klassenpartei (!) der schaffenden Arbeit “, heißt es in der in Strassers Verlag erschienenen Broschüre, „ Nationaler oder Internationaler Sozialismus “ Der Verfasser dieser Broschüre ist Jung, erster Vorsitzender der NSDAP der Südländer. Gregor Strassers Parole lautet „Freiheit und Brot“, und „Hammer und Schwert“ sind das Warenzeichen seiner Verlagserzeugnisse. In dieselbe Kerbe haut Goebbels, der in seiner Broschüre „ Der Nazi-Sozi. Fragen und Antworten für den Nationalisten“ schreibt:
„Es gibt doch nichts verlogeneres, als einen dicken, wohlgenährten Bürger, der gegen den proletarischen Klassenkampfgedanken protestiert.... Woher nimmst du das Recht, gegen den Klassenkampf des Proletariats deine von nationaler Verantwortlichkeit geschwellte Brust zu wölben? Ist der Bürgerstaat nicht seit nahezu 60 Jahren der organisierte Klassenstaat gewesen, der als zwingende geschichtliche Notwendigkeit den proletarischen Klassenkampfgedanken in sich gebar? ... Schämt ihr euch nicht, als wohlgenährte Mitteleuropäer unterernährten, hohlblickenden, hungernden, arbeitslosen Proletariern gegenüber den Klassenkampf zu bekämpfen? Jawohl, wir nennen uns Arbeiterstaat! Das ist der erste Schritt. Der erste Schritt abseits vom Bürgerstaat. Wir nennen uns Arbeiterpartei, weil wir die Arbeit frei machen wollen, weil für uns die schaffende Arbeit das vorwärtstreibende Element der Geschichte ist. weil uns Arbeit mehr bedeutet als Besitz, Bildung, Niveau und bürgerliche Herkunft. Darum nennen wir uns Arbeiterpartei , . Wir nennen uns sozialistisch als Protest gegen die Lüge des sozialen bürgerlichen Mitleids. Wir wollen kein Mitleid, wir wollen keine soziale Gesinnung. Wir pfeifen auf den Quark, den ihr ,soziale Gesetzgebung‘ nennt. Das ist zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel ... Wir wollen vollen Anteil am Ertrag dessen, was der Himmel uns gab und was wir durch unserer Fäuste und Stirnen Arbeit schufen. Das ist Sozialismus! ... Wir protestieren gegen den Gedanken des Klassenkampfes. Unsere ganze Bewegung ist ein einziger grandioser Protest gegen den Klassenkampf... Aber dabei nennen wir die Dinge beim Namen: wenn auf der linken Seite 17 Millionen Proletarier im Klassenkampf die letzte Rettung sehen, so nur deshalb, weil man es sie auf der rechten Seite 60 Jahre lang durch die Praxis lehrte. Woher wollen wir die sittliche Berechtigung nehmen, gegen den proletarischen Klassenkampfgedanken anzurennen, wenn nicht zuerst der bürgerliche Klassenstaat grundsätzlich zertrümmert und abgelöst wird durch eine neue sozialistische Gliederung der deutschen Gemeinschaft“
Das schrieb der spätere Minister für Volksaufklärung und Propaganda des Deutschen Reiches vor noch gar nicht langer Zeit. Es ist eine andere Sprache als die der 25 Punkte, in denen das Wort „Sozialismus“ nicht vorkommt. Man vergleiche die Goebbelssche Forderung der Zertrümmerung (!) des bürgerlichen Klassenstaates mit dem offiziellen Parteiprogramm der NSDAP, das in Punkt 25 sagt:
„Zur Durchführung alles dessen (des gesamten Programms) fordern wir: Die Schaffung einer starken Zentralgewalt des Reiches. Unbedingte Autorität des politischen Zentralparlaments über das gesamte Reich und seine Organisationen im allgemeinen. Die Bildung von Stände- und Berufskammern zur Durchführung der vom Reich erlassenen Rahmengesetze in den einzelnen Bundesstaaten.“
Neben der Goebbelsschen Konzeption wirkt das Programm Hitlers von 1920 farblos, konventionell, kleinbürgerlich, liberalistisch. Der Goebbelssche Aufruf gegen den „dicken, wohlgenährten Bürger“ stellt gegenüber Hitlers 25 Punkten ein faschistisches„Programm“ in raffinierterer Form dar, welches für das industrialisierte Deutschland und besonders für Berlin viel mehr geeignet ist als jene 25 Punkte.
1.8 Neue Niederlage: 1928
Indessen gelang es weder Hitler mit seinen Vorträgen vor den „wohlgenährten Bürgern“ des Rheinlands und des Ruhrgebiets, noch Strasser und Goebbels, den Masseneinfluss der NSDAP zu vergrößern. Zwar ist in diesen Jahren eine gewisse innere Konsolidierung der Partei zu verzeichnen. Die Mitgliederzahl wächst von 17.000 (1926) auf 40.000 (1927). Zwei Parteitage werden abgehalten 1926 in Weimar und 1927 in Nürnberg. Die SA wird neugegründet. Die Partei wird von einer Reihe von „gutgesinnten, aber deshalb umso gefährlicheren Narren “ befreit; u. a. wird der „ Rassenforscher “ Dinter in Thüringen herausgeworfen. Ferner wird, um die Partei salonfähig zu machen, 1927 der berüchtigte Fememörder Heines ausgeschlossen, dessen feige Bluttaten Hitler allerdings nicht gehindert haben, ihn später wieder aufzunehmen und zum Polizeipräsidenten von Breslau und obersten SA-Führer von ganz Nord– und Ostdeutschland zu machen. Die NSDAP erlitt im Mai 1928 nochmals eine sehr schwere Wahlniederlage. Sie erhielt nur 12 Reichstagssitze. Die objektive Situation für ein Anwachsen der faschistischen Bewegung war noch nicht gegeben: Die Jahre l924 — 1927 hatten ein gewisses Wiederaufblühen des Wirtschaftslebens mit sich gebracht, das dem Kleinbürgertum und auch bestimmten Kategorien der Arbeiterschaft einige Erleichterungen brachte.
1.9 Die Wirtschaftskrise in Deutschland
Die wirtschaftliche Scheinblüte hatte aber bereits ihren Höhepunkt überschritten. Deutschland ist das erste europäische Land, das von der hereinbrechenden Weltwirtschaftskrise erfasst wurde. Die Produktion geht zurück. Die Arbeitslosigkeit steigt. Im Winter 1930 gibt es in Deutschland bereits über drei Millionen Erwerbslose. Die Unternehmer beginnen ihren großen An griffzur fortgesetzten Senkung der Löhne. Nach den Berechnungen der Berliner „Finanzpolitischen Korrespondenz“ betrugen die durchschnittlichen Industriearbeiter-Wochenlöhne im Sommer 1929 44.60 RM.; im März 1930 waren sie auf 39.05 RM. gesunken. Der Jahresdurchschnitt der Wochenlöhne, der 1928 und 1929 noch 42–45 Mark betragen hatte, fiel 1930 auf 37 Mark und 1931 auf 30 Mark. Unter der Regierung Papen-Schleicher schließlich waren die Durchschnitts–Wochenlöhne um mehr als die Hälfte gegenüber 1928/29 abgebaut worden. Sie beliefen sich im August 1932 auf 20.80 RM und sind seitdem noch weiter gesunken. Nach den Berechnungen der „Finanzpolitischen Korrespondenz“ erreichte die Gesamtsumme der den deutschen Arbeitern und Angestellten vom Juli 1929 bis zum Juli 1932 gekürzten Löhne und Gehälter etwa 38 Milliarden Mark. Hand in Hand mit dem Lohn- und Gehaltsabbau geht ein ungeheures Anschwellen der Arbeitslosigkeit. Im Winter 1931/32 überschritt sie – nach den offiziellen Angaben des Reichsarbeitsministeriums – die Sechs-Millionen-Grenze. Das amtliche „Institut für Konjunkturforschung“ hat aber festgestellt, dass diese offiziellen Zahlen nicht die wirkliche Höhe der Erwerbslosigkeit angeben, da nur jene Arbeitslose gezählt wurden (und auch heute noch werden), die sich bei den staatlichen Arbeitsämtern melden. So wurde aber nur ein Teil der Arbeitslosen von der Statistik erfasst. Es bestand, wie das Konjunkturinstitut sich ausdrückte, neben der „sichtbaren“ noch eine „unsichtbare“ Arbeitslosigkeit. Das konnte durch einen Vergleich mit der Statistik der Krankenkassen, die alle Beschäftigten erfasst, unschwer festgestellt werden. Danach betrug die „unsichtbare“ Arbeitslosigkeit etwa zwei Millionen. Während demnach die offizielle Statistik im Winter 1931/32 rund 6 Millionen und im Sommer 1932 über 5 Millionen Arbeitslose aufwies, betrug nach den Veröffentlichungen des „Instituts für Konjunkturforschung“ die Arbeitslosigkeit im Winter 31/32 fast acht, und im dritten Vierteljahr 1932 (in der besten Saison!) über sieben Millionen. Aber selbst diese Zahlen entsprachen keineswegs der wirklichen Lage. In ihnen waren nicht enthalten die Hunderttausende von langjährigen Erwerbslosen, die als „Bettler“ die Straßen der Städte bevölkern oder als „Landstreicher “ durch ganz Deutschland ziehen, die „verwahrlosten “ Kinder und die jugendlichen Erwerbslosen, die, aus der Schule entlassen, keine Stelle fanden. Ebenso sind die Hunderttausende von kleinen und kleinsten Kaufleuten, Händlern, früheren „ Selbständigen “ und Angehörigen der sogenannten freien Berufe, die ein Hungerdasein führen und faktisch arbeitslos sind, in dieser Zahl nicht mit eingerechnet. Die wirkliche Zahl der Erwerbslosen muss demnach auf etwa neun Millionen (Jahreswende 1932/33) geschätzt werden!
Die Lage der Mittelklassen verschlechterte sich ebenfalls in steigendem Masse. Das spezifische Gewicht dieser Zwischenschichten ist in Deutschland nicht unbedeutend. Nach den statistischen Untersuchungen von Theodor Geiger („Die soziale Schichtung des deutschen Volkes“, Stuttgart 1932), ist der prozentuale Anteil der verschiedenen Klassen an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen wie folgt: Kapitalisten 0,84 , „alter Mittelstand“ (Kleineigentümer an Produktionsmitteln) 18.33 , „neuer Mittelstand“ (Angestellte, Beamte usw.) 16,04, „Proletaroide“ (Tagewerker auf eigene Rechnung, Kleinhändler usw.) 13,76 , Proletariat 51,03 . Dabei ist der Anteil des Proletariats bestimmt zu hoch berechnet. Doch entspricht diese Aufteilung ungefähr der Wirklichkeit.
Die Krise proletarisierte weitere Schichten der Mittelklassen.
Die Zahl der Konkurse wuchs, Zwangsversteigerungen waren an der Tagesordnung. Das städtische Kleinbürgertum und die Kleinbauern wurden besonders hart betroffen. Die Krise erfasste aber auch Kreise, die bisher von ihr verschont geblieben waren und deren Lage in der Zeit der relativen Stabilisierung sich konsolidiert hatte. Die Geisel der Arbeitslosigkeit trifft jetzt auch die bevorzugte Schicht der geistigen Arbeiter. Der Lebensstandard der Lehrer, Ingenieure, Ärzte, Rechtsanwälte, Schriftsteller, Künstler sinkt tiefer und tiefer. Ein Viertel der Akademiker ist ohne Stellung. Von 8.000 Absolventen der Technischen Hoch- und Mittelschulen (1931/32) z. B. fanden nur 1.000 Arbeit in ihrem Beruf; 1500 setzen „vorläufig “ unter Entbehrungen ihr Studium fort, Weitere 1500 schlugen sich eine Zeit lang als Straßenhändler, Kellner, Geschirrspüler, Eintänzer usw. durch; 4.000 aber liegen arbeitslos auf der Straße. Nach einer Untersuchung ihrer amtlich anerkannten Standesorganisation “des Hartmannbundes, verdienten 70 Prozent der deutschen Ärzte 1932 weniger als 170 Mark im Monat. Ähnliche Feststellungen traf der „Deutsche Anwaltverein“ für die Anwaltschaft. Von 22.000 fertig ausgebildeten jungen Lehrern konnten im vorigen Jahre nach einer Veröffentlichung des Preußischen Kultusministeriums nur 990 beschäftigt werden, und auch diese fast ausnahmslos nur vertretungsweise und als Hilfslehrer. Und das allein in Preußen! Unter den angestellten Ingenieuren und Chemikern stieg die Arbeitslosigkeit in der Zeit vom 1. April 1930 bis zum 1. April 1932 um 500 Prozent, während die Erwerbslosigkeit der Angestellten aller Kategorien „nur“ um 150 und die der technischen Angestellten um 200 Prozent wuchs. Die Lage der Akademiker, die sich noch in Anstellung befanden, verschlechterte sich von Jahr zu Jahr. Die Arbeitszeit wurde verlängert, Gehaltskürzungen wurden rigoros durchgeführt. Die Gehälter der preußischen Studienassessoren z. B. waren im Herbst 1932 um über 24 niedriger als 1927. Dazu kam Kurzarbeit in zahlreichen Betrieben wurde nur noch 3-5 Tage in der Woche gearbeitet.
Krisenverschärfend wirkten die ungeheuren Reparationslasten. Die an den Dawesplan und die Locarno-Verträge (1924/25) geknüpften Versprechungen und Hoffnungen hatten sich nicht erfüllt. 1929 wird im Youngplan eine neue internationale „Schuldenregelung“ getroffen, die der kapitalistischen Klasse neue Gelegenheit gibt, den werktätigen Massen Milliardenlasten aufzubürden.
Durch die verelendete Arbeiterschaft geht eine neue Welle der Radikalisierung. Kurz nach dem Wahlerfolg der Sozialdemokratie im Mai 1928 beginnen die Arbeitermassen von neuem, sich der Kommunistischen Partei zuzuwenden. Bisher indifferente Schichten des städtischen Kleinbürgertums werden im Laufe der Krise politisiert. Die Bauernschaft beginnt sich zu rühren. In Norddeutschland kommt es 1929 zu Rebellionen. Die werktätigen Bauern verjagen die Gerichtsvollzieher, die ihnen die letzte Kuh im Stalle pfänden und Zwangsversteigerungen vornehmen wollen. Es kommt zu Zusammenrottungen vor den Finanzämtern, zu blutigen Zusammenstößen mit der Polizei. Schließlich folgt ein Bombenattentat auf das andere. In der preußischen Provinz Schleswig-Holstein werden Versuche gemacht, Landratsämter und andere Regierungsgebäude in die Luft zu sprengen.
Die Bourgeoisie setzt ihre Politik der Unterdrückung fort mit dem Ziel, die Zugeständnisse von 1918 aufzuheben. Die Bürgerblock-Regierungen unter dem Volksparteiler Luther (dem jetzigen Botschafter in Amerika) und dem Zentrumsführer Marx werden 1928 von einer Regierung der „großen Koalition“, die von der schwerindustriellen Deutschen Volkspartei bis zur Sozialdemokratie reicht, abgelöst. Der sozialdemokratische Parteivorsitzende Hermann Müller wird Reichskanzler. Neben ihm sitzen drei Sozialdemokraten im Reichskabinett: Severing (Innenminister), Hilferding (Finanzminister wie 1923) und Wissel (Arbeitsminister). Stresemann, der Führer der Deutschen Volkspartei, ist Reichsaußenminister, sein Parteifreund Dr. Curtius Wirtschaftsminister und der Demokrat Gessler (heute Faschist) Reichswehrminister. Unter der Regierung Hermann Müller wird der Youngplan unter „Dach und Fach“ gebracht. Hauptdelegierter auf der Pariser Youngkonferenz ist der Reichsbankpräsident Schacht, 1933 als Anhänger Hitlers wiederum Präsident der Reichsbank, nachdem er 1930 abgesetzt worden war.
1.10 Die Ära Brüning
lm Dezember 1929 wird der Finanzminister Hilferding gestürzt, obwohl er durch die Auflegung einer steuerfreien Anleihe den Großbanken außerordentliche Gewinne zugeschanzt hatte. Er wird durch den Professor Moldenhauer ersetzt. Moldenhauer ist Mitglied des Aufsichtsrats des grössten deutschen Trusts, der I. G. Farbenindustrie. Wenige Monate später, im März 1930, wird das Müller–Kabinett von der Regierung Brüning abgelöst. Die SPD wird aus der Reichsregierung herausmanövriert. Die Regierung Brüning-Groener-Stegerwald, die im Reichstag keine Mehrheit besitzt, wird aber von der Sozialdemokratie bereitwillig unterstützt und „toleriert“. Gleichzeitig nimmt diese Regierung schon Kurs auf die Einbeziehung der NSDAP. Im Gereke-Prozess Juni 1933, hat der frühere Minister Treviranus ausdrücklich bestätigt, dass Brüning schon damals die Absicht hatte, die NSDAP mit „einzuschalten “. Die Sozialdemokratie präsentiert indessen die Brüningregierung den werktätigen Massen als „kleineres Uebel“ gegenüber einem rein faschistischen Bürgerblockkabinett. Die von der Sozialdemokratie geführte preußische Regierung Braun-Severing ist die festeste Stütze Brünings.
Die Periode der „Demokratie“ endete in den Schwierigkeiten, in die Deutschlands Finanz-, Industrie- und Agrarkapitalisten durch die Wirtschaftskrise gestoßen wurden. Brüning regiert mit dem Artikel 48 der Weimarer Verfassung, der eben diese Verfassung aufhebt. Dies ist nicht das erste Mal in der Geschichte der deutschen bürgerlichen Republik, dass mit dem Ausnahmezustand und der Aufhebung der demokratischen Rechte eine politische Entwicklung, die dem kapitalistischen System gefährlich zu werden beginnt, „korrigiert“ werden muss. Schon in den Jahren 1919 bis 1923 unter dem sozialdemokratischen Reichs Präsidenten Ebert gab der Artikel 48 die Handhabe, um Streiks in den sogenannten lebenswichtigen Betrieben zu verbieten, in der „Technischen Nothilfe“ eine Streikbrechergarde zu organisieren, 1923 die Reichswehr in Sachsen und Thüringen zur „Wiederherstellung verfassungsmässiger Zustände“ einmarschieren zu lassen und den General von Seeckt als Militärdiktator zum Verbot der Kommunistischen Partei Deutschlands zu ermächtigen. Der sozialdemokratische Polizeipräsident von Berlin, Zörgiebel, ein früherer Gewerkschaftsführer, verbietet 1929 die Maidemonstration der Berliner Arbeiterschaft. Er setzt, als die Arbeiter das Verbot durchbrechen und demonstrieren, seine Polizeitruppen ein. Durch ihre Kugeln fallen 33 Berliner Arbeiter. Einige Tage später verbietet Severing den Roten Frontkämpferbund, die antifaschistische Wehrorganisation des revolutionären Proletariats, während in Preußen die SA ihre Kampfverbände legal weiter ausbauen darf.
Der Reichstag wird von Brüning ausgeschaltet. Die SPD gibt ihre Zustimmung dazu. Brüning regiert mit Notverordnungen auf Grund des Artikels 48. Er dekretiert den Abbau der Arbeitslosenunterstützungen, die Kürzungen der kargen Renten der Kriegsopfer, der Invaliden, der Alten, Witwen und Waisen. Er oktroyiert neue Massensteuern: die Kopfsteuer, die Krisensteuer, die Ledigensteuer. Er notverordnet Zollerhöhungen und damit Lebensmittelverteuerungen. Er hebt den Mieterschutz auf. Banken und Industriekonzerne erhalten Millionen-Subventionen. Die Großgrundbesitzer sanieren sich auf Kosten der Werktätigen. Aus der sogenannten „Osthilfe“ erhalten sie Millionen. Und die Polizeipräsidenten, von denen über die Hälfte Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei sind, unterdrücken mit großer Härte die Abwehrbewegungen des Proletariats, verbieten die kommunistische Presse und erlassen Demonstrationsverbote gegen die Arbeiterschaft.
Durch diese Politik hat die Sozialdemokratie nicht nur tatsächlich die Entwicklung der reaktionären und faschistischen Gewalten in Deutschland begünstigt, sondern hat sie auch den Nationalsozialisten den Vorwand für die Entfesselung ihrer demagogischen Hetze gegen das Versagen des „marxistischen Systems“ gegeben.
Die Sozialdemokratie hat selbst noch die Regierung Brüning toleriert, welche die Ausplünderung der Massen ins Unerträgliche steigerte, diktatorisch regierte und die Heranziehung der Nationalsozialisten zur Regierungsmacht vorbereitete.
In dieser Zeit setzt der zweite Aufschwung der nationalsozialistischen Bewegung ein. Die NSDAP hält streng legalen Kurs.
Gemeinsam mit Hugenberg, dem Exponenten des reaktionären Flügels der Schwerindustrie und des Großgrundbesitzes, gemeinsam mit dem Stahlhelm und anderen nationalistischen Organisationen, leitet sie ein Volksbegehren gegen den Youngplan ein.
„Vergessen“ ist, dass die Deutschnationale Volkspartei Hugenbergs 1925 die Hälfte ihrer Fraktion abkommandiert hatte, um dem Dawesplan zur Annahme zu verhelfen. Der riesige Propaganda-Apparat des Hugenberg-Konzerns, der Hunderte von Zeitungen beeinflusst und eine eigene Nachrichten-Agentur, die Telegraphen-Union (TU) besitzt, kommt jetzt auch den Nationalsozialisten zugute. Das Volksbegehren scheitert zwar, aber die Nationalsozialisten können gewisse erste Wahlerfolge bei den Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und bei den preußischen Gemeindewahlen buchen.
Im Januar 1930 wird Frick thüringischer Innen– und Kultusminister – der erste Nationalsozialist in Deutschland auf dem Ministersessel. Die NSDAP geht dabei in Thüringen eine Koalition ein mit sämtlichen Rechtsparteien bis zur deutschen Volkspartei, welche zu gleicher Zeit im Reich mit der Sozialdemokratie koaliert ist. Noch ein Jahr vorher hatte Goebbels in seinem „Kleinen ABC des Nationalsozialisten “ die Deutsche Volkspartei eine Interessenvertreterin des Großkapitals genannt. Jetzt sitzt der Vertreter der „sozialistischen Arbeiterpartei“ mit Repräsentanten der DVP gemeinsam in einer Regierung.
1.11 Hitler zeigt sein wahres Gesicht
Ein Teil der „ Sozialisten “ in der NSDAP unter Führung von Otto Strasser glaubt, den legalen Kurs nicht mehr mitmachen zu können und tritt im Mai 1930 unter der Parole „Die Sozialisten verlassen die NSDAP“ aus der Partei aus. Vorher hatte Strasser eine längere Aussprache mit Hitler:
„Die große Masse der Arbeiter“ — sagte Hitler zu Strasser — „will nichts anderes als Brot und Spiele, Sie hat kein Verständnis für irgendwelche Ideale, und wir werden nie damit rechnen können, die Arbeiter in erheblichem Maße zu gewinnen. Wir wollen eine Auswahl der neuen Herrenschicht (!), die nicht wie Sie von einer Mitleidsmoral getrieben wird.“
Strasser fragte Hitler dann u. a.: „Was würden Sie, wenn Sie morgen die Macht in Deutschland übernehmen würden, übermorgen tun z. B. mit der Krupp-A. G.? Bliebe hier bei Aktionären und Arbeitern bezügl. Besitz, Gewinn und Leitung alles unverändert, so wie heute, oder nicht?“ Darauf antwortete Hitler:
„Aber selbstverständlich. Glauben Sie denn, ich bin so wahnsinnig, die Wirtschaft zu zerstören? Nur wenn die Leute nicht im Interesse der Nation handeln würden, dann würde der Staat eingreifen. Dazu bedarf es aber keiner Enteignung und keines Mitbestimmungsrechtes, sondern das macht der starke Staat, der allein in der Lage ist, ohne Rücksicht auf Interessen ausschließlich von großen Gesichtspunkten sich leiten zu lassen... Der Ausdruck Sozialismus ist an sich schlecht, aber vor allem heißt das nicht, dass diese Betriebe sozialisiert werden müssen, sondern nur, dass sie sozialisiert werden können, nämlich wenn sie gegen das Interesse der Nation verstoßen. Solange sie das nicht tun, wäre es einfach ein Verbrechen, die Wirtschaft zu zerstören... Wir haben hier ein Vorbild das wir ohne weiteres annehmen können, den Faschismus! Genau so, wie die Faschisten dies bereits durchgeführt haben, werden auch in unserem nationalsozialistischen Staat Unternehmertum und Arbeiterschaft gleichberechtigt nebeneinander stehen, während der starke Staat bei Streitigkeiten die Entscheidung fällt und dafür sorgt, dass nicht Wirtschaftskämpfe das Leben der Nation gefährden.“
Mit diesem Bekenntnis zum kapitalistischen Wirtschaftssystem empfahl sich Hitler von neuem den herrschenden Kreisen des deutschen Finanzkapitals. Er bewies ihnen, dass das nationalsozialistische Wirtschaftsprogramm ebenso wie das faschistische nur die Rekonsolidierung des Kapitalismus garantieren will.
Die Versprechungen die er damals gegeben hat, hat er gehalten!
1.12 Die Septemberwahlen 1930
Ihren ersten großen Wahlerfolg errang die NSDAP bei den Reichstagswahlen im September 1930: sie erhielt 6,4 Millionen Stimmen (107 Mandate) und wurde damit die zweitstärkste Partei nach der Sozialdemokratie. Die Kommunisten gewannen 600.000 Stimmen. Die Deutschnationale Partei verlor die Hälfte ihrer Mandate, die Deutsche Volkspartei ein Drittel. Die Nationalsozialisten verdankten ihren Erfolg einer ganz auf die Gewinnung der radikalisierten kleinbürgerlichen Massen eingestellten Propaganda. Sie wurde mit maßlosen Versprechungen gegenüber allen Berufsschichten und mit gigantischem, von kapitalistischen Gönnern stammenden Geldmitteln betrieben. Die Nazis verstanden es, mit ihrer Agitation gegen Versailles und gegen den Youngplan die jedem Chauvinismus zugänglichen Kleinbürgerschichten für sich zu gewinnen. Sie versprachen allen Alles: den Arbeitern höhere Löhne, den Unternehmern höhere Gewinne, den Mietern niedrigere Mieten, den Hausbesitzern höhere Mieten, den Bauern höhere Preise, den Kleinbürgern wohlfeilere Lebensmittel. Trotzdem: ein wirklicher Einbruch in die Reihen der Arbeiterschaft gelang ihnen nicht. Sie zogen lediglich große Teile der früheren Wähler der bürgerlichen Parteien zu sich herüber.
1.13 Soll Hitler Reichskanzler werden?
Brüning regierte weiter und erließ neue Notverordnungen. Die Sozialdemokratie unterstützte ihn in der Durchführung seiner Notverordnungspolitik. Mit dem Anwachsen der nationalsozialistischen Bewegung tauchte immer wieder die Frage der offenen Heranziehung der Nationalsozialisten auf.
Im April 1932 wurde Hindenburg mit den Stimmen der Sozialdemokratie unter der Parole „Wer Hindenburg wählt, schlägt Hitler!“zum zweiten Male zum Reichspräsidenten gewählt. Im Mai 1932 wurde auf Betreiben der ostpreußischen Junker der Reichskanzler Brüning gestürzt. Ihm folgte die Papen–Schleicher–Regierung.
Die neue Regierung leitete einen Abschnitt verschärfter Diktaturmaßnahmen ein. Am 20. Juli 1932 wurde Papen zum Reichskommissar für Preußen ernannt. Ein Hauptmann mit 3 Reichswehrsoldaten genügten, um den „Widerstand“ der sozialdemokratischen Preußenminister zu brechen.
Für kurze Zeit wird über Berlin-Brandenburg auch der militärische Ausnahmezustand verhängt. Die sozialdemokratischen Führer weichen widerstandslos, obwohl sie noch die gesamte Schutzpolizei in Preußen und zahlreichen anderen Ländern des Reiches unter ihrem Kommando haben und obwohl die demokratischen Polizeioffiziere stürmisch auf bewaffneten Widerstand drängen. Sie bezeichnen die Kommunisten, die die Arbeiterschaft zum Generalstreik aufrufen, öffentlich als „Provokateure“. Sie lähmen die Kräfte der Arbeiterschaft und geben ihre Positionen preis, um vielleicht doch noch einige Posten zu retten. Der preußische „Hort der Demokratie“ fällt der Reaktion kampflos in die Hände.
Im August 1932 — nach einem zweiten großen Wahlerfolg der NSDAP im Juli (13,5 Millionen Stimmen = 225 Reichstags sitze) — wird zum ersten Male von einer Berufung Hitlers zum Reichskanzler gesprochen. Hindenburg zögert noch. Doch immer lauter werden die Stimmen, die eine Heranziehung der NSDAP verlangen. In einer geheimen Privatkorrespondenz des Reichsverbandes der deutschen Industrie, den „Deutschen Führerbriefen“, erscheint in dieser Zeit ein vielbeachteter Artikel, der in voller Offenheit die Pläne der ausschlaggebenden kapitalistischen Kreise enthüllt. Es heißt in diesem Artikel, der den Titel „Die soziale Rekonsolidierung des Kapitalismus“ trägt, u. a.:
[Hier folgt im Original ein längeres Zitat aus den „Deutschen Führerbriefen“ (September 1932), das aus urheberrechtlichen Gründen nicht wiedergegeben wird.]
Diese Sätze bilden einen Schlüssel zum Verständnis der politischen Lage. Sie repräsentieren die Rechnung der treibenden Kräfte der deutschen Wirtschaft.
1.14 Die Ära Papen–Schleicher
Die Regierung Papen–Schleicher bedeutete eine neue Etappe auf dem Wege zur Hitlerdiktatur. Ihre Notverordnungen sind direkte Vorbilder für Hitler: Todesstrafe für Hochverrat, Todesstrafe für „politische Bluttaten“, Einführung von Sondergerichten, die schon für geringe „Delikte“ hohe Zuchthausstrafen verhängten. Aber diese Regierung der Großbourgeoisie, der Junker und Generale hat keinen Massenanhang. Der Stahlhelm und die Deutschnationale Volkspartei genügen nicht. Das großartig verkündete Wirtschaftsprogramm Papens im September 1932 bringt neue Belastung für die Massen und neue Millionen als Geschenk für die Besitzenden. Mächtige antifaschistische Gegenaktionen werden unter Führung der Kommunistischen Partei, die allein einen ernsthaften, außerparlamentarischen Kampf gegen den Faschismus führt, ausgelöst. Sie finden im November 1932 ihren Höhepunkt im Berliner Verkehrsarbeiterstreik, der die Ohnmacht der Regierung gegenüber dem Ansturm des Proletariats manifestiert. Jeder Tag enthüllt wie trügerisch Papens Hoffnungen auf ein baldiges Ende der Wirtschaftskrise sind.
Zu gleicher Zeit macht der Nationalsozialismus eine schwere Krise durch. Bei den Novemberwahlen 1932 verliert die NSDAP fast 2 Millionen Stimmen. Für die Kommunistische Partei werden 6 Millionen Stimmen abgegeben.
Ende November stürzt Papen. Auf ihn folgt Anfang Dezember Schleicher. Hinter den Kulissen beginnen wieder Verhandlungen, sowohl mit den Gewerkschaften wie auch über eine Heranziehung der Nationalsozialisten. Keine Regierung kann, nach Schleichers Wort, auf den Spitzen der Bajonette sitzen. Der Kanzler–General zögert, unternimmt nichts, mildert lediglich einige Notverordnungen Papens. Am 22. Januar wagen die Nationalsozialisten eine krasse Provokation. Sie setzen eine Demonstration an auf dem Bülowplatz, vor dem Karl–Liebknecht–Haus, dem Gebäude des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei. General Schleicher schützt diese Provokation mit dem Aufgebot der gesamten Polizei gegen große proletarische Gegendemonstrationen.
Die Situation spitzt sich zu. General Schleicher spielt mit der sofortigen Proklamierung der Militärdiktatur. Papen operiert durch Verhandlungen mit Hitler und Hugenberg gegen Schleichers Plan. Die herrschenden Kreise Deutschlands wagen jetzt, wie die „Deutsche Allgemeine Zeitung“ sich ausdrückt, den „Sprung ins Dunkle“. Am 30. Januar ernennt Hindenburg, der Präsidentschaftskandidat der SPD, Adolf Hitler zum deutschen Reichskanzler.
2 Der Reichstag muss brennen!
Dem Sturz des Kanzler–Generals Schleicher war ein monatelanges Kulissenspiel im Palais des Reichspräsidenten von Hindenburg vorausgegangen. Papens „Ankurbelung der Wirtschaft“ war gescheitert. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten türmten sich. Bei jedem Schritt stieß Schleicher auf Hindernisse, die ihm der große Einfluss seines Vorgängers Papen beim Reichspräsidenten von Hindenburg schuf. Papen arbeitete vom Augenblick seines Rücktritts planmäßig auf den Sturz seines Nachfolgers Schleicher hin.
2.1 Das Spiel im Palais
Für einen oberflächlichen Betrachter stellen sich die Vorgänge hinter den deutschen Regierungskulissen, die in den Monaten vor Hitlers Regierungsantritt spielten, als ein Ausschnitt aus einem wirren, politischen Intriguenstück dar. Es gab um Hindenburg eine Reihe von mehr oder weniger festen Gruppen, die gegeneinander kämpften. Nicht persönliche Antipathie oder Sympathie gab in diesem Ringen den Ausschlag, sondern es ging um Teilinteressen der herrschenden Klassen, um Sonderinteressen politisch einflussreicher Kreise.
General Kurt von Schleicher war aus der Reichswehr zum Posten des deutschen Reichskanzlers aufgestiegen. Der Mann, der sich in seiner Regierungserklärung durch den Rundfunk selbst als „sozialen General“ präsentierte, hatte vierzehn Jahre lang seine geschickte Hand immer dann im politischen Spiel gehabt. wenn es galt, die politische Entwicklung der Weimarer Republik ein Stück weiter in die Richtung der Reaktion zu stoßen. Schleicher erscheint im November 1918 als Verbindungsmann zwischen der Obersten Heeresleitung und den sozialdemokratischen Volksbeauftragten bei der Niederschlagung der Revolution. Der Name des jungen Generalstabshauptmanns taucht in jenen Tagen neben den Namen Hindenburg, Gröner und Ebert auf. Er wird ein Mann von großem Einfluss im neu geschaffenen Reichswehrministerium. Er führt im Oktober 1923 den Ausnahmezustand durch, als Ebert die gesamte vollziehende Gewalt dem Reichswehrgeneral von Seeckt überträgt und damit die aus dem Elend der Inflation emporsteigende revolutionäre Welle zu brechen sucht. Schleicher wird als Major Chef des Ministeramts im Reichswehrministerium. Seit seiner Jugend ist er aufs engste verbunden mit Hindenburg und — durch gemeinsame Dienstzeit im 3. Garderegiment zu Fuß und im Generalstab — mit seinem Sohn, dem Obersten Oskar von Hindenburg. Schleicher gelingt es, persönlicher Berichterstatter bei Hindenburg zu werden. werden. Er hat die Fäden in der Hand, als Hindenburg im März 1930 dem Reichskanzler Hermann Müller die Vollmacht zur Reichstagsauflösung verweigert und die Sozialdemokratie aus der Regierung wirft. Schleicher lässt Brüning fallen, als die entscheidenden kapitalistischen Kreise in Deutschland sich immer stärker auf die Heranziehung der Nationalsozialisten an die Regierungsmacht orientieren. Schleicher tritt selbst an die Stelle Gröners als Reichswehrminister und tritt damit aus dem Dunkel des Reichswehrministeriums, in dem er als „Büro-General“ seine politischen Generalstäblerkünste unsichtbar anwandte, ins grelle Licht der politischen Öffentlichkeit.
Schon unter der Kanzlerschaft Papens hatte Schleicher begonnen, die wichtigsten Positionen im Regierungsapparat mit seinen Vertrauensleuten zu besetzen. Als unter dem Ansturm der proletarischen Streiks die Regierung Papen ins Wanken kam, gab Schleicher den Ausschlag zur Erklärung der meisten Minister: Papens Kanzlerschaft sei nicht länger tragbar. Schleicher musste noch mehr offen in den Vordergrund treten. Aber es war leichter, Manöver auf dem glatten Parkett der Regierungszimmer zu machen, als Politik auf dem abschüssigen Boden der verschärften Wirtschaftskrise. Ohne Programm, ohne klare Politik, mit allen möglichen Plänen spielend, - so verlief die kurze Zeit seiner Regierung. Sie sollte den einflussreichsten kapitalistischen Kräften Deutschlands nur als Brücke dienen zum schärferen faschistischen Angriffgegen den sichtbaren revolutionären Aufschwung der Arbeiter. Zur engeren Clique des Generals von Schleicher gehörten der frühere Major Planck, der Staatssekretär in der Reichskanzlei, und der Major Marcks, der unter der Schleicher-Regierung Reichspressechef wurde.
Zur engsten Gruppe um Hindenburg gehörten in erster Linie sein Sohn und persönlicher Adjutant, Oberst Oskar von Hindenburg. Sein Staatssekretär ist Dr. Meissner, der schon Ebert gedient hat. Herr von Papen gehörte auch nach seinem Sturz zum unmittelbaren Vertrauenskreis Hindenburgs. Papen besaß im Herrenklub, einer sehr einflussreichen Vereinigung von Politikern, Bankiers, Industriellen, Großgrundbesitzern, hohen Beam ten und Offizieren, eine besondere Stütze. Von Papen liefen Fäden zur NSDAP, zu Hitler und Göring, zum Stahlhelm und zur Deutschnationalen Partei unter Hugenbergs Führung. Wenige Wochen nach seinem Sturze traf sich Papen mit Hitler in der Wohnung des Bankiers Schröder in Köln. Hitler, der am 7. November in einem Aufruf den Kampf „bis zum letzten Atemzug“ gegen Papen proklamiert hatte, nahm im Salon des Bankiers die vertraulichen Vorschläge Papens entgegen. Von Köln reiste Papen nach Dortmund, wo er mit dem Großindustriellen Springorum und anderen Vertretern des rheinisch-westfälischen Schwerkapitals Geheimbesprechungen zur Regierungsfrage führte.
Schleicher unterhielt ebenfalls enge Beziehungen zur NSDAP. besonders zu ihrem „sozialistisch“ aufgeschminkten Flügel unter Gregor Strassers Führung. Schleicher versuchte, die Krise in der NSDAP, die durch den Verlust von zwei Millionen Wählern am 6. November signalisiert wurde, für seine Regierungspolitik auszunützen. Er hatte Verbindungsfäden zu dem Sozialdemokraten Leipart, dem Vorsitzenden des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, zu den Christlichen Gewerkschaften und zum Deutschnationalen Handlungsgehilfenverband. Er versuchte, durch diese „Querverbindungen von den sozialdemokratisch geführten Gewerkschaften bis zum „sozialistischem Flügel der NSD-AP sich eine Art gewerkschaftlicher Massenbasis zu schaffen. Gleichzeitig gab Schleicher den Junkern Millionen um Millionen an „Sanierungs“-Geschenken. Verbindungsleute vermittelten zwischen diesen Gruppen. Täglich wurden neue Koalitionen geschlossen und wieder aufgelöst. Täglich änderte sich die Situation. Zeitungen wechselten ihre Besitzer, Redakteure ihre politischen Überzeugungen. Um die liberalen Organe des Ullstein-Konzerns und des Verlages Rudolf Mosse wogte der Cliquen-Kampf. Die „Tägliche Rundschau“, einst das Organ Stresemanns, wurde zum Sprachrohr Schleichers. Man sprach von Geldern, die der Zeitung aus der reich gefüllten Reichswehrkasse zugeflossen seien. Chefredakteur der „Täglichen Rundschau“ wurde Hans Zehrer, Leiter des sogenannten „Tat-Kreises“ und seiner Zeitschrift „Die Tat“, die eine besondere Art Faschismus mit pseudo-revolutionärem Einschlag propagierte. Papen versuchte, Einfluss auf das „Berliner Tageblatt“ zu erlangen. Die Exportindustriellen, die großen Schiffahrtsgesellschaften und die Reichsbahn (Siemens) hatten ihr Organ in der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“, die sie seit langem subventionierten.
Hinter Schleicher standen in jenen Wochen zwar Herr Krupp von Bohlen und Halbach und der Geheimrat Duisberg von der I. G. Farben-Industrie A. G., die führenden Leute des Reichsverbandes der deutschen Industrie. Aber Papen hatte die festeren Verbindungen zu Springorum und Thyssen, zu Hugenberg und den Großagrariern. Alle Gruppen waren sich darin einig, dass die Nationalsozialisten als politische Stütze einer bürgerlichen Diktaturregierung herangezogen werden sollten. Uneinig war man sich über die Form und den Umfang ihres Anteils an der Regierungsmacht. Das Spiel im Reichspräsidentenpalais, die tausend Intriguen spiegelten diese Differenzen wieder.
2.2 Der Osthilfe–Skandal
Als Ende Januar 1933 Schleicher immer stärker die Bedrohung seiner Regierung durch die Machenschaften Papens und der mit ihm verbündeten Großagrarier spürte, als er immer stärker vom engeren Hindenburg-Kreis abgedrängt wurde, griffer zur Gegenwehr durch eines seiner jahrelang bewährten Manöver. Ungeheuerliches Material über die „Osthilfe“-Korruption der großagrarischen Junker gelangte in die Zeitungen. Die werktätigen Massen waren empört. Im Reichstag wurde ein Untersuchungsausschuss gebildet. Der Skandal drohte, Hindenburg selbst in seinen Bannkreis zu ziehen.
Schon unter dem Reichskanzler Herrmann Müller hatten die Junker Millionen zur Sanierung ihrer bankrotten Güter durch die sogenannte Osthilfe erhalten. Die Kleinbauern bekamen bei der Verteilung der Gelder so gut wie nichts. Die großen Herren steckten den Löwenanteil ein. Es wurde nun im Untersuchungsausschuss des Reichstages Ende Januar 1933 enthüllt dass daneben „unberechtigterweise“ die reichen Großgrundbesitzer viele Hunderttausende erhalten hatten. Sie hatten sich diese Summen regelrecht erschwindelt. Der millionenschwere Kammerherr von Oldenburg–Januschau, Besitzer von sechs Rittergütern, persönlicher Freund und Gutsnachbar Hindenburgs, hatte sich 621.000 Mark durch falsche Angaben verschafft. Die Grafen Wolf und Adalbert von Keyserling–Casterhausen nahmen 700.000 Mark. Ein Herr von Quast–Rabensleben, der nach Angaben des Finanzamtes Ruppin sein Vermögen verspielt, verhurt und versoffen hatte, „verschaffte“ sich 281.000 Mark. Die Herren Bronsart in Brandenburg und von Wolf in Stettin, Leiter von Osthilfe–Landstellen, haben sich selbst umgeschuldet und Zehntausende in die eigene Tasche gesteckt. Der Rittergutsbesitzer Kroek im Kreise Wehlau überschrieb seinen Viehstand auf seine Frau, um 154.000 Mark Osthilfe-Gelder einzuheimsen. Trotzdem Trotzdem ging er in Konkurs. Seine Frau verschleuderte den Viehstand, gab den Erlös der Tochter, die dann bei der Versteigerung das Gut zu einem Spottpreis für die Eltern zurückerwerben konnte.
Täglich tauchten neue Namen auf, die in den „Osthilfe–Skandal“ verwickelt waren: Gutsnachbarn des Reichspräsidenten von Hindenburg, die bei ihm auf dem Gut Neudeck aus– und eingingen. Man wurde im Hause Hindenburg sehr unruhig. Denn es war der jetzt bloßgestellte Junker von Oldenburg-Januschau gewesen, der zu Hindenburgs 80. Geburtstag industrielle Verbände und Einzelpersonen bewogen hatte, dem Reichspräsidenten sein Stammgut Neudeck als Geschenk zu überreichen. Für das Gut war damals keine Schenkungssteuer gezahlt worden - und es war nicht dem Reichspräsidenten, sondern seinem Sohn, dem Obersten und Adjutanten, überschrieben worden. Der Staat war also auch um die künftige Erbschaftssteuer betrogen worden. Zweimal hatten die Junker und die Industriellen schon für die Erneuerung des Inventars und der Bauten des Gutes Neudeck Geld gesammelt. Sie sammelten zum dritten Male, um das Gut rentabler zu machen. Die Schlammflut des Osthilfe-Skandals drang bis ins Reichspräsidenten–Palais.
Die Junker berieten: Schleicher muss weg! Schon Brüning war auf Betreiben der Großagrarier — damals mit Schleichers Hilfe — aus dem Reichskanzleramt entlassen worden.
2.3 Hitler wird Reichskanzler
Am Morgen des 28. Januar tritt die Regierung Schleicher zurück, nachdem Hindenburg dem Kanzler-General die Vollmacht zu einer Reichstagsauflösung verweigert hat. Dagegen erhält Papen von Hindenburg den Auftrag, mit Hitler über die Bildung einer Regierung der „nationalen Konzentration“ zu verhandeln. Zwei Tage voll unerhörter Spannung: die Kommunistische Partei verbreitet Flugblätter, die zum Generalstreik gegen die drohende Hitlerdiktatur rufen. Schleicher verhandelt mit Leipart. Der Kampf hinter den Kulissen spitzt sich zu, Schleicher spielt in der Nacht vom 29. auf 30. Januar mit dem Gedanken der sofortigen Verkündung der Militärdiktatur, mit dem Marsch der Potsdamer Garnison nach Berlin. Jede Stunde kann überraschende Ereignisse bringen.
Da entschließt sich Hindenburg, unter bestimmten Bedingungen, Hitler sofort die Kanzlerschaft zu übertragen. So kommt überstürzt am Morgen des 30. Januar die Regierung Hitler-Papen Hugenberg zustande.
Im Juni 1932 hatte sich die Regierung Papen-Schleicher auf die Tolerierung der Nationalsozialistischen Partei gestützt. Göbbels hat die Leute vom Herrenklub später angeklagt, dass sie „auf dem breiten Rücken der NSDAP behende in die Amtlichkeit geklettert“ seien. Noch im November 1932 erklärte der nationalsozialistische Fraktionsführer im Preußischen Landtag, Wilhelm Kube, die Nationalsozialisten würden niemals unter dem Schlachtruf „Mit Hugenberg, für Börse und Kapital!“ marschieren. In monatelanger Arbeit hinter den Kulissen hatte aber Herr von Papen vorbereitet, dass die Nationalsozialisten ihre donnernden Erklärungen und pathetischen Beteuerungen wie überflüssigen Ballast über Bord warfen, als Hindenburg sie rief.
Die Kanzlerschaft fiel Hitler nicht als die Frucht eines heroischen Kampfes in den Schoss. Es war keine „nationale Revolution“, die sich am 30. Januar vollzog und im kühnen Angriffdie Macht eroberte. Adolf Hitler erhielt überraschend den Kanzlerposten, als die führenden Gruppen der herrschenden Klasse nicht nur auf eine Verstärkung ihrer Gewalt gegen die Arbeiter drängten, sondern auch den Geruch des Osthilfe-Skandals eilig ersticken wollten.
Als am Abend des 30. Januar die SA und der Stahlhelm mit lodernden Fackeln durch die Wilhelmstraße marschierten, als sie Hindenburg und Hitler zujubelte, ahnte sie nichts von den wirklichen Vorgängen. Die SA-Männer und Stahlhelmer, die den „Tag der nationalen Erhebung“ feierten, wussten nicht, dass Profitsucht und Korruption ihm Pate gestanden hatten.
2.4 Die Welle des Widerstands steigt
Die Kommunistische Partei machte am 30. Januar 1933 dem Parteivorstand der Sozialdemokratie, den Vorständen der sozialdemokratisch geführten und der christlichen Gewerkschaften den offiziellen Vorschlag, gemeinsam den Generalstreik für den Sturz der Hitler-Regierung zu organisieren. Die Antwort der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften war Hitler sei legal zur Macht gekommen. Man müsse abwarten, bis er die Legalität breche. Man dürfe jetzt nicht kämpfen. Der Tenor der sozialdemokratischen Presse war, Hitler werde bald abwirtschaften.
Große Teile der deutschen Arbeiter vertrauten diesen Erklärungen. Es gelang der Kommunistischen Partei noch nicht, durch eigene Kraft die Mehrheit der Arbeiterklasse in den Kampf zu führen. Die rasch zusammengekittete Hitler–Regierung wäre dem vereinten Ansturm der deutschen Arbeiter in den ersten Februar–Tagen nicht gewachsen gewesen. Die SA war soeben durch eine heftige Krise gegangen und hatte teilweise bis zur Hälfte ihres Mitgliederbestandes verloren. Der Polizeiapparat war noch nicht zuverlässig in den Händen der neuen Regierung. Sie hatte Schwierigkeiten mit Schleichers Reichswehr. Durch das Ausbleiben des sofortigen Generalstreiks gewann nun die Hitler-Regierung Zeit, ihre Machtmittel zu entfalten.
Trotzdem wuchs der Widerstand der Arbeiter in Berlin, in Hamburg, an der Ruhr, am Niederrhein, in Mitteldeutschland und in allen Teilen des Reiches. Die Hitler-Diktatur hatte gegen sich eine Arbeiterschaft, deren Kampfkraft noch nicht gebrochen war. Die Arbeiter hatten sich am 22. Januar nicht provozieren lassen. Unter ihnen entfaltete sich jetzt gegen den verstärkt wütenden SA–Terror ein breiter Drang zu einheitlichen Kampfaktionen. Sozialdemokratische, christliche und kommunistische Arbeiter verbrüderten sich bei der Verteidigung von Zeitungsgebäuden und Gewerkschaftshäusern. Mochte Hitler Zeitungen verbieten, Demonstrationsverbote verhängen, seine SA gegen die Arbeiterviertel schicken — es antwortete ihm eine aufsteigende Welle des antifaschistischen Einheitskampfes der Arbeiter.
2.5 Der Zwang zur Provokation
Hitler war wochenlang an der Macht, aber die Situation war für ihn keineswegs günstig. Das neue Kabinett hatte den Reichstag aufgelöst und Neuwahlen ausgeschrieben. Die Terrorverordnungen Papens wurden in verschärfter Form wieder hergestellt. Der Osthilfe-Skandal wurde in einem geheimen Ausschuss begraben. Hitler verkündete durch den Rundfunk mit verschwommenen Worten seinen nichtexistierenden „4-Jahresplan“. Mit ein paar Notverordnungen und vagen Versprechungen konnten je doch die Millionenmassen seiner Wähler, die auf die Verwirklichung des „deutschen Sozialismus“ hofften, nicht zufrieden gestellt werden.
Hitler war Ende Januar gezwungen gewesen, unter den einengenden Bedingungen Hindenburgs in die Regierung zu gehen. Es gab für seine Bereitschaft zum Kompromiss damals eine Reihe von Gründen: Unzufriedenheit bei Mitgliedern und Anhängern, Krise und zahlreiche Austritte in der SA, unbezahlte Millionenschulden der NSDAP. In bürgerlichen Kreisen hatte sich ein Teil früherer Naziwähler den Deutschnationalen zuzuwenden begonnen. Kommunisten hatten am 6. November 11 Reichstagsmandate gewonnen, während die Nationalsozialisten 35 Mandate verloren. ln der neuen Regierung standen 3 nationalsozialistische Minister acht Vertretern der Deutschnationalen und des Stahlhelms gegenüber. Ohne die Zustimmung Hindenburgs durfte keine Veränderung im Kabinett vorgenommen werden.
Hitlers Wahlaussichten waren bei der wachsenden antifaschistischen Kampfstimmung der Arbeiter ungünstig. Hugenberg und die Deutschnationalen hielten alle wirtschaftlichen Kommandohöhen in der Regierung besetzt, und große Volksmassen sahen, dass Hitler die Politik der schlimmsten kapitalistischen Scharfmacher durchzuführen begann. Die Enttäuschung der Massen musste in dem Wahlresultat des 5. März ihren Ausdruck finden. Ein neues Wachstum der kommunistischen Stimmen drohte. Es ergab sich für die nationalsozialistischen Führer die dringende Notwendigkeit, durch eine groß angelegte Provokation die Situation zu ändern: Die Wahlen sollten in einer Pogromstimmung gegen Kommunisten und Sozialdemokraten durchgeführt werden. Gleichzeitig sollte die nationalsozialistische Position innerhalb der Regierung mit einem Schlag verstärkt werden.1 Göbbels lieferte den Plan zu der schurkischsten aller Provokationen, die jemals die herrschenden Klassen gegen das anstürmende Proletariat angewandt haben. Göring, Reichstagspräsident und Kommandeur der preußischen Polizei, sorgte für die exakte Durchführung des tückischen Planes. Hatten die Nationalsozialisten ursprünglich für die Nacht vom 5. auf den 6. März einen Marsch der gesamten SA nach Berlin geplant und war diese Absicht an der Drohung ihrer Verbündeten, dann die Reichswehr gegen die SA marschieren zu lassen, gescheitert, so war jetzt mit dem großen Provokationsplan ein Mittel gefunden, dem nationalsozialistischen Drängen zur ganzen Regierungsmacht und zur Entfesselung des schrankenlosen SA-Terrors freie Bahn zu schaffen.
Die nationalsozialistischen Führer schritten zur Aktion. Der deutschnationale Polizeipräsident von Berlin, Dr. Melcher, wurde nach Magdeburg versetzt. An seine Stelle trat ein Nationalsozialist, der Kontreadmiral a. D. von Levetzow. Am 24. Februar wurde das Berliner Karl Liebknecht-Haus, das Gebäude des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Deutschlands, wieder einmal von der Polizei durchsucht. Obwohl das Karl–Liebknecht–Haus bereits wochenlang von der Polizei besetzt gehalten und nach ergebnisloser Untersuchung wieder geräumt worden war, wurde jetzt plötzlich „schwer belastendes“ Material gefunden. Am Tage vor dem Reichstagsbrand erschienen riesige Schlagzeilen in der gesamten bürgerlichen Presse über die „Geheimnisse“ des Karl–Liebknecht–Hauses, über „unterirdische Gänge“, hochverräterisches Material“ und „bolschewistische Umsturzpläne“. Zeitungen berichteten von einem angeblichen kommunistischen Eisenbahnattentat in Ostpreussen (niemals später ist von diesem Attentat mehr die Rede gewesen!). Am 25. Januar brach im Berliner Schloss ein kleiner Brand aus, der in sensationeller Weise als „kommunistische Aktion“ aufgemacht wurde. So wurde die Öffentlichkeit von Zeitung zu Zeitung, von Tag zu Tag auf den „großen Schlag“ vorbereitet!
Die Kommunistische Partei erhielt zuverlässige Nachrichten, dass die Regierung eine Provokation plane. Der Abgeordnete Wilhelm Pieck sprach im Sportpalast darüber. Er enthüllte die Pläne der Nazi auf ein vorgetäuschtes Attentat gegen Hitler oder eine andere Provokation, die wenige Tage vor der Wahl ein Verbot der kommunistischen Partei herbeiführen sollte. Die kommunistische Reichstagsfraktion gab vor einer Konferenz ausländischer Pressevertreter eine ähnliche Erklärung ab.
Die hitlertreue Presse steigerte die ihr befohlene Hetze gegen die revolutionäre Arbeiterschaft aufs äußerste. Jeder politische Mensch spürte in Deutschland die bis zum
[Anmerkung] Es begann jener Kampf der Nationalsozialisten um die Monopolstellung in der Regierung, in dem später die Deutschnationalen Schritt für Schritt zurückgedrängt wurden und nach vier Monaten neben dem Rücktritt Hugenbergs die Auflösung der Deutschnationalen Partei erzwungen wurde.
Zerreißen gespannte politische Situation. Jeder spürte, dass „etwas in der Luft liegt“. Da verkündete in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar der Rundfunk über alle deutschen Sender: „Der Reichstag brennt!“