Offener Brief an den Genossen Lenin (Vorwort, Einleitung, Gewerkschaftsfrage, Parlamentarismus)
PeopleAnton Pannekoek, Vladimir Lenin, Sylvia Pankhurst, Karl Radek, Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Alexander Kerensky, Lavr Kornilov, Paul Levi, Grigory Zinoviev, Carl Legien, Arthur Henderson, Philipp Scheidemann, Gustav Noske, Friedrich Ebert, Arthur Crispien, Karl Kautsky, Eduard Bernstein, Émile Vandervelde, Ramsay MacDonald, Filippo Turati, David Lloyd George, Winston Churchill, Karl Marx, Friedrich Engels TermsLeft communism, Council Communism, Comintern, Second International, Communist Party of Germany, Independent Social Democratic Party of Germany EventsThe founding of the Comintern
Vorwort
Ich möchte, Genosse Lenin, Ihre und der Leser Aufmerksamkeit darauf lenken, dass dieser Brief geschrieben wurde während des siegreichen Aufmarsches der Russen nach Warschau.
Auch möchte ich mich bei Ihnen und den Lesern entschuldigen wegen der vielen Wiederholungen. Da die Taktik der "Linken" den Arbeitern in den meisten Länden noch unbekannt ist, waren diese nicht zu vermeiden.
H.G.
1. Einleitung
Lieber Genosse Lenin!
Ich habe Ihre Broschüre über den Radikalismus in der Kommunistischen Bewegung gelesen. Ich habe daraus, wie aus allen Ihren Schriften, viel gelernt. Ich bin Ihnen, wie gewiss viele andere Genossen, dankbar dafür. Manche Spur und manchen Keim dieser Kinderkrankheit, die auch in mir ohne Zweifel haust, hat sie vertrieben und wird sie gewiss noch vertreiben. Auch was Sie über die Verwirrung sagen, die durch die Revolution in vielen Köpfen verursacht worden ist, ist ganz richtig. Ich weiss das. Die Revolution kam so plötzlich und so ganz anders als wir erwarteten. Und Ihre Schrift wird mir ein neuer Antrieb sein, um wieder, noch mehr als früher, mein Urteil in allen Fragen der Taktik, auch in der Revolution, abhängig zu machen nur von der Realität, von den wirklichen Klassenverhältnissen, wie sie sich politisch und ökonomisch offenbaren.
Als ich Ihre Broschüre gelesen hatte, dachte ich: Das ist alles richtig. Als ich mich dann aber hinsetzte und lange Zeit darüber nachgedacht hatte, ob ich nun diese "Linke" nicht mehr unterstützen und keine Artikel für die KAPD und die oppositionelle Partei in England mehr schreiben sollte, da musste ich dies ablehnen.
Dies scheint sich zu widersprechen. Aber es wird dadurch verursacht, Genosse, dass Ihr Ausgangspunkt in der Broschüre nicht richtig ist. Sie urteilen, wie ich glaube, nicht richtig über die Übereinstimmung der westeuropäischen Revolution mit der russischen, über die Bedingungen der westeuropäischen Revolution, d.h. über die Klassenverhältnisse - dadurch beurteilen Sie den Grund, aus dem die Linke, die Opposition hervorkommt, verkehrt. - Daher scheint die Broschüre richtig, wenn man Ihren Ausgangspunkt annimmt; verwirft man diesen (wie man es tun muss), dann ist die ganze Broschüre falsch. Da alle Ihre unrichtigen, teilweise unrichtigen und teilweise gewiss ganz falschen Urteile zusammenkommen zu Ihrer Verurteilung der linken Bewegung, besonders in Deutschland und England, und da ich, trotzdem ich nicht in allen Punkten einverstanden bin mit dieser Bewegung, wie die Führer wissen, doch fest entschlossen bin, sie zu verteidigen, glaube ich am besten zu tun, Ihre Schrift mit einer Verteidigung der Linken zu beantworten. Dies wird mir Gelegenheit geben, nicht nur den Grund zu zeigen, woraus sie entsteht, ihr Recht und ihre Vorzüge jetzt und hier in Westeuropa, in diesem Stadium, zu beweisen, sondern auch, und dies ist vielleicht gleich wichtig, die verkehrten Vorstellungen, die besonders in Russland über die westeuropäische Revolution herrschen, zu bekämpfen. Beides ist wichtig, da sowohl die westeuropäische wie auch die russische Taktik abhängt von der Vorstellung der westeuropäischen Revolution.
Gerne hätte ich dies auf dem Moskauer Kongress getan, ich war aber nicht imstande zu kommen.
An erster Stelle muss ich zwei Ihrer Bemerkungen widerlegen, die das Urteil der Genossen und Leser fälschen können. Sie schreiben mit Hohn und Spott über den lächerlichen und kindischen Unsinn des Kampfes in Deutschland, über "Diktatur der Führer oder der Massen", "oben oder unten" usw. Dass dies keine Fragen sein sollen, damit sind wir ganz einverstanden. Mit dem Hohn aber nicht. Denn leider sind es in Westeuropa noch Fragen. Wir haben nämlich in Westeuropa in vielen Ländern noch Führer, wie sie in der zweiten Internationale waren, wir suchen noch die richtigen Führer, die nicht über die Massen herrschen wollen und die sie nicht verraten, und solange wir diese nicht haben, wollen wir alles von unten auf und durch die Diktatur der Massen selber. Wenn ich einen Bergführer habe, und er führt mich in den Abgrund, so habe ich lieber keinen. Sobald wir die richtigen haben, werden wir dieses Suchen fahren lassen. Denn dann werden Masse und Führer wirklich eins sein. Das, und nichts anderes, meinen die deutsche und englische Linke und wir mit diesen Worten.[1]
Und dasselbe gilt für Ihre zweite Bemerkung, dass Führer mit Klasse und Masse ein einheitliches Ganzes sein sollen. Wir sind ganz mit Ihnen einverstanden. Nur gilt es, solche Führer zu finden, zu erziehen, die wirklich mit der Masse einig sind. Und sie finden und erziehen, das können die Massen, die politischen Parteien und die Gewerkschaften nur durch schwersten Kampf, auch nach innen. Dasselbe gilt von der eisernen Disziplin und der strengsten Zentralisation. Wir wollen sie schon, aber erst nachdem wir die richtigen Führer haben, nicht vorher. Auf diesen schwersten Kampf, der jetzt in Deutschland und England, als den der Verwirklichung des Kommunismus nächsten Ländern, schon mit der grössten Anstrengung geführt wird, kann Ihr Hohn nur nachteilig wirken. Sie arbeiten mit diesem Spott den opportunistischen Elementen der Dritten Internationale in die Hände. Denn es ist eins der Mittel, mit denen Elemente im Spartakusbund und in der BSP in England, und auch in den kommunistischen Parteien mancher anderen Länder, die Arbeiter betören, wenn sie sagen, dass die ganze Frage über Masse und Führer eine unsinnige Frage, "Unsinn und kindisch ist". Mit dieser Phrase vermeiden sie und wollen sie vermeiden, dass man sie selbst, die Führer, kritisiert. Mit dieser Phrase von eiserner Disziplin und Zentralisation zerschmettern sie die Opposition. Diesen opportunistischen Elementen arbeiten Sie in die Hände.
Das sollten Sie nicht tun, Genosse. Wir sind in Westeuropa noch im Vorstadium. Da sollte man lieber den Kämpfern als den Herrschern das Wort reden.
Dies aber hier nur beiläufig. Ich komme darauf im Laufe meines Schreibens noch zurück. Es liegt ein tieferer Grund vor, warum ich mit Ihrer Broschüre nicht einverstanden sein kann. Das ist der folgende:
Wenn wir westeuropäische Marxisten Ihre Broschüren, Aufsätze und Bücher lasen, dann gäb es mitten in der Bewunderung und der Zustimmung, die fast alles, was Sie schrieben, bei uns fand, doch immer einen Punkt, bei dem wir im Lesen plötzlich ganz vorsichtig wurden, über den wir nähere Aufklärung erwarteten, und den wir, wenn wir diese nicht fanden, auch nachher, nachdenkend, nur mit sehr grossem Vorbehalt annahmen. Es war dies dort, wo Sie sprachen über die Arbeiter und die armen Bauern. Sie tun das sehr, sehr oft. Und überall sprechen Sie von diesen beiden Kategorien als revolutionären Faktoren auf der ganzen Welt. Und nirgends, wenigstens soweit ich gelesen habe, betonen Sie klar und deutlich den sehr grossen Unterschied, der in dieser Frage zwischen Russland (und einigen osteuropäischen Ländern) und Westeuropa (d. h. Deutschland, Frankreich, England, Belgien, Holland, der Schweiz und den skandinavischen Ländern, vielleicht sogar Italien) besteht. Und doch liegt, meines Erachtens, der Grund der Differenz Ihrer Auffassung über die Taktik in den gewerkschaftlichen und parlamentarischen Fragen und der der sogenannten Linken in Westeuropa im Unterschied zwischen Russland und Westeuropa in diesem Punkte.
Sie kennen natürlich so gut wie ich diesen Unterschied, aber Sie haben daraus nicht die Folgerungen für die Taktik in Westeuropa gezogen, wenigstens nicht, soweit ich Ihre Arbeiten gelesen habe. Sie haben diese Folgerungen ausser Betracht gelassen, und dadurch wird Ihr Urteil über diese westeuropäische Taktik ein falsches[2]. Dies war und ist desto gefährlicher, weil überall in Westeuropa dieser Ihr Satz in allen kommunistischen Parteien gedankenlos nachgeplappert wird, sogar von Marxisten. Es erweckt sogar in allen kommunistischen Zeitungen, Zeitschriften und Broschüren und in öffentlichen Veranstaltungen den Schein, als sei plötzlich eine Revolte der armen Bauern in Westeuropa nahe! Es wird nicht auf den grossen Unterschied zu Russland hingewiesen. Dadurch wird das Urteil, auch des Proletariats, gefälscht. Dadurch, dass Sie in Russland eine gewaltige Klasse von armen Bauern hatten und mit ihrer Hilfe siegten, stellen Sie es so vor, dass wir in Westeuropa auch diese Hilfe haben werden, Dadurch, dass Sie in Russland nur durch diese Hilfe siegten, stellen Sie es so vor, dass man hier auch durch diese Hilfe siegen wird. Durch Ihr Schweigen Über diese Frage, wie sie sich verhält in Westeuropa, stellen Sie es so vor, und Ihre ganze Taktik kommt hervor aus dieser Vorstellung.
Diese Vorstellung ist aber nicht die Wahrheit. Es besteht ein gewaltiger Unterschied zwischen Russland und Westeuropa. Im allgemeinen wird die Bedeutung der armen Bauern als revolutionärer Faktor immer kleiner. In Teilen Asiens, Chinas, Indiens, wäre diese Klasse, wenn dort Revolution ausbräche, absolut ausschlaggebend, in Russland bildet sie für die Revolution den unentbehrlichen, einen Hauptfaktor, in Polen und einigen Staaten des südöstlichen und Mitteleuropas ist sie für die Revolution noch bedeutend, aber je mehr man dann nach Westen geht, desto feindlicher steht sie der Revolution gegenüber.
Russland hatte ein industrielles Proletariat von 7 bis 8 Millionen. Aber die armen Bauern zählten zirka 25 Millionen. (Sie werden mir etwaige Fehler in den Zahlen verzeihen, denn ich muss aus dem Kopfe zitieren, weil dieses Schreiben Eile hat.) Als Kerenski diesen armen Bauern den Boden nicht gab, da wussten Sie, dass sie sehr bald zu Ihnen kommen müssten, sofort nachdem sie dies bemerkt haben würden. Das ist in Westeuropa nicht der Fall und wird auch nicht der Fall sein, eine solche Lage besteht in den westeuropäischen Ländern, die ich genannt habe, nicht.
Die Lage der armen Bauern in Westeuropa ist eine andere als die in Russland. Wenn auch oft schrecklich, ist sie nicht so schrecklich hier wie dort. Die armen Bauern haben als Pächter oder Eigentümer ein Stückchen Land. Durch die ausgezeichneten Verkehrsmittel können sie oft etwas verkaufen. Sie können sich im schlimmsten Fall oft selbst ernähren. Die letzten Jahrzehnte brachten ihnen etwas Besserung. Sie können jetzt, während und nach dem Krieg, hohe Preise fordern. Sie sind unentbehrlich, denn Lebensmittel werden nur sehr spärlich importiert. Sie werden also fortwährend hohe Preise machen können. Sie werden vom Kapitalismus unterstützt. Das Kapital wird sie oben halten, solange es selbst oben bleiben kann. Die Lage der armen Bauern bei Ihnen war viel entsetzlicher. Dadurch hatten bei Ihnen die armen Bauern auch ein politisches, revolutionäres Programm und waren in in einer politischen, revolutionären Partei organisiert: bei den Sozial-Revolutionären. Das sind sie hier nirgends. Ausserdem gab es in Russland eine enorme Menge Güter, die verteilt werden konnten, Grossgrundbesitz, Krongüter, Staatsländereien, Klostergüter. Was können aber die Kommunisten Westeuropas den armen Bauern bieten, um sie zur Revolution, um sie auf ihre Seite zu bringen?
Es gab in Deutschland (vor dem Krieg) vier bis fünf Millionen arme Bauern (bis 2 Hektar). In wirklichem Grossbetrieb (über 100 Hektar) waren nur acht bis neun Millionen Hektar. Wenn die Kommunisten diese alle verteilten, wären die armen Bauern noch immer arme Bauern, denn auch die sieben bis acht Millionen Landarbeiter wollen etwas haben. Aber sie können sie nicht einmal alle verteilen, denn sie werden sie selbst als Grossbetriebe brauchen[3]
Also die Kommunisten in Deutschland haben, einzelne relativ kleine Gegenden ausgenommen, nicht einmal ein Mittel, um die armen Bauern zu locken. Denn die Mittel- und kleinen Betriebe wird man doch gewiss nicht enteignen. Sehr ähnlich steht es mit den vier bis fünf Millionen französischen armen Bauern und ähnlich auch in der Schweiz, Belgien, Holland und zwei skandinavischen Ländern[4]. Überall herrschen Klein- und Mittelbetriebe vor. Und sogar in Italien ist die Sache nicht ganz sicher. Ganz zu schweigen von England, wo es nur ein- bis zweihunderttausend arme Bauern gab.
Die Zahlen zeigen auch, dass arme Bauern in Westeuropa verhältnismässig sehr wenige sind. Dass also die Hilfstruppen, wenn sie da wären, nur gering sein würden.
Auch das Versprechen, dass sie unter dem Kommunismus keine Pacht und Hypothekenrente zu zahlen haben werden, kann sie nicht locken. Denn' mit dem Kommunismus sehen sie den Bürgerkrieg, Verschwinden der Märkte und Verwüstung kommen.
Die armen Bauern in Westeuropa werden also, wenn nicht eine Krise kommt, viel fürchterlicher noch als jetzt in Deutschland, eine Krise, die an Fürchterlichkeit alles je dagewesene übertrifft, zum Kapitalismus stehen, so lange dieser noch einigermaassen Leben hat[5]
Die Arbeiter in Westeuropa stehen ganz allein. Denn auch nur eine ganz dünne Schicht des niedrigen Mittelstandes wird ihnen helfen., Und diese ist ökonomisch unbedeutend. Die Arbeiter werden ganz allein die Revolution machen müssen. Das ist der grosse Unterschied zu Russland.
Vielleicht, Genosse Lenin, werden Sie sagen, dass dies auch in Russland der Fall war. Auch in Russland hat das Proletariat die Revolution allein gemacht. Erst nach der Revolution kamen die armen Bauern. Das ist wahr, aber der Unterschied bleibt ein gewaltiger.
Sie wussten, Genosse Lenin, dass die Bauern mit Sicherheit und schnell zu Ihnen kommen würden. Sie wussten, dass Kerenski ihnen den Boden weder geben wollte noch konnte. Sie wussten, dass sie Kerenski nicht lange helfen würden. Sie hatten ein Zaubermittel "Der Boden den Bauern", womit Sie sie sofort in einigen Monaten zum Proletariat bringen konnten. Wir dagegen sind sicher, dass sie vorläufig überall auf dem westeuropäischen Kontinent dem Kapitalismus helfen werden.
Vielleicht werden Sie sagen, dass zwar in Deutschland keine grosse Masse armer Bauern bereit steht zur Hilfe, dass aber die Millionen Proletarier, die jetzt noch zur Bourgeoisie halten, gewiss herüber kommen werden. Dass also die Stelle der russischen armen Bauern hier von Proletariern eingenommen werden wird. Dass also doch Hilfe kommt.
Auch diese Vorstellung ist in ihrem Wesen falsch. Der Unterschied zu Russland bleibt enorm.
Die russischen Bauern kamen nämlich nach dem Sieg über den Kapitalismus zum Proletariat. Aber wenn die deutschen Arbeiter, die jetzt noch zum Kapitalismus stehen, zum Kommunismus kommen, dann fängt der Kampf gegen den Kapitalismus erst recht an.
Dadurch, dass die armen Bauern da waren, dadurch, nur dadurch siegten die russischen Genossen. Und der Sieg wurde fest und stark, als sie hinüberkamen. Dadurch, dass die deutschen Arbeiter in den Reihen des Kapitalismus stehen, dadurch kommt der Sieg nicht, wird er auch nicht leicht, und wenn sie hinüberkommen, fängt der Kampf erst recht an. -
Die Revolution in Russland war während ihrer langjährigen Entwicklung schrecklich für das Proletariat. Und furchtbar ist sie jetzt, nachdem sie gesiegt hat. Aber sie war, als sie stattfand, leicht, eben durch die Bauern.
Bei uns ist das ganz anders, gerade umgekehrt. Vorher war sie leicht und nachher wird sie leicht sein. Aber sie selbst wird furchtbar sein. Wahrscheinlich furchtbarer als je eine Revolution. Denn der Kapitalismus, der bei Ihnen schwach war, und nur so ein bisschen oben auf den Feudalismus, das Mittelalter und sogar auf die Barbarei geklebt, ist bei uns stark, gewaltig organisiert und fest gewurzelt. Und die niedrigeren Mittelklassen und die kleinen und armen Bauern, die immer bei den Stärksten stehen, werden, mit Ausnahme einer dünnen, ökonomisch nicht bedeutenden Schicht, bis zum wirklichen Ende des Kapitalismus zu ihm halten.
Die Revolution in Russland siegte durch die Hilfe der armen Bauern. Das muss man hier, in Westeuropa und überall in der Welt, in Gedanken festhalten. Aber die Arbeiter in Westeuropa stehen allein, das muss man in Russland immer in Gedanken festhalten.
Das Proletariat in Westeuropa steht allein. Das ist die Wahrheit. Und darauf, auf dieser Wahrheit, muss unsere Taktik begründet sein. Jede Taktik, die darauf nicht begründet ist, ist falsch und führt das Proletariat zu gewaltigen Niederlagen.
Dass diese Behauptung die Wahrheit ist, wird auch durch die Praxis bewiesen. Denn nicht nur haben die westeuropäischen kleinen Bauern kein Programm, forderten sie nicht das Land, sondern auch jetzt, da der Kommunismus naht, regen sie sich nicht. Diese Behauptung soll aber natürlich nicht vollkommen absolut aufgefasst werden. Es gibt, wie ich schon sagte, Gegenden in Westeuropa, wo Grossgrundbesitz vorherrscht, und wo also die armen Bauern für den Kommunismus zu haben sind. Es gibt auch andere Gegenden, wo, durch die lokalen Verhältnisse usw., sie zu gewinnen sein werden. Aber diese Gegenden sind relativ gering. Und sie soll auch nicht bedeuten, dass ganz am Ende der Revolution, wenn alles zusammenfällt, keine armen Bauern zu uns kommen werden. Das ist unzweifelhaft. Darum müssen wir auch fortwährend Propaganda unter ihnen machen. Aber wir haben unsere Taktik zu bestimmen für den Anfang und für den Gang der Revolution. Was ich also sagte, ist die allgemeine Art, die allgemeine Tendenz der Verhältnisse. Und auf dieser allein kann und soll eine Taktik begründet sein[6]
Es folgt hieraus nun an erster Stelle - und es soll mit Nachdruck und klar und deutlich gesagt sein -, dass in Westeuropa die wirkliche Revolution, d. h. die Umwerfung des Kapitalismus und die Errichtung und dauerhafte Instandhaltung des Kommunismus, jetzt allein noch möglich ist in den Ländern, wo das Proletariat allein stark genug ist allen Klassen gegenüber, also in Deutschland und England, und, weil doch die Hilfe der armen Bauern möglich, in Italien. In den anderen Ländern ist nur die Vorbereitung der Revolution möglich. Durch Propaganda, Organisation und Kampf. Sie selbst kann nur stattfinden, nachdem die Wirtschaft so durch die Revolution in den grössten Staaten (Russland, Deutschland und England) erschüttert ist, dass die bürgerlichen Klassen genügend schwach geworden sind. Denn Sie werden mir doch gewiss zugeben, dass wir unsere Taktik nicht einstellen können auf Ereignisse, die vielleicht kommen, doch auch vielleicht ausbleiben werden (Hilfe der russischen Armeen, indischer Aufstand, furchtbare Krise, wie sie noch nie da war, usw.).
Dass Sie diese Wahrheit über die Bedeutung der armen Bauern also nicht eingesehen haben, das ist Ihr erster grosser Fehler, Genosse. Und gleichfalls der der Exekutive in Moskau und des internationalen Kongresses.
Was bedeutet nun weiterhin das Alleinstehen (so ganz anders als das russische Proletariat), das Keine-Aussicht-Haben auf Hilfe irgendwoher, von keiner anderen Klasse, in bezug auf die Taktik?
Es bedeutet erstens, dass die Forderungen, die hier an die Massen gestellt werden, noch viel grösser sind als in Russland. Dass also die Bedeutung der proletarischen Masse in der Revolution eine viel grössere ist. Und zweitens, dass die Bedeutung der Führer entsprechend kleiner ist.
Denn die russischen Massen, die Proletarier, hatten die Gewissheit, und sahen, schon im Kriege - teilweise vor ihren Augen -, dass die Bauern bald an ihrer Seite stehen würden. Die deutschen Proletarier, um nur erst von ihnen zu reden, wissen, dass sie den ganzen deutschen Kapitalismus mit allen Klassen gegen sich haben.
Wohl zählten die deutschen Proletarier vor dem Kriege schon 19 bis 20 Millionen wirklich Arbeitender bei einer Bevölkerung von 70 Millionen, aber sie stehen allen anderen Klassen gegenüber.
Sie stehen einem ungleich stärkeren Kapitalismus gegenüber als die Russen, unbewaffnet. Die Russen waren bewaffnet.
Die Revolution fordert also von jedem deutschen Proletarier, von jedem einzelnen, noch viel grösseren Mut und Opfersinn als von den russischen.
Das folgt aus den ökonomischen und Klassenverhältnissen Deutschlands und nicht aus irgend einer Theorie oder Einbildung von Revolutionsromantikern oder Intellektuellen!!
Wenn nicht die ganze Klasse oder wenigstens die übergrosse Mehrheit sich persönlich mit fast übermenschlicher Kraft für die Revolution gegen alle anderen Klassen einsetzt, dann siegt sie nicht. Denn Sie werden mir doch einmal zugeben, dass wir bei der Einstellung unserer Taktik auf unsere eigenen Kräfte rechnen müssen und nicht auf fremde, z. B. russische Hilfe.
Das Proletariat, fast unbewaffnet, allein, ohne Hilfe einem so einheitlichen Kapitalismus gegenüber, das bedeutet in Deutschland: jeder Proletarier, die grosse Mehrheit, ein bewusster Kämpfer, jeder Proletarier ein Held. - Und so ist es in ganz Westeuropa.
Die Mehrheit des Proletariats, die zu bewussten, fest entschlossenen Kämpfern wird, zu wirklichen Kommunisten, muss hier, absolut und relativ, grösser, viel grösser werden als in Russland.
Und wiederum: dies nicht infolge der Vorstellungen, der Träume eines Intellektuellen oder Poeten, sondern auf Grund reinster Realitäten.
Und wie die Bedeutung der Klasse steigt, so sinkt, relativ, die Bedeutung der Führer. Das will nicht sagen, dass wir nicht die allerbesten Führer haben sollen. Die allerbesten sind noch nicht gut genug, wir suchen sie gerade. Das will nur besagen, dass im Vergleiche mit der Bedeutung der Massen diejenige der Führer kleiner wird.
Wenn man, wie Sie, mit 7 oder 8 Millionen Proletariern ein Land von 160 Millionen gewinnen soll, ja, dann ist die Bedeutung der Führer enorm! Denn, um mit so wenigen so viele zu besiegen, da kommt es an erster Stelle auf die Taktik an. Wenn man, wie Sie, Genosse, mit einer so kleinen Schar, aber mit fremder Hilfe, ein so grosses Land gewinnt, dann kommt es an erster Stelle auf die Taktik des Führers an. Als Sie, Genosse Lenin, mit der kleinen Schar von Proletariern den Kampf begannen, da war es an erster Stelle Ihre Taktik, die im geeigneten Moment die Schlachten schlug und die armen Bauern gewann.
Aber in Deutschland? Da schafft die klügste Taktik, die grösste Klarheit, das Genie sogar des Führers nicht sehr viel, nicht das meiste. Unerbittlich stehen dort die Klassen einander gegenüber, eine gegen alle anderen. Die proletarische Klasse muss dort selbst entscheiden. Durch ihre Macht, durch ihre Zahl. Ihre Macht aber ist, da der Feind so gewaltig und so unendlich besser als das Proletariat organisiert und bewaffnet ist, besonders in Ihrer Qualität begründet.
Sie standen den russischen besitzenden Klassen gegenüber wie David dem Goliath. David war klein, aber er hatte eine Waffe, die todsicher war. Das deutsche, das englische, das westeuropäische Proletariat steht dem Kapitalismus gegenüber als Riese gegen Riese. Bei ihnen kommt es nur auf die Kraft an. Die Kraft des Körpers und besonders die des Geistes.
Haben Sie nicht bemerkt, Genosse Lenin, dass es in Deutschland keine "grossen" Führer gibt? Es sind alles ganz gewöhnliche Männer. Das deutet schon darauf hin, dass diese Revolution an erster Stelle das Werk der Massen, nicht der Führer sein soll.
Nach meiner Auffassung etwas Grossartiges, Grösseres, als je da war. Und ein Hinweis auf das, was der Kommunismus sein wird.
Und so, wie es in Deutschland ist, so ist es in ganz Westeuropa. Denn überall steht das Proletariat allein.
Die Revolution der Massen, der Arbeiter - einzig der Massen der Arbeiter zum ersten Male in der Welt.
Und dies nicht, weil es so gut oder so schön ist oder von jemandem erdacht, sondern weil es durch die ökonomischen' und Klassenverhältnisse so bedingt ist.[7]
Aus dieser Differenz zwischen Russland und Westeuropa folgt nun weiter:
1. Dass wenn Sie oder die Exekutive in Moskau oder die euch folgenden opportunistischen Kommunisten Westeuropas, des Spartakusbundes oder der englischen Kommunistischen Partei, sagen: Ein Kampf über die Frage Führer oder Masse ist Unsinn, dies nicht nur uns gegenüber deshalb falsch ist, weil wir noch die Führer suchen, sondern auch, weil diese Frage bei Ihnen eine ganz andere Bedeutung hat.
2. Dass, wenn Sie zu uns sagen: Führer und Masse sollen ein untrennbares Ganzes sein, dies nicht nur verkehrt ist, weil wir ja eine solche Einheit suchen, sondern auch, weil diese Frage bei uns eine andere Bedeutung hat als bei Ihnen.
3. Dass, wenn Ihr sagt: Es soll eine eisenstarke Disziplin und absolute militärische Zentralisation in der Kommunistischen Partei sein, dies nicht bloss verkehrt ist, weil wir eine eiserne Disziplin und starke Zentralisation suchen, sondern auch, weil diese Frage bei uns eine andere Bedeutung hat als bei Ihnen.
Es folgt daraus 4., dass, wenn Ihr sagt: Wir handelten so und so in Russland (zum Beispiel nach der Korniloff-Offensive oder sonst einer Episode), oder wir gingen damals in dieser oder jener Periode ins Parlament, oder wir blieben in den Gewerkschaften und deshalb soll das deutsche Proletariat auch so handeln, dass dies dann noch absolut nichts besagt, darum noch nicht zutreffend sein kann oder zu sein braucht. Denn die westeuropäischen Klassenverhältnisse im Kampf, in der Revolution, sind ganz andere als in Russland.
Und schliesslich folgt 5., dass, wenn Sie oder die Exekutive in Moskau oder die opportunistischen Kommunisten in Westeuropa uns eine Taktik aufzwingen wollen, die in Russland ganz richtig war - z. B. die darauf, bewusst oder unbewusst, berechnet ist und darauf, bewusst oder unbewusst, sich stützt, dass die armen Bauern oder andere werktätige Schichten hier bald mittun werden -, mit anderen Worten, dass das Proletariat nicht allein steht -, dass dann Eure Taktik, die Ihr vorschreibt oder die hier befolgt wird, das westeuropäische Proletariat ins Verderben und zu fürchterlichen Niederlagen führen wird.
Und schliesslich folgt hieraus 6., dass, wenn Sie oder die Exekutive in Moskau oder die opportunistischen Elemente in Westeuropa, wie die Zentrale des Spartakusbundes in Deutschland und die BSP in England, uns hier in Westeuropa zwingen wollen zu einer opportunistischen Taktik (der Opportunismus stützt sich immer auf fremde Elemente, die das Proletariat im Stich lassen!), Sie Unrecht haben.
Dies: das Alleinstehen, das keine Hilfe zu erwarten haben, die grössere Bedeutung der Masse also und die relativ kleinere der Führer - dies sind die allgemeinen Gründe, auf denen die westeuropäische Taktik sich gründen muss.
Diese wurden von Radek, als er in Deutschland war, von der Exekutive der Internationale in Moskau und von Ihnen, wie aus Ihren Worten erhellt, nicht gesehen.
Und auf diesen Gründen - dem Alleinstehen des Proletariats und der grösseren Bedeutung der Massen und der Individuen - beruht die Taktik der Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands, der Kommunistischen Partei Sylvia Pankhursts[8] und der Mehrheit der Amsterdamer Kommission, so wie sie von Moskau ernannt war.
Aus diesen Gründen versuchen sie vor allem die Massen, als Ganzes und als Individuen, auf eine viel höhere Stufe zu bringen, sie, Person pro Person, zu revolutionären Kämpfern zu erziehen dadurch, dass sie ihnen deutlich machen (nicht allein durch die Theorie, sondern besonders durch die Praxis), dass auf sie alles ankommt, dass sie von fremder Hilfe anderer Klassen nichts, von Führern wenig, von sich selbst aber alles erwarten sollen.
Theoretisch also ist, abgesehen von privaten Auslassungen, kleineren Fragen und Auswüchsen, die, wie diejenige von Wolffheim und Laufenberg, im Anfang einer Bewegung unvermeidlich sind, die Auffassung dieser Parteien und Genossen ganz richtig und Ihre Bekämpfung durchaus falsch.[9]
Wenn man vom Osten Europas her nach Westen wandert, überschreitet man an einer gewissen Stelle eine ökonomische Grenze. Sie läuft von der Ostsee nach dem Mittelmeer, ungefähr von Danzig nach Venedig. Diese Linie scheidet zwei Welten voneinander. Denn westlich dieser Linie herrscht das Industrie-, Handels- und Finanzkapital, vereinigt im höchst entwickelten Bankkapital, fast absolut. Das landwirtschaftliche Kapital sogar ist diesem Kapital untergeordnet oder hat sich mit ihm schon verbinden müssen. Dieses Kapital ist in höchstem Maasse organisiert und faßt sich in die festesten Staatsregierungen der Welt zusammen.
Östlich dieser Linie besteht weder diese riesige Entwicklung des konzentrierten Industrie-, Handels-, Transport-, Bankkapitals, noch seine fast absolute Vorherrschaft, noch infolgedessen der festgefügte moderne Staat.
Es wäre schon in sich selbst ein Wunder, wenn die Taktik des revolutionären Proletariats westlich dieser Grenze dieselbe sein würde als die im Osten.
Anmerkungen zur Einleitung
- Anmerkung der Herausgeber: Die KAPD will allerdings noch mehr, sie verlangt in immer steigendem Maasse das: Von unten auf. ↩
- Sie schreiben z. B. in "Staat und Revolution" (S. 67): Die vorwiegende Majorität der Bauernschaft ist in jedem kapitalistischen Lande, das eine Bauernschaft überhaupt aufweist, von der Regierung unterdrückt und lechzt nach deren Sturz, nach einer wohlfeilen' Regierung. Das zu verwirklichen, ist allein das Proletariat berufen." . . . Die Schwierigkeit ist aber, dass die Bauernschaft nicht lechzt nach dem Kommunismus. ↩
- Die agrarischen Thesen von Moskau geben dies zu. ↩
- Für Schweden und Spanien habe ich die statistischen Daten nicht. ↩
- In der Broschüre "Die Weltrevolution" habe ich schon mit sehr grossem Nachdruck auf diesen Unterschied zwischen Russland und Westeuropa hingewiesen. Die Entwicklung der deutschen Revolution hat mich gelehrt, dass mein Urteil noch zu optimistisch war. In Italien werden die armen Bauern vielleicht mit dem Proletariat gehen. ↩
- Sie, Genosse, werden gewiss nicht, wie die kleinen Geister, dadurch einen Kampf zu gewinnen suchen, dass Sie Behauptungen Ihres Gegners zu absolut auffassen. Meine obige Bemerkung ist daher nur für jene bestimmt. ↩
- Ich schweige hier ganz davon, dass durch dies andere Zahlenverhältnis (20 Millionen auf 70 Millionen in Deutschland!) die Bedeutung der Masse und der Führer und das Verhältnis von Masse, Partei und Führer auch im Gange und am Ende der Revolution hier andere sein werden als in Russland. Eine Besprechung dieser Frage, die an sich äusserst wichtig ist, würde mich jetzt zu weit führen. ↩
- Bis jetzt wenigstens. ↩
- Es ist mir aufgefallen, dass Sie bei Ihrer Bekämpfung fast immer von privaten, nicht von offiziellen gegnerischen Auffassungen Gebrauch machen. ↩
2. Die Gewerkschaftsfrage
Nachdem ich die allgemeinen theoretischen Gründe angeführt habe, will ich jetzt auch praktisch zu beweisen suchen, dass die Linke in Deutschland und England im allgemeinen Recht hat. In den Fragen der Gewerkschaften und des Parlamentarismus.
Erst die Frage der Gewerkschaften.
"Sowie der Parlamentarismus die geistige, so verkörpert die Gewerkschaftsbewegung die materielle Macht der Führer über die Arbeitermassen. Die Gewerkschaften bilden unter dem Kapitalismus die natürlichen Organisationen für den Zusammenschluss des Proletariats, und als solche hat Marx schon in frühester Zeit ihre Bedeutung hervorgehoben. Im entwickelten Kapitalismus und noch mehr in dem imperialistischen Zeitalter sind die Gewerkschaften stets mehr zu riesigen Verbänden geworden, die die gleiche Tendenz der Entwicklung zeigen, wie in älterer Zeit die bürgerlichen Staatskörper selbst. In ihnen ist eine Klasse von Beamten, eine Bürokratie entstanden, die über alle Machtmittel der Organisation verfügt, die Geldmittel, die Presse, die Ernennung der Unterbeamten; oft hat sie noch weitergehende Machtbefugnisse, so dass sie aus Dienern der Gesamtheit zu ihren Herren geworden ist, und sich selbst mit der Organisation identifiziert. Und darin auch stimmen die Gewerkschaften mit dem Staat und seiner Bürokratie überein, dass trotz der Demokratie, die darin herrschen soll, die Mitglieder nicht imstande sind, ihren Willen gegen die Bürokratie durchzusetzen; an dem kunstvoll aufgebauten Apparat von Geschäftsordnungen und Statuten bricht sich jede Revolte, bevor sie die höchsten Regionen erschüttern kann.
Nur mit zäher Ausdauer gelingt es einer Organisation bisweilen, nach Jahren einen mässigen Erfolg zu erzielen, der meist auf einen Personenwechsel herauskommt. In den letzten Jahren, vor dem Krieg und nachher, kam es daher - in England, Deutschland, Amerika öfter zu Rebellionen der Mitglieder, die auf eigene Faust streikten gegen den Willen der Führer oder die Beschlüsse des Verbandes selbst. Dass dies als etwas natürliches vorkommt und als solches hingenommen wird, bringt schon zum Ausdruck, dass die Organisation nicht die Gesamtheit der Mitglieder ist, sondern gleichsam etwas ihnen fremdes; dass die Arbeiter nicht über ihren Verband gebieten, sondern dass er als eine äussere Macht, gegen die sie rebellieren können, über ihnen steht, obgleich doch diese Macht aus ihnen selbst entspriesst - also wieder ähnlich wie der Staat. Legt sich dann die Revolte, so stellt sich die alte Herrschaft wieder ein, trotz des Hasses und der machtlosen Erbitterung in den Massen weiss sie sich zu behaupten, weil sie sich stützt auf die Gleichgültigkeit und den Mangel an klarer Einsicht und einheitlichem, ausdauerndem Willen dieser Massen und von der inneren Notwendigkeit der Gewerkschaft als einzigem Mittel der Arbeiter, in dem Zusammenschluss Kraft gegen das Kapital zu finden, getragen wird.
Kämpfend gegen das Kapital, gegen die verelendenden, absolutistischen Tendenzen des Kapitals, sie beschränkend und dadurch der Arbeiterklasse die Existenz ermöglichend, erfüllte die Gewerkschaftsbewegung ihre Rolle im Kapitalismus und war dadurch selbst ein Glied der kapitalistischen Gesellschaft. Aber erst mit dem Eintritt der Revolution, als das Proletariat aus einem Glied der kapitalistischen Gesellschaft zum Vernichter dieser Gesellschaft wird, tritt die Gewerkschaft in Gegensatz zum Proletariat. [. . .]
Was Marx und Lenin für den Staat hervorgehoben: dass es seine Organisation, trotz der formellen Demokratie unmöglich macht, ihn zu einem Instrument der proletarischen Revolution zu machen, muss daher auch für die Gewerkschaftsorganisation gelten. Ihre konterrevolutionäre Macht kann nicht durch einen Personenwechsel, durch die Ersetzung reaktionärer durch radikale oder revolutionäre Führer vernichtet oder geschwächt werden.
Die Organisationsform ist es, die die Massen so gut wie machtlos macht und sie darin hindert, die Gewerkschaft zum Organ ihres Willens zu machen. Die Revolution kann nur siegen, indem sie diese Organisation vernichtet, d. h. die Organisationsform so völlig umwälzt, dass sie zu etwas ganz anderem wird. Das Sowjetsystem, der Aufbau von innen, ist nicht nur imstande, die staatliche, sondern auch die gewerkschaftliche Bürokratie zu entwurzeln und zu beseitigen; es wird nicht bloss die neuen politischen Organe des Proletariats gegenüber dem Kapitalismus bilden, sondern auch die Grundlage der neuen Gewerkschaften. In den Parteistreitigkeiten in Deutschland ist darüber gespöttelt worden, als könne eine Organisationsform revolutionär sein, da es doch nur auf die revolutionäre Gesinnung der Mitglieder ankomme. Wenn aber der wichtigste Inhalt der Revolution darin besteht, dass die Massen selbst ihre Angelegenheiten - die Leitung der Gesellschaft und der Produktion - in die Hand nehmen, dann ist jede Organisationsform konterrevolutionär und schädlich, die den Massen nicht gestattet, selbst zu herrschen und zu leiten; daher soll sie ersetzt werden durch eine andere Form, die deshalb revolutionär ist, weil sie die Arbeiter selbst aktiv über alles bestimmen lässt." (Pannekoek.)[1]
Die Gewerkschaften sind durch ihr Wesen keine guten Waffen für die westeuropäische Revolution! Abgesehen davon, dass sie Werkzeuge des Kapitalismus geworden und in den Händen von Verrätern sind, abgesehen davon, dass diese Organisationen durch ihr Wesen, in den Händen welcher Führer immer auch, die Mitglieder zu Sklaven, zu Instrumenten machen müssen, sind sie auch sonst unbrauchbar. Die Gewerkschaften sind zu schwach im Kampfe, in der Revolution gegen das höchst organisierte westeuropäische Kapital und seinen Staat. Diese sind viel zu mächtig ihnen gegenüber. Denn es sind zum Teil noch Berufsvereine, die dadurch allein schon keine Revolution machen können. Und soweit sie Industrieverbände sind, stützen sie sich nicht auf die Betriebe, die Werkstätten selbst und sind auch dadurch schwach. Sie sind auch mehr Hilfsvereine als Kampfvereine, entstanden in der Zeit des Kleinbürgertums. Ihre Organisation war zum Kampfe ungenügend schon vor der Revolution, für die Revolution selbst ist sie - in Westeuropa - ganz untauglich. Denn die Betriebe, die Arbeiter in den Betrieben machen die Revolution nicht in den Berufen und Industrien, sondern in den Werkstätten. Diese Vereine sind ausserdem langsam arbeitende, viel zu komplizierte Instrumente, gut nur für die Zeit der Evolution. Wenn die Revolution noch nicht sofort gelänge, und wir hätten während einiger Zeit wieder zum friedlichen Kampf überzugehen, auch dann müssten die Gewerkschaften vernichtet und ersetzt werden von industriellen Verbänden, auf die Betriebs-, die Werkstattorganisation gestützt. Und mit diesen elenden Gewerkschaften, die also jedenfalls vernichtet werden müssen, will man Revolution machen!!! Die Arbeiter brauchen Waffen für die Revolution in Westeuropa. Die einzigen Waffen für die Revolution in Westeuropa sind die Betriebsorganisationen. Und diese zu einem grossen Ganzen verbunden!
Die westeuropäischen Arbeiter brauchen die allerbesten Waffen. Weil sie allein stehen, weil sie keine Hilfe haben. Und darum müssen sie diese Betriebsorganisationen haben. In Deutschland und England sofort, weil dort die Revolution am nächsten ist. Sobald wie möglich, so bald wie wir sie errichten können, auch in den anderen Ländern. Es hilft Ihnen nichts, Genosse Lenin, wenn Sie sagen: Wir machten es in Russland so und so. Denn erstens hatten Sie in Russland nicht so schlechte Kampforganisationen, wie viele Gewerkschaften hier sind. Sie hatten industrielle Verbände. Zweitens war der Geist der Arbeiter revolutionärer. Drittens war die Organisation der Kapitalisten schwach. Und auch der Staat. Aber viertens, und darauf kommt es eigentlich allein an: Ihr hattet Hilfe. Ihr brauchtet also nicht die allerbesten Waffen zu haben. Wir stehen allein, wir müssen also die allerbesten Waffen haben. Sonst gewinnen wir nicht. Sonst folgt eine Niederlage der anderen.
Aber auch andere, psychische und materielle, Gründe beweisen dies. Stellen Sie sich vor, Genosse, wie die Sache in Deutschland war, vor dem Kriege und während des Krieges. Die Gewerkschaften, die viel zu schwachen aber einzigen Mittel, ganz in den Händen der Führer, wie tote Maschinen, die sie ausnützten als Mittel für den Kapitalismus. Dann kam die Revolution. Die Gewerkschaften wurden von den Führern und von der Masse der Mitglieder als Waffe gegen die Revolution gebraucht. Durch ihre Hilfe, durch ihre Unterstützung, durch ihre Führer, ja teilweise auch durch ihre Mitglieder wurde die Revolution gemordet. Die Kommunisten sahen, dass ihre eigenen Brüder unter Mithilfe der Gewerkschaften erschossen wurden. Streiks für die Revolution wurden verhindert. Glauben Sie, Genosse, dass es möglich ist, dass revolutionäre Arbeiter dann in solchen Vereinen bleiben? Wenn diese ausserdem noch viel zu schwache Werkzeuge für die Revolution sind! Ich halte es für psychisch unmöglich. Was würden Sie selbst als Mitglied einer politischen Partei getan haben, z. B. der Partei der Menschewiki, wenn diese so gehandelt hätten in der Revolution? Sie würden sie gespalten haben (wenn Sie es nicht schon vorher getan hätten!). - Aber Sie werden sagen: dies war eine politische Partei, mit einer Gewerkschaft ist das was anderes. Ich glaube, Sie irren. In der Revolution, während der Revolution, ist jede Gewerkschaft, ja jeder Arbeiterverein politische Partei. Entweder pro- oder kontrarevolutionär.
Aber Sie werden sagen und sagen in Ihrem Artikel: Diese Gefühlsregungen müssen überwunden werden, der Einheit und der kommunistischen Propaganda wegen. Ich werde Ihnen zeigen, dass dies in Deutschland während der Revolution unmöglich war. Mit Beispielen, mit konkreten Beispielen. Denn auch diese Fragen müssen wir ganz konkret und eindeutig betrachten . . . Setzen wir, es gab in Deutschland 100000 wirklich revolutionäre Werft-, 100000 revolutionäre Metall- und 100000 solche Grubenarbeiter. Diese wollten für die Revolution streiken, kämpfen, sterben. Die anderen Millionen nicht. Was sollen diese 300000 nun tun? Erstens sich untereinander einigen, einen Bund bilden zum Kampf. Das geben Sie zu. Ohne Organisation können Arbeiter nichts. Nun ist ein neuer Bund gegen alte Vereine, auch wenn die Mitglieder in den alten bleiben, wenn auch nicht formell, doch reell schon eine Spaltung. Aber die Mitglieder des neuen Bundes brauchen jetzt eine Presse, Versammlungen, Lokale, bezahlte Personen. Das kostet sehr viel Geld. Und die deutschen Arbeiter haben so gut wie nichts. Um den neuen Bund am Leben zu erhalten, müssen sie schon, auch wenn sie nicht wollten, den alten verlassen. So ist konkret betrachtet, lieber Genosse, das, was Sie sich vorstellen, unmöglich.
Aber es gibt noch bessere materielle Gründe. Die deutschen Arbeiter, die die Gewerkschaften verliesen, die die Gewerkschaften vernichten wollen, die Betriebsorganisationen und die Arbeiter-Union schufen, standen in der Revolution. Es mußte sofort gekämpft werden. Die Revolution war da. Die Gewerkschaften wollten nicht kämpfen. Was hilft es da zu sagen: Bleibt in den Gewerkschaften, propagiert eure Ideen, ihr werdet schon stärker und zur Mehrheit werden. Dies wäre, abgesehen von der Erdrosselung der Minderheit, wie sie dort üblich ist, ganz schön, und auch die Linke würde es versuchen, wenn man nur Zeit hätte. Aber man konnte nicht warten. Die Revolution war da. Und sie ist noch da!
In der Revolution (geben Sie hierauf acht, Genosse, es war in der Revolution, dass die deutschen Arbeiter sich spalteten und ihre Arbeiterunion schufen) werden immer die revolutionären Arbeiter sich von den Sozialpatrioten scheiden. Um zu kämpfen, ist dann nichts anderes möglich. Was Sie und die Exekutive von Moskau und der Internationale Kongress auch sagen, und wie ungern Sie eine Spaltung sehen, aus psychischen und materiellen Gründen wird sie immer stattfinden. Weil die Arbeiter eben auf die Dauer nicht vertragen können, durch die Gewerkschaften erschossen zu werden und weil gekämpft werden soll.
Darum haben die Linken die Allgemeine Arbeiterunion geschaffen. Und weil sie glauben, dass die Revolution in Deutschland noch nicht zu Ende ist, sondern noch weiter gehen wird bis zum Siege, darum halten sie sie in Stand.
Genosse Lenin! Gibt es in der Arbeiterbewegung wohl ein anderes Mittel, wenn zwei Richtungen entstehen, als Kampf? Und wenn diese Richtungen sehr verschieden sind, einander entgegengesetzt, als Spaltung? Haben Sie je von einem anderen Mittel gehört? Und gibt es etwas Entgegengesetzteres als Revolution und Kontra-Revolution? Auch darum haben die KAPD und die Allgemeine Arbeiterunion völlig Recht.
Und, Genosse, sind diese Spaltungen, diese Klärungen dann nicht immer ein Segen für das Proletariat? Stellt sich das später nicht immer heraus? Auf diesem Gebiet habe ich einige Erfahrung. Als wir noch in der sozialpatriotischen Partei waren, hatten wir keinen - als wir hinausgeworfen waren, anfänglich, wenig - Einfluss, bald aber grossen und dann schnell einen sehr grossen. Und wie ging es Ihnen, Genosse, den Bolschewiki, nach der Spaltung? Ich glaube ganz gut. Im Anfang klein, später gross. Jetzt alles. Es hängt ganz und gar von der ökonomischen und politischen Entwicklung ab, ob eine Gruppe, sei sie auch noch so klein, die mächtigere wird. Wenn die Revolution in Deutschland bleibt, dann besteht gute Hoffnung, dass diese Bedeutung und der Einfluss der Arbeiterunion die stärkere werden wird. Durch Ihre Zahlen, 70000 gegen 7 Millionen, sollen sie sich nicht einschüchtern lassen. Kleinere Gruppen als diese sind doch die stärksten geworden. U. a. die Bolschewiki!
Warum sind die Betriebs-, die Werkstattorganisationen und die auf sie gestützte und aus ihnen bestehende Arbeiter-Union solche ausgezeichneten, ja, mit den kommunistischen Parteien die besten, die einzig guten Waffen für die Revolution in Westeuropa?
Weil die Arbeiter selbst handelnd auftreten, unendlich mehr als in den alten Gewerkschaften, weil sie die Führer und dadurch die Führung in ihrer Hand haben, und weil sie die Betriebsorganisation und dadurch die ganze Union kontrollieren.
Jeder Betrieb, jede Werkstatt ist ein Ganzes. In ihm wählen die Arbeiter ihre Vertrauensleute. Die Betriebsorganisationen sind nach Wirtschaftsdistrikten verteilt. Für die Distrikte werden wieder Vertrauensleute gewählt. Und die Distrikte wählen wieder den allgemeinen Vorstand für das ganze Reich.
Alle Betriebsorganisationen, unbeachtet zu welcher Industrie sie gehören, machen zusammen die eine Arbeiter-Union.
Man sieht: eine Organisation ganz auf die Revolution gerichtet.
Wenn eine Zwischenperiode von relativ friedlichen Kämpfen käme, wäre diese Organisation ausserdem hierzu leicht einzurichten. Man hätte nur, innerhalb der Arbeiter-Union, die Betriebsorganisation nach Industrien zu verbinden.
Man sieht auch: Hier bekommt der Arbeiter, jeder Arbeiter, Macht. Denn er wählt in seiner Werkstatt seine eigenen Obmänner und hat durch sie direkten Einfluss auf Distrikt und Reich. Es ist starker Zentralismus da, aber nicht zu stark. Das Individuum und seine direkte, die Betriebs-Organisation, hat grosse Macht. Er kann seine Obmänner sofort absetzen und ersetzen und sie zwingen, die höheren Instanzen sofort zu ersetzen. Es ist Individualismus da, aber nicht zu grosser. Denn die zentralen Körperschaften, die Distrikts- und Reichsräte haben grosse Macht. Individuum und Zentralleitung haben genau so viel Macht wie in dieser Periode, worin wir jetzt leben und worin die Revolution ausbricht, in Westeuropa notwendig und möglich ist.
Marx schreibt, dass unter dem Kapitalismus der Bürger dem Staat gegenüber eine Abstraktion, eine Ziffer ist. So ist es auch in den alten Gewerkschaften. Die Bürokratie, das ganze Wesen der Organisation schweben hoch über, sind himmelweit entfernt von dem Arbeiter. Er kann sie nicht erreichen. Ihnen gegenüber ist er eine Ziffer, eine Abstraktion. Er ist für sie nicht einmal der Mann in der Werkstatt. Er ist kein lebendes, wollendes, kämpfendes Wesen. Ersetzen Sie in den alten Gewerkschaften die Bürokratie durch andere Personen, und in kurzer Zeit werden Sie sehen, dass auch diese denselben Charakter haben, hoch, unerreichbar über den Massen, nicht mehr in Fühlung mit ihnen. 99 pro Hundert werden Tyrannen sein, an der Seite der Bourgeoisie stehend. Denn das Wesen der Organisation macht sie so.
Wie anders in der Betriebsorganisation! Hier ist der Arbeiter es selbst, der über Taktik, Richtung, Kampf entscheidet und sofort, wenn die "Führer" nicht tun, was er will, eingreift. Er ist fortwährend, da der Betrieb, die Werkstatt zu gleicher Zeit Organisation ist, selbst im Kampf.
Er ist, soweit dies unter dem Kapitalismus möglich ist, der Macher und der Führer seines eigenen Geschicks, und weil dies mit jedem der Fall, ist die Masse die Macherin und die Führerin ihres eigenen Kampfes.
Viel mehr, unendlich mehr, als in den alten Gewerkschaften, den reformistischen so gut wie den syndikalistischen, möglich war.[2]
Hierdurch, weil sie die Individuen selbst und also die Massen selbst zu den direkten Trägern des Kampfes machen, zu denen, die ihn wirklich führen, und sie also erhalten, dadurch sind die Betriebsorganisationen und die Arbeiter-Union die besten Waffen für die Revolution, die Waffen, die wir in Westeuropa brauchen, um ohne Hilfe den mächtigsten Kapitalismus der Welt umzuwerfen.
Aber Genosse, das sind alles noch eigentlich nur schwächere Gründe dem letzten, eigentlichen Hauptgrund gegenüber, der im engsten Zusammenhang mit den Prinzipien steht, die ich am Anfang angedeutet habe. Und dieser letzte ist es, der für die KAPD und die oppositionelle Partei in England ausschlaggebend ist: Diese Parteien wollen das Geistesniveau der Massen und Individuen in Deutschland und England in grossem Maasse erhöhen.
Dafür gibt es nach ihrer Meinung nur ein Mittel. Und ich möchte wieder von Ihnen hören, ob Sie ein anderes Mittel in der Arbeiterbewegung kennen! Es ist die Bildung einer Gruppe, die kämpfend zeigt, was die Masse sein soll. Zeigen Sie mir, Genosse, ein anderes Mittel, wenn Sie es wissen. Ich kenne kein anderes.
In der Arbeiterbewegung und besonders, wie ich glaube, in der Revolution, gibt es nur eine Probe aufs Exempel - das Beispiel selbst, die Tat.
Die Genossen der "Linken" glauben, dass diese kleine Gruppe, kämpfend gegen den Kapitalismus und gegen die Gewerkschaften, die Gewerkschaften zu sich hinüber ziehen, oder, denn auch das ist möglich, sie allmählich auf bessere Wege drängen wird.
Das kann nur durch das Beispiel erreicht werden. Um das Niveau der deutschen Arbeiter zu heben, sind diese neuen Formationen, die Betriebsorganisationen, also absolut unentbehrlich.
Gleichwie gegenüber den sozialpatriotischen Parteien die kommunistischen Parteien auftreten, so muss die neue Formation, die Arbeiter-Union, den Gewerkschaften gegenüberstehen.[3]
Um die sklavischen, reformistischen, sozialpatriotischen Massen zu ändern, dazu kann nur das Beispiel dienen.
Ich komme jetzt zu England, zu der englischen Linken.
England steht, nach Deutschland, einer Revolution am nächsten. Nicht, weil die Situation dort schon revolutionär, sondern weil das Proletariat dort so zahlreich ist und die kapitalistischen, ökonomischen Verhältnisse die günstigsten. Dort braucht es nur einen starken Stoss, und der Kampf beginnt, der dort nur mit einem Siege enden kann. Und der Stoss wird kommen. Das fühlen, das wissen fast instinktiv die am meisten vorgeschrittenen Arbeiter Englands (wie wir alle es fühlen), und weil sie dies fühlen, haben sie dort, wie in Deutschland, eine neue Bewegung gegründet, die - in verschiedenen Richtungen sich offenbarend, und noch suchend, gerade wie in Deutschland - im allgemeinen die "Rank- and File-Movement", die Bewegung der Massen selbst ist, ohne, oder so gut wie ohne Führer.[4]
Diese Bewegung ist der Deutschen Arbeiterunion mit ihrer Betriebsorganisation sehr ähnlich.
Haben Sie bemerkt, Genosse, dass diese Bewegung nur in den zwei am weitesten vorgeschrittenen Ländern entstanden ist? Und aus den Arbeitern selbst? Und an vielen Orten?[5]. Das ist an sich schon ein Beweis dafür, dass sie naturwüchsig und nicht aufzuhalten ist!
Und in England ist diese Bewegung, dieser Kampf gegen die Gewerkschaften fast noch notwendiger als in Deutschland. Denn die englischen Trade Unions sind nicht nur Mittel in den Händen der Führer, den Kapitalismus in Stand zu halten, sondern sie sind noch viel untauglichere Mittel für die Revolution als die deutschen. Ihre Einrichtung stammt ganz aus der Zeit des Kleinkriegs, oft noch aus dem Anfang des 19., ja aus dem 18. Jahrhundert. In England gibt es nicht nur Industrien, in denen 25 Trade Unions bestehen, sondern die meisten Unions bekämpfen einander auf Leben und Tod, um die Mitglieder!! Und die Mitglieder haben überhaupt keine Macht. Wollen Sie, Genosse Lenin, auch diese Gewerkschaften beibehalten?
Sollen auch diese nicht bekämpft, gespalten und vernichtet werden? Wenn man gegen die Arbeiterunionen ist, muss man auch gegen die Shop- Committees, die Shop-Stewards und die Industrial Unions sein. Wenn man für die letzteren ist, auch für die ersten. Denn die Kommunisten in beiden bezwecken dasselbe.
Diese neue Richtung in der Trade Unions-Movement will die englische kommunistische Linke benutzen, um die englischen Gewerkschaften, wie sie jetzt sind, zu vernichten, zu ändern, zu ersetzen durch neue Instrumente im Klassenkampf, die brauchbar sind für die Revolution. Dieselben Gründe, die wir für die deutsche, Bewegung angeführt haben, gelten auch hier.
Ich habe in der Zuschrift des Exekutivkomitees der 3. Internationale an die KAPD gelesen, dass das EK für die IWW in Amerika ist, wenn diese nur politische Aktion und Anschluss an die kommunistischen Parteien will. Und diese IWW brauchen nicht in die amerikanischen Gewerkschaften zu gehen ! Aber das Exekutivkomitee ist gegen die Arbeiter-Union in Deutschland, diese soll in die Gewerkschaften gehen, obwohl sie kommunistisch ist und mit der politischen Partei zusammenarbeitet.
Und Sie, Genosse Lenin, sind für die Rank- and File-Movement in England (trotzdem diese oft schon eine Spaltung macht und viele Kommunisten in ihr die Vernichtung der Gewerkschaften wollen!) und gegen die Arbeiter-Union in Deutschland.
Ich kann in Ihrer Haltung und der des Exekutiv-Komitees nur Opportunismus sehen. Und noch dazu einen falschen.
Natürlich kann die kommunistische Linke Englands, da die Revolution in England noch nicht ausgebrochen ist, nicht so weit gehen wie in Deutschland. Sie kann noch nicht die Rank- and File-Movement über das ganze Land zu einem grossen Ganzen und zur Revolution organisieren. Aber die englische Linke bereitet das vor. Und sobald die Revolution da ist, werden die Arbeiter in Massen die alten, für die Revolution untauglichen Trade Unions verlassen und zu den Betriebs- und industriellen Organisationen übergehen.
Und dadurch, dass die kommunistische Linke überall in diese Bewegung eindringt, überall versucht, die kommunistischen Ideen dort zu verbreiten, hebt sie, durch ihr Beispiel, die Arbeiter auch dort und schon jetzt auf eine höhere Stufe empor.[6]. Und das ist, wie in Deutschland, ihr eigentliches Ziel.
Die allgemeine Arbeiterunion und die Rank- and File-Movement, die sich beide auf die Betriebe, die Werkstätten und auf diese allein stützen, sind die Vorläufer der Arbeiterräte, der Sowjets. Da die Revolution in Westeuropa eine sehr schwierige sein wird und dadurch wahrscheinlich nur langsam gehen wird, wird es eine längere Übergangszeit geben, in welcher die Gewerkschaften nichts mehr taugen und die Sowjets noch nicht da sind. Diese Übergangszeit wird durch den Kampf gegen die Gewerkschaften, durch ihre Änderung, mit ihrer Ersetzung durch bessere Organisationen ausgefüllt werden. Sie brauchen nicht ängstlich zu sein, wir werden die Zeit dazu schon haben!
Noch einmal, dies wird geschehen, nicht, weil wir Linken das wollen, sondern weil die Revolution diese neue Organisation fordert. Ohne sie kann die Revolution nicht siegen.
Darum Glückauf, Rank- and File-Movement in England und ArbeiterUnion in Deutschland. Erste Vorläufer der Sowjets in Westeuropa. Glückauf, erste Organisationen, die mit den kommunistischen Parteien die Revolution gegen den Kapitalismus in Westeuropa bringen. Sie, Genosse Lenin, wollen uns in Westeuropa, die wir ohne Bundesgenossen einem auch jetzt noch überaus mächtigen, ausserordentlich organisierten (in allen Verzweigungen und Richtungen organisierten) und bewaffneten Kapitalismus gegenüberstehen, und die wir dazu die allerbesten, die allerstärksten Waffen brauchen, zwingen, schlechte zu gebrauchen. Uns, die wir die Revolution in und nach Betrieben organisieren wollen, wollen Sie die elenden Gewerkschaften aufzwingen. Die Revolution in Westeuropa kann nur, und soll darum, nach Betrieben und in den Betrieben organisiert sein, weil hier der Kapitalismus (nach allen Richtungen) ökonomisch und politisch so hoch organisiert ist, und weil die Arbeiter (ausser der kommunistischen Partei) keine anderen starken Waffen haben. Die Russen waren bewaffnet und hatten die armen Bauern. Was die Waffen und die Bauern für die Russen waren, müssen, vorläufig, für uns die Taktik und die Organisation sein. Und da empfehlen Sie die Gewerkschaften. Uns, die wir aus psychischen und materiellen Gründen, mitten in der Revolution, gegen die Gewerkschaften kämpfen müssen, wollen Sie an diesem Kampf hindern. Uns, die wir nur durch Spaltung kämpfen können, hindern Sie an dieser Spaltung. Uns, die wir Gruppen formieren wollen, die das Beispiel geben, das einzige Mittel dem Proletariat zu zeigen, was wir wollen, verbieten Sie dieses Beispiel. Uns, die wir das Niveau des Proletariats in Westeuropa erhöhen wollen, werfen Sie Steine in den Weg.
Sie wollen die Spaltung, die neuen Formationen und also die höhere Stufe nicht!
Und warum?
Weil Sie die grossen Parteien und die grossen Gewerkschaften in die 3. Internationale haben wollen.
Uns scheint dies Opportunismus, Opportunismus der schlechtesten Art.[7]
Sie handeln, Genosse Lenin, jetzt in der Internationale ganz anders als damals in der Partei der Maximalisten. Diese wurde (und wird vielleicht noch immer) sehr "rein" gehalten. In die Internationale sollen jetzt sofort Halb-, Viertel- und Achtel-Kommunisten aufgenommen werden.
Es ist der Fluch der Arbeiterbewegung, dass sie, sobald sie eine gewisse "Macht" bekommen hat, diese Macht mit prinzipienlosen Mitteln zu vergrössern sucht. Auch die Sozialdemokratie war, fast in allen Ländern, im Anfang "rein". Die meisten jetzigen Sozialpatrioten waren wirklich Marxisten. Mit marxistischer Propaganda gewann man die Massen. Sobald man eine "Macht" hatte, liess man sie im Stich. So wie die Sozialdemokraten damals, so handeln Sie, so handelt die dritte Internationale jetzt. Natürlich jetzt nicht nach nationalem Maassstabe, sondern nach internationalem. Die russische Revolution hat durch "Reinheit", durch Prinzipienfestigkeit gewonnen. Jetzt hat sie, jetzt hat das internationale Proletariat durch sie Macht. Diese Macht soll jetzt ausgebreitet werden über Europa. Und sofort lässt man die alte Taktik fahren!!
Statt jetzt auch in allen anderen Ländern dieselbe bewährte Taktik anzuwenden und so die dritte Internationale innerlich sehr stark zu machen, geht man auch jetzt wieder, ganz wie damals die Sozialdemokratie, zum Opportunismus über. Alles soll jetzt hinein: die Gewerkschaften, die Unabhängigen, das französische Zentrum, Teile der Labour-Party. Um den marxistischen Schein zu wahren, werden Bedingungen aufgestellt, die man unterzeichnen (!!) muss, und werden Kautsky, Hilferding, Thomas usw. ausgestossen. Die grosse Masse, der Mittelstoff, kommt aber hinein, wird mit allen Mitteln hineingetrieben. Und damit das Zentrum nur recht mächtig werde, werden die "Linken" nicht zugelassen, wenn sie nicht zum Zentrum übergehen! Die allerbesten Revolutionäre, wie die KAPD, werden also ausgestossen !
Und wenn man dann die grosse Masse so auf eine mittlere Linie vereinigt hat, dann geht man mit eiserner Disziplin und unter Führern, die auf so ausserordentliche Weise erprobt sind, auf einmal zusammen vorwärts. Und Wohin? In den Abgrund.
Was helfen uns die prächtigsten Prinzipien, was helfen uns die glänzenden Thesen der dritten Internationale, wenn wir in der Praxis diesen Opportunismus ausüben? Auch die zweite Internationale hatte die schönsten Prinzipien, doch sie ging unter durch diese Praxis.
Wir aber, die Linke, wollen das nicht. Wir wollen in Westeuropa, gerade wie damals die Bolschewiki in Russland, erst sehr feste, sehr klare und sehr starke (wenn vielleicht auch im Anfang kleine) Parteien, Kerne, bilden. Und wenn wir die erst haben, dann wollen wir sie grösser machen. Aber immer nur sehr fest, sehr stark, sehr" rein". Nur so können wir siegen in Westeuropa. Darum verwerfen wir gänzlich Ihre Taktik, Genosse.
Sie sagen, Genosse, dass wir, die Mitglieder der Amsterdamer Kommission, die Lehren der früheren Revolutionen vergessen haben oder nicht kannten. Nun, Genosse, an ein Ding erinnere ich mich sehr wohl von den vergangenen Revolutionen. Und dies eine ist: dass die extremen "linken" Parteien darin immer eine hervorragende, erhabene Rolle gespielt haben. Das war der Fall in der holländischen Revolution gegen Spanien, in der englischen Revolution, in der französischen Revolution, in der Kommune und in den beiden russischen Revolutionen.
Nun gibt es, der Entwicklung der Arbeiterbewegung hier entsprechend, zwei Richtungen in der westeuropäischen Revolution: die radikale und die opportunistische. Diese können nur zu einer guten Taktik, zur Einheit kommen durch Kampf gegen einander. Aber die radikale ist, trotzdem sie vielleicht in einigen Einzelheiten zu weit geht, bei weitem die beste. Und da unterstützen Sie, Genosse Lenin, die opportunistische!
Und nicht nur das: Die Exekutive in Moskau, die russischen Führer einer Revolution, die nur siegte durch die Hilfe eines Millionenheeres von armen Bauern, will dem Proletariat Westeuropas, das ganz und gar auf sich selbst steht und stehen muss, die Taktik aufdrängen ! Und zerschmettert dazu gleich wie Sie die beste Richtung in Westeuropa!
Welch eine unglaubliche Dummheit, und besonders welch eine Dialektik!
Wenn die Revolution in Westeuropa ausbricht, werden Sie mit dieser Taktik Ihr blaues Wunder erleben! Aber das Proletariat wird das Opfer sein.
Sie, Genosse, und die Exekutive in Moskau wissen, dass die Gewerkschaften in Westeuropa konterrevolutionäre Mächte sind. Dies wird klar aus Ihren Thesen. Trotzdem wollt Ihr sie erhalten. Sie wissen auch, dass die Arbeiter-Union, d. h. die Betriebsorganisationen, die Rank and File Movement, revolutionäre Organisationen sind. Ihr sagt selbst in Euren Thesen, dass die Betriebsorganisation unser Ziel sein muss und ist. Trotzdem wollt Ihr sie ersticken. Ihr wollt die Organisationen, in welchen die Arbeiter, jeder Arbeiter, und also die Masse zur Kraft und Macht kommen kann, ersticken, und diejenigen, in welchen die Masse ein totes Werkzeug der Führer ist, erhalten. Auf diese Weise wollt Ihr die Gewerkschaften in eure Macht, in die Macht der dritten Internationale bringen.
Warum wollt Ihr das? Warum befolgt Ihr diese schlechte Taktik? Weil Ihr die Massen um Euch haben wollt, wie sie auch sind, wenn es nur Massen sind. Weil Ihr glaubt, dass wenn Ihr nur Massen habt, die Euch durch straffe Disziplin und Zentralisation gehorchen (kommunistisch, halb kommunistisch oder gar nicht kommunistisch), dass Ihr, die Führer, dann schon siegen werdet.
Mit einem Wort: Weil Ihr Führerpolitik treibt.
Führerpolitik ist nicht diejenige Politik, die Führer will und Zentralisation, denn ohne diese erreicht man nichts (ebensowenig wie ohne Partei), sondern sie ist diejenige Politik, die Massen versammelt, ohne zu fragen, welche ihre Überzeugung, welches ihr Herz ist, und die meint, dass die Führer, wenn sie nur grosse Massen um sich haben, siegen können.
Aber diese Politik, wie Sie und die Exekutive diese in der Gewerkschaftsfrage jetzt zeigen, wird in Westeuropa keinen Erfolg haben. Dazu ist der Kapitalismus hier, auch jetzt noch, viel zu mächtig und steht das Proletariat hier zu sehr auf sich selbst. Sie wird, gleich wie diejenige der Zweiten Internationale, scheitern.
Hier müssen die Arbeiter selbst mächtig werden, und dann, durch sie, ihre Führer. Hier muss das Übel, die Führerpolltik, an der Wurzel gefasst werden.
Mit dieser Ihrer Taktik in der Gewerkschaftsfrage haben Sie und die Exekutive in Moskau m. E. bewiesen, dass Sie, wenn Sie wenigstens diese Taktik nicht ändern, die westeuropäische Revolution nicht führen können.
Sie sagen, dass die "Linke", wenn sie ihrer Taktik folgt, nur schwätzen kann. Nun, Genosse, die "Linke" hat in den anderen Ländern noch keine oder wenig Gelegenheit zu Taten gehabt. Aber sehen Sie nur nach Deutschland und nach der Taktik und den Taten der KAPD beim Kapp-Putsch und der russischen Revolution gegenüber, und Sie werden diese Worte zurückziehen müssen.
Anmerkungen zur Gewerkschaftsfrage
- Anton Pannekoek, Die Entwicklung der Weltrevolution und die Taktik des Kommunismus, in: Kommunismus, Wochenschrift für Theorie und Praxis des revolutionären Marxismus, 1. Jg. (1920), Heft 28/29, S. 994-996 (Hrg.). ↩
- Natürlich soll man gut verstehen, dass diese neue Verbindung von Individualismus und Zentralismus nicht jetzt sofort fertig gegeben ist, sondern jetzt erst entsteht, ein Prozess ist, und im Kampfe selbst erst entwickelt und zur Vollkommenheit gebracht wird. ↩
- Mit der sarkastischen Bemerkung, dass auch die Arbeiterunion nicht makellos sein kann, machen Sie wenig Eindruck. Denn sie ist nur richtig insofern, als die Union für Verbesserungen kämpfen muss unter dem Kapitalismus. Sie ist nicht richtig soweit die Union für die Revolution kämpft. ↩
- Shop Committees, Shop Stewards und, wie besonders in Wales, Industrial Unlons. ↩
- Dass diese Bewegung in Deutschland von oben« gemacht worden ist, ist Verleumdung. ↩
- Sie, Genosse, gebrauchen, wie andere so oft, hier das Argument, dass die Kommunisten, wenn sie die Gewerkschaften verlassen, die Fühlung mit den Massen verlieren. Aber die beste Fühlung ist doch die tägliche in den Betrieben? Und alle BetrIebe sInd jetzt doch schon mehr, als je zu Debattierlokalen geworden? Wie können die "Linken" denn die Fühlung verlieren? ↩
- In welchen chaotischen Zustand uns dieser Opportunismus führt, kann das folgende Beispiel zeigen: Es gibt Länder wo neben den freien Gewerkschaften syndikalistische bestehen, die, obschon schlecht, besser kämpfen als die freien. Die Moskauer Thesen fordern den Eintritt in die grossen freien. Also sie zwingen die Kommunisten oft Streikbrecher zu werden, wie z. B. in Holland. Weiter: Die deutsche Arbeiterunion wird verurteilt, weil sie Spaltung macht. Aber was tut die dritte Internationale selbst? Sie richtet selbst eine neue Gewerkschaft-Internationale auf! ↩