Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitler-Terror (1933)
인물빌리 뮌첸베르크, 마리뉘스 판데르루버, 헤르만 괴링, 요제프 괴벨스, 아돌프 히틀러, 에른스트 룀, 에트문트 하이네스, 게오르기 디미트로프, 파울 힌덴부르크, 프란츠 폰 파펜, 쿠르트 폰 슐라이허, 하인리히 브뤼닝, 알프레트 후겐베르크, 그레고어 슈트라서, 빌헬름 프리크, 로베르트 라이, 오토 벨스, 알베르트 아인슈타인, 마그누스 히르슈펠트, 에른스트 톨러 용어갈색책 (1933), 독일 국회의사당 화재 (1933), 국회의사당 화재 법령, 국회의사당 방화 재판 (1933), 돌격대 (SA), 친위대 (SS), 강제적 동질화, 1933년 나치 분서, 성과학 연구소 사건나치 집권과 수권법, 독일 성개혁 운동과 나치의 파괴 (1897~1935)
7 Misshandlungen und Folterungen
Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, seit Jahren ausgehalten von den Industrie– und Agrar–Cäsaren Deutschlands, hat gemäß ihrer Rolle aus der Geschichte gelernt. Sie hat nichts Neues erfunden, sie studierte die früheren Epochen des Untergangs, weil sie wusste, dass sie einer untergehenden Welt die letzten Dienste zu erweisen hatte.
Sie hat sich von Nero unterweisen lassen in der Brandstiftung, vom Mittelalter in der Verleumdung und Verfolgung der Juden, vom Bauerntöter Luther, vom Sozialistenmörder Mussolini im blutigen Terror gegen die Ausgebeuteten. Die Partei der Nationalsozialisten hat in ihren amtlichen Dokumenten seit langem eine Bartholomäusnacht angekündigt; der offizielle Titel war „die Nacht der langen Messer“. Diese Nacht brach herein mit dem Abend des Reichstagsbrandes. Sie ist bis heute noch nicht beendet. Zu stark ist der Widerstand der revolutionären Arbeiter und Bauern; zu viele Millionen sind schon geschart um die Banner der Freiheit. Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei musste aus der Bartholomäusnacht ein Bartholomäusjahr machen, ein Jahr der Stahlruten, über dessen erstes Viertel wir hier Bericht erstatten.
Die Freunde des Hitler-Regimes wiederholen gern die Erklärung der Regierung, in Deutschland herrsche Ruhe und Ordnung. Dementis wollen das Ausland beruhigen, Feste und Paraden die Aufmerksamkeit von den wirklichen Geschehnissen ablenken. Warum können viele die wahren Vorgänge in Deutschland nicht sehen?
Die wenigen ausländischen Touristen, die noch Lust haben, das tyrannisierte Deutschland zu besuchen, werden weder in eine SA–Kaserne, noch in die Konzentrationslager geführt. Nächtliche Folterungen, Erschießungen „auf der Flucht“, heimtückisch organisierte Morde — der ausländische Besucher könnte nur zufällig ihr Augenzeuge werden.
Der ausländische Journalist aber — steht nicht jedes seiner Telephongespräche, jedes seiner Telegramme unter strengster Zensur! Wird nicht jeder seiner Schritte überwacht! Bedroht ihn nicht täglich die Ausweisung!
Wenn aber die S¸chreie der Gefolterten aus den SA-Kellern zu laut und grässlich in die Ohren der Anwohner dringen, wenn plötzlich die Frau eines Verfolgten mit alttestamentarischer Wut ihren Jammer über die Straßen schreit, wenn die Greuel der Nazis zufällig vor Hunderten sichtbar werden, dann wird man in diesem Deutschland schnell dem Einwand begegnen „Das ist ein Ausnahmefall“. Das offizielle und von einer Massenversammlung jubelnd bestätigte Wort des Ministers Goering aber heißt „Wo Holz gehobelt wird, gibt es Späne“ (Essen, am 10. März 1933).
Zu diesem drastischen Ministerwort müssen wir sagen: dass „Späne fallen“, ist seit langem organisiert; die mittelalterlichen Methoden, wie sie von den Nazis jetzt praktiziert werden, sind seit Jahren von der Naziführung propagiert und ausgearbeitet.
Die Naziführer haben mittelalterliche Pogrome gebracht und die Lynchjustiz, die lett-
res de cachet mit ihren willkürlichen Verhaftungen (Schutzhaft) und die Scheiterhaufen, das Spießrutenlaufen und die Folter ersten, zweiten und dritten Grades. Soweit es propagandistisch wirksam war, wurden die mittelalterlichen Methoden in aller Öffentlichkeit angewendet. Die Folter aber blieb geheim. Man wagte sie nur im Dunkel der Nacht. Bis zum heutigen Tag wissen Millionen Deutsche nichts davon. Unser Buch öffnet ihnen die Augen.
7.1 Der nächtliche Terror
Seit dem 27. Februar dieses Jahres wütet der geheime Terror. Man „rechnet ab“. Systematisch wird verhaftet, mit Überlegung wird gepeinigt. Und den etwaigen Bedenken über ganz unberechtigte Torturen kommt wiederum der Minister entgegen, indem er angibt, wie weit man gehen kann:
„Solange ich noch keine Kommunisten mit abgeschnittenen Ohren und Nasen herumlaufen sehe, ist kein Grund sich aufzuregen“
Soweit also kann man gehen! Man ist auch nicht verpflichtet. sich die Opfer genau anzusehen und die Denunziationen allzu genau zu überprüfen; die SA, die von ihrem Polizeichef so unzweideutig angewiesen wird, hält es bei den Verhaftungen mit dem Wort des französischen Kardinals, der in ähnlicher Zeit (in der zum Vorbild gewordenen Bartholomäusnacht) den Fragern erklärte „Tötet sie alle, Gott wird sich seine Christen schon heraussuchen“.
Alle Tage erscheinen vor uns Opfer dieser nächtlichen Folter und zeigen ihre immer noch nicht geheilten Wunden. Sie berichten von den Qualen, die sie erlitten, mit dem eigentümlichen Zittern von Misshandelten, denen man nicht nur die Körper blutig schlug, deren Seelen man auch den unauslöschlichen Hass gegen die Peiniger einbrannte.
Wir veröffentlichen hier Protokolle und Berichte, die wir mit aller Sorgfalt und Gründlichkeit geprüft haben, die unsere Sache verlangt.
7.2 Die Folterkammern
Es liegt uns ein Bericht vor, der offen von einem Prügeltarif der SA Kenntnis gibt „Einfache Zugehörigkeit zur SPD wird mit dreißig Gummiknüppelhieben auf den entblößten Körper bestraft. Die kommunistische Parteimitgliedschaft ist allgemein mit 40 Hieben zu ahnden. Strafverstärkend hat zu wirken, dass der Betreffende politische oder gewerkschaftliche Funktionen hatte. Die Strafen sind je nach dem Verhalten des Gefangenen abzuwandeln.“.
Der Arbeiterfunktionär Bernstein aus Berlin–Niederschöneweide wird in einer SA-Kaserne auf eine Pritsche geworfen und mit fünfzig Stockhieben gezüchtigt, weil er Kommunist ist; es folgen dann weitere fünfzig Stockhiebe, weil er „auch noch Jude“ ist.
Es gibt also mehrere Grade der Folter. Die Protokolle bestätigen es. Folgen wir den Gefangenen auf ihrem Leidensweg:
Die Folter beginnt mit dem Augenblick, wo die Opfer aus der Wohnung „ abgeholt “ werden. Revolver werden den Öffnenden vorgehalten; die Familienmitglieder werden bedroht, man zerschlägt Möbel, Bibliotheken werden zertreten oder auf die Straße geworfen. Schriftstellern vernichtet man vor ihren Augen Manuskripte, die Frucht vieler Monate Arbeit. Arbeitern beschlagnahmt man das letzte Lohngeld. Die Familie steht dabei. Die Kinder sehen fassungslos, dass der Vater von unbekannten jungen Leuten ins Gesicht geschlagen wird, dass er wehrlos ist, und schon steht riesengroß vor allen die Sorge, wie alles enden wird. Die Frau sieht die rohen Gesichter der verhaftenden Burschen. Sie beginnt zu ahnen, was bevorsteht. Sie will mehr wissen. Sie fragt, wohin man ihren Mann bringe. Sie hört nur höhnische Antworten, und dann stößt man den Gefangenen aus der Wohnung und treibt ihn die Treppe hinunter auf die Straße in das bereit stehende Auto. (Allen Dementis, solche Aktionen seien spontan gewesen, ist immer wieder zu entgegnen, dass in unseren sämtlichen Berichten dieses Auto figuriert; seit Monaten hatten alle Stürme der SA auf Anordnung der höchsten Führung ein Kraftfahrzeug zur Verfügung; die Listen für die Verhafteten waren verteilt; man hatte ein großes Arbeitspensum. Es galt sich eilen.)
Da man sich so legal gab wie möglich, fürchtete man die öffentliche Kritik der Abenteuer und verlegte sie in die Zeit, da der Bürger schlief. Erwachten Hausbewohner, so suchte man die Aktion schnell als eine normal verlaufende zu tarnen. Ein Bericht meldet, dass während einer Verhaftung schon im Treppenhaus die Schläge begannen. Plötzlich hört der Verhaftete den Ruf des Sturmführers: „Achtung! Nicht schlagen!“ Die Hiebe hören auf, der Gefangene sieht, dass im gegenüberliegenden Haus Leute wachgeworden sind. Die Öffentlichkeit trat auf, die SA wurde „diszipliniert“.
Diese Vorsicht konnten sie in ihren Kellern nun aufgeben. Vom Augenblick, da der Gefangene die SA-Kaserne betritt, ist er SO vogelfrei, wie die Führung ihn seit Jahren der SA versprochen hat. Noch hat er nicht ganz erfasst, wie rechtlos er geworden ist, als ihn schon Knüppel die Treppen des Folterhauses hinaufjagen. Es ist immer schimpflich für einen Kämpfer, vor einer Gefahr weglaufen zu müssen. Ganz wehrlos aber seinen Feinden verfallen zu sein, von einem Gummiknüppel gegen den anderen getrieben zu werden und zu wissen, dass jede Abwehr den sofortigen Tod bringt, das gibt tiefere Verletzungen.
Jede Minute in den Häusern der Folter reißt weitere Wunden auf. Denn man merkt mit jedem Schritt, dass keiner da ist, der auch nur das geringste Gefühl für die Hilflosigkeit seines Opfers hat. Wer immer auf den Treppen und Korridoren dem Gefangenen begegnet, schlägt oder tritt ihn. Feiglinge sind zu Mördern geworden; sie kennen keine Ritterlichkeit. Tag um Tag stehen sie vor den Zimmern, in denen man den ersten Grad der Folter anwendet, und erwarten die Transporte. Die Gefangenen müssen durch ihr Spalier laufen, Peitschen pfeifen, Stiefel stoßen in das Gesäß, Gummiknüppel klatschen dumpf auf den Schädel.
Dann öffnet sich die Tür zum Sturm- oder Staffelführer, das „Verhör“ beginnt.
7.3 Vor dem Femegericht
Hinter einem Tisch sitzt der Femerichter; drei Sterne an den Aufschlägen der SA-Uniform haben ihm die richterliche Gewalt über alle Verhafteten gegeben. In der Tischplatte stecken blanke Dolche und Seitengewehre; oft zittern rechts und links die Flammen von Kerzen. Der Gefangene wird an den Tisch gestoßen. Dicht an ihn treten die SA-Leute. Er spürt sie neben sich, sie begleiten seine Antworten mit Schlägen. Beteuert er seine Unschuld, so treten sie ihn in den Rücken. Jede Verteidigung wird sinnlos, es handelt sich nicht um Wahrheit. Das Gericht ist nur Farce, Vorwand zu neuen Martern.
Plötzlich erfährt der Gefangene, woher die Denunziation kam, die ihn hierherbrachte; er glaubt, die Anklage entkräften zu können, leidenschaftlich legt er den Tatbestand dar, aber schon sausen Gummiknüppel auf ihn: „Du hast nur zu reden, wenn du gefragt wirst!“ Man will Adressen wissen. Man braucht neue Opfer. Man glaubt, politische Erfolge zu erzielen, wenn man überall verbreiten kann, wie sich die Führer der Arbeiterbewegung gegenseitig verraten haben. Aber man begegnet der Treue. Die Kameraden verraten nichts. Und wieder setzen in sadistischer Wut neue Prügeleien ein.
Es ist ein Ehrenblatt in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, dass Tausende von Arbeitern auch unter den Knüppeln der SA nicht wankend geworden sind. Alle Brutalität hat nichts genützt; die Kameraden sind lieber zusammengebrochen, als dass sie den Henkern neue Opfer ausgeliefert hätten. Die Femegerichte von 1933 konnten die Leiber der Revolutionäre treffen, sie für Lebenszeit zu Krüppeln machen. Dennoch waren sie machtlos vor dem Mut der Revolutionäre. Sie konnten einen Menschen martern, ihn mit systematischer Grausamkeit zum Zusammenbrechen bringen, sie konnten Dutzende von Gefangenen in den Selbstmord treiben. Aber ihr riesiger Apparat hat kaum eine Handvoll von Verratsfällen zu erzwingen vermocht. Diese Standhaftigkeit ist am besten bewiesen durch die weitere Maßnahme der SA: sie hat einen zweiten Grad der Folter erfinden müssen.
7.4 Der Prügelkeller
Vom Verhör bringt man die Gefangenen in die Keller. Schon taumeln die Unglücklichen. Unheimlich ist das Erlebnis, völlig allein zu sein unter lauter Mördern. Unheimlich ist für alle das Wissen, dass dieses Folterhaus in einer modernen Großstadt steht, dass Millionen Menschen in Ruhe in ihren Betten liegen, unbekümmert um die Schandtaten, die im Auftrag einer Reichsregierung Nacht für Nacht begangen werden. Aus den Gräbern scheint der Profoss des friderizianischen Heeres wieder aufgestanden zu sein. Die Gefangenen sehen im Halbdunkel des Kellers die seit Wochen bereitgehaltene Prügelpritsche stehen. Der Moder des Gewölbes riecht nach getrocknetem Blut und Angstschweiß.
Und wieder wird alles wie Spuk: es sind die Tage, da Hitler in der Garnisonkirche von Potsdam am Grabe Friedrichs seine Antrittsrede hält. Überall läuten die Glocken der Kirchen, Hunderttausende stehen auf den Straßen. Die Begeisterung kocht, man spricht vom Aufbruch der Nation, von ihrer Wiedergeburt. Der Gefangene hat die Phrasen noch gehört, und er erlebt jetzt vor dieser Pritsche, wie ungeheuerlich diese Lüge ist.
Symbolisch wird der Staatsakt in Potsdam: dort redet vor Generalen und den Nachkommen der Hohenzollern der „Führer“ an der Gruft des Fürsten mit dem Krückstock — hier prügelt und foltert die SA-Garde wehrlose Arbeiter im schallsicheren Verließ der Keller. Und es besteht nur der eine symbolische Unterschied dass nun, in Jahre 1933, die deutsche Stahlindustrie die Werkzeuge für ihre eigenen Büttel geliefert hat. Der Gefangene wird auf die Pritsche geworfen, Stahlruten hämmern auf seinen Rücken.
In letzter Empörung, brennend am ganzen Körper, bäumt sich der Gefangene auf. Man drückt seinen Kopf in schmutzige Tücher, er beißt hinein in die Lumpen. Wie eine Linderung fühlt er Blut aus den Wunden in seine Kleider laufen, aber die neuen Streiche zerfetzen schon das rohe Fleisch.
Die Büttel schlagen zu viert, kaum ist Platz genug auf dem zuckenden Körper für die zahlreichen Hiebe. Dann ermüden sie. Das Wimmern des Geschlagenen scheint Musik in ihren Ohren. Sie betrachten ihn lachend und verhöhnen ihn. Dann jagen sie ihn in den Nebenkeller, wo er endlich nicht mehr allein ist. In den Ecken kauern Genossen seines Leids; auf Stroh und Kartoffelsäcken wälzen sich Schwerverwundete. Einige sind am Ende ihrer Kraft und weinen. Der Wahnsinn zieht durch das Gewölbe. Nebenan hört man die Schreie des nächsten Opfers.
7.5 Die wahren Untermenschen
Die Schergen lassen sich Zeit mit ihm. Müde wie sie sind, erquicken sie sich eine Weile an den seelischen Foltern. Das Entwürdigendste denken sie sich aus: der neue Gefangene muss sich selbst entkleiden.
Der Sadismus verkommener Lehrer wird hier neu abgewandelt. Vor uns erscheint ein Familienvater. Arbeiter, Organisator einer Erwerbslosenküche und berichtet - seine Stimme wird zögernd bei der Erinnerung - wie er sich im SA-Keller niederbeugen und sein nacktes Gesäß wegstrecken muss zu wohl abgezielten Schlägen. Die SA-Leute lassen ihn eine zeitlang so stehen, weiden sich an dem Anblick, dann schlagen sie zu.
Die Gefangenen im Nebenraum können jetzt alles sehen, denn man hat es für gut befunden, die Türe zu ihrem Verschlag aufzustoßen. Der neue Gefangene richtet sich unter dem ersten Schlag der Stahlrute auf, aber ein neuer Befehl duckt ihn wieder In die erniedrigende Stellung. Sein Aufrecken war „strafbar“, die Prozedur wird verschärft: er muss jetzt die Schläge mit lauter Stimme mitzählen, die man ihm aufgibt. Die Zahlen werden undeutlich im Schrei der Schmerzen, die Schläge sind scharf, die Haut platzt nach dem fünften Schlag, die SA-Leute haben sich inzwischen wieder ermuntert.
Schon hat sich der zweite Grad mit dem dritten verbunden mit der seelischen Folter. Sie wird erfunden von den Staffelführern. Was an primitivem Rachegelüst bei den unteren SA-Leuten noch gerade Wege gehen wollte, ist durch die Führer abgebogen in die Perversion des Sadismus. Spätere Zeit wird feststellen, wie viel hier die unnatürliche Sexualität vieler SA-Führer mitgeholfen hat. Die Anwesenheit des homosexuellen Grafen Helldorf, des jetzigen Polizeipräsidenten von Potsdam, bei vielen Marterungen gibt genug Verdacht zu dem Schluss, dass viele der Opfer unglückliche Objekte für die Perversität der SA-Leitung waren.
Man fürchtete auch jetzt die Öffentlichkeit. Ein Dokument aus Berlin-Köpenick berichtet über die Zustände im SA-Lokal Demuth–Köpenick:
„An diesen Prügeleien hat sich der Sohn des Wirts besonders beteiligt. Außerdem der ständige Leiter der Aktionen, der SA-Führer Scharsich Herbert, Köpenick. In der ersten Zeit ließ der Sohn der Wirtin sein Motorrad laufen, um die Schreie zu übertönen. Neuerdings drückt man die Gesichter der Opfer in Stoffe. Die Mitbewohner haben sich wiederholt an die Polizei gewandt. Die Hausbewohner, die ihre Schlafzimmer zum Hofe hatten, haben ihre Wohnungen umgestellt und schlafen jetzt in Räumen, die zur Straße liegen. um die Schreie nicht hören zu müssen. An den Fenstern zum Hof darf sich niemand sehen lassen. Ständig steht ein bewaffneter SA-Mann im Hof. Auch wir sind unseres Lebens nicht sicher, besonders da man merkt, wie wir über dieses Reich denken.“
7.6 Sadisten sind erfinderisch
Der halb bewusstlos geschlagene Gefangene wird von der Pritsche hochgerissen, die Gesichter der SA-Leute werden streng, der Sturmführer tritt vor und verkündet dem unsicher vor ihm stehenden blutenden Opfer: „Jetzt wirst du erschossen.“
Man führt den entsetzt wieder Erwachenden an die Wand, dreht ihn mit dem Gesicht zu den Steinen des Kellers, tiefe Stille tritt ein, er hört hinter sich nur die Manipulationen der Henker, leise knacken die Sicherungen der Revolver. Aber noch fallen keine Schüsse. Der Gefangene starrt die Wand an, die Familie fällt ihm ein, die Kameraden, soll er verraten, was er nicht weiß? Gibt es eine Rettung? Der Wunde Rücken brennt, die Kleider scheuern über die Fetzen. Der Schmerz zerrt ihn in eine Ohnmacht, der sichere Tod in seinem Rücken reißt ihn zu grässlichem Wachsein. Wie gelähmt steht er. Da fallen die Schüsse. Er hört sie an seinen Ohren vorbeipfeifen, sie sind fast wie eine Erlösung, aber nun merkt er, dass sie ihn nicht trafen. Unmöglich zu denken, dass die Henker ihn nicht treffen wollen. Er steht wie sie befohlen haben, mit gegrätschten Beinen. Nun spürt er, dass sie zwischen die Beine geschossen haben. Ein Krampf hält ihn noch schmerzhaft aufrecht, der Todesschuss kommt nicht, und plötzlich sackt er zusammen. In das Verdämmern hinein, hört er das Lachen der SA.
Man schüttle nicht ungläubig den Kopf, man zweifle nicht an dieser Unmenschlichkeit. Hunderte Berichte haben diese Tatsache übermittelt. Wir geben einen für alle:
„Ich bin Anwohner der Jüdenstraße 50, Berlin C., wo die SA-Standarte hauste, Am 19. März wurden die willkürlichen Verhaftungen, von denen ich im letzten Bericht schrieb, fortgesetzt. Gegen 21 Uhr hörten die Anwohner, kurz nachdem wieder ein Gefangener heraufgeholt wurde, aus dem offenstehenden Fenster des Standartbüros einen Schuss. Ich ließ mich nicht abhalten nachzusehen und entdeckte, dass in krummer Haltung ein Mann, augenscheinlich der Gefangene, ans Fenster gestellt war. Darauf fielen wieder Schüsse, die den Gefangenen wiederum nicht trafen, was auch sicher nicht beabsichtigt war. Doch sah man, wie er jetzt zusammenfiel und sich lachend einige SA–Männer über ihn beugten. Im Befehlston rief eine Stimme mehrmals: ’Los, aufstehn! Nach Hause!’ Der Gefangene schien aber diesen höhnischen Ruf nicht mehr zu hören, er war vor Schreck ohnmächtig geworden. Ist es ein Wunder, wenn man hört, dass dabei Menschen wahnsinnig werden?“
Hunderte von Gefangenen haben auch das ertragen. Man hat sie aus dem Marterzimmer weggeschleift und in das „Wartezimmer “ zu den Kameraden geworfen. In den letzten Augenblicken, eh sie auf die Säcke erschöpft niederfielen, sagte man ihnen, dass die Erschießung am nächsten Morgen stattfinde. Ihre Schmerzen machten sie gleichgültig gegen die neue Androhung. Aber wenn sie dann nach einiger Zeit aufwachten, erinnerten sie sich. Keiner hatte Grund, an der Drohung zu zweifeln. So saßen sie unter den stöhnenden Freunden und erwarteten ihren letzten Morgen. Die nationale Revolution bereitete ihnen eine „Nacht vor dem Beil “. Jede Minute wurde zur Ewigkeit und trieb doch zu rasch vorwärts dem Ende zu.
Der Dämmerschein, der gegen Morgen in das Verließ einbrach, kündigte die letzte Stunde an. Schweigend war die Wache in der Nacht dagewesen, hatte sich an den Türpfosten gelehnt und ironisch ein Lied gesungen:„Morgenrot, Morgenrot, leuchtest mir zum frühen Tod“. (Ein Bericht aus der Hedemannstraße Berlin gibt dieses Detail.) Nun sind schon Schritte über dem Gewölbe zu hören. Aber man dehnt die Nacht noch weiter aus.
Immer wieder lesen wir in den Protokollen, dass Gefangene nach solchen Drohungen tagelang in der schauerlichsten Ungewissheit gelassen werden. Sie hören, dass nebenan die Prügeleien neu beginnen. Man stößt auch die Tür zu ihnen wieder auf, sie sehen den Folterungen zu. Von Zeit zu Zeit ruft man einen von ihnen heraus und „verhört“ ihn wieder.
7.7 Die Freude am Schmutz
Das Entsetzen hat alle fast abgestumpft. Aber sie sehen immer neue Arten der Folterung. Sie wollen schon nicht mehr hin sehen, aber immer wieder reißt ihnen ein neuer Schreckensschrei die Köpfe herum. Eben ist ein intellektuell aussehender neuer Gefangener in den Pritschenkeller eingeliefert worden. Sie sehen, wie man ihm den Kopf festhält, ihm die Zähne auseinander reißt, ein SA-Mann hebt eine Flasche und gießt Rizinusöl in den keuchenden Schlund. Der Mann würgt angeekelt, die SA lacht. Ihre Umgangsformen scheinen vornehmer zu werden. Sie fordern den Gefangenen auf, die Hose herunterzulassen, sie „bitten darum“. Mit irren Augen knöpft der Gefangene die Kleider auf, löst den Riemen, die Hose fällt. Man wirft ihn diesmal nicht auf die Pritsche, man lässt ihn eine Viertelstunde in gebückter Haltung mit bloßem Gesäß stehen. Die Gefangenen im Nebenraum erleben aufs Neue die ganze Demütigung. Die SA macht ihre Bemerkungen. Sie wartet unverständlicherweise. Endlich aber greift sie zu den Stahlruten. Die Streiche prasseln auf den mageren Körper des Intellektuellen.
Er reckt sich immer wieder auf, schreit, wird niedergedrückt und plötzlich heult er und drückt sich die Eingeweide. Die SA schlägt weiter. Das Gesäß rötet sich und dann entleert sich in die Hiebe hinein der Darm des hundertfach Gequälten.
Die Führung der Nazis wird diese Widerlichkeiten bestreiten. Unser Archiv wird sie Lügen Strafen. Es liefert nicht nur die Protokolle von Schriftstellern und Arbeitern, die diese Art der Folter haben erdulden müssen. Es liefert auch den Bericht einer vertraulichen Sitzung der Berliner SA–Leute, wo der jetzige Minister für Volksaufklärung, Dr. Göbbels, die Aufklärung gab, wie er als Innenminister gegen Redakteure vorgehen würde, die etwa nicht sofort seiner Meinung wären:
„dann müsste die SS zu der betreffenden Zeitung in die Büros gehen und den Redakteuren je ein Liter Rizinusöl eingeben.“
Man sieht, die SA handelt nur nach Instruktionen. So blieb Sie auch unbekümmert um jede, aber auch jede Not ihrer Opfer.
7.8 Das „Rote Kreuz“ im SA-Keller
Die Gefangenen liegen nach den Prügelqualen auf dem Boden der Kellerräume ohne Hilfe, ohne Linderung, ohne jeden Trost. Das Wimmern der Schwerverwundeten, das Weinen der Zusammengebrochenen vernichtet ihren Schlaf. Die Nazi-Ärzte sind grundsätzlich nur bei den Folterungen anwesend; sie sollen nicht helfen, sondern nur feststellen, ob der Gefangene noch fähig ist, geprügelt zu werden. Es sind die wahren Folterärzte, wie sie zuletzt aus den Kammern der Inquisition bekannt sind. Man stoppt die Folter bei Todesgefahr.
Alle Berichte bestätigen, dass Medizin erst gereicht wurde, wenn ein Ableben des Opfers zu befürchten war. Injektionen wurden in letzter Minute gemacht. Der Abtransport ins Krankenhaus erfolgte, wenn der Fachmann versicherte, dass ein „Exitus“ bevorstand.
Auch die Nazi-Sanitäter arbeiteten nach solchen Richtlinien, die Verbände wurden ohne Rücksicht auf Sepsis angelegt; die wahre Gesinnung dieser „Hilfsmannschaften“ bewies die Rohheit, mit der Mull und Pflaster um die Wunden gewürgt wurde.
Widerwillig schleppen sie Schwerverwundete zu den Toiletten. Manchmal befällt einen einzigen der Schrecken, wie man hier mit der Kreatur umgeht. In hundert Protokollen lesen wir einmal, dass ein Sanitäter einem Misshandelten, der von einer Ohnmacht in die andere fiel, einen Schluck aus seiner Schnapsflasche gewährt. Einmal geschieht das; hundertmal aber steht ein Rohling gleichgültig vor dem letzten Elend der Kreatur. Überall hat man das Waschwasser verweigert, oft mit höhnischer Begründung.
7.9 Betrunkene Mörder
Die Gefangenen liegen in Schmutz und Gestank. Die Schwächsten lassen Urin und Kot unter sich. Haltlos macht sie ihr Schmerz. Die Pestluft wird immer dicker. Aus der Ferne kommt gegen Abend das Gröhlen der Marterknechte. Sie feiern ihre „Revolution“. Sie trinken sich Kraft an aus gespendetem Bier. Betrunken werden sie nach dem Gelage mitten in der Nacht unter die Elenden kommen und neue „Verhöre“ abhalten.
Ein Gefangener, dessen Frau tapfer in die SA-Hölle mitgegangen war, berichtet über einen Spitzel, den man ihm schickte, als er schon auf den Tod krank am Boden lag. Der Spitzel sollte ihn zu Geständnissen treiben. Der Gefangene hat den Erpressungen tapfer widerstanden. Der SA-Spitzel hat Alkohol genommen. um seine schwere Aufgabe leichter zu erledigen.
„Er beugte sich über mich, er roch stark nach Alkohol. ’Glaubst du denn, du Schuft, dass die Größe Deutschlands an Dir scheitern soll, du Stinkrest. Bald werfen wir Dich über den Haufen.’ Er zog den Revolver. Ich lag stumm und regungslos. ’Oder ist Ihnen ihr Leben nicht lieb und wollen sie Ihre Frau weiteren Qualen aussetzen?’ Er redete und veränderte plötzlich den Ton: ’Und leben ist doch so schön. Ich habe die Slawen gern, ein liebes nettes Volk. Ich bin in der Ukraine gewesen. Sagen sie endlich dass Sie ein Tscheka–Spion sind! Ich kenne auch viele Bulgaren. Sie haben nur zu antworten, nicht mir, sondern den andern, die Ihnen die Fragen stellen werden.’ “
Der Spitzel wird dann völlig umgeworfen von seinem Rausch, seine Rede wird irr. Er beginnt zu fluchen, tritt den schwerverletzten Gefangenen und schreit:
„Das sagt Ihnen kein Geringerer als der Beauftragte der Regierung, der Kommissar für Heereswesen.“ (Entnommen dem Protokoll des bulgarischen Arztes Angeluschew, das Protokoll ist notariell deponiert am 15. Mai 1933 in Paris.)
Manchmal stiftet auch ein Opfer den Schnaps. Wir geben hier den Bericht wieder, der aus der Hedemannstraße von einem inzwischen ins Ausland geflüchteten Kameraden gegeben wurde:
Der Gefangene hört am Abend, dass ein jüdischer Gefangener, der noch Geld bei sich hatte. versuchte, sein Schicksal zu lindern durch eine Alkoholspende. Er wird dann auch zu dem Gelage zugezogen; vielleicht glaubte er schon glücklich das Schlimmste abgewendet zu haben. Die Gefangenen hören nun die ganze Nacht den Lärm der Zechenden. In der Frühe tritt ein SA-Mann in den Keller, um den Wachthabenden abzulösen; er ist noch berauscht, schwankt und erzählt mit lallender Stimme: „Mensch haben wir aber gekippt. Wir waren so im Tran, dass wir den Wolfsohn schließlich über den Haufen geknallt haben. Er hat dran glauben müssen, das feige Schwein.“
In diesem Augenblick ist nicht nachzuprüfen, ob dieser Mord wirklich geschah. Aufs neue wird den schwerverletzten Gefangenen in all ihren Schmerzen klar, dass sie von ihren betrunkenen Kerkerwärtern jede Gewalttat erwarten dürfen und jede Art der Tortur. Zur brutalen Misshandlung gesellt sich, abgewandelt nur durch den Ton des Sturmführers, die zynische Verhöhnung!
7.10 Die seelische Folter
Ein letzter Trost blieb bis hierhin auch den Schwergetroffenen: man hat sie allein „abgeholt“, nur für die wenigen Minuten der Verhaftung war ihre Familie bedroht. Langsam aber schwindet auch diese Gewissheit; man muss einsehen, dass vor dieser SA auch die Verwandten nicht sicher sein werden. Die Gefangenen fragen. Sie wollen nur irgend etwas von ihrer Familie hören. Sie wissen, dass seit dem Tag der Verhaftung kein Brot im Hause sein kann. Das letzte Lohngeld verfiel der SA bei der Verhaftung. Sie sehen ihre Kinder weinend vor der verzweifelnden Mutter stehen. Sie fürchten, dass die Wohlfahrt ihren Frauen die Unterstützung verweigern wird. (Eine hundertfach bestätigte Tatsache.) Sie wiederholen ihre Fragen an die Wachmannschaften. „Eure Frauen “, antwortet man den Männern die in der erbärmlichsten Lage noch an den liebsten Mitmenschen zu denken vermögen, „Eure Weiber haben wir gut versorgt; in neun Monaten könnt ihr bei euch daheim stramme Hitlerjungens vorfinden.“ Die „Ehrengarde“ Hitlers rühmt sich, dass sie Frauen vergewaltigt hat. Der Bericht stammt aus der SA-Kaserne der General Pape–Straße Berlin. Es ist dabei vollständig gleichgültig für unsere Betrachtung, ob dieser SA-Mann die Wahrheit sagte oder ob er die Gefangenen nur bis zur Verzweiflung reizen wollte.
7.11 Sie singen die „Internationale“
Die revolutionären Arbeiter haben sich von den Folterknechten nicht provozieren lassen. Ungebrochen standen sie vor ihnen. Die Vielfalt in der Erfindung immer neuer Folterarten beweist es. Die braunen Truppen haben hundert neue Qualen ausdenken missen, um die Haltung der Gefangenen zu brechen. Sie konnten die Körper zerschlagen, sie konnten die Wehrlosen zu Demütigungen zwingen, ihre Nerven in wochenlanger Tortur zerreißen, aber immer wieder stand ein neuer Mensch vor ihnen und zwang sie zu Steigerungen ihrer Folter. Wenn sie es als Siege feierten, dass Kommunisten das „Vaterunser “ beteten, dass Juden sich selbst als „ Schweine “ bezeichneten, so stellen wir hier fest, dass Schläge mit elektrischen Kabeln die Opfer dazu zwingen mussten. Stahlruten und Lederkoppel mussten geschwungen werden, damit Schwerverwundete „Heil Hitler!“ riefen. Brennende Zigaretten musste man an nackte Fußsohlen halten, um aus schmerzverzerrten Mündern das Horst-Wessel Lied zu hören.
Schweigend aber stehen die Arbeiter vor ihren .Peinigerm als diese verlangen, die „Internationale“ zu singen. (Ein Bericht aus Essen meldet diese heroische Episode.) Die Arbeiter denken an hundert Versammlungen, wo sie es mit ihren Kindern sangen, das Lied der Freiheit, das weltumspannende, die Hymne des ersten Arbeiterstaates der Welt, ihr heiliges Lied. Von Zehntausenden umgeben haben sie es noch im Januar 1933 gesungen, Genossen neben Genossen. Sie werden sterben, aber sie singen es nicht vor diesen Henkern. Man schlägt sie mit Gummiknüppeln, immer neue Mannschaften stürzen sich in den Raum, vereint schlagen sie auf die Männer, denen aus Schläfe und Mund schon das Blut spritzt.
Fiebrig sind ihre Augen, sie halten sich noch an den Händen, aber sie singen noch nicht. Die Hiebe hageln, die Männer taumeln, und jetzt stürzen sie gleichzeitig zu Boden. Hohnlachend lassen die Peiniger von ihnen ab und treten zurück an die Wand.
Aber nur eine Minute ist Stille. Plötzlich steigt leise, von zitternden Stimmen getragen, aus dem Knäuel der Gefangenen der Gesang auf. Nun da die anderen ihren billigen brutalen Sieg glauben erfochten zu haben, singen die Männer. Am Boden liegend, zerschlagen und blutend, aber nicht gebrochen, singen sie, was keine Gewalt der Erde niederknüppeln kann: „Wacht auf, Verdammte dieser Erde!“ Die SA-Leute stehen einen Augenblick starr, dann springen sie heran und schlagen auf den singenden Haufen, bis er stumm wird und lindernde Ohnmacht über alle kommt. Aber das Lied steht im Raum, füllt ihn aus, durchdringt die Mauer der Folterkammer, ist lauter als das Pfeifen der Stahlruten.
7.12 Der Terror der Verleumdungen
Die Nationalsozialisten konnten auch die Folter nur anwenden, nachdem sie eine Atmosphäre von Verdächtigungen geschaffen hatten, die an das Recht der Folter glauben ließ. Das Mittelalter profitierte vom Hexenglauben, von den primitiven Vorstellungen verdummter Kirchengänger, die in jedem Wissenschaftler den Teufels–Banner sahen, in jedem Apotheker den nächtlichen Beschwörer unterirdischer Geister.
7.12.1 „Novemberverbrecher“.
Die nationalsozialistische Führung hat wider besseres Wissen seit Jahren behauptet, dass der Ausgang des Krieges das Werk einiger Verbrecher, der „Novemberverbrecher“, gewesen sei. Sie hat diese Lüge immer wiederholt, sodass bei den Millionen der Enttäuschten die Überzeugung entstand, vom November 1918 an datiere tatsächlich der Ruin Deutschlands.
Der Minister Göring betont bis heute, dass der schmachvollste Augenblick seines Lebens der November 1918 war, als den Offizieren des Kaisers die Achselstücke abgerissen wurden. Der Reichskanzler Hitler hat ein einziges Mal in seinem Leben geweint, und auch er weinte – um Achselstücke. Er verzieh es den Matrosen von 1918 nicht, dass sie die Offiziere angriffen, deren Gefreiter gewesen zu sein, der Reichskanzler sich bis heute rühmt.
So hat die gesamte Propaganda immer nur diesen einen Tenor: die Novemberverbrecher sind schuld. Hitler gibt zu, dass er bei seiner Propaganda auf die Leichtgläubigkeit der unpolitischen Massen spekuliert. Er hält die Aufnahmefähigkeit der Masse für beschränkt, ihr Verständnis klein, dafür jedoch ihre Vergesslichkeit groß. Man kann auf diese Propaganda die Worte Hitlers anwenden, die er der Entente im Weltkrieg widmet; auch Hitlers Propaganda war „im Anfang scheinbar verrückt in der Frechheit ihrer Behauptungen, wurde später unangenehm und ward endlich geglaubt“(„Mein Kampf“, Seite 203). Das Resultat aber sehen wir im Bilderteil dieses Buches. Die SA fährt mit Schubkarren vor die Wohnungen der Novemberverbrecher und führt die Männer durch das Spalier der höhnenden Meute, die man schnell zusammengetrommelt hat.
Selbst die Ruhe der Toten wird von der Rachsucht der SA nicht verschont. Man zerstört die Gräber der Matrosenmeuterer Reichpietsch und Köbes, zerschlägt die Denksteine auf ihren Ruhestätten: Novemberverbrecher verdienen kein Grab.
7.12.2 Sowjet-Russland.
Die Verleumdung hat weder an den Grenzen des Todes haltgemacht, noch an den Grenzen Deutschlands. Hitler sagt über Sowjet-Russland und seine Staatsmänner:
„Man vergesse doch nie, dass die Agenten des heutigen Russland blutbefleckte gemeine Verbrecher sind, dass es sich hier um den Abschaum der Menschheit handelt.“
(„Mein Kampf“, Seite 750.)
Kaum ist Hitler zur Macht gekommen, so werden auch schon die ersten Überfälle auf Sowjetbürger verübt.
Der Sowjetbürger Schajag, Berlin, Greifswalderstr. I2, wird in seiner Werkstatt verprügelt. Als er sich beschwert, wird er in eine SA-Kaserne verschleppt. Dort wird er blutig geschlagen und auf die Straße geworfen.
In die Hamburger Handelsvertretung der Sowjetunion bricht SA ein, plündert und demoliert.
Die Gesellschaft der Freunde des Neuen Russland, welcher Graf Arco, Kardorffund viele führende Persönlichkeiten des Bürgertums angehörten, wird aufgelöst. Ihr Sekretär Erich Baron wird ins Gefängnis geworfen und in den Selbstmord getrieben.
Alle deutschen Sender bringen seit dem 10. März ein Hörspiel „Horst Wessel“, in dem Hitlers Lügen über die USSR wiederholt werden: in Russland seien seit 1917 zwei Millionen Menschen ermordet worden. Die Sowjets seien die Repräsentanten der Lüge, des Betrugs, des Diebstahls, der Plünderung, des Raubes. Kein Wort darüber, dass das internationale Öl–Kapital jene furchtbaren Interventionskriege heraufbeschworen hat, dass die Opfer voll und ganz den Interventionsgenerälen zur Last zu schreiben sind. Kein Wort über den heroischen Kampf der russischen Arbeiter und Bauern zur Verteidigung ihrer endlich errungenen Freiheit. Kein Wort über die furchtbaren Greuel der weißrussischen Heerführer in den eroberten Dörfern und Städten. Die Verleumdungen aber geben den Nazis die Handhabe zur großangelegten Kommunistenhatz, zur Verfolgung der deutschen Arbeiter und Intellektuellen.
7.12.3 Der „Erbfeind“
Die nationalsozialistische Führung lenkt von den eigenen Schandtaten auch durch Verleumdung des westlichen Nachbars ab. Sie erzielt schon die ersten Resultate. Man überfällt im Dritten Reich Franzosen mitten im Frieden. Frankreich bleibt für Hitler der Erbfeind. Die „bastardisierte“ Nation, die Deutschlands Untergang wünschen muss. Der Hass gegen Frankreich wird genährt, die Jugend wird mit Revanchegedanken gefüttert.
Die Folge zeigt der Brief der Frau eines französischen Arbeiters, der in Düsseldorf Arbeit gefunden hatte und Ende März von SA überfallen wurde. Die Frau wandte sich hilfesuchend an ihren Konsul:
„Hiermit möchte ich, Frau Fritz Blanck, Solingen Wald, Hauptstraße 265a, mich mit einer sehr ernsten Angelegenheit an Sie wenden. Mein Mann ist am Freitag, den 31. März von SA-Mitgliedern der NSDAP um 2 Uhr nachmittags aus unserm Garten verhaftet worden. Er wurde zur SA-Kaserne gebracht. Hier ist er bestialisch und viehisch, menschlich kaum noch auszudenken, ohne sich überhaupt einer Schuld bewusst zu sein, misshandelt worden. Die Brille wurde ihm im Gesicht in unzählige Stücke zerschlagen. Mit 6 Mann haben sie ihn auf den Boden gestaucht Einer hat ihm einen sehr gefährlichen Tritt vor den Unterleib gegeben. Ein anderer hielt ihm einen Revolver vor die Brust mit den Worten ’Wehr Dich, Du Franzosenhund!’ Dann bekam er einen schweren Schlag mit einem harten Gegenstand von hinten auf den Kopf und war bewusstlos. Er weiß nur noch, dass sie ihm Wasser ins Gesicht geschüttet haben mit höhnischen Bemerkungen. In einer großen Blutlache haben sie ihn längere Zeit liegen lassen, wo er hätte verbluten können. Dann wurde ein Nazi-Arzt aus Solingen geholt, der befahl ihn ins Krankenhaus. Bei der Einlieferung gaben die Burschen an, sie hätten ihn gefunden. Die Kleider sahen aus, als wenn er im Schlachthaus gewesen wäre. Dieselben liegen in unserer Wohnung zur Einsicht. Wie mein Mann aussieht, kann ich nicht alles schreiben. Im Krankenhaus hatten sie die erste Nacht gedacht, dass er gestorben wäre. Ich wurde abends telefonisch dorthin gerufen. Wir haben zwei Kinder, eins von 6 Jahren und eins von 7 Wochen. Bei einer derartigen Aufregung ist bei mir die Milch vergangen ...“
Heute ist es ein französischer Arbeiter in Düsseldorf, ein Sowjetbürger in Berlin, ein tschechischer Schriftsteller, die unter den Schlägen der SA zusammenbrechen, morgen aber?
7.12.4 Greuelmärchen.
Der Terror der Verleumdung geht nicht nur vom „Führer“ aus. Tausende von Agitatoren haben Hitler seit Jahren zu überbieten versucht in Erfindungen von Greuelmärchen. Die Saat wurde aus vollen Händen gestreut. Jetzt in den Frühlingstagen erfahren wir erst, welch ein Unmaß von Lüge ausgeschüttet worden ist. Nichts ist so dumm, als dass es in Zeiten der Not nicht seinen Gläubigen fände. Ein Protokoll berichtet:
„Ein Arzt wird in einer Kaserne der SA blutig geschlagen und liegt schwer verwundet auf dem Strohlager. Ein ins Zimmer eintretender SA-Mann verlangt, dass er aufsteht, wird aber von einem anderen aufmerksam gemacht, wie es um den Arzt stehe. Diese Erklärung bringt den SA-Mann in höchste Aufregung; er beginnt zu schreien, und man entdeckt, dass er von seinem Gauführer folgende Schauermärchen gehört hat: alle Ärzte, die Juden sind, rächen sich seit Jahren an jedem deutschen Mädchen, das ihnen ins Krankenhaus geliefert wird, indem sie ihnen heimlich die Eierstöcke herausschneiden, damit nur das ’Judenpack’ sich vermehre und die Herrschaft über Deutschland bekommt. Der SA-Mann gibt dem verwundeten Gefangenen einen Tritt in den Bauch“
Auch dieser SA-Mann hat direkt bei Hitler gelernt:
„So wie er (der Jude) selber planmäßig Frauen und Mädchen verdirbt, so schreckt er auch nicht davor zurück, selbst in größerem Umfange die Blutschranken für andere einzureißen.“
(„Mein Kampf“, Seite 237.)
7.13 Der Terror auf dem Lande
Hitler hat im besonderen Maß von der Enge profitiert, die alle Provinzstädte umgibt. Die Vorurteile des Ständischen, die reaktionären Moralbegriffe des kleinen Bürgers sind gerade in der deutschen Provinz erhalten geblieben. Mit der Enge aber auch die Unerbittlichkeit der Spießergesetze, der Wille, jeden Außenseiter zu verfolgen, jeden Fortschritt anzuzweifeln und zu diffamieren. Viele Stimmen sind Hitler daher auch aus der Provinz zugeflossen. Der Stammtisch, von dem Hitler ausging, ist in den Tagen des Terrors der Beratungsort geblieben für die provinziellen Generalstäbler der Dörfer und Flecken. Meistens liegt die Führung beim Gutsbesitzer oder bei ehemaligen Offizieren. Den Kleinbauern wird die schwere Agrarkrise als Folge der marxistischen Politik dargestellt.
Der Antisemitismus diente dazu, die Erregung des notleidenden Kleinhandels fürs erste abzulenken. Der jüdische Krämer wurde in den Konkurs getrieben. Der jüdische Viehhändler wurde dem armen Bauern als einer der Hauptschuldigen an seinem Elend hingestellt. Viele wurden in den Tagen der nationalen Erhebung misshandelt und erschlagen.
Man ging zu Erpressungen über. Der Gifthauch der Denunziation strich über die Dächer der Höfe und Häuser. Sozialdemokratische Gemeindevorsteher (in Oberhessen wurden gelyncht. Jede Bestialität gegen Kommunisten wird gebilligt.
Seit der Machtergreifung Hitlers erschienen regelmäßig in den Dörfern die Autos der braunen Rollkommandos die den Stützpunktführer des Ortes in seinen Aktionen unterstützen. Anzeigen führen zu Haussuchungen. Anschuldigungen zu Verhaftungen. Denunzianten werden zu Helfershelfern. Auf den Landstraßen werden Autos von der SA angehalten; zu Wucherpreisen werden Hitlerbilder verkauft, die sofort an die Scheiben geklebt werden müssen. Die SA zieht von Hof zu Hof mit Sammellisten, deren Autorität niemand anzuzweifeln wagt. Weigerungen, Geld zu geben, haben so sicher Sanktionen zur Folge, dass niemand diese Erpressungen zurückweist.
7.14 Die Blutschuld der Naziführer
Wie sehr die nationalsozialistischen Führer verantwortlich sind, nicht nur für die mittelalterlichen Methoden ihrer Spezialtruppen, sondern auch für die Mordstimmung ihrer Anhänger, verraten die Aussprüche der Führer vor und nach der Machtergreifung.
Der jetzige Reichsinnenminister Dr. Frick erklärte:
„Es ist nicht schlimm, wenn einige Zehntausend marxistische Funktionäre zu Schaden kommen.“
Stöhr, der ehemalige Vizepräsident des Reichstags, sagte in einer Massenversammlung:
„Wir werden der Hanfindustrie zu verdienen geben.“
Die gleiche Vorliebe für die Lynchjustiz und das Hängen zeigte unmittelbar nach seiner Amtsergreifung der Ministerpräsident von Oldenburg, Röver:
„Wir werden die Marxisten und die Zentrumsleute am Galgen den Raben zum Fraße geben.“
Der Gauleiter Telschow sagte in einer Versammlung am 22. Oktober 1929 in Neuhaus an der Elbe:
„Wir werden den Kampf mit allen Mitteln führen. Im Kampf gibt es Leichen. Wenn es gegen den jüdischen Janhagel geht, schreiten wir auch über Gräber. Es kann auch sein, dass manche Mutter ihren Sohn verliert.“
Am 10. März 1933 spricht der Reichsminister Göring in einer Massenversammlung in der Ausstellungshalle von Essen. Das Land schreit auf gegen die Schandtaten der entfesselten SA. Der Minister Göring aber erklärt der Versammlung:
„Lieber schieße ich ein paar Mal zu kurz und zu weit, aber ich schieße wenigstens.“
7.15 Morddokument
Görings Wort fiel auf fruchtbaren Boden. Ende April erließ der Dortmunder Polizeipräsident Scheppman einen Befehl, der in seiner Art alle Polizeibefehle der modernen Geschichte übertrumpft:
„In letzter Zeit sind wieder mehrfach kommunistische Flugblätter verteilt worden. Ich befehle der mir unterstellten Polizei, gegen jeden Versuch kommunistischer Flugblattverteilung sofort von der Schusswaffe Gebrauch zu machen.“
7.16 Der Terror war organisiert!
1. In der Nacht des Reichstagsbrandes waren allein in Berlin für die Grausamkeiten 30 SA-Kasernen vorbereitet. Stahlruten, Peitschen, Ketten, Stricke zur Fesselung, Wasserkübel und Rizinusöl waren eingekauft. Sie fanden in derselben Nacht schon Anwendung. Allen Kasernen waren Ärzte zugeteilt.
2. Aus vielen deutschen Städten liegen Berichte vor, die bezeugen, dass die SA an diesem Abend in erhöhter Alarmbereitschaft lag und die Wohnungen der Arbeiterführer, ebenso Bahnhöfe und Postämter unter Kontrolle hielt.
3. Die Auswahl der Opfer war in allen deutschen Städten die gleiche. 4. Die Verhaftungen wurden hauptsächlich der SA und ihren Spezialabteilungen überlassen. Die Polizei wurde in diesen Tagen nur beigegeben, da man ihrer noch nicht sicher war. 5. Am 22. Februar wurde begonnen, SA als Hilfspolizei einzustellen; ein sicheres Zeichen, dass man größere Aktionen plante und den legalen Schein wahren wollte, soweit es ging.
6. Schon am 17 Februar gab Göring in seiner Funktion als Preußenkommissar allen Polizeibeamten durch seinen Schießerlass volle Freiheit zu jeglichem Terror und zur Vollstreckung von Todesurteilen ohne jedes Gericht. Dieser Erlass galt nicht nur der Eruierung der skrupellosen und der zögernden Elemente innerhalb der Schupo, er nahm den Mordtaten der SA jegliche Illegalität:
„Wer in Ausübung dieser Pflichten von der Schusswaffe Gebrauch macht, wird ohne Rücksicht auf die Folgen von mir gedeckt. Wer hingegen in falscher Rücksichtsnahme versagt, hat dienststrafrechtliche Folgen zu gewärtigen. Jeder Beamte hat sich stets vor Augen zu halten, dass die Unterlassung einer Maßnahme schwerer wiegt, als begangene Fehler in der Ausübung.“
7. In dem Blutkeller der Hedemannstraße und in anderen Kasernen haben sich ständig hohe Funktionäre der NSDAP aufgehalten. Sie leiteten die Misshandlungen und hielten Verhöre ab. Es steht unter anderem fest, dass der SA-Führer Graf Helldorf, der in täglicher Verbindung mit Göring und Hitler stand und steht, Paraden der Misshandelten abnahm.
7.17 Unsere Dokumente
In unserem Archiv liegen 536 Protokolle von schwer Misshandelten. Die Tatsachen sind überprüft und richtig befunden.
137 Atteste bestätigen schwere chronische Schädigungen dieser Opfer. 375 Protokolle berichten von Reversen, die die Misshandelten nach den Folterungen unterschreiben mussten. Die Gefolterten haben noch im Folterhause bestätigen müssen, dass sie „gut behandelt“ worden seien.
Unser Material aus den Städten und Dörfern des Dritten Reiches lässt schließen, dass seit dem 28. Februar ungefähr 60.000 Menschen misshandelt worden sind.
Wir lassen nun die Opfer selbst sprechen.
7.18 Sie nennen sich Arbeiterfreunde ...
Ein Erwerbsloser, der bei Kommunisten gebettelt und dort Hausarbeit gefunden hatte, sollte die Soldidarität seiner Kameraden durch Verrat belohnen. Seine Tapferkeit trug ihm folgende Misshandlungen ein. Er schreibt:
„Montag, den 6. März, 17 Uhr, erschienen 2 SA–Leute und ein Sturmführer vor der Wohnungstür des Abgeordneten X und verlangten Einlass. Da ich mich in der Wohnung aufhielt, um die Wäsche zu sortieren, öffnete ich die Tür, aber vorerst nur bis zum Sperrhaken. Sofort erschien in dem Türspalt ein Revolver und der SA-Mann verlangte völlige Öffnung. Man fragte nach dem Verbleib des Genossen X, den ich nicht angeben konnte. Daraufhin nahmen sie mich mit.
Mit Motorrad-Beiwagen fuhren sie mich nach der Böttcherstraße. Dort begannen die Misshandlungen. Ich habe bis zu diesem Augenblick, wo ich dieses schreibe, noch sichtbare Merkmale von all dem, was sie da mit mir trieben: beide Augen blau geschlagen, an der linken Stirnhälfte eine 4 cm große verdeckte Risswunde, die Hände, mit denen ich schreibe noch verschwollen und verkratzt. Man nannte mich ’Mordbuben’ usw.. ohne irgend einen Grund dafür zu haben. Dann sollte ich mir das Blut abwaschen. Es floss mir aus Stirn, Mund und Nase Kaum war ich gereinigt, so brachte man mich wieder in den vorderen Raum und schlug wieder neu auf mich ein. Ich suchte Schutz auf einer im Raum stehenden Bank und bedeckte mit beiden Händen mein Gesicht, um so den Schlägen auszuweichen, sonst hätte man mir sicher den Kiefer zerschlagen. Aber sie hatten damit noch nicht genug. Zusammen mit zwei weiteren Festgenommenen wurde ich in die Hedemannstraße gebracht, in einer Taxe. Zwei Motorräder fuhren als Begleitung mit. Bei der Abfahrt sagte man mir, ich könne froh sein, dass sie so human wären, in der Untergruppe würde anders gearbeitet. Beinahe hätte ich darüber gelacht. In der Hedemannstraße sagte ich beim Verhör, ich sei fechten gegangen und habe an der Wohnungstür von X immer etwas bekommen. Daraufhin sei ich öfters hingegangen, auch um mich politisch zu unterhalten und schließlich habe ich von Frau X Hausarbeiten übertragen bekommen, Teppichklopfen usw. Ich sagte den SA-Leuten, dass ich sehr froh gewesen sei, von Kommunisten auf so anständige Weise behandelt worden zu sein. Ich sagte den SA-Leuten auch, ich sympathisiere mit der KPD und habe Liste 3 gewählt. Darauf sagte der Fragesteller: ’Für Leute die die Wahrheit sagen, haben wir immer noch etwas übrig. Wir wollen ja nicht Euch, wir wollen Eure Führer vernichten und mit ihnen abrechnen.’ “
7.19 ... aber in Wahrheit verfolgen sie Tausende von Arbeitern
Hier ein besonders deutlicher Beweis dafür. Es spricht ein Arbeiter, der in die Hedemannstraße verschleppt war:
„Am Abend des 5. März wurde ich mit 6 andern Arbeitern in dem Lokal X in der Y-Straße des Berliner Nordens von einer Schar uniformierter SA-Leute überfallen. Wir saßen dort, um die Bekanntgabe der Wahlergebnisse zu erwarten. Die SA-Leute hielten uns die Revolver vor die Brust und zwangen uns, mit erhobenen Bänden in ihr Sturmlokal in der X-Straße zu gehen. Dort wurden wir zuerst einmal als „kommunistische Säue“ blutig geschlagen. Dann kamen wir in ein Auto, das uns in die SA-Zentrale Hedemannstraße 6 schaffte. Wir wurden in den 4. Stock gejagt und unter dauernden Faust– und Reitpeitschenhieben durch einen langen Korridor getrieben. Der Korridor war von oben bis unten mit ’erbeuteten’ sozialdemokratischen Fahnen und Transparenten ’geschmückt’. An der Wand hing eine Figur in Rot-Font-Kämpfer-Uniform am Galgen, die Ernst Thälmann darstellen sollte. Wir wurden in einen Gemeinschaftsraum hineingeprügelt. Man zwang uns, unter ’Heil Hitler’–Rufen niederzuknien und das Vaterunser zu beten, sodann das Horst–Wessel–Lied zu singen. Wer nicht augenblicklich gehorchte, wurde bewusstlos geprügelt. Später schleppte man uns an die Wand des Raumes, feuerte ununterbrochen Salven knapp über unsern Köpfen ab. Nachdem man uns eine Weile hatte ruhen lassen. erfolgten die ersten ’Vernehmungen’. Jeder von uns wurde einzeln in ein Zimmer gerufen, wo etwa 6 SA-Leute mit Reitpeitschen standen. Ein Mann saß an der Schreibmaschine. Wir mussten uns vollständig ausziehen und man erklärte uns, dass wir solange geschlagen würden, bis wir alles ausgesagt hätten. Man verlangte die unmöglichsten Geständnisse von uns. Gefragt wurde nach Namen und Adressen von kommunistischen Funktionären, nach angeblichen Verstecken von Waffen und Vervielfältigungsapparaten. Während dieser Vernehmung schlug man ununterbrochen auf uns ein. Dann wurden uns halbstündige Bedenkpausen gegeben, nach deren Ablauf die Folterungen von neuem begannen. Einigen Antifaschisten, die früher der SA angehörten, wurden die Haare geschoren bis auf eine zusammengebundene Stirnlocke. Uns wurde erklärt, dass diese Leute am nächsten Morgen erschossen würden. Als wir kamen, lagen sie bereite besinnungslos im Gemeinschaftsraum. Außer uns waren noch etwa 50 weitere sozialdemokratische und kommunistische Arbeiter im Gemeinschaftsraum. Bei der Entlassung wurde uns ein Revers vorgelegt mit dem Inhalt, dass wir ohne gesundheitliche Schädigung das Haus verlassen haben. Wir unterschrieben. Zwei meiner Gefährten fand ich erst im Krankenhaus ’Am Friedrichshain’ wieder. Einen davon mit Halsschuss.“
Wir lassen diesem deutlichen Dokument noch eine Reihe weiterer Berichte misshan-
delter Arbeiter folgen, um darzutun,mit welchen Aktionen die nationalsozialistische Bewegung überall Ihre amtliche Periode begann:
„Bedeckt mit Wunden“
„Der Arbeiter J. M. aus der Werderstraße in Berlin ist in der Nacht vom 27. zum 28. 3. von der SA abgeholt und in der Nazikaserne der Rudowerstraße schwer misshandelt worden. Sein ganzer Körper ist bedeckt von offenen Wunden.“
Die Wohnung wird zerstört.
„Der Arbeiter R. aus Schöneberg, der als politischer Funktionär bekannt war, wurde am Montag nach diesem Überfall in seiner Wohnung aufgesucht, dort mit Stahlruten schwer verwundet und dann nach einer SA-Kaserne abgeschleppt.. Im Augenblick als dieser Bericht niedergeschrieben wurde, war noch nicht bekannt, was mit dem Arbeiter geworden ist. Seine Wohnung war bei dem Überfall von der SA vollkommen zertrümmert worden.“
Rücksichtslos wird geschossen.
„Der Arbeiter Max F. in W., Prov. Brandenburg wurde nachts von etwa 40 bewaffneten SA-Leuten überfallen. Die Wohnungstür wurde eingeschlagen. Die SA-Leute schossen sofort wild in die Wohnung hinein. F. konnte sich trotz eines schweren Gesäßschusses durch einen Sprung aus dem Fenster retten. Auf der Flucht erhielt er noch einen Arm- und Bruststreifschuss. Er entkam und fand Aufnahme in einem Krankenhaus. Dieser Aufenthaltsort musste streng geheim gehalten werden, da die Angehörigen seit jenem Überfall täglichen Drohungen ausgesetzt sind.“ (Genaues Material über diesen Fall enthält unser Archiv.)
Die Knochen zerbrochen!
„Der 36jährige Arbeiter Paul Paprocki aus der Malplakstraße 23, wurde in der Nacht vom 26. zum 27. 3. um 3 Uhr aus der Wohnung herausgeholt. Eine größere Abteilung SA brachte den Verhafteten in das Sturmlokal in der Utrechterstraße, wo er nach Adressen von Funktionären gefragt wurde. Als er sich weigerte, die Adressen bekannt zu geben, begannen die Misshandlungen. Nach einigen Stunden hat man ihn mit schweren Schlagverletzungen und, wie die ärztliche Untersuchung ergeben hat, sehr wahrscheinlich auch mit einem komplizierten Wadenbeinbruch entlassen.“
Vaterunser–Beten oder Lederkoppel über den Schädel.
„Der 18jährige Arbeiter Kurt Hackenbusch, Grünthalerstraße 63, wurde zusammen mit 3 Freunden am 26. 3. verhaftet und in das Lokal Prinzenstraße geschleift. Misshandlungen mit schweren Lederkoppeln. Die Gefangenen weigerten sich, vor der versammelten SA das Vaterunser zu beten. Neue Misshandlungen. Nach einigen Stunden wurden die Gefangenen zu einer Unfallstation gebracht, wo sie unter Drohungen erklären mussten, die SA-Leute hätten sie vor einem Überfall gerettet. Hackenbusch trug neben Blutergüssen in Gesicht und Rücken eine schwere Kopfwunde davon.“
Blutergüsse „Arbeiter Jacob lckler, Kassel, Kettengasse 4, Anfang der 20er Jahre, wurde am 20. März 1933 von SA, die die Wohnung seines Vaters durchsuchten, mitgenommen, in die Bürgersäle gebracht, auf eine Pritsche gelegt, und dann mit Gummiknüppeln misshandelt. Schläge in die untere Gesichtshälfte und die Schläfen. Blutergüsse im Rücken, Gesäß und Oberschenkel. Ein ärztliches Attest (im Archiv) bescheinigt den Befund.“ (Der Name des Arztes wird hier nicht genannt, da es im Deutschland des dritten Reichen nicht mehr ungefährlich ist, einem Misshandelten die selbstverständliche ärztliche Hilfe angedeihen zu lassen.)
7.20 Urin für den Durst
Der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete, ehemalige Reichsminister, Wilhelm Sollmann, schreibt über seine Misshandlung durch SS und SA:
„Am Donnerstag, den 9, März, nach 3 Uhr nachmittags, fuhren vor meinem Hause, in Köln-Rath, 3 mit SS und SA-Leuten besetzte Autos vor. Da ich gerade ein Gespräch mit einem Stadtverordneten führte konnte ich noch in den Apparat rufen ’SS dringt in mein Haus ein, das Ueberfall-Kommando alarmieren.’ In diesem Augenblick stürmten mehrere Leute mit schussbereiten Revolvern, mit Beilen und mit hochgeschwungenen Messern in mein Arbeitszimmer. Noch ehe ich ein Wort sagen konnte, wurde ich an meinem Schreibtisch niedergeschlagen. Die Leute waren in einer Art Raserei, aus Hass und Freude, dass sie an mir Rache nehmen konnten. Der größte Teil der Leute verteilte sich auf die übrigen Zimmer des Hauses und schlug buchstäblich in wenigen Augenblicken alles kurz und klein ... Ich wurde unter Faustschlägen in ein offenes Auto geworfen. Meine Frau rief ’Wo bringen sie meinen Mann hin?’ Einer antwortete grinsend ’Das werden sie schon erfahren.’ Man fuhr mich zunächst über die Heide, dem Walde zu. Da ein vor mir sitzender SA-Mann dauernd mit dem Revolver vor mir herumfuchtelte, nahm ich an, dass man mich im nahen Walde erledigen wollte. Man fuhr mich aber unter dauernden Beschimpfungen von teilweise geradezu irrsinnigem Charakter über Brück nach Kalk. Dort wurde langsam gefahren und auf der belebten Hauptstraße wurde ich immer wieder den Passanten gezeigt: ’Das ist der große Sollmann! Seht wie klein!’ Man schaffte mich in die Gauleitung der Nationalsozialisten in der Mozartstraße. Mit Faustschlägen, Fußtritten und Hieben, wurde ich die Treppe hinauf in ein Konferenzzimmer gejagt. Man hatte die Jalousien heruntergelassen, so dass der Raum im Halbdunkel lag. Hier sollte ich vor ein Tribunal gestellt werden. Auf dem Tisch war ein großes Hakenkreuzbanner ausgebreitet. Ich sah, dass mein Redaktionskollege Efferoth in der Nähe des Fensters saß, ähnlich zugerichtet wie ich. Kaum hatte ich neben Efferoth Platz genommen, so setzte die mehr als zweistündige Folterung ein. Zunächst hielt ein Mann in SA-Uniform, den mein Kollege als den Stadtverordneten Ebele bezeichnete, eine kurze Rede gegen Efferoth, an dem jetzt Vergeltung geübt werde. Dann fielen SS–Leute mit Faustschlägen über uns her. Etwa 1 2Stunde lagen Efferoth und ich auf dem Fussboden, so erschöpft, dass wir uns nicht mehr erheben konnten. Immer wieder wurden wir aber mit Faustschlägen und Fusstritten behandelt, zwischendurch auch an den Haaren gerissen, und mit den Köpfen gegeneinander gestoßen. Schließlich riss man uns hoch, wir wurden auf die Stühle gesetzt, einer hielt uns hinter der Stuhllehne die Hände zusammen, ein zweiter zwang uns, die Zähne zu öffnen, und ein dritter goss uns je 1 4 Liter Rizinus in den Schlund. Der eine Folterknecht rief nach Salz, um unsere Qualen zu vermehren, aber anscheinend war nicht so rasch Salz aufzutreiben. Dann gönnte man uns wieder eine kurze Pause. Ich bat um ein Glas Wasser. Als ich es erhielt, sah ich, dass das Wasser eine verdächtige Färbung hatte und ich benutzte es daher nur zum Waschen meiner blutüberströmten Hände. Einer rief darauf: ’Warum säufst Du das Wasser nicht?’ Wir wurden nur geduzt. In demselben Augenblick warf er mir das Glas mit dem Rest der Flüssigkeit ins Gesicht. Nun gabs wieder Faustschläge und Fußtritte. Plötzlich kam eine gewisse Unruhe in unsere Folterknechte. Ich nahm an, dass inzwischen die Polizei von den Überfällen und unserm Verschlepptwerden Kenntnis erhalten habe. Gegen 5 Uhr ergriffuns die SS und warf uns unter dem Ruf ’In den Kohlenkeller!’ buchstäblich die Treppen hinunter. Der Kohlenkeller war anscheinend nicht geöffnet und man schien Eile zu haben, uns los zu werden. Man trieb uns deshalb unter neuen Faustschlägen und Fußtritten — unsere Gesichter waren inzwischen eine einzige blutende Masse — über die Straße zu einem Auto. Dort mussten wir uns auf den Boden hocken. Ein Mann neben dem Chauffeur, der, seiner späteren Andeutung nach, ein früherer Offizier gewesen sein muss, rief herunter: ’Tretet sie in den Arsch!’ was auch sofort befolgt wurde. Die Misshandlungen wurden im geschlossenen Auto fortgesetzt; ich erhielt einen Faustschlag auf das rechte Auge. Wir hielten am Polizeipräsidium, der Reichstagsabgeordnete Schaller, der den Transport geleitet hatte, öffnete das Tor. Wir wurden, obwohl wir fast zusammenbrachen, gezwungen, im Galopp über die Gänge und über die Treppen zu jagen. Einer sagte, wir müssten am nächsten Tage vor dem großen Fackelzug der Nazis hermarschieren und am Schluss würden wir auf den zusammengeworfenen Fackeln verbrannt ... Der Polizeipräsident schlug uns vor, wir möchten uns in Schutzhaft begeben. Ich wies auf meine parlamentarische Immunität hin. Er schloss sich meinem Standpunkt an, bat mich aber dennoch, mich mit Efferoth ins Gefängnislazarett einliefern zu lassen. Im Lazarett wurden wir verbunden und genäht. Während der Folterung hatte der eine der SS-Leute langsam und wohlberechnet meinem Freunde Efferoth ein Messer in die Seite gedrückt. Der Arzt erklärte, dass der Stich lebensgefährlich gewesen sei, wenn er einen Zentimeter tiefer gegangen wäre ... Am andern Tage stand in der Presse ein Bericht, wir seien von politisch Andersdenkenden überfallen worden und hätten ’leichte’ Körperschäden erlitten.“
7.21 Sie foltern einen Arzt und seine Frau
„Am 6. 3., um 4 Uhr früh, schellte es an der Wohnungstür. Mehrere Männerstimmen riefen: ’Hier ist die Polizei! Aufmachen!’ Meine Frau erwiderte: ’Bitte kommen Sie morgen früh, in der Nacht mache ich nicht auf!’ Es folgten mehrere starke Schläge gegen die Tür, sie wurde eingeschlagen und 5 Männer in SA-Uniform ohne Polizeiabzeichen, mit vorgehaltenem Revolver und Maschinenpistolen, drangen in die Wohnung ein. Meine Frage, ’was wollen Sie?’ beantworteten sie mit mehreren Gummiknüppelhieben und Faustschlägen. „Halts Maul, hat Dich jemand gefragt?“ Sie kommandierten ’Hände hoch!’ Einige fassten mich am Kragen und drückten mich an die Wand. ’Es ist aus mit euch Juden, bolschewistisches Pack.’ Als ich etwas erwidern wollte, schlugen sie erneut auf mich ein. Sie durchsuchten die Wohnung, schlugen die Schubladen meines Schreibtisches ein, füllten einen Koffer mit Büchern, Schriften und Korrespondenzen und befahlen ’Raus!’ Meine Frau, die mich nicht in den Händen dieser Eindringlinge lassen wollte, kam unaufgefordert mit ... Sie stießen mich mit Fußtritten die Treppe hinunter. Als meine Frau sich eine solche Behandlung eines Kranken energisch verbat, wurde sie beschimpft und aus dem Sitz im Auto verdrängt. ’Du freche Sau, sei ruhig, sonst kriegst Du auch.’ Das Auto hielt vor einem Haus, vor dem eine Schar von SA und SS standen. Kaum aus dem Auto ausgestiegen, wurden wir mit Gummiknüppel und Hundepeitsche 4 Treppen hochgejagt. Da ich infolge einer Krankheit (Grippe, Herzmuskelschwäche) physischen Anstrengungen. nicht gewachsen war, schlugen sie voll Wut auf mich ein, bis ich im letzten Stock war. Ich wurde in einen Korridor hineingestoßen, ich und meine Frau mussten durch ein Spalier von SA-Leuten, die sich mit Schlägen auf uns stürzten. Ich wurde dann in ein besonderes Zimmer gebracht. Ich erklärte, dass es sich bestimmt um ein Missverständnis handelt und bat, Aufklärung geben zu können“
Der Gefangene, der seit 7 Jahren an Berliner Krankenhäusern tätig und zuletzt leitender Arzt einer Fachabteilung im Städtischen Krankenhaus in Neukölln war, erfuhr erst nach längerem Verhör, dass er unter der unsinnigen Anklage stand, Reichspropagandaleiter der Kommunisten gewesen zu sein. Seine Unschuldsbeteuerungen wurden mit Misshandlungen beantwortet. Er berichtet weiter:
„Sie stürzten sich auf mich mit bestialischer Wut, mit Gummiknüppeln, Lederpeitschen und Stahlruten. Sie schlugen vor allem auf den Kopf, sie sprangen auf Tische und Stühle und schlugen erbarmungslos von oben. Blut überströmte mein Gesicht, meine Hilferufe verstummten bald. Einige Schläge mit einer Eisenstange, ein Pfeifen im linken Ohr, ich taumelte und brach bewusstlos zusammen.“
Der Misshandelte erzählt dann weiter, dass er bald in einen lebensgefährlichen Zustand kam, und dass man sich gezwungen Sah. ihm auch ärztliche Hilfe angedeihen zu lassen. Trotzdem er mit einem plötzlichen Versagen des Körpers jeden Augenblick rechnen musste, hat er die geistige Kraft behalten, die Vorgänge um ihn herum genau zu beobachten. Wir geben im Auszug einige der wichtigsten Schilderungen:
„Im Zimmer saßen junge Menschen, mit blassen Gesichtern, manche hatten Kopfverbände. Sie warteten auf das Verhör. Öfters kamen SA-Leute herein und verlangten, dass alle Häftlinge sofort aufsprangen und sie mit ’Heil Hitler’ begrüßten. Die dieser Aufforderung zu langsam nachkamen, wurden unter Peitschenhieben gezwungen, aufzustehen und sich wieder hinzusetzen. Dies wurde 10 bis 15 mal in immer schnellerem Tempo wiederholt. Es kamen SA-Leute und holten aus den Schreibtischschubladen Revolver und Munition. Die Schubladen waren voll Revolvern, und jeder suchte sich einen nach Belieben aus. Andere kamen und suchten die Eintragungsliste für Freiwillige nach Österreich.(!) Ein Mann der einige Tage vorher einen SA-Mann beleidigt hatte, war aus dem Bett geholt worden und in dieser Nacht verhaftet worden. Eine Frau, die einem, der von den Kommunisten zu den Nazis übergegangen war, Gesinnungslosigkeit vorgeworfen hatte, war in ihrer Wohnung verhaftet und hierher geschleppt worden. Plötzlich rief man aus ’Pieck und Ullstein sind verhaftet und werden hierhergebracht!’ Die SA-Leute kamen in eine Wutextase. Sie schwangen die Gummiknüppel in der Luft herum. ’Sie mögen nur kommen!’ Man meldete, der Arbeiter Schulze wäre gekommen, Alle SA-Leute gingen aus dem Zimmer. Eine Viertelstunde lang hörte man sie auf dem Korridor wüten. Dann wurde ein kleiner, ungefähr 30jähriger Arbeiter durch die Tür hereingestoßen. Sein rechtes Auge war voll Blut. Bei dem Verhör gab er zu, Mitglied der „Roten Hilfe“ zu sein. Man beschuldigte ihn, bei der Ermordung eines SA Mannes beteiligt gewesen zu sein. Er bestritt dies. Er sagte, er wäre wegen dieser Verdächtigung schon in der Untersuchungshaft gewesen und freigelassen worden. Es wurde mit Hundepeitschen geschlagen, und es wurde ihm befohlen, jede an ihn gestellte Frage mit ’Jawohl!’ zu beantworten. Man schlug so lange auf ihn ein, bis er ’Jawohl’ sagte. ’Bist Du der Mörder, Du Schuft?’ ’Nein’ erwiderte der Arbeiter. ’Nein?’ Man schlug noch heftiger. Das ganze Gesicht war schon blutüberströmt Er wischte das Gesicht mit dem Ärmel ab. ’Eben hast Du es zugegeben!’ Antwort: ’Dies war erzwungen.’ Sie schlugen ihn wieder. Er wurde gefragt, wieviel Kinder er in die Welt gesetzt habe und mit wieviel Frauen er geschlafen habe. Ob alle Kinder solche Idioten wären wie er. Dann wurde er in die Küche geschickt, um kurz geschoren zu werden, Alg er wiederkam, wurde er einem 80jährigen gebrechlichen Herrn, Pastor aus Lichterfelde, gegenübergestellt. Der weisshaarige alte Herr sollte ihm die Hand reichen und ihn mit ’Guten Tag, Genosse!’ begrüssen. Der Alte reichte ihm seine Hand und sagte: ’Ich drücke Ihre Hand, Sie sind ein leidender Mensch.’ Alle lachten. ’So, du begrüßt einen Mörder!’ Der Alte erwiderte: ’Und wenn, sogar, er ist ein geplagter Mensch, und Ihr seid die Verkörperung der Gewalt und sie ist nicht ewig. Meine Überzeugung können Sie nicht mit Gummiknüppel austreiben. Sie sind national und ich bin international.’ Dieses mutige Benehmen des Greises schüchterte einige der Peiniger ein. Als sich doch welche auf ihn stürzten, wurden sie von andern daran gehindert.“
Welche Qualen inzwischen die Frau des Arztes ausgestanden hat, erhellt aus der Fortsetzung des Berichtes:
„Nach Mitternacht wurde ich durch mehrere Hände in das Vernehmungszimmer geschleppt. Dort traf ich meine Frau, blass wie ein Gespenst. Sie flüsterte mir in ihrer Muttersprache zu: ’Ich kann es nicht mehr aushalten. Ich werde mich aus dem Fenster stürzen! Ich kann nicht mehr! Man will Dich zum Tschekaspion abstempeln und erschießen!’ ’Mach nur keine Dummheiten, nimm Dich zusammen!’ Dieser Wortwechsel löste ein Wutgeschrei bei dem verhörenden SA Mann aus, der sich vor Müdigkeit (Betrunkenheit?) kaum aufrecht halten konnte. Meine Frau wurde hinausgeführt. Mein Zustand wurde schlimmer, und ich verlangte nach einem Arzt. Ich wurde in das Zimmer des Staffelführers gebracht. Auf Verlangen meiner Frau wurde ihr gestattet, mir löffelweise Getränke einzugeben.“
Trotz des kritischen Zustandes des Misshandelten, gab die SA-Abteilung ihre Absicht nicht auf, dem Arzt die Geständnisse zu erpressen, die sie haben wollte. Man schickte ihm einen bulgarisch sprechenden Spitzel, der ihn zum Reden bringen sollte. Der Spitzel war genau im Bilde, wie er sich in der Kaserne benehmen durfte. Der Arzt schreibt darüber:
„Er zog den Revolver heraus und rief: ’Drei Kugeln, eine in die Stirn, eine in den Mund, eine in den Bauch und Schluss und auf den Misthaufen.’ Ich lag stumm und regungslos ... Er hob die geballten Fäuste und schlug mir ins Gesicht: ’In ein paar Minuten ist es mit Ihnen zu Ende. Hier am Fensterbrett werde ich Dich hängen. So habe ich in Kiew gehängt. Nur einige Minuten noch, wenn ich aus dem Zimmer heraus bin, ist es zu spät. Sagst Du es oder nicht! Du elender Schuft! Was tut die Tscheka, was treibt die G.P.U.?’
Ich lag regungslos, mit voller Wucht versetzte er mir einen Fußtritt in den Bauch. Ich verlor die Besinnung.“
Wir bringen in unserem Text die Photographien der Belege, die uns der misshandelte Arzt als Beweis für jene Schreckenstaten mitgebracht hat.
7.22 Sie locken einen Arzt in den Hinterhalt
Wir entnehmen der Saarbrücker „Arbeiterzeitung“ vom 14. 4. folgenden Bericht:
„Am 17. März fand eine der regelmäßigen Zusammenkünfte der Medizinischen Gesellschaft (Berlin) statt. Nach dem Vortrag bat der erste Vorsitzende, Professor Goldscheider, Leiter der Universitätsklinik, ein Mann von 70 Jahren, die Kollegen, noch einige Minuten zu bleiben, weil er ihnen einen besonders interessanten Fall vorzuführen habe. Darauf wurde ein völlig verbundener Patient hereingerufen, und Professor Goldscheider erklärte: ’Meine Herren, dieser Patient ist unser Kollege Dr. Lust. Vorgestern wurde er abends telephonisch zu einem Patienten nach Lichterfelde gerufen. Als er hinkam, wurde er von SA empfangen und so fürchterlich zugerichtet.’ Bei diesen Worten entstand eine ungeheure Erregung in der Versammlung. Der weltbekannte deutschnationale Professor Sauerbruch sprang spontan auf und erklärte sich bereit, das Opfer der SA in seine Klinik zu nehmen. Infolge dieses Erlebnisses verbreitete sich in großen Schichten der Berliner Ärzteschaft eine Panik, denn viele fürchten, dass, wenn sie zu Patienten gerufen werden, ihnen ein ähnliches grauenvolles Schicksal bereitet werden könnte.“
7.23 Eine fünfzigjährige Frau wird gepeitscht
(Zeugenbericht Photodokument.) In der Nacht vom Montag, dem 20. Marz zum Dienstag, dem 21. März, wurde die sozialdemokratische Stadträtin Marie Jankowski (Bergmannstr. 18, Berlin-Köpenick) in ihrer Wohnung überfallen. Ein Auto der Wäscherei Miethke, (Köpenick, Karlstraße) hielt vor dem Hause. Zwanzig SA-Leute sprangen ab und erbrachen die Haustür, besetzten Hausflur und Treppe. Sechs Mann drangen mit vorgehaltenem Revolver in die Wohnung ein. Frau Jankowski wurde zusammen mit zwei kommunistischen Funktionären, die bereits im Auto festgehalten wurden, zum Verkehrslokal der Köpenicker SA (Elisabethstraße 29) gebracht.
In einem Schuppen auf dem Hof wurde sie gezwungen, sich nackt auszuziehen, und auf eine Holzpritsche gelegt, die mit einen schwarz-rot-goldenen Fahne bedeckt war. Vier Mann hielten sie fest, einer drückte ihr Gesicht in ein Bündel alter Lumpen. Zwei Stunden lang wurde die 50jährige Frau erbarmungslos mit Knüppeln, Stahlruten und Peitschen geprügelt.
Nach der Tortur wurde Frau Jankowski auf die Straße gesetzt. Um fünf Uhr früh fanden sie Passanten und brachten sie in einer Taxe nach Hause. Die Ärzte stellten fest, dass Lebensgefahr bestand. Eine Niere war abgeschlagen worden. Buchstäblich keine einzige Stelle am Körper war heil geblieben.
Im Antoniusspital in Karlshorst gab Frau Jankowski folgende Aussagen zu Protokoll:
Während ich geschlagen wurde, befahl man mir immer wieder, Adressen und Namen von Arbeitern anzugeben. Ich musste die Farben der Republik aufzählen und für Schwarz-Rot-Gold sollte ich Schwarz-Rot-Scheiße sagen. Es wurden mir Fragen gestellt wie: Hast Du Geld vom Wohlfahrtsamt bekommen? Hast Du Kommunisten aufgenommen und gefüttert? Hast Du Schuhe von Arbeitslosen gestohlen? Hast Du eine Boykottliste von Nazigeschäften vorbereitet? Jedesmal wenn ich verneinte, erhielt ich eine Tracht Schläge. Wenn ich schrie, drückte der fünfte der Peiniger mein Gesicht in die Lumpen. Nachdem ich mindestens hundert Schläge erhalten hatte, fiel ich von der Pritsche herunter. Ich wurde wieder hochgerissen und so heftig ins Gesicht geschlagen, dass ich in eine Ecke stürzte. Dabei wurde mein Knie verletzt. Dann musste ich zusammen mit den beiden kommunistischen Arbeitern, die ebenfalls gefoltert wurden, singen „Deutschland, Deutschland über Alles “. Ich wurde gezwungen, eine Erklärung zu unterschreiben, dass ich aus der SPD austreten, dass ich niemals mehr politisch tätig sein und mich jeden Donnerstag bei der Nazi-Befehlsstelle melden würde. Darauf trat ein Wechsel in meiner Behandlung ern. Ich erhielt ein Glas Wasser. Meine Kleider wurden ausgebürstet und zurückgegeben. Der Sturmführer befahl einem SA–Mann „die Dame hinauszuführen“. Der Mann stützte mich, als ich zu fallen drohte und schloss die Tür hinter mir mit einem höflichen „Guten Abend“.
Der Gatte erstattete Anzeige bei der Polizei, erhielt aber die Auskunft, das die Polizei machtlos sei.
Was hat die jungen Burschen zu der unmenschlichen Grausamkeit veranlasst, die hier in Bild und Protokoll festgehalten ist? Sie marterten eine Frau, die seit Jahren an verantwortlicher Stelle Not gelindert hatte, die dem Alter nach ihre Mutter sein konnte. Man sage nicht, dass es sich um einen privaten Racheakt handelte. Die Burschen schlugen die nackte Frau ja nicht nur, sie fragten nach Adressen der SPD. Sie handelten im Auftrag der SA–Führung. Die Führung hat das Verbrechen nicht nur gedeckt, sie hat sogar, als der Fall im Ausland bekannt wurde, gegen die todkranke Frau, die ihr Leben lang an den Folgen der Folter leiden wird, ein Verfahren wegen „Verbreitung von Greuelmeldungen“ angestrengt.
7.24 Nervenarzt nach Misshandlungen des Landes verwiesen
Am Dienstag, dem 21. März ist der Nervenarzt Dr. Fraenkel, dessen Patientenkreis sich hauptsächlich aus proletarischen Schichten zusammensetzte, in seiner Berliner Wohnung von einer größeren SA-Abteilung verhaftet worden. Er wurde in die Nazikaserne, General Papestraße, gebracht und dort bis Donnerstag festgehalten. In den zwei Tagen wurde er mehreren Verhören unterworfen und immer wieder mit Stahlruten und Hundepeitschen geschlagen. Die Spuren der Misshandlungen und eine durch Peitschenhiebe verursachte Augenverletzung sind nach der Entlassung Dr. Fraenkels einwandfrei festgestellt worden. Dr. Fraenkel ist am Donnerstag, dem 23. März, entlassen worden, nachdem er für sich und seine Frau einen Revers unterzeichnet hatte, durch den er sich verpflichtete, Deutschland sofort und für immer zu verlassen.
Dr. Fraenkel, der diesem erpressten Zugeständnis nachkam und nun in der Emigration lebt, berichtet u. a. über die Vorgänge in der Nazikaserne folgende Details:
„Während meines Aufenthaltes sind in dem Raum, in dem ich mich befand, ungefähr 15 junge Arbeiter eingeliefert worden. Ich bezeuge, dass diese jungen Arbeiter auf die grauenvollste Weise misshandelt worden sind, Als Arzt kann ich die Ansicht vertreten, dass mindestens 8 von ihnen schon ihren Verletzungen in der General–Papestraße erlegen sein müssen. Die Arbeiter sind, nachdem man sie gebunden und mit brennenden Zigaretten in die Fußsohlen gebrannt hat, von den SA-Leuten noch stundenlang grausam gefoltert worden. Gleichzeitig mit mir war ein Dr. Philippsthal aus Berlin–Biesdorf eingeliefert worden. Dieser Kollege wurde schwer verwundet. Ich hege schwerste Bedenken am Aufkommen dieses Arztes.“ (Dr. Philippsthal wurde am 23. 3. nach dem Urbankrankenhaus überführt und ist dort tatsächlich gestorben.)
7.25 Reichsbannerleute und Funktionäre in der Folterkammer
In den Dementis der Naziregierung wird immer wieder der Versuch gemacht, die Exzesse in den SA-Kasernen als Willkürakte einzelner SA-Leute darzustellen. Wir bringen hier mehrere Berichte aus der Stadt Kassel, aus denen einwandfrei hervorgeht, in wie engem Zusammenhang die Misshandlungen mit der offiziellen Führung der SA erfolgen. Man hat sich nicht viel Mühe gegeben, Verhör und Misshandlung, die in verschiedenen Räumen des gleichen Hauses stattfanden, von einander abzugrenzen. Häufig liest man, dass die Verhafteten nach einem ausnahmsweise gelinden Verhör „entlassen“ wurden, dann aber bereits auf der Treppe von der SA zur „Nachbehandlung“ ergriffen und in den Keller geschleppt wurden.
Der Reichsbannerführer Hans Quer gibt zu Protokoll:
„Am 24. 3. 33, kurz nach 1 Uhr, von 4 SA-Leuten und einem Zivilisten aufs Dienstzimmer 51 aufs Rathaus geholt, ’Herr Quer, Sie müssen mitkommen.’ Am Handgelenk von zwei Leuten festgehalten, Freitreppe hinuntergeführt. Von mehreren SA-Leuten, die oben auf der Treppe standen, wurde zum Publikum gerufen ’Jetzt kommt der Reichsbannergeneral Quer!’ In die Bürgersäle geführt. Namen des einen begleitenden SA-Führers Dippel (Steinhäger–Vertreter, zuletzt am Wohlfahrtsamt beschäftigt, Unterschlagung begangen, entlassen und zu 4 Monaten Gefängnis verurteilt). Von einem SA-Mann nach Personalien gefragt, desgleichen nach Parteizugehörigkeit. Hierauf Mitteilung, dass ich entlassen sei. Auf dem Gang hielten mich 2 SA-Leute an, dass ich noch nicht gehen könne. Einer ging ins Zimmer zu dem SA-Mann, der die Personalien notiert hatte. Kam nach kurzer Zeit wieder, machte eine Handbewegung, die andeuten sollte, dass ich in den Keller gebracht würde. Dort wurde ich von 10 bis 15 SA-Leuten in Empfang genommen, die mich aufforderten, sofort Mantel und Hut auszuziehen. Danach gewaltsam in einen dunklen Keller geführt, in dem eine Pritsche stand. Ein SA-Mann ging mit einer Taschenlaterne voraus und leuchtete. Die Lampe ging aus. Gewaltsam über eine Pritsche geworfen und mit Gummiknüppeln in einer geradezu viehischen und bestialischen Weise 10 bis 15 Minuten mindestens geschlagen. Als ich halbbewusstlos von der Pritsche herunterfiel, und bat, doch menschlicher mit mir umzugehen, wurde mir hohnlachend geantwortet; und gleich darauf setzten die Schläge noch viel stärker ein. Als ich beim Verlassen des Kellers nicht rasch genug ging, wurde mir gesagt: ’Sie haben noch zu wenig bekommen. wenn Sie sich nicht beeilen, werden Sie noch einmal zurückgeführt.’
Stadtsekretär Martin Meyer, 30 Jahre, Böttnerstraße 4, wurde am 24. 3. von SA um 1 Uhr, aus dem Vollstreckungsamt der Stadt Kassel, wo er tätig ist, geholt und in die Bürgersäle in der oberen Karlstraße gebracht. Dort wurde er in einen dunklen Keller geführt, auf eine Pritsche gelegt und mit einer kurzen Unterbrechung etwa 1 2 Stunde mit Gummiknüppeln geschlagen. Schwere Schläge u die Nase und auf das rechte Auge. Kaschel Seppel, Gewerkschaftssekretär, Kassel, Schillstr. 14, am 23. 3. 33 nachmittags 5 Uhr zusammen mit Gewerkschaftssekretär Gerke aus dem Gewerkschaftshaus von 8 SA-Leuten angeblich zum Verhör in die Bürgersäle geholt. Im großen Saal festgehalten. Schreie aus Unterraum gehört. Eine Stunde gewartet. Von 8 Mann in den dunklen Keller geführt, über Tisch gelegt, in drei Abständen von 6 Mann mit Gummiknüppel geschlagen. In ärztlicher Behandlung. Zur Zeit noch bettlägrig. Vermutlich Nierenverletzung. Blutiger Urin, Rücken, Gesäß, Oberschenkel getroffen. Ball, Heinrich, Kaufmann, Kassel, Ludwigstraße 2, im Laden am 24. 3. 33 von 4 SA-Leuten gegen 3 Uhr verhaftet und nach den Bürgersälen gebracht. Auf der Straße schon geschlagen worden. Mit Erschießen bedroht, falls Fluchtversuch. In den Bürgersälen misshandelt. Auf entblößtem Körper (Hose heruntergezogen) 1 4 Stunde mit Gummiknüppel geschlagen worden. Seitdem bettlägrig im Landeskrankenhaus in Kassel. Der Geschäftsführer an der Ortskrankenkasse Kassel, Christian Wittrock, Kassel, Luisenstraße 20, in den 40er Jahren, wurde am 24. 3. 33 von zwei SA-Leuten aus seinem Büro geholt. Über die Rathausfreitreppe geführt, dann durch die Menschenmenge hindurch nach den Bürgersälen in der oberen Karlstraße. Dabei schon getreten und geschlagen. In den Bürgersälen wurden zuerst seine Personalien von SA aufgenommen und dann gesagt: ’Wittrock ist entlassen.’ Er wurde dann, anscheinend, als wenn er entlassen werden sollte, aus dem Saal geführt, aber nicht aus dem Hause heraus, sondern überraschend in einen dunklen Keller gebracht, dort auf eine Pritsche gelegt und mit Gummiknüppeln misshandelt. Zwei Schläge auf den Kopf, Blutergüsse im Rücken, Gesäß und Oberschenkeln. Kleidung beschmutzt, teilweise zerrissen, ebenfalls Schuhe. Dann nochmals in den Saal gebracht und dort ein zweitesmal misshandelt. In ärztlicher Behandlung.“
7.26 Auch Offiziere verfallen der Feme
„In der zweiten Woche des März wird der Oberleutnant a. D. Anhalt, jetzt als Bezirksvermesser tätig, wohnhaft Berlin-Tempelhof, Germaniastraße 12, von 3 SA-Leuten und einem Zivilisten in seiner Wohnung verhaftet. Er alarmiert sofort das Überfallkommando, das auch erscheint, aber ein Eingreifen ablehnt. Die SA-Leute transportieren Anhalt zum Untergruppenkommando Ost, Hedemannstraße. Dort wurde er zuerst von dem Zivilisten der Gruppe geschlagen, weil er gewagt hatte, das Überfallkommando anzurufen. Daraufhin wurde er in einen Raum geführt, wo bereits 12 bis 13 Mann auf Stroh lagen. Ein SA-Mann, der den Namen ’Oberfahrer’ hatte, nahm den Oberleutnant in Empfang. Es wurde gar nicht mehr davon gesprochen, dass Anhalt beschuldigt war, das Reichsbanner illegal in Waffen ausgebildet zu haben. ’Oberfahrer’ wusste nur, dass er einen früheren Offizier vor sich hatte. Er begann mit 2 Helfershelfern die Execution und hielt nicht eher ein mit dem Prügeln, bis Anhalt das Blut aus Mund und Nase lief. Dann hob er den Schwerverwundeten hoch und zeigte ihn den stöhnend am Boden liegenden anderen Gefangenen mit den Worten: ’Seht her, das Schwein ist Oberleutnant und kann vor Angst nicht gerade stehen.’ Da Anhalt ihn Lügen strafte, indem er sich aufrichtete, stieß ihn der SA–Mann in die Kniekehlen. Er wiederholte das so lange, bis Anhalt zusammenstürzte. Eine neue Prügelei folgte, die aber noch immer nicht die Haltung des Gefangenen in dem gewünschten Maße zu verändern schien. Anhalt erlitt stumm die Schläge, sodass der SA–Mann in ohnmächtige Wut geriet: ’Wirst du brüllen, du Hund!’ schrie er und schlug so lange auf Anhalt ein, bis er bewusstlos war. Dann warf er ihn aufs Stroh zu den andern Gefangenen.“
7.27 Nur ein Nervenzusammenbruch
Otto Gerke, kam 3 1 2 Uhr ins Kasseler Gewerkschaftshaus, von 3 Hilfspolizisten angeredet. Nr. 1 sagte: ’Das ist auch so ein Kerl.’ Nr. 2: ’Den werden wir uns holen.’ Nr. 3: ’Das ist Gerke vom DM–Verband.’
„Um 4 Uhr kamen 4 SA–Leute ins Büro. ’Herr Gerke?’ ’Ja.’ ’Ziehen Sie sich an, Sie müssen mit zum Verhör.’ Auf Frage, ob Polizeipräsident unterrichtet sei, Antwort: ’Ja.’ Mit 8 SA-Leuten durch Spohrstraße in die Bürgersäle gebracht ... Erst auf Wache geführt, dann oben im Saal nach Waffen durchsucht. Um 1 2 bis 3 46 Uhr wurde ich aufgerufen. Von 2 SA–Leuten die Treppe hinuntergeführt in den Kellergang, wo auf der rechten Seite mehrere Fahrräder standen. Darauf Mantel und Hut ablegen. In 12 Stufen tiefen Keller geführt. Im Keller über bereitstehenden Tisch geworfen. Kopf und Arme festgehalten und 15 bis 20 Minuten mit Gummiknüppel misshandelt. Emporgerissen, sollte ich ’Heil Hitler’ rufen, was ich nicht vermochte. Hausarzt sofort angerufen, stellte heftige Blutergüsse und Nervenzusammenbruch fest.“
Abschrift des Attestes.
Kassel, den 28. 3. 33 Ich bescheinige hiermit, dass ich Herrn Otto Gerke, in Kassel, Yussowstraße behandele wegen großer Blutergüsse, die die Gegend beider Arme, die Oberschenkel an der Hinterseite, die Kniekehlen und auch noch die Unterschenkel hinten umfassen. Nach oben reichen die Blutergüsse bis in die Nierengegend. Ich behandele Herrn Gerke seit dem 24. 3. 33. Er ist nicht in der Lage, seinen Dienst auszuüben und muss im Bett liegen.
gez. Unterschrift
7.28 Hetzfilm statt Mittagessen
„Am Montag, den 3. April morgens um 7 Uhr, wurde ich von zwei SS-Leuten verhaftet. Obschon sich bei der Vernehmung herausstellte, dass kein Grund zu meiner Verhaftung vorhanden war, wurde ich mit zwei anderen Gefangenen in einen Eiskeller gebracht. Das war ein Raum unter der Erde, etwa 3 m lang und 2 m breit. Es kamen weder Luft noch Licht in dieses Loch. Wir erkannten uns nur, wenn wir ganz dicht voreinander standen und uns anfassen konnten. Wir litten sehr bald unter Atemnot und versuchten uns durch Hinlegen zu erholen. Die einzige Lagermöglichkeit war ein altes Feldbett, ohne Decke und Matratze. Ein paar Kartoffelsäcke lagen herum, die wir als Decken verwendeten. Es gab kein Trinkwasser, und auch Waschwasser verweigerte man uns. Die Mahlzeiten waren eine Qual und das Essen war immer kalt. Einer der Mitqefanqenen, ein Jude, hatte bei der Vernehmung den Befehl erhalten, jeden SA-Mann bei seinem Eintritt mit dem Ruf zu begrüßen: ’Ich will nach Palästina!’ Mir tat er sehr leid, weil ich an seiner Stimme merkte, wie schwer ihm diese Demütigung wurde. Donnerstag, nachts um 1 212 Uhr, wurden wir endlich aus dem Keller entlassen und in einen Schulsaal gebracht. Am Freitag schien es, als sollten wir die Freiheit wieder bekommen. Aber man machte sich nur ein Schauspiel mit uns. Die faschistische Bevölkerung der Umgegend war augenscheinlich von den SA-Leuten alarmiert worden. Als wir in die Autos verladen wurden standen sie Kopf an Kopf vor der Schule und empfingen uns mit höhnischen Rufen. Sie mussten sehen, dass es uns allen nicht besonders gut ging, aber sie amüsierten sich mit unserm Elend. Zu unserm Erstaunen wurden wir in ein Kino gefahren. Der Film, den man uns zeigte, hieß: ’Blutendes Deutschland’. Das war eine einzige Hetze gegen Frankreich. Auch die Erschießung Schlageters kam darin vor. Einer der anwesenden Nazis fing an, eine Rede zu halten. Er hat sich eingebildet, uns überzeugen zu können. Aber uns hat viel mehr die Tatsache überzeugt, dass wir an diesem Tage nicht einmal ein Mittagessen bekamen. Freitag nacht um 12 Uhr, wurde ich plötzlich von 2 SA–Leuten wieder geholt und auf die Wache gefahren. Ich konnte auch dort ihre Fragen nicht zu ihrer Zufriedenheit beantworten. Der Polizeikommissar gab Beehl, mich wieder fortzubringen. Nach einer Stunde holten mich zwei SS–Leute ab, aber es ging nicht wieder ins Haftlokal zurück, sondern sie fuhren mich in den Wald Auf einmal stoppte das Auto. Ich wurde herausgerissen und auf den Boden geworfen, dann fragten sie: ’Wo sind die Waffen?’. Ich sagte: ’Ich weiß keine.’ Dann ging die Prügelei los. Mein Gesicht wurde ins Gras gedrückt. Ich roch die feuchte Erde, hatte Sand in den Zähnen, und auf meinem Rücken knallten die Gummiknüppel. Das Schrecklichste war, dass ich jeden Augenblick dachte, jetzt kommt der letzte Schlag. Nach einer Weile ließen sie nach und von neuem hieß es: ’Wo sind die Waffen?’ Ich wollte sie schon anspringen, weil mir plötzlich alles egal war, aber da drehten sie sich wieder herum, und jetzt merkte ich, dass sie sich schon müde geschlagen hatten. Plötzlich ließ die Faust los, die meinen Hinterkopf an den Boden gepresst halte, ein furchtbarer Schlag traf meinen Schädel und ich verlor die Besinnung. Als ich wieder aufwachte, waren sie weg. Ich schleppte mich nach Hause. Ich ließ einen Arzt holen. Er war aber so feig, dass er sich weigerte, ein Attest auszustellen.
Es ist ja auch alles Schwindel, was sie da als Gegenmaßnahme versprechen, auch mit ihren Sonderkommandos, die vor unberechtigten SA–Angriffen schützen sollen, weil sie nur den Leuten Sand in die Augen streuen. Ich habe das Grauen gekriegt, als ich dann einen andern Freigelassenen sprach, der mir erzählte, er hätte einen Revers unterschreiben müssen, dass er nicht misshandelt worden sei. Kaum hatte er unterschrieben als man ihn aufs Neue schlug und ihm dabei höhnisch zurief: ’Jetzt haben wir ja deine Unterschrift, dass Dir nichts passiert ist.’ “
7.29 Auch Kriegsbeschädigte verfallen der Folter!
In der zweiten Hälfte des März rückten SA–Truppen beim Berliner Elektrizitätswerk, Schiffbauerdamm an. Sie besetzten das Gebäude, hinderten die Angestellten am Weggehen, verhafteten alle Betriebsratsmitglieder und brachten sie in eine SA–Kaserne. Die Leitung der Bewag versuchte mehrere Stunden vergeblich die Polizei zum Einschreiten zu bewegen. Erst am nächsten Tag gelang die Freilassung durch direkte Verhandlungen mit den Nationalsozialisten. Die 13 Arbeiter erzählen, dass man sie gezwungen hat, stundenlang in militärischer Formation herumzumarschieren und immer wieder das „Deutschland1ied“ zu singen. Widerstand wurde mit vorgehaltenem Revolver gebrochen. Die Tortur wurde von allen um so unmenschlicher gefunden, als unter den Arbeitern zwei Schwerkriegsbeschädigte waren, die später vor Erschöpfung zusammenbrachen. Wie bei allen Freilassungen mussten auch diese Arbeiter Reverse unterschreiben, dass sie einwandfrei behandelt worden seien. Ein 24jähriger Arbeiter aus Berlin (Name im Archiv) wurde am Montag, den 27. März, spät abends von SA abgeholt und nach der Hedemannstraße gebracht. Er wurde dort bis Mittwoch gefangen gehalten und mehrmals mit der Reitpeitsche geprügelt, weil er sich weigerte, Namen von politischen Freunden anzugeben. Gleichzeitig mit ihm verschleppten die Nazis seinen schwer kriegsbeschädigten Vater. Der Sohn musste zusehen. wie der alte Mann ebenfalls mit Peitschen geschlagen wurde. Aus den Attesten entnehmen wir, dass beide Gesichtswunden hatten, die Nasen verschwollen waren und Nacken und Gesäß über und über mit Striemen bedeckt waren.
7.30 Er muss sein eigenes Blut auflecken
In der Brotfabrik Wittler Berlin–Norden tat in einem Gespräch der 21jährige Mitfahrer Ziegler am 24. März 1933 in der Fabrikkantine eine antifaschistische Äußerung. Der SA–Mann Müller, der auch bei Wittler arbeitet, erfuhr diese Äußerung, mobilisierte die SS-Staffel aus der Gentherstraße. Diese lauerte dem Ziegler auf, hielt ihm sofort die Pistole vor die Brust und drohte ihm, bei Fluchtversuch scharf zu schießen. Ziegler wurde dann von den SS–Leuten verschleppt. Was mit ihm weiter geschah, erzählte höhnisch ein SS–Mann: „Der hat mit seinem eigenen Koppel so lange gekriegt, bis das Koppel entzwei ging, dann hat er sein Blut aufgeleckt. Dann haben wir ihm die Zunge mit der Bürste wieder sauber gemacht, und der Staffelführer hat ihm gesagt: ’Du Aas befindest Dich jetzt auf Hitlers Boden, und der wird dir auch noch heilig werden.’“
7.31 Ein wahrer Arier lernt das Dritte Reich kennen
Wie wir an anderer Stelle schon berichtet haben, wurde in der letzten Aprilwoche der Neffe des indischen Dichters Rabindranath Tagore unter dem Verdacht, ein Attentat auf Hitler geplant zu haben, in Süddeutschland verhaftet. Die Schilderung, die er von dem Gefängnis des „Dritten Reiches“ gibt, darf wohl den Anspruch erheben, so unparteiisch zu sein, wie keine andere. Tagore musste, nachdem er Erniedrigungen und Misshandlungen einige Tage erduldet hatte, freigelassen werden. Er berichtet:
[Hier folgt im Original der Bericht von Saumyendranath Tagore (1901–1974), der aus urheberrechtlichen Gründen nicht wiedergegeben wird.]
7.32 Dokumente, die nicht einmal Goebbels dementieren kann
Der völlig unpolitische Filmjournalist Kurt Haas wird am 28. Februar nachts in seiner Wohnung von Zivilisten verhaftet. Er weigert sich, den Leuten zu folgen, die außer einem SA-Ausweis, kein amtliches Papier vorzeigen können. Man droht ihm mit sofortiger Erschießung, man knebelt ihn und verprügelt ihn in seinem Bett, fesselt ihn und verschleppt den schon Schwerverwundeten in einem Auto. Eine Schupowache, die der empörte Chauffeur unterwegs plötzlich anruft, rettet Haas. Er wird im Staatskrankenhaus verbunden und freigelassen. Ein bedauerlicher „Irrtum“? Bis hierhin hat der Fall nichts besonderes an sich. Haas beschwert sich beim Innenministerium, und nun gewinnt sein Fall eine besondere Bedeutung. Obwohl die verhaftende SA in keiner Weise nachweisen konnte, dass sie im amtlichen Auftrag handelte, wird sie nachträglich vom Ministerium völlig gedeckt. Wir veröffentlichen die Antwort des Goering-Ministeriums im Wortlaut:
Der Preußische Minister des Innern SA-Verbindungsführer Brb. Nr. 29/33. Berlin, den 13. März 1933 Herrn Curt Haas Berlin-Wilmersdorf Ihr an den Herrn Minister des Innern gerichtetes Schreiben vom 4. 3. 1933 ist mir zuständigkeitshalber zur weiteren Bearbeitung und Veranlassung übergeben worden. Ich habe festgestellt, dass die in ihrem Schreiben gemachten Angaben vielmehr in wesentlichen Punkten unzutreffend und entstellt sind. Die SA war durchaus berechtigt und hat weisungsgemäß gehandelt, Sie in Schutzhaft zu nehmen. Sie haben nach den von mir angestellten Ermittlungen, nachdem sich die SA, wie sie selber zugeben, als solche ausgewiesen hatte, auch zunächst den Verhältnissen entsprechend sich benommen. Nachdem Sie sich auf Aufforderung der SA angekleidet hatten, haben Sie aber dadurch, dass Sie auf die SA–Angehörigen plötzlich unter lautem Toben und Schreien selbst einzuschlagen begonnen hatten, und dass Sie einen SA-Mann derartig in den Finger bissen, dass die Verletzung noch heute nicht geheilt ist, es selbst verschuldet, dass Ihr Widerstand zwangsweise gebrochen werden musste. Nach meinen Feststellungen ist das Maß des angewandten Zwangs nicht höher gewesen, als es zur Brechung Ihres Widerstandes erforderlich war. Ich habe keinerlei Veranlassung, gegen die beteiligten SA-Führer und SA–Männer irgend etwas zu unternehmen, muss vielmehr dem verletzten SA–Mann es vorbehalten, seinerseits gegen Sie vorzugehen Herrn Kriminalrat Heller, auf den Sie sich berufen, habe ich Durchschlag dieses Schreibens zur Kenntnisnahme übersandt.
Der SA-Verbindungsführer im Preußischen Ministerium des Innern gez. Dr. Heyl, Sturmbannführer
Wer einem Mörder in letzter Todesangst die Zähne in die Finger schlägt, hat sich schuldig gemacht und verdient neue Bestrafung. Die Beschwerde eines Bürgers beantworten Minister mit einer Mordhetze. Hier spricht das neue Gesetzbuch des dritten Reichs.
Wer von der SA. überfallen wurde, der soll wissen, dass er vogelfrei ist. Dieses Dokument dürfte geschichtlichen Wert besitzen. Es ist ebensowenig zu widerlegen, wie jene offizielle Meldung aus Bielefeld, die im übrigen zeigt, wie ungestraft man in Deutschland von seinen Verbrechen reden kann.
„Bielefeld, 3. April 1933. Der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete und Stadtrat Schreck wurde gestern verhaftet; er liegt zur Zeit im Krankenhaus.“
Ein klassisches Zeugnis. Verhaftung ist identisch mit schwerer Verletzung. Da nützt kein Dementi mehr. Die Hitlerpolizei hat selbst ihre Anklageschrift geschrieben.