Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitler-Terror (1933)
인물빌리 뮌첸베르크, 마리뉘스 판데르루버, 헤르만 괴링, 요제프 괴벨스, 아돌프 히틀러, 에른스트 룀, 에트문트 하이네스, 게오르기 디미트로프, 파울 힌덴부르크, 프란츠 폰 파펜, 쿠르트 폰 슐라이허, 하인리히 브뤼닝, 알프레트 후겐베르크, 그레고어 슈트라서, 빌헬름 프리크, 로베르트 라이, 오토 벨스, 알베르트 아인슈타인, 마그누스 히르슈펠트, 에른스트 톨러 용어갈색책 (1933), 독일 국회의사당 화재 (1933), 국회의사당 화재 법령, 국회의사당 방화 재판 (1933), 돌격대 (SA), 친위대 (SS), 강제적 동질화, 1933년 나치 분서, 성과학 연구소 사건나치 집권과 수권법, 독일 성개혁 운동과 나치의 파괴 (1897~1935)
9 Vierzigtausend Männer und Frauen in Konzentrationslagern
Nach den verschiedenen Pressemeldungen und Veröffentlichungen muss Anfang Juli die Gesamtzahl der politischen Gefangenen in Hitlerdeutschland auf 60-70.000 geschätzt werden. Davon sind 35-40.000 Frauen und Männer in Konzentrationslagern untergebracht. Welche Rechtsgrundlage haben diese Konzentrationslager im faschistischen Deutschland? Da im faschistischen Deutschland jede Rechtsgrundlage aufgehoben ist, ist es selbstverständlich, dass auch für die Errichtung von Konzentrationslagern keine gesetzliche Grundlage vorhanden ist. Es besteht nicht einmal ein Gesetz oder eine Verordnung, die die Rechte der Gefangenen in den Konzentrationslagern regelt. Schon dadurch charakterisiert sich die Einrichtung von Konzentrationslagern in Deutschland als schlimmster Willkürakt der Hitler–Regierung. Auch über die Dauer der Haft der Gefangenen besteht keinerlei gesetzliche Regelung oder Verordnung.
9.1 „Bis der Führer sich ihrer erbarmt!“
In einem Artikel vom 8. Mai 1933, der sich ausführlich mit den Konzentrationslagern in Deutschland beschäftigt, meldet die „Neue Züricher Zeitung “, dass die Gefangenen in leicht und schwer erziehbare Staatsbürger geschieden werden, und dass die ersteren ein Jahr, die letzteren drei Jahre in Schutzhaft bleiben. Es handelt sich hier aber nicht um eine authentische Nachricht, sondern um eine persönliche Meinung des betreffenden Berichterstatters. Es gibt keine gesetzliche Regelung. Die Verbannung in die Konzentrationslager, die Dauer der Haft in den Konzentrationslagern wird lediglich bestimmt durch die absolute Willkür der faschistischen Ober– und Unterführer.
Am treffendsten werden diese ungeheuerlichen Zustände gekennzeichnet von dem nationalsozialistischen Unterführer Leutnant Kaufmann, einem der Leiter des Konzentrationslagers Heuberg in Baden. Leutnant Kaufmann erklärte Ende April dem Berichterstatter der dänischen Zeitung „Politiken“ auf die Frage „Wie lange wollen Sie die Gefangenen hier halten?“:
„Bis der Führer sich ihrer erbarmt.“ Die „Deutsche Allgemeine Zeitung“ vom 30. April 1933 bringt eine Bestätigung dieser Meldung des Leutnants Kaufmann, indem sie schreibt:
„... es werde für viele Gefangene mit der Freiheit böse Weile haben, weil der Wille der Gefangenen nicht leicht zu brechen sei.“
9.2 Wenn ich wenigstens wüsste, weshalb man mich gefangen hält!“
Die Frauen und Männer, die in den deutschen Konzentrationslagern interniert werden, sind selbst im Sinne des faschistischen Staatsprinzips völlig schuldlos. Alle sozialistischen und kommunistischen Arbeiter und Führer, die sich nach Ansicht der Hitler–Regierung gegen die Gesetze des faschistischen Gewaltregimes vergangen haben, werden nicht in Konzentrationslager gebracht, sondern in Gefängnisse und Zuchthäuser gesperrt und durch Ausnahme- und Sondergerichte verfolgt und abgeurteilt. In die Konzentrationslager kommen nur solche Männer und Frauen, die der Faschismus für politisch verdächtig halt, gegen die aber selbst die faschistischen Staatsanwälte keine Handhabe zu einer strafrechtlichen Verfolgung finden können. Die Gefangenen in den Konzentrationslagern haben keinerlei Delikte begangen. Man hat sie zum größten Teil sofort nach dem Reichstagsbrand und nach den Wahlen vom 5. März verhaftet, sodass sie selbst beim besten Willen keine Aktion gegen das faschistische Regime führen konnten. Immer wieder klingt dies in den Gefangenenbriefen an. In einem Bericht der dänischen Zeitung „Politiken “, der Ende April erschien, wurden einige Briefe aus Konzentrationslagern veröffentlicht:
„Wenn ich wenigstens wüsste, weshalb man mich hier gefangen hält“, schreibt ein junger Arbeiter.
„Nur anonyme und persönliche Rache kann der Grund meiner Einkerkerung sein“, schreibt ein verhafteter Arzt.
„Ich habe mir nichts vorzuwerfen, ich weiß überhaupt nicht, warum ich festgenommen wurde“, lautet eine andere Stimme.
Was für Nichtigkeiten ausreichen, um jemanden ins Konzentrationslager zu bringen, zeigt der Fall des jüdischen Religionslehrers Karl Krebs in Dinkelsbühl-Bayern. Krebs ist tschechischer Staatsangehöriger und lebt seit seinem ersten Lebensjahr in Deutschland. Gegen ihn erging folgender
„Haftbefehl: Der jüdische Rel.-Lehrer Karl Krebs in Dinkelsbühl (tschech. Staatsangehöriger) wird in Schutzhaft genommen. Krebs hat am 29. März 1933 einige Hühner geschächtet wodurch er eine sehr große Missstimmung in der Bevölkerung hervorgerufen hat. Wenn auch keine strafbare Handlung vorliegt, so hätte Krebs doch bei der starken Erregung der Bevölkerung über die Hetzpropaganda der Juden im Auslande eine derartige Handlung unterlassen sollen. Die Erregung in der Bevölkerung ist derartig, dass Krebs in Schutzhaft genommen werden muss, um ihn vor tätlichen Angriffen zu bewahren. Die Anordnung der Schutzhaft erfolgte im Benehmen mit dem Beauftragten der Obersten SA-Führung, Herrn Bürgermeister Ittameyer in Wassertrüdingen. Dinkelsbühl, den 29. März 1933. Bezirksamt i. V. gez. Ittamayer.“
Der Mann sitzt heute noch in Haft.
In allen zivilisierten Staaten gilt der Grundsatz nullum crimen, nulla poena sine lege. Nicht die schlechte Gesinnung, nicht die Gefährlichkeit, nur der tatsächliche Gesetzesverstoss, die Schuld wird bestraft. Kein Strafgesetz kann sich deshalb rückwirkende Kraft beilegen. Darin sind sich ausnahmsweise alle Strafrechts schulen einig, die klassische und die inoderne, Deterministen und Vertreter der Spannungslehre. Dieser Grundsatz, den auch das neue russische Sowjet–Strafgesetzbuch von 1927 generell normiert, hat in §2 des geltenden deutschen Reichsstrafgesetzbuches von 1871 seine gesetzliche Verankerung erfahren. §2, RStGB. ist bis heute durch die gesetzgebende Körperschaft nicht aufgehoben, also in Kraft. Die Verhaftungen und Verschleppungen von Frauen und Männern in deutsche Konzentrationslager sind gesetz– und rechtswidrig nach deutschem Recht und Gesetz.
9.3 Züchtigung der Gefangenen als Zweck der Konzentrationslager
Über den Zweck der Konzentrationslager erklärt der nationalsozialistische Hauptmann Buck, Leiter des Heuberger Konzentrationslagers, dem Berichterstatter der Zeitung „Politiken “, wie dieser in seinem Ende April veröffentlichten Aufsatz mitteilt:
„Es gilt, die Gefangenen zu züchtigen.“
Die Gefangenen müssen sich, wie aus Briefen von Entlassenen hervorgeht, in einzelnen Lagern in militärischer Form als „Sträfling X“ melden. Man hat ihnen sogar, nach den Vorschriften über Zuchthausstrafe, die Köpfe kahlgeschoren. Der Londoner „Daily Telegraph “ vom 27. April 1933 bestätigt diese Tatsache in einem Kabel seines Wiener Korrespondenten R. G. Geyde. Die Sträflinge haben keinen Richter gesehen und werden keinen sehen. Die nationalsozialistischen Führer haben wiederholt erklärt, dass es sich um eine reine Verwaltungsmaßnahme, um Schutzhaft handelt.
„’Wir mussten’, so sagten die Nazis dem Berichterstatter der dänischen Zeitung „Politiken“, ’viele dieser Individuen einstecken, um sie vor der Volksrache zu schützen. Sie wären von der patriotischen gage gelyncht worden, die in diesen <Verbrechern> die Urheber der Novemberrevolution sieht.“
Diese Behauptung ist eine dreiste Lüge. Die außergewöhnlich strenge Bewachung der Lager erfolgt nicht zum Schutz der verhafteten Sozialisten und Kommunisten. Die Maschinengewehre vor den Konzentrationslagern sollen Flucht– und Befreiungsversuche unmöglich machen. Ueberall dort, wo es angeblich zu Demonstrationen gegen Verhaftete gekommen ist, wurden die Aufläufe und Radauszenen von den Faschisten organisiert. Die Überführung des ehemaligen sozialdemokratischen Ministers Remmele in ein Konzentrationslager, die als große Volksbelustigung organisiert war, beweist dies deutlich. Der „Völkische Beobachter“ vom 17. Mai 1933 veröffentlicht unter der Überschrift „Am Pranger“ die folgende Korrespondenzmeldung:
„Am Dienstag wurde der ehemalige Staatspräsident und Minister Dr. h. c. Adam Remmele, zuletzt Präsident der Deutschen Konsumeinkaufsgenossenschaft in Hamburg, der vor wenigen Tagen von dort in Karlsruhe auf Ersuchen der Regierung eingeliefert worden war, ferner der von Remmele in das Innenministerium eingesetzte Regierungsrat Stenz, der frühere badische Staatsrat und Reichstagsabgeordnete Marum, der Redakteur an dem sozialdemokratischen Karlsruher „Volksfreund“ Grünebaum, Polizeikommissar a. D. Furrer, sowie der Führer des Reichsbanners und der Eisernen Front in Baden mit anderen SPD–Mitgliedern von dem im westlichen Stadtteil gelegenen Gefängnis im offenen Polizeiauto nach dem Polizeipräsidium gebracht, von wo sie dann nach der Strafanstalt Kieslau, dem jetzigen Konzentrationslager gebracht wurden. Vor dem Gefängnis hatte sich eine riesige Menschenmenge angesammelt, die die Verhafteten mit Pfeifen, Pfui– und Niederrufen empfingen. Vor dem ersten Polizeikraftwagen auf dem die Verhafteten unter scharfer Bedeckung entblößten Hauptes saßen, schritt eine zweireihige SS–Kolonne untergefasst zur Freimachung der Straße. Hinter dem ersten Polizeiwagen folgte ein zweiter mit SA–Besetzung. Außerdem war der Zug zu beiden Seiten und am Schlusse von SA–Leuten begleitet. Die Polizeiwagen fuhren ganz langsam im Schritt durch eine dichte, oft acht Glieder tiefe Menschenmauer. Ununterbrochen auf dem ganzen Weg ertönten Pfui– und Niederrufe. Auch wurde überall das Müllerlied gesungen, in Anspielung auf Remmele, der früher Müllerknecht war und seinerzeit in Baden das Singen des Müllerliedes bei Strafe verboten hatte. Der Zug ging u. a. am Landtagsgebäude und am Staatsministerium sowie am ehemaligen Gewerkschaftsgebäude vorbei, wo jedesmal kurz Halt gemacht wurde. Auch spielten unterwegs Kapellen das Müllerlied. Der Andrang des Publikums war so stark, dass der gesamte Straßenbahn– und Autoverkehr vollkommen lahmgelegt war. Unterwegs wurden verschiedene Rot-Front-Rufer sofort auf der Stelle verhaftet und auf dem zweiten Polizeiwagen mit transportiert.“
Der Bericht zeigt klar, dass es sich um eine organisierte Demonstration mit einstudierten Lynchrufen, kurz um eine jener Szenen handelt, mit denen der Reichspropagandaminister Goebbels die Menge unterhalten und eine Zeit lang über den Hunger hinweg täuschen will.
9.4 „Schutzhaft“
Die Schutzhaft ist in Deutschland durch das Gesetz über die Beschränkung der persönlichen Freiheit von 1849 genau geregelt. Danach dürfen nur solche Persönlichkeiten, die selbst bedroht sind, in Schutzhaft genommen werden. Diese darf nicht über ihren Zweck hinaus, keinesfalls länger als drei Monate aufrecht erhalten werden. Beschwerderecht und gerichtliche Entscheidung sind im Gesetz vorgesehen. Alle jetzt Eingekerkerten werden aber nicht in ihrem eigenen Interesse, sondern zum Schutze der neuen Machthaber festgesetzt. Sie werden länger als drei Monate festgehalten. Sie besitzen kein Beschwerderecht.
9.5 45 Konzentrationslager
Wieviele Konzentrationslager gibt es, und wieviele Menschen sind in ihnen eingepfercht? Die deutsche Regierung — auch das spricht für ihr schlechtes Gewissen — hütet sich wohlweislich, genaue Angaben zu machen. In einem Lande, in dem alles statistisch erfasst ist, fehlt eine Statistik der Konzentrationslager. Soweit einzelne verlässliche Meldungen der deutschen Presse, gelegentliche Äußerungen von Naziführern und Besuche ausländischer Journalisten einen Überblick gestatten, gibt es heute (d. i. Anfang Juli 1933) mindestens 45 Konzentrationslager mit etwa 35.000 bis 40.000 Gefangenen. Dabei handelt es sich u. a. um folgende Lager:
Dachau bei München (5000 Gefangene) Heuberg, Oberbaden (2000) Gotteszell bei Gemünd, Württemberg Kieslau bei Bruchsal, Baden (100) Rastatt, Baden (300) Bad Dürrheim, Baden (500) Pfalz (2000) Ginsheim bei Frankfurt Rödelheim bei Frankfurt Gaswerk Frankfurt-Fechenheim Osthofen, Hessen Langen, Hessen Kassel Mühlheim, Rhein (2000) Wanne-Eickel, Westfalen Sennelager bei Paderborn (900 Männer, 30 Frauen) Esterwegen bei Dörpen, Westlalen (500) Mooringen bei Hannover Papenburg, Emsland (eingerichtet für 4000 Gefangene) Bremen Vechta, Oldenburg Wilsede, Lüneburger Heide (2000) Fuhlsbüttel bei Hamburg Wittmoor bei Hamburg Oranienburg bei Berlin (1500) Börnicke bei Nauen Sonnenburg, Preußen (414) Ohrdruf, Thüringen (1200) Strafgefangenenanstalt Mathildenschlösschen bei Dresden Colditz, Sachsen Zittau, Sachsen (300) Hainewalde bei Zittau, Sachsen Schloss Orlenstein bei Zwickau, Sachsen (200) Grünhainichen (Sachsen) Feste Hohenstein Sachsen (800) Feste Königstein, Sachsen (200) Sachsenburg, Erzgebirge Breslau Dürrgoy bei Breslau Grundau bei Königsberg Weitere Lager befinden sich:
in der Provinz Brandenburg (etwa 6 Lager) in Braunschweig im Ruhrgebiet (etwa 5 Lager) in Ostpreußen in Schleswig in Pommern in Mitteldeutschland (mehrere Lager).
Die deutsche Regierung hat Mitte Mai beschlossen zehn neue Konzentrationslager zu errichten. Die „Frankfurter Zeitung“ vom 30. Mai 1933 meldet, dass auf dem Heuberg in Oberbaden ein zweites Konzentrationslager für solche Gefangene errichtet wird, deren Entlassung nicht vor dem Winter geplant ist.
Setzt man die Zahl der Gefangenen in jenen Lagern, über die keinerlei Angaben zu erlangen sind, nur mit durchschnittlich 700 für jedes Lager an, so ist eine Gesamtzahl von 35.000 bis 40.000 Gefangenen für ganz Deutschland sicher nicht zu hoch gegriffen.
9.6 Frauen und Intellektuelle in den Konzentrationslagern
Unter den Häftlingen in den Konzentrationslagern befinden sich Hunderte von Frauen.
Die weiblichen Reichs– und Landtagsabgeordneten der Kommunistischen Partei, derer man habhaft werden konnte, wurden zuerst in das Frauengefängnis Berlin, Barnimstraße, gebracht, bevor sie in das Konzentrationslager kamen. Man hat dieses Gefängnis in Berlin als Sammel– und Durchgangsstelle für verhaftete Frauen eingerichtet. In Süddeutschland wurde Anfang Juni ein besonderes Konzentrationslager für Frauen eingerichtet. Eine amtliche Meldung vom S. Juni 1933 berichtet:
„In Gotteszell bei Gemünd ist ein württembergisches Schutzhaftlager für weibliche Personen errichtet worden.“
Kurze Zeit darauf ist in Sachsen ein zweites Konzentrationslager für Frauen errichtet worden. Alle Berichte besagen übereinstimmend, dass die Frauen in den Gefängnissen und Konzentrationslagern besonderen Qualen und Verfolgungen ausgesetzt sind.
Unter den Gefangenen sind alle Weltanschauungen, alle Berufe, alle Altersstufen vertreten. In den Konzentrationslagern sind zusammengepfercht: Kommunisten, Anarchisten, Sozialdemokraten, Zentrumsleute, Pazifisten, Juden; junge und alte Arbeiter, Gelehrte, Künstler, Studenten, Abgeordnete, Rechtsanwälte, Ärzte, Schriftsteller, Kleingewerbetreibende; bekannte Namen und nie gehörte; Mitläufer und Kämpfer. Unter ihnen befinden sich der revolutionäre Pazifist Carl von Ossietzky, Herausgeber der „Weltbühne“, der Anarchist Erich Mühsam, der bayerische Abgeordnete Auer, der demokratische Reichstagsabgeordnete Fischer, die sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Rossmann und Pflüger, der Verteidiger Hans Litten, die Ärzte Dr. Schmincke und Dr. Boenheim und viele andere.
9.7 Die Wahrheit bricht sich Bahn
Die Hitler-Regierung ist bemüht, über die Zustände in den Konzentrationslagern ein verhüllendes Dunkel zu breiten. Es ist jedoch gelungen, authentisches Material über erschreckende Tatsachen in den Lagern zu erhalten. Das „Komitee für die Opfer des Hitler–Faschismus “ hat durch geflüchtete Häftlinge oder durch Angehörige von Gefangenen eine umfangreiche Sammlung der entsetzlichen Tatsachen aus den deutschen Konzentrationslagern vornehmen können.
Die Wahrheit bricht sich Bahn. Sie findet ihren Weg in die Reihen der Arbeit und in die ausländische Öffentlichkeit, trotz der stärksten Bewachung der Lager durch die SA. Die Wahrheit findet ihre Wege durch Stacheldrähte und spanische Reiter. Keine Todesdrohung der nationalsozialistischen Machthaber kann es verhindern.
Ausländische Journalisten haben einige „Musterlager “, Heuberg, Dachau und Oranienburg, besuchen dürfen. Die SA begleitete diese Pressevertreter bei jedem Schritt in den Lagern, die für diese Besucher besonders „hergerichtet“ waren. Es konnte keine unbeaufsichtigte Verbindung zwischen den Häftlingen und den Reportern zustande kommen. So sind die Schilderungen der ausländischen Korrespondenten über die Konzentrationslager oft mehr Impressionen über die landschaftliche Lage dieser Lager als Beobachtungen ihres wirklichen Zustandes. Wo aber die Journalisten sich nur in bescheidenster Weise bemühen, die Lagerverhältnisse objektiv zu schildern, oder wo sie gar, wie Edmund Taylor von der „Chicago Daily Tribune “ durch Fragen in fremder Sprache einige kurze Augenblicke die Gefangenen befragen können, da öffnet sich sofort der Blick in einen Abgrund von Unmenschlichkeiten. Da tritt die Wahrheit auch in den Zeitungsberichten zutage.
Wer der Wahrheit über die deutschen Konzentrationslager dienen will, muss die Forderung unterstützen: Eine internationale Kommission, die aus Mitgliedern der überparteilichen Hilfskomitees zusammengestellt wird, muss das Recht erhalten, alle Lager zu besuchen. Diese Besuche dürfen aber nicht unter der Aufsicht von Lagerkommandanten und Nazirichtern stattfinden. Die Kommissionen müssen das Recht erhalten, unangemeldet in den Lagern zu erscheinen, die Zustände in ihnen in allen Einzelheiten persönlich zu prüfen und mit allen Gefangenen ungehindert zu sprechen!
9.8 Zerfallene Hütten und Arbeitshäuser als Wohnstätten
Die Zuchthäuser Sonnenburg und Fuhlsbüttel sind schon vor Jahren geschlossen worden, weil sie mittelalterliche, völlig unhygienische Kerker sind. Man wagte nicht einmal mehr, Schwerverbrecher dort unterzubringen. In Fuhlsbüttel gibt es keine Klosetts und keine Kanalisationsanlage. Der Aufenthalt in diesem Zuchthaus wird besonders in der heißen Jahreszeit zu einer unerträglichen Qual. Diese Zuchthäuser sind von der Hitler–Regierung jetzt als Konzentrationslager eingerichtet worden. In Sonnenburg sitzen u. a. Litten, Kasper, Ossietzky und Mühsam in Haft.
Zahlreiche Gefangene sind auch in Arbeitshäusern untergebracht, u. a. im Arbeitshaus Kieslau bei Bruchsal. Die Arbeitshäuser waren letzte Stationen für alle, denen der kapitalistische Staat keine freie Arbeit mehr geben konnte und die er deshalb für „asozial“ erklärte. Fortgesetztes Betteln, Landstreicherei, „Arbeitsscheu“ oder gewerbsmäßige „Unzucht“ sind die „Verbrechen“ der Ärmsten der Armen, welche die deutschen Arbeitshäuser füllen. Ein deutscher Richter erzählt, dass die Angst der Angeklagten vor dem Arbeitshaus so groß war, dass sie das Gericht beschworen, sie lieber zu Zuchthaus zu verurteilen.
Das Konzentrationslager Zittau war früher eine Volksbuchhandlung, so dass man sich den Komfort dieses „Lagers“ ausmalen kann. Das Konzentrationslager Dachau (Bayern)
besteht nach dem Bericht des „Daily Telegraph “ vom 25. April 1933, aus alten halbverfallenen Hütten. Oranienburg ist jenes Musterlager, das man einigen ausländischen Journalisten gezeigt hat und aus dem die Nazis zahlreiche Fotografien verbreitet haben.
„Eine verlassene Fabrik — ehedem eine Brauerei —, die Werkstätten verfielen, die Fenster wurden zu Scherben und den Fabrikhof überwuchert Gras und Unkraut.“
So schildert die „Deutsche Allgemeine Zeitung “ vom 30. April 1933 die Verhältnisse in Oranienburg. Wir besitzen den vertraulichen Bericht einer deutschen Journalistin, die einen Ausländer bei seinem Besuch des Oranienburger Lagers als Dolmetscherin begleitet hat:
„Auf dem Hof nur eine einzige Pumpe. Die 100-200 Gefangenen müssen sich in 5 alten Waschschüsseln waschen, die auf dem Hof aufgestellt werden. Die Schlafräume alte verfallene Fabriksäle, in denen auf dem kalten Zementboden einige Zentimeter angefaultes Stroh liegen.“
Auch die „Deutsche Allgemeine Zeitung “ vom 36. April 1933 bestätigt, dass die Gefangenen auf Stroh schlafen müssen.
In Dachau — so schildert Geyde im „Daily Telegraph “ vom 25. April 1933 — schlafen in einer kleinen Hütte 54 Häftlinge auf primitiven Holzbrettern, die mit Stroh bedeckt sind.
Die erwähnte Dolmetscherin schildert den entsetzlichen Zustand eines solchen Schlafraumes in Oranienburg:
„Schon am Abend, wenn die Gefangenen eingeschlossen werden. stinkt es so, als hätte hier eine Herde Urwaldtiere übernachtet. Nicht zu beschreiben ist aber die Luft, die durch den Aufenthalt von 50 Menschen oder mehr, deren ungewaschene Kleider, deren verschwitzte Körper hier ausdünsten, erzeugt wird.“
9.9 Musterlager Heuberg
Das Konzentrationslager Heuberg ist das Prunkstück unter den Lagern. Man zeigt es allen ausländischen Berichterstattern. Alle Berichte, die diese Besucher geben, schildern den äußeren Anblick des Lagers und seiner Umgehung, sie gehen aber meist nicht auf die Aufenthaltsräume und die Schlafsäle ein.
Die „Frankfurter Zeitung “ veröffentlichte Ende Mai 1933 einen ausführlichen Bericht über einen Besuch im Lager Heuberg. Diese Schilderung ist ein Zeugnis für die schärfste Bewachung und den militärischen Drill der Häftlinge. Den jungen SA-Leuten ist jede Unterhaltung mit den Gefangenen verboten, um der Gefahr der politischen Beeinflussung der SA-Männer zu begegnen. Pörzgen schreibt:
[Hier folgt im Original ein längeres Zitat aus dem Bericht von Hermann Pörzgen in der „Frankfurter Zeitung“, das aus urheberrechtlichen Gründen nicht wiedergegeben wird.]
Wir können diesen Bericht durch Angaben ergänzen, die uns ein Gefangener des Lagers Heuberg in einem Briefe gemacht hat. (Der Name des Gefangenen kann nicht genannt werden, weil er sich noch im Lager befindet):
„Auf dem Heuberg sind 2000 Klassengenossen, in der Mehrzahl Kommunisten, untergebracht. 7-8 zweistöckige Gebäude dienen zur Unterkunft. Je ein Doppelblock und ein einfacher Block sind gesondert mit 2 m hohem Stacheldraht abgeschlossen. In einem Zimmer, 12 X 8 in groß liegen je 30 Mann, in den Dachkammern je nach Grösse 4-12 Mann. Die Betten, je zwei übereinander, bestehen aus Strohsack und zwei überzogenen Decken. Badegelegenheit besteht nicht. (Der Reporter von „De Telegraaf“, Amsterdam, sagt in seinem Bericht vom 5. April, dass es monatlich ein Bad gibt. Das gilt offenbar nicht für alle Gefangenen. Die Red.) Seife wird nicht geliefert. Wer sich ordentlich waschen will, muss sie sich kaufen. Wäsche wird nicht geliefert und nicht gewaschen. Handtücher sind knapp. Immer zwei Gefangene haben ein Handtuch. Rasiermesser sind verboten. Rasieren ist schwer, so dass der Vollbart als neueste Errungenschaft Auferstehung feiern kann ...“
Hauptmann Buck, der Leiter des Lagers, hat dem Berichterstatter von „Politiken“ Ende April 1933 erklärt, dass der Heuberg kein Sanatorium ist, weder an Bequemlichkeit, noch an Hygiene. Er hat recht. Diese Lager sind Seuchenherde, die nur wenige gesund verlassen.
9.10 Schwerbewaffnete Patrouillen mit Maschinengewehren und Polizeihunden bewachen die Lager
Die Bewachung der Gefangenen in den Lagern ist außerordentlich streng. Überall patrouillieren mit Gummiknüppeln, Karabinern und Revolvern bewaffnete SA-Männer. Viele Patrouillen werden von Polizeihunden begleitet. Das sieht man auf den amtlichen Bildern. Das schildern uns „Politiken“, „Telegraaf“, „Daily Telegraph“. Das steht in jedem Gefangenenbrief. Das Konzentrationslager Dachau ist — so berichtet Geyde im „Daily Telegraph“ vom 27. April 1933 — von einem hohen Drahtzaun umgeben, der mit elektrischer Hochspannung geladen ist. In der Hauptwache sind schussbereite Maschinengewehre aufgestellt.
Den Berichterstattern von „Politiken“ (Ende April 1933) und von „De Telegraaf “ (5. April 1933) fällt auf dem Heuberg das unentrinnbare Gewirr von Stacheldraht und spanischen Reitern auf. Nachts ist das Lager von riesigen Scheinwerfern hell erleuchtet. Das grelle Licht raubt den Gefangenen den Schlaf.
„Öffnet man ein Fenster, um Luftzug zu haben, wird geschossen “, berichtet „De Telegraaf“ (Amsterdam) am 5. April 1933.
In Oranienburg ist das Lager auf der einen Seite von niedrigen Fabrikmauern, auf der anderen, wo die Gefangenen turnen, von ganz niedrigen Sträuchern umgeben. Flieht keiner der Häftlinge? Diese Frage hat auch die Journalistin gestellt, die Oranienburg als Dolmetscherin eines ausländischen Reporters gesehen hat.
... Antwort: Hier gibt es keine Fluchtgefahr. Die Wächter sind bewaffnet und haben strengen Befehl, sofort zu schießen, wenn ein Gefangener die durch Sträucher bezeichnete Grenze überschreitet. Warum sollten sie außerdem fliehen? Sie haben es so gut hier. Selbst wenn man sie entlässt, weigern sie sich zu gehen. Frage: Unmöglich! Antwort: Vorgestern bekamen wir Befehl, einen zu entlassen. Er wollte nicht gehen und musste mit Gewalt zur Bahn gebracht werden. Fragen Sie doch die Andern, ob es wahr ist.
Die Journalistin fährt fort:
„Tatsächlich, es hat sich der Fall ereignet, dass Gefangene die Freiheit verschmäht haben. Aber warum? Die Entlassungsorder kommt meist nachts oder zu sehr früher Morgenstunde. Da kann man leichter auf dem Weg erschossen werden, und am anderen Tage heißt es dann in den Zeitungen ’Marxist auf der Flucht erschossen’
In der Tat: Diese niedrigen Sträucher sollen einen Anreiz zur Flucht geben. Flucht aber bedeutet Tod.
9.11 Dunkel-Arrest und körperliche Züchtigung
Die Willkür, welche die Konzentrationslager geschaffen hat. hat auch die Inhaftierten nach drei Graden eingeteilt, und zwar in a) Leichtverbesserliche (Deutschnationale, Bayernwacht, Mitläufer); b) sogenannte Schwerverbesserliche; c) Unverbesserliche. In die letzte Kategorie werden die kommunistischen Führer, die Funktionäre und die linksstehenden Intellektuellen eingereiht. Gegen sie werden die schlimmsten Sonderbestimmungen angewandt. In dem erwähnten Bericht von Pörzgen über das Gefangenenlager von Heuberg wird dafür folgende Bestätigung gegeben:
„Wer auf Grund der vorliegenden Akten und Berichte als unverbesserlich gelten muss, wird in den ’Stammbau’ versetzt, auf Nummer 19 und 23. Da geht alles viel strenger zu. Der Aufsichtsbeamte führt kein Gespräch. Die Bewegungsfreiheit ist auf 10 Minuten beschränkt. Die Rauch- und Sprecherlaubnis wird weniger oft erteilt, auch der Arbeitsdienst, der den Gefangenen Gelegenheit zu einigen Stunden körperlicher Betätigung bietet und ihnen eine Nahrungszulage ermöglicht, fällt beim Stammbau weg.“
Auch diesen nüchternen Bericht des Journalisten können wir ergänzen durch den Originalbrief eines Gefangenen im Lager Heuberg, dessen Notschrei uns über Stacheldraht und Grenzen hinweg erreichte:
„Teure Genossen! Hoffentlich erhaltet Ihr diesen Hilfeschrei. Das Leben ist hier geradezu furchtbar. Die Behandlung ist schlimmer wie in den Gefängnissen und Zuchthäusern, von den Kriegsgefangenen nicht zu reden. Um 1 29 Uhr müssen wir zu Bett, morgens um 1 26 Uhr (nicht um 6 Uhr) werden wir herausgejagt. In der Nacht haben wir keine Ruhe. Oft werden wir 3-4 Mal des Nachts vor die Baracke getrieben und werden auf dem Platz herumgejagt, wobei Prügel und gröbste Beleidigungen zur Selbstverständlichkeit geworden sind. Des Nachts haben wir auf diese Weise nur 3-4 Stunden ’Ruhe’. Ein Vorfall: Die ganze Abteilung wird des Nachts herausgejagt, muss exerzieren und 6 Nazis mit Gummiknüppel und vorgehaltenem Revolver prügeln einen Genossen unmenschlich. Sie warteten nur auf einen Widerstand und hätten den Genossen zweifellos erschossen. Da er sich nicht provozieren ließ, schlugen sie ihn später nochmals grün und blau. Diesem Genossen erklärte man: ’Sie können sich zwar beschweren. aber das ist zwecklos. Wir können Sie aber auch mit einem Sandsack beschweren’. Ein Ebinger Genosse erhielt während sechs Tagen Dunkelarrest nur zweimal zu essen und kam halb verhungert und totenbleich zurück. Im Dunkelarrest ist er schrecklich verprügelt worden. Die Nürtinger Genossen sind von einer wahnsinnigen Prügelei heute noch grün und blau. Gebrüll der SA-Leute, Hilfeschreie unserer wehrlosen Kameraden hören Tag und Nacht nicht auf. Bei dem Essen, das für langsames Verhungern bestimmt ist, müssen die stärksten Nerven kaputtgehen so dass viele Genossen sich mit Selbstmordgedanken tragen oder Widerstand leisten wollen, selbst auf die Gefahr, dass sie totgeschlagen oder erschossen werden. Jetzt sind neue Strafverschärfungen in 19a, 19b, 23a und 23 b durchgeführt. Die Gefangenen werden auf den einzelnen Stufen dem Alter nach zusammengelegt Der Zweck ist, die jüngeren Genossen noch schlimmer zu dressieren und die älteren Kameraden, die fast durchweg gegenüber den jungen SA–Leuten jahrelang an der Front standen, abgesondert zu behandeln.
In den Strafbauten ist noch kein Journalist gewesen. Den Journalisten hat man wahrscheinlich die Bauten der Stufe I. gezeigt. Die Vergünstigungen vom I. und II. sind: Je 3 Zigaretten Mittwochs und Samstags und eine schwarze Wurst für 3 Mann. Das Essen ist so gut, dass wir alle unterernährt sind und furchtbar aussehen. Hier einige Typs vom Essen: Kohl mit Nudeln, sehr dünn Blaukraut, Kartoffelschnitzel mit Nudeln, süßer Reis mit Kartoffeln durchschnittlich 3 Gramm Fleisch (in Worten drei Gramm Fleisch!) In 11 Wochen haben wir zweimal richtig Fleisch mit Sauerkraut erhalten. Das ganze Essen ist fettlos, ohne Geschmack und mit viel Soda. In 11 Wochen haben wir zweimal Butter bekommen. Dass wir dabei langsam zugrunde gehen, ist klar.“
Planmäßig wird durch die Einteilung der Häftlinge in drei Kategorien versucht, sie gegeneinander aufzuhetzen. Die Lagerkommandanten wetteifern in der Erfindung raffiniert ausgeklügelter Disziplinarstrafen Den Gefangenen wird die Freizeit gekürzt. Die Schreiberlaubnis wird eingeschränkt oder überhaupt entzogen. Die Besuchserlaubnis wird für lange Zeit aufgehoben. Den Gefangenen ist verboten, während der geringen Freizeit an gemeinsamen Zusammenkünften teilzunehmen. Sie werden einer besonders scharfen Isolierung und Überwachung unterworfen. Strengstes Rauchverbot wird durchgeführt. Lange Arreststrafen mit nur zehn Minuten Spaziergang am Tage oder Dunkelarrest werden verhängt. Beliebte Disziplinarstrafen sind mehrstündiges Nachexerzieren, Strafturnen, Verlängerung der Arbeitszeit, besonders schwere ungewohnte und aufreibende Arbeit. In einzelnen Konzentrationslagern ist man dazu übergegangen, besonders missliebige Strafgefangene in Ketten zu legen.
Nach dem Bericht von „ Daily Telegraph “ vom 27. April 1933 dürfen in Dachau zum Beispiel Widerspenstige die kleinen Hütten überhaupt nicht verlassen und nicht an die Luft gehen. Der Bericht der erwähnten Journalistin schildert einen Arrestraum in Oranienburg, in dem „schwererziehbare “ Gefangene schmachten müssen.
„Ein Mauerloch, mit einer Eisentür gesichert, und ohne eine andere Lüftung als die Tür. Man zeigte uns diesen Raum leer. Aber dies geschah erst eine Stunde nach Beginn der Besichtigung, so dass man offenbar die Gefangenen zunächst daraus entfernt hatte. Denn von den 120 Gefangenen fehlten 30. Waren sie etwa unter jener Falltür, die näher zu besichtigen man uns nicht gestattete?“
Auf dem Heuberg beschwerte sich ein älterer Rechtsanwalt über das schlechte Essen. Wegen dieser Beschwerde wurde er verurteilt, fünfzehn Tage auf dem Dach der Baracke ohne Decke zu schlafen.
Hauptmann Buck aber versichert dem Reporter der holländischen Zeitung „De Telegraaf“ (5. April 1933), dass es im Heuberger Lager überhaupt keine Arrestlokale gebe.
9.12 Prügel und sadistische Folterungen
Es unterliegt keinem Zweifel, und alle Berichterstatter stimmen darin überein die „Unverbesserlichen “ werden so behandelt, dass ihr körperlicher Untergang unabwendbar ist.
Man erkennt den Zweck: die besten Kaders der Arbeiterschaft Deutschlands sollen physisch vernichtet werden.
Aus zahlreichen Briefen geht hervor, dass in den Konzentrationslagern außerordentlich schwere Misshandlungen der Gefangenen vorkommen. Hauptmann Buck hat dem Vertreter von „Politiken“ versichert, dass in den Konzentrationslagern niemand misshandelt werde. „Keine Schläge, keine Züchtigungen “, wagte er zu behaupten. Dass in Wahrheit die Gefangenen auf das Schlimmste misshandelt werden und dass insbesondere die Häftlinge des dritten Grades unerträglichen Martern ausgesetzt sind, zeigt sogar ein Blick in die deutsche Regierungspresse. Der „Angriff“ vom 1. April 1933 schreibt:
„Ein Reichsbannermann wird vernommen ... er gibt patzige Antworten, jedoch genügt ein freundlicher aber bestimmter Hinweis auf seinen eigenen Gummiknüppel, um ihn den Ernst der Situation erkennen zu lassen.“
Welche schweren Misshandlungen müssen in diesem Lager geschehen sein, wenn schon ein Hinweis auf den Gummiknüppel genügt, dem Gefangenen den „Ernst der Situation “ klar zu machen. Die „Deutsche Allgemeine Zeitung “ bestätigt in einem Bericht vom 30. April 1933:
„Denn erst dadurch, dass man sich ihrer versicherte und mit unerbittlicher Härte ihr Verhör durchführte, gelang es, den unterirdischen Terror fast in vollem Umfange aufzudecken ... Noch immer ist der Widerstand einzelner Häftlinge zu brechen“
Diese Nachrichten bestätigen, dass bei Verhören die Folter angewandt wird. Wir besitzen einen Bericht des Korrespondenten der „Chicago Daily Tribune “, Edmund Taylor, dem es gelang, mit einigen Gefangenen des Lagers Heuberg in englischer und französischer Sprache zu reden, so dass seine SA-Begleiter die Gespräche nicht verstanden. Mehrere Gefangene bestätigten ausdrücklich, dass in diesem Lager häufig schwere Misshandlungen vorkommen.
Nicht anders lauten auch die Berichte aus dem Lager Schloss Ortenstein bei Zwickau. Besucher dieses Lagers erklären eidesstattlich, dass sie an Armen und Händen von Gefangenen blutige Striemen, grüne und blaue Flecken gesehen haben. Es kann kein Zweifel sein, dass diese Zeichen von Misshandlungen herrühren. Besonders fürchterlich waren die Misshandlungen, solange die Bewachung der Gefangenen SA-Leuten anvertraut war. Als die SA durch Polizei ersetzt wurde, gestaltete sich die Lage der Gefangenen etwas erträglicher. Aber seit Anfang Mai ist wieder SA in Ortenstein.
9.13 Die Hölle von Sonnenburg
Das Konzentrationslager Sonnenburg muss gesondert behandelt werden. Briefe und Berichte von Gefangenen, ja selbst amtliche Feststellungen beweisen unzweideutig, dass Sonnenburg eine wahre Folterkammer ist. Arbeiterführer und Intellektuelle sind den erniedrigendsten Misshandlungen ausgesetzt. Das Lager heißt in ganz Deutschland: Die Hölle von Sonnenburg.
Das Schreiben eines Arbeiters, das aus Sonnenburg hinausgeschmuggelt wurde, gibt eine aufwühlende Darstellung der Zustände:
„Die ersten Gefangenentransporte wurden auf dem Bahnhof Sonnenburg von SA-Abteilungen und von Schupos z. b. V. empfangen. Sie Wurden zum Singen gezwungen und buchstäblich bis zum Lager hingeprügelt. Das können die Einwohner von Sonnenburg bezeugen. Im Lager angekommen, mussten die Gefangenen bei strömenden Regen im Hof stehen. Dann wurden die ersten in den Sälen untergebracht. Jeder musste sich selbst Stroh aus einer anderen Etage holen. Auf der Treppe standen SA-Leute, die mit ihren Gummiknüppeln erbarmungslos auf die Gefangenen dreinschlugen. In den Sälen wurden wir wieder mit Stuhlbeinen und Gummiknüppeln geprügelt. Einzelne Genossen mussten die Koteimer der SA reinigen, wobei sie wieder viehisch misshandelt wurden. Ein SA-Mann steckte den Kopf des Gefangenen zwischen seine Beine, während ein anderer zuschlug. Die Genossen mussten die Schläge laut zählen. Bis zu 185 Schlägen haben einzelne Gefangene erhalten. Dazu gab es noch Fußtritte und die übrigen Misshandlungen. Am meisten zu leiden hatten die Genossen Litten, Wiener, Bernstein, Kasper, Schneller und die jüdischen Gefangenen. Besonders hat unser alter Freund Mühsam gelitten. Jetzt hat es sich ein bisschen geändert aber dafür herrscht ein unerhört scharfer militärischer Drill, schlimmer als zu meiner Rekrutenzeit, Die meiste Zeit müssen wir draußen exerzieren, marschieren und singen. Die ersten drei Wochen waren die schrecklichsten. In den Einzelzellen wurden wir nachts überfallen und furchtbar verprügelt. Manche Genossen hatten ganz schwarze Rücken. Ob Litten mit dem Leben davonkommen wird, weiss ich nicht. Er selbst hat dem Staatsanwaltschaftsrat Mittelbach (die furchtbar erregten Frauen mehrerer in Sonnenburg internierten Häftlinge hatten im Berliner Polizeipräsidium schärfsten Protest erhoben und durchgesetzt, dass Mittelbach zur Untersuchung nach Sonnenburg entsandt wurde) gebeten, man möge ihm doch eine Kugel durch den Kopf jagen, weil er diese viehischen Misshandlungen nicht ertragen könne.“
Diese Schilderung wird durch einen Bericht des „Sonnenburger Anzeigers “ vom 7. April 1933 ergänzt:
„Mit dem Gesang der Nationalhymne mussten die Häftlinge vom Bahnhof nach dem ehemaligen Zuchthaus marschieren, wobei vielfach der Gummiknüppel der Berliner Hilfspolizei nachhalf“
In diese drei Zeilen ist eine ganze Hölle eingeschlossen.
9.14 Mühsam, Kasper, Bernstein, Ossietzky barbarisch misshandelt
Die Schilderung des Sonnenburger Häftlings erhält eine erschütternde Bestätigung durch Briefe der Frau Mühsam und der Frau Kasper, die ihre Männer in Sonnenburg besucht haben. Frau Mühsam schreibt:
[Hier folgt im Original ein Brief von Zenzl Mühsam (1884–1962), der aus urheberrechtlichen Gründen nicht wiedergegeben wird.]
„Als ich Kasper sah, musste ich meine ganzen Kräfte zusammennehmen, um nicht in Ohnmacht zu fallen. Es war umso mehr erschütternd, als ich ihn drei Tage vorher gesehen hatte. Er stand da, an die Wand gelehnt, sein Gesicht war blutleer und ganz entstellt. An einem Auge, das völlig blau war, hatte er einen Bluterguss bis auf den Mund. Sein Mund war so stark blutunterlaufen, als ob jemand in das Gesicht hineingetreten wäre. Er konnte kaum sprechen und sich vor Schmerzen, die er am ganzen Körper empfand, nicht rühren.“
Die Frauen der politischen Gefangenen Bernstein und Geisler hatten bei der Aufsichtsbehörde eine Besuchserlaubnis für Sonnenburg erzwungen. Frau Bernstein schildert:
„Ich glaubte, einen fremden Menschen vor mir zu haben. Die Augen und die anliegenden Partien waren blutrot und stark geschwollen. Über das Gesicht breite Striemen von Gummiknüppelschlägen. Ich durfte meinen Mann nicht berühren, aber sein ganzer Körper musste so zerschlagen sein, während der ganzen Zeit verharrte er in einer merkwürdigen Stellung unbeweglich.“
Frau Geisler erzählt:
„Mein Mann war, als ich ihn sah, so verändert, das Gesicht so stark geschwollen, dass ich mich beherrschen musste, nicht laut vor Jammer zu schreien.“
Ein Gefangener, dem es gelang, aus Sonnenburg zu flüchten und das Ausland zu erreichen, berichtet:
Im Zuchthaus Sonnenburg sind 414 politische Gefangene untergebracht, unter ihnen Carl von Ossietzky, den man am 28. Februar verhaftet hat. Ein Mitgefangener, der dreizehn Tage im Sonnenburger Zuchthaus verbrachte und jetzt die Grenze erreichen konnte, hat Ossietzky in der Krankenabteilung gesehen. Gebückte Haltung. eingefallenes Gesicht, gelbe, krankhafte Gesichtsfarbe, nervöses Gestikulieren mit den Händen, schlotternder Gang, so beschreibt er Ossietzky. Die anderen Sonnenburger Häftlinge Dr. Wiener, am ganzen Körper grün und blau geschlagen; der Kommunist Bernstein, dessen Nieren man zerschlug und der jetzt nur mit einer Stütze gehen kann, der Kommunist Kasper, dem man die Schamhaare ausgerissen hat, Erich Mühsam, der mit Kasper zusammen für sich ein Grab Schaufeln musste, mit der Begründung am nächsten Morgen würden sie beide erschossen werden. Auch Erich Mühsam sieht entstellt aus, denn seine Barthaare hat man ihm abgeschnitten. In der Nacht hat man Kasper das Fenster seiner Zelle eingeschlagen, eine Pistole durchgesteckt und ihm mit Erschießen gedroht. Dann drang man in die Zelle und bearbeitete Kasper mit Gummiknüppeln. Das Tagesprogramm in Sonnenburg: 5 Uhr 15 früh: Wecken, Heraustragen der Abortkübel (in Sonnenburg gibt es keine Wasserspülung), Reinigen der Zellen, Waschen, Freiübungen etc. 8 Uhr 30: Frühstück. 9 — 10 Uhr: Militärische Übungen. Absingen von Hitler-Liedern. 10 Uhr 30 — 12 Uhr Pause, dann Mittag. 12 Uhr 30 - 5 Uhr 30: Militärische Übungen und Turnspiele.
6 Uhr: Abendbrot. 6 Uhr 30 — 7 Uhr 30: Exerzieren. 7 Uhr 30 - 8 Uhr 30: Gemeinsames Beisammensein.
Die Misshandlungen im Lager Sonnenburg waren so unmenschlich, dass der am 11. April neu antretende Polizeikommandant des Lagers sich gezwungen sah, an die vorgesetzte Behörde Bericht zu erstatten. Auf Befehl von oben musste er die Kopie dieses Briefes vernichten. Die meisten Stücke dieser zerrissenen Kopie gelangten in unsere Hände:
„Sonnenburg, den 18. Mai 1933 Betrifft besondere Vorkommnisse nach Übernahme der Polizeigefängnisses am 11. 4. 33. Bei meinem Dienstantritt am 11. 4. 33 stellte ich fest, dass im hiesigen Polizeigefängnis, insbesondere bei der SA-Mannschaft keine geordneten Zustände herrschen. Vornehmlich bezog sich dies auf folgende Punkte: 1) Behandlung der Gefangenen durch die SA-Mannschaft; 2) Verhalten der SA gegen die Verwaltungsbeamten; 3) Verhalten der SA untereinander; 4) Verhalten der SA in der Öffentlichkeit; 5) Besoldungsverhältnisse der SA.
zu 1. Ein Teil der Gefangenen, insbesondere die Prominenten, waren durch Angehörige der SA auf das Schwerste misshandelt worden. Um Fortsetzungen der Misshandlungen zu unterbinden, wurden die verletzten Gefangenen nun unter Aufsicht von Schutz (fehlt) beamten gehalten. Den SA-Männern drohte ich bei Wiederholung (fehlt) durch scharfe Ueberwachung der SA bei Tag und Nacht die (fehlt) gegen Gefangene nachließen, habe ich dennoch in zwei Fällen das Schlagen von Gefangenen festgestellt. Bei dem Zusammenhalten der SA-Mannschaft, besonders bei derartigen Vorkommnissen, hatte die angestellte Untersuchung nach den Tätern keinen Erfolg. Ich drohte nunmehr der SA an, dass ich bei dem geringsten Vorfall dieser Art die in Frage kommenden Wachschichten, bzw. die gesamte SA-Mannschaft ablösen werde.
Zu 2). Dauernde Reibereien zwischen den Verwaltungsbeamten und den SA-Mannschaften entstanden wegen der umgekehrten Löhnungsverhältnisse. Trotz angemessener Vorschusszahlungen fühlten sich die SA-Männer benachteiligt und hielten den Polizeiinspektor Pelz für den Schuldigen. Ihr Auftreten dem Polizeiinspektor Pelz gegenüber ging soweit, dass die SA nur durch mein persönliches Eingreifen durch scharfe Zurechtweisungen zur Vernunft zu bringen war. Beim Abzug der SA am 24. 4. 1938 musste ich den Polizeiinspektor Pelz in seiner Wohnung durch einen bewaffneten Schutzpolizeibeamten beschützen lassen, um Tätlichkeiten zu verhindern.
zu 3) Innerhalb der SA-Mannschaften kam es des Öfteren zu Streitigkeiten, die im Allgemeinen aus nichtigen Gründen entstanden.“
(Hier bricht der Bericht ab.)
9.15 „Schweigen und Prügel“
Ein junger sozialdemokratischer Arbeiter entfloh vor kurzem aus dem Lager Hohenstein, in dem er 7 Wochen eingekerkert war. Sein Bericht, der ein Bild des trostlosen Tagewerkes im Konzentrationslager gibt, wirkt in seiner ruhigen Sachlichkeit besonders stark:
„Wir waren 800 Menschen auf Hohenstein. Sozialdemokraten, Kommunisten, Juden und auch einige Zentrumsleute. Die Kommunisten werden gesondert gehalten. Ihr Schicksal war ein noch viel schwereres, als das unsrige. Morgens um 6 Uhr mussten wir auf den Weckruf ’Heil Hitler’ aus den Betten springen und uns stramm neben das Bett aufpflanzen. So, unangekleidet, ungewaschen, beteten wir unser erstes Stoßgebet. „Gott helfe unserer Nation und beschütze unseren Reichskanzler Hitler.“ So genau kenne ich den Wortlaut nicht, ich habe dabei bloß immer gemurmelt. Der Vorbeter war unser Gruppenführer. Unsere Gruppe zählte 20 Mann. 3 47 Uhr Antreten zum Kaffee. Warmes schwarzes Wasser (als Kaffee kann man es beim besten Willen nicht bezeichnen) und ein Stück Brot. Danach Strammstehen, Absingen des ’Horst-Wessel–’ und des Deutschlandliedes. 7 Uhr Abmarsch auf den Hof Freiübungen, Kniebeuge und militärische Übungen. Hinwerfen, aufstehen, hinwerfen, aufstehen ... und im Magen nur das bisschen Wasser und Brot. So ging es, dazwischen Fußballspiel und Stafettenlauf, bis 9 Uhr. Nun antreten zur Arbeit: Sandschieben, Barackenbauen, Holz aus dem Wald heranschleppen. Um 12 Uhr geschlossener Abmarsch. Das ’Horst-Wessellied’ wird wieder gesungen, Tischgebet ’Jesus sei unser Gast ... und schütze unsere deutsche Nation.’ Mittagstisch Suppe und Brot. Zweimal die Woche gab es etwas Fleisch. Manchen genügt es. Hinterher jede Gruppe mit Geschirr zum Abwaschen. 12 1 2 Uhr wieder Spielen und Exerzieren. 3 Uhr Musterungsappell. Der Befehlshaber schreitet die Front ab. Wir müssen brüllen ’Heil Hitler’, singen das ’Horst–Wessellied’ und wieder . . . exerzieren bis 5 Uhr. Nun dürfen wir ’ungezwungen’ auf dem Hof herumgehen. Aber keiner darf mit dem anderen ein Wort wechseln. Weder jetzt, wenn wir frei haben, noch wenn wir arbeiten.
1 27 Uhr Abendessen, Stück Brot, wenn wir mal Glück haben. ein Stück Wurst oder Käse.
1 28 Uhr alle an den Betten antreten. Das ’Deutschlandlied’ wird wieder gesungen, das Gebet abgeleiert, und um 8 Uhr muss alles in den Betten liegen. Während der ganzen Nacht brennt das Licht im Raum. SA-Posten mit Karabinern bewachen uns. Niemand darf den Mund öffnen, Wir sind verurteilt zu schweigen bei Tag und bei Nacht. Wir hören nur Kommandorufe, Flüche, Gebete, das Horst-Wessel- und Deutschlandlied. Ich wurde nur einmal geprügelt. ’Willst du verfluchter Marxist nicht strammstehen? Ich werde dir schon zeigen!’ Und der Gummiknüppel sauste auf meinen Schädel nieder. Wir trugen unsere eigene Kleidung, nur die Knöpfe schnitt man ab. und die Hosenträger nahm man uns weg. Besuch von Angehörigen konnten wir (aber nicht alle) zweimal im Monat empfangen. Für Sprechen oder eine andere ’Ungehorsamkeit’ wurde man entweder an Ort und Stelle verprügelt oder es gab Gefängnis. Hohenstein ist nämlich eine alte Burg, und im Keller lag ein uraltes, feuchtes, dunkles Burggefängnis. So ging es alle sieben Wochen. Strammstehen, hinwerfen, aufstehen, nationale Hymnen singen, arbeiten, hungern und — schweigen.
Ein anderer Häftling schreibt aus dem Konzentrationslager Königstein:
„Frühmorgens um 6 Uhr werden wir von der Polizei geholt, die uns durchaus anständig behandelt. Wir werden in das Konzentrationslager Königstein eingeliefert. Hier befinden sich 200 Gefangene, auf die sechzig SA-Leute als Bewachung kommen. Wir werden mit dem Bauen von Schießständen beschäftigt. Das Essen ist erträglich. Wenn nur nicht die fortgesetzten Misshandlungen wären. Die SA-Wächter sind aber auch mit wenigen Ausnahmen (ältere Leute) zu gemein. Gleich bei unserer Einlieferung Wurden wir heftig gequält. Zuerst mussten wir dreiviertel Stunden Laufschritt üben, dann eine Stunde strammstehen, ohne uns zu rühren, dabei wurden wir mit dem Revolver bedroht und bekamen mit Gummiknüppeln, Reitpeitschen und Karabinern Schläge. Dann mussten wir eine Stunde knien, den Kopf zur Erde gewandt? Bei ungenauer Durchführung dieser Übung bekamen wir Fußtritte ins Genick und zwar mit Nagelschuhen. Dann bekamen wir wieder eine Stunde lang Prügel. Einzelne Leute wurden halbtot geschlagen. Die Haare wurden uns abgeschnitten und in den Mund gesteckt. Die ganze Prozedur dauerte von viertelsieben Uhr abends bis halbdrei Uhr nachts. Auch in den folgenden Wochen wurden namentlich von dem Truppführer Fuhrmann diejenigen besonders schwer misshandelt, die durch Auseinandersetzungen mit Nazis bekannt waren, Als bei einer solchen Gelegenheit ein Heidenauer Genosse, der Führer des antifaschistischen Kampfbundes Gumbert (41 Jahre alt) totgeschlagen wurde, griffen höhere SA-Führer ein, dann wurde es etwas besser. In den ersten Nächten mussten wir ohne Decken in kalten und nassen Räumen schlafen. Später lieferte man uns Decken. Trotz aller Qualen ist die Haltung der Genossen tapfer. Auch die Sozialdemokraten halten sich tapfer, obwohl sie noch immer politische Illusionen haben. Verrat von Genossen ist nicht vorgekommen.“
Über die unmenschlichsten Greuel, die auf dem „Königstein“ geschehen sind, erschien im Prager „Sozialdemokrat“ folgender Bericht, für dessen Inhalt das Blatt ausdrücklich die Verantwortung übernimmt. Es wird bezeugt: „dass in Königstein Häftlinge gezwungen wurden, das blutig geschlagene Gesäß ihrer Leidensgeführten abzulecken; dass man die Häftlinge zwang, drei Stunden lang das Gesicht über den frischen Kot von SA-Leuten zu halten, dass angetrunkene SA-Leute die Häftlinge nachts weckten und sie unter wüsten Drohungen zwangen, gebrauchte Präservative auszulecken; dass die Häftlinge zitterten, wenn sie des Nachts den Gesang ihrer Peiniger hörten, weil sie wussten, dass sie das Opfer sadistischer Orgien würden; dass die Häftlinge gezwungen wurden, in Gegenwart ihrer Peiniger zu onanieren und man von ihnen verlangte, widernatürlichen Geschlechtsverkehr mit ihren Leidensgenossen zu vollziehen; dass man den Häftlingen Geld stahl und sie zwang, zuzugeben, dass sie Falschgeld gehabt hätten, dass man die Häftlinge ’strafweise’ in feuchte und kalte Kellergelasse warf und ihnen jede Schlaf- und Sitzgelegenheit verweigerte; dass man alle Gefangenen zwang, bei ihrer Entlassung zu bestätigen, es sei ihnen nichts geschehen, Dies alles geschah unter Leitung des SA-Führers Bienert-Königstein und Fuhrmann-Gottleuba. Diese beiden „Führer“ wurden nicht etwa bestraft, sondern versetzt.
9.16 Hungerrationen
Die Berichterstatter der Zeitungen „De Telegraaf“ (5. April 1933) und „Daily Telegraph“ (27. April 1933) erhielten von den Häftlingen auf die Frage, wie das Essen sei, die Antwort „Gut, aber nicht reichlich.“ In Wahrheit ist das Essen weder gut, noch ausreichend. Ein Gefangener im Konzentrationslager Heuberg hat in wenigen Wochen der Haft 30 Pfund abgenommen. Trotzdem erklärte Leutnant Kaufmann, einer der Leiter des Lagers, dem Berichterstatter der „Frankfurter Zeitung “ (Ausgabe vom 8. April 1933)
„Die Mehrzahl der Häftlinge ist zufrieden. Das Essen ist gut. Es gibt ein kräftiges und reichliches Einheitsgericht, Fleisch zweimal in der Woche.“
Edmund Taylor, der mehrere Gefangene in englischer Sprache befragt hatte, schreibt hingegen in der „Chicago Daily Tribune“:
„Die Gefangenen beschwerten sich bitter über die unzureichende Verpflegung. Die Nahrung besteht im wesentlichen aus wässeriger Graupensuppe.“
Im „Daily Telegraph“vom 27. April 1933 berichtet Geyde, „dass die Gefangenen zur Feier von Hitlers Geburtstag — „kein Deutscher soll an diesem Tage hungern“ — Sauerkraut erhielten. Wenn Sauerkraut schon ein Festtagsessen ist, wie muss die Verpflegung der Gefangenen erst an gewöhnlichen Tagen aussehen? Darüber gibt ein Brief eines Häftlings gründlichen Aufschluss:
„Kohldampf schieben ist die Parole. Das Essen ist hundsmiserabel. Wir erhalten nur ein Pfund Brot pro Tag. Unser Mittagmahl sah letzte Woche so aus: Topfgerichte aus Kartoffeln und Gemüse oder Dampfnudeln mit etwas Mischobst oder Linsen mit Kartoffeln. Erst gab es einen Liter dieses Essens. Jetzt sind die Rationen verkleinert. Da an Fleisch und Fett gespart wird, fehlt dem Essen jede Kraft. Außerdem ist es zu wenig. Noch schlimmer wird es am Abend: Ein- bis zweimal Suppe, zwecks „nationaler Erziehung“ mit Hakenkreuznudeln, die in Wasser gekocht sind. Oder 100 gr. Limburger oder 80 gr. schwarze Wurst oder Leberwurst. Kein Gramm Butter, keine Margarine, kein Schmalz. Dazu wie am Morgen Kaffee. Wir gehen immer hungrig zu Bett. Wer zu Außenarbeiten kommandiert wird, erhält Zulage 1 2 Pfund Brot und 80 gr. schwarze Wurst.“
9.17 Der Schrei nach Brot
In allen Briefen kehrt die Feststellung wieder, dass dem kärglichen Essen jegliches Fett fehlt. Dagegen wird an Soda nicht gespart, das angeblich den Geschlechtstrieb mindert. In Wahrheit zerstört Soda die Zeugungsfähigkeit und greift die Magenwände an. Nicht einmal die Brotration ist ausreichend. Das bestätigen alle Briefe der Häftlinge. Der Berichterstatter von „De Telegraaf“ (5. April 1933) fragte den kommunistischen Abgeordneten Arnold (Ulm), was er über das Essen sagen könne. Der Gefangene erwiderte:
„Zu wenig Fleisch, zu wenig Brot, ranziges Fett.“
Derselbe Berichterstatter gibt den Wochenspeisezettel für die Zeit vom 26. März bis 1. April 1933 wieder:
„Täglich 1 Pfund Brot, 10 gr. Kaffee, 30 gr. Zucker, keine Butter.
Sonntag, mittags Fleisch mit Kartoffeln; abends Kaffee mit Zucker, ein Bismarckhering. Montag, mittags Fleisch; abends dicke Suppe. Dienstag, mittags Erbsbrei, 100 gr. Wurst; abends Kaffee mit Zucker. 100 gr. Käse, Mittwoch, mittags Graupen, Kartoffeln, Makkaroni; abends Kaffee, 100 gr. Wurst. Donnerstag, mittags Linsen und Kartoffeln; abends Erbsensuppe und 100 gr. Speck“
Dieser Speisezettel ist für den Besuch des Berichterstatters sicher besonders zusammengestellt worden. Aber auch aus diesem Speisezettel ist ersichtlich, dass die Gefangenenkost nicht einmal das Minimalquantum der lebensnotwendigen Nährstoffe enthält. Ein Pfund Brot für Menschen, die 12 Stunden arbeiten! Kein frisches Gemüse! 100 Gramm Fett in der Woche! Die Gefangenen hungern. Ein Zettel, den ein junger Gefangener aus dem Lager Hohenstein schmuggelte (s. o.), ist ein einziger Notschrei.
9.18 Acht-, neun- und mehrstündige Zwangsarbeit
Der nationalsozialistische Minister Frick erklärte, dass in den Konzentrationslagern die Häftlinge durch zweckmäßige Arbeit wieder zu nützlichen Mitgliedern des Staates erzogen werden sollen. In Wahrheit ist die acht-, neun- und mehrstündige Arbeitszeit nichts als ein Mittel der Quälerei.
Einige Zeilen aus einem Gefangenenbrief genügen, ein Bild der „erzieherischen“ Arbeit zu geben:
„Um 1 26 Uhr raus. 1 1 2 Stunden Marsch zur Arbeitsstelle (Planierungsarbeiten, Straßenbau) und dann mit einer Stunde Pause bis 1 23 Uhr arbeiten. Wieder 1 1 2 Stunden marschieren. Als Bewachung gehen je 20 SA-Leute mit Karabiner, Revolver und Gummiknüppel unter Polizeikommando mit.“
Der Tortur dieser ungewohnten Zwangsarbeit sind auch Ärzte, Anwälte und Schriftsteller unterworfen. Viele von ihnen sind nicht mehr jung und den Anstrengungen einer solchen Arbeit nicht gewachsen. Auf dem Heuberg müssen von den Häftlingen Steinbrucharbeiten verrichtet werden. Die Gefangenen des Neustädter Lagers mussten einen Flugplatz planieren. Trotz aller raffinierten Absperrungsmaßnahmen dringen Nachrichten über die schwere und aufreibende Zwangsarbeit an die Öffentlichkeit. Die Nationalsozialisten versuchen die Wirkung dieser Nachrichten durch Veröffentlichungen in ihren illustrierten Zeitschriften abzuschwächen. In gestellten Bildern werden die Gefangenen bei fröhlicher und leichter Arbeit gezeigt. Diesen photographischen Lügen stellen wir die Schilderungen eines neutralen Besuchers des Oranienburger Lagers entgegen:
„Die Arbeit — nennen wir es einmal so — ist für Wächter und Bewachte so ziemlich das Sinnloseste, was sich denken lässt. Drei junge Arbeiter treiben sechs ihrer Stempelkollegen an, Grashalme schleunigst aus der Erde zu rupfen. Die sechs kriechen in völlig zerlumpter Kleidung herum, rupfen zwischen den Steinen die sprießenden Frühlingshälmchen, buddeln die Würzelchen aus, reinigen den Sand von Rückständen und drücken ihn fein säuberlich wieder in die Ritzen der Pflasterung. Handwerkszeug gibt es nicht. Auch würde das Gras, wüchse es ruhig weiter, niemanden stören. Hinter dem Fabrikgebäude wird eine Menge Wasser verspritzt. Einige Dutzend Menschen sind damit beschäftigt, den alten Kasten sauber zu machen. Es wird ihnen als persönliche Verworfenheit angerechnet dass er nicht wie ein Marmorpalast glänzt. Jedes Holzsplitterchen, jedes Sandkörnchen muss weg. An der Wand ist von früher her ein Sowjetstern stehen geblieben, weg damit, und wenn die Wand zum Teufel geht. Auch hier die tierische Sinnlosigkeit einer Arbeit, die keine ist, sondern nur Beschäftigung. Viel schlimmer wird es dort, wo der benachbarte Wald gerodet wird. Die Bäume sind schon weg. Die Belegschaft des Lagers, vielfach bewacht, rückt an, um mit bloßen Fingern die riesigen Wurzelblöcke auszugraben. SA-Männer treiben Arbeiter an, die ihre Großväter sein könnten. ’Alte Sau’, ’rotes Schwein’, ’Eierschleifen’ — die Ausdrücke sind dem Wortschatz der kaiserlichen Armee entnommen. Nur sind sie noch kräftiger und gemeiner.“
Das ist die „erzieherische Arbeit“ des Reichsinnenministers Frick!
9.19 Nach der Zwangsarbeit: Strafexerzieren
Mit der Zwangsarbeit ist die Quälerei der Gefangenen nicht erschöpft. Die noch verbleibende Zeit ist mit Exerzieren, das völlig zu Unrecht als „Sport“ bezeichnet wird, ausgefüllt. Nach amtlichen Mitteilungen ist die Zeit von 1 22 Uhr bis 1 26 Uhr abends für Exerzieren bestimmt.
Die Journalistin, die das Oranienburger Lager besuchte, gibt nachstehend ihre Eindrücke:
„Auf diesem (nur mit kleinen Sträuchern gegen die Freiheit abgegrenzten. D. Red.) Gelände sind verschiedene Geräte fur die sportlichen Übungen aufgestellt, die man die Gefangenen machen lässt. Der oberflächliche Beobachter, der nichts sehen will, kann den Eindruck haben, dass sich die Gefangenen gut ausarbeiten dürfen. Man glaubt, dass sie Sport treiben. Aber wer zu beobachten versteht, sieht dass man da vor einem raffinierten System gemeiner Quälerei steht. In der Tat sind die verlangten Übungen selbst für einen Berufssportler fast unmöglich. Um sie durchführen zu können, bedarf es eines methodischen und dauernden Trainings und vor allem einer besonders guten Ernährung. Aber in diesem Lager, das seit dem 21. März besteht, müssen alle Gefangenen ohne Ausnahme sie ausführen und zwar nicht einmal, sondern 4 Stunden lang jeden Tag, Wochen und Monate hindurch, ungerechnet die anderen Übungen, Märsche, Gesänge usw. ... Rechts, in 10 m Entfernung von den Sträuchern, befindet sich ein fester Barren. Jeder Gefangene muss zunächst an diesem Barren turnen. 10 m weiter befindet sich ein Brett oder besser gesagt eine hölzerne Palisade (2,50 m hoch und 3 m breit), über die er sodann klettern muss. In der gleichen Entfernung befindet sich dann noch ein 2 m tiefer, 2 — 3 m breiter Graben, dessen Grund schlammig ist und über den er springen muss. Augenblicklich ist er leer, aber bald wird er voll Wasser sein. 10 m weiter befindet sich eine Wiederholung dieses Grabens, aber in Wahrheit ist das mehr eine Erhöhung von 2 m Höhe und 80 cm Stärke, über die die Gefangenen klettern müssen. Dann befindet sich noch längs der linken Grenze eine Art Falle, ungefähr 10 m lang und 70-80 cm tief, in welche die Gefangenen klettern müssen. Im Innern dieser Falle befinden sich, jeweils in 1 2 Meter Abstand, abwechselnd von oben und von unten kommend, Bretter, die man nur in Schlangenbewegung kriechend passieren kann. Der Raum, der zum Kriechen übrigbleibt, ist aber so eng, dass nur ein Kind ohne Anstrengung durchkommen kann, für einen mittelgroßen Mann ist er kaum überwindlich. Am Ausgang dieser Falle muss man noch über zwei Hindernisse von 1 bzw. 1 2 Meter Höhe springen. Wenn diese Serie von Übungen beendet ist, beginnt man von neuem, vier Stunden lang, alle Tage, alle Wochen, alle Monate ...“
Wir haben uns an einen angesehenen Sportarzt, Dr. Bellin du Coteau, gewandt und ihn gebeten, uns ein Gutachten über die Wirkung dieser Exerziermethoden auf den menschlichen Organismus abzugeben. Wir haben diesen Internisten von Ruf, der politisch völlig neutral ist, die sich aus dem vorstehenden Bericht ergebenden Tatsachen vorgelegt, ohne zu sagen, dass es sich dabei um die faschistischen Konzentrationslager in Deutschland handelt. Dr. Bellin du Coteau beantwortete unsere Frage so:
[Hier folgt im Original das Gutachten von Dr. Bellin du Coteau vom 27. Mai 1933, das aus urheberrechtlichen Gründen nicht wiedergegeben wird.]
9.20 24 Stunden in einem Konzentrationslager
Aus den Berichten, die uns vorliegen, ergibt sich ein genaues Bild, wie der Alltag im Konzentrationslager verläuft:
1 26 Uhr: Wecken. 1 26 bis 6 Uhr: Wegräumen der Strohschütten. 6 Uhr: Antreten, militärische Haltung, Hand zum Hitlergruß gereckt. Nationale Andachtsstunde, Singen „Nationaler“ Lieder. 6 bis 1 27 Uhr: Kaffee mit trockenem Brot. 1 27 bis 1 28 Uhr: Marsch zur Arbeitsstätte oder Zwangsarbeit im Lager 1 28 bis 1 21 Uhr: Zwangsarbeit (Steinbruch, Wegebau, Wurzelroden, Mauernwaschen) 1 21 bis 1 222 Uhr: Völlig unzureichendes Mittagessen: dreiviertel Liter wässerige Topfgerichte, fast durchweg völlig fleisch– und fettlos. 1 22 bis 1 26 Uhr: Grausame Exerzier– und Turnübungen (vier Stunden!). 1 26 bis 1 28 Uhr: Zwangsarbeit. 1 28 bis 1 29 Uhr: Abendessen (wie mittags: meist Wassersuppen oder Brei, trockenes Brot mit einigen Gramm Wurst). 1 29 Uhr: Locken (selbst dieses Signal, mit dem der altpreußische Militarismus die Soldaten in die Kaserne rief, ist sinnloser Weise auch für die ständig im Lager befindlichen Häftlinge übernommen). 9 bis 1 26 Uhr: Schlaf auf Holzpritschen und Strohschütten, in schlecht gelüfteten, für die Zahl der Gefangenen viel zu kleinen Hütten, Kammern oder verfallenen Fabriksälen.
9.21 Aus dem Leben gerissen
Schlimmer als die geschilderten körperlichen Qualen, denen die Gefangenen ausgesetzt sind, ist die seelische Tortur, unter der sie zu leiden haben. Aus dem Leben und Beruf herausgerissen, müssen sie auf die Befriedigung der elementarsten geistigen und körperlichen Bedürfnisse verzichten. Keine freie Zeit, keine Unterhaltung, kein Urlaub, keine Ablenkung, keine Möglichkeit zur weiteren Fortbildung. Zwangsarbeit und Exerzieren — so verläuft der Tag der Häftlinge im Konzentrationslager. „De Telegraaf“ vom 5. April 1933 erzählt uns darüber einiges:
„Toiletten: keine. Kantine: keine (nur als Gunst darf man sich etwas besorgen). Besuch: keiner. Lektüre: nur Nazischriften; ein paar Klassiker, für Arbeiter zu schwer. Rauchen: verboten (nur ausnahmsweise als Gunst gestattet). Briefe: alle vierzehn Tage einer unter Zensur. Musik und Sport: gar nicht. Bad: eines im Monat. (Andere sagen: gar keines). Verpflegungspakete: nichts ausgeliefert.“
Der Berichterstatter der dänischen Zeitung „Politiken“ zitiert in seinem Aufsatz über Konzentrationslager Gefangenenbriefe, die er in der Zensurstelle des Heuberger Lagers gesehen hat. Diese Briefe sind erschütternde Aufschreie gepeinigter Menschen.
„Ach wieviel Wünsche, wieviel Trauer, wieviel Unglück, wieviel Tränen ...“
„Wieviel an den Himmel gerichtete Bitten, dass er eine Mutter, eine Gattin, die Kinder schütze, die ihre dürren Arme gegen die unsichtbaren Traillen dieses Gefängnisses strecken.“
sagt der Berichterstatter und zitiert:
„Ach, könnte ich noch einmal unsere kleine Hedwig an mein Herz drücken ...“
„Hätte ich wenigstens Ostern unter Euch verbringen dürfen ...“
„Arme Mutter, hast Du wenigstens zu essen?“
So müssen sie Tage, Wochen, Monate leben. Nur die spanischen Reiter und den Stacheldraht haben sie vor Augen. Dahinter müssen sie stumpfsinnig exerzieren oder sinnlose Arbeit verrichten.
9.22 Der Weg in den Tod
Jeder Zuchthäusler kann sich ausrechnen, wieviel Tage ihn von der Freiheit trennen. Jeder Tag bringt ihn der Entlassung näher. Der Gefangene im Konzentrationslager weiß nicht, für wie lange er eingekerkert ist. Tage, Wochen, Monate, Jahre? Hoffnung flammt auf und wird erstickt. Die Ungewissheit soll ihn zermürben.
Die barbarische Behandlung in den Konzentrationshöllen, die Qual der Ungewissheit treibt viele Häftlinge zu Verzweiflungsakten. Selbstmorde sind an der Tagesordnung.
„De Telegraaf “ vom 5. April 1933 spricht von „Gefangenenpsychosen “ und zahlreichen versuchten und gelungenen Selbstmorden.
Der Reporter von „Politiken “ berichtet Anfang April 1933 aus dem Heuberger Lager:
„Freimütig antwortet Hauptmann Buck auf meine Frage. Er gesteht, dass die Selbstmordversuche in diesem Lager nicht selten sind.“
9.23 „Auf der Flucht erschossen“
Die offizielle deutsche Presse meldet immer wieder, dass Häftlinge „auf der Flucht erschossen“ worden seien. Die Unwahrheit dieser Behauptung ist offensichtlich. Die Lager sind aufs Schärfste bewacht schwerbewaffnete SA-Patrouillen, Polizeihunde, Scheinwerfer, die das Lager bei Nacht taghell erleuchten. Jeder Fluchtversuch muss den Gefangenen aussichtslos scheinen, Deshalb kommen wirkliche Fluchtversuche sehr selten vor. Trotzdem meldet die Presse häufig Erschießungen auf der Flucht. Die Morde in den Konzentrationslagern werden von der Regierung nach bekanntem Vorbild in „Erschießungen auf der Flucht“ umgebogen.
9.24 Das Mordlager Dachau
In diesem Lager geht der Mord um. Allein aus dem Lager Dachau bei München sind innerhalb von wenigen Wochen vierzehn Mordfälle in ihren Einzelheiten bekannt geworden.
Mitte April meldet das amtliche Wolffsche Telegraphenbüro:
„München, den 14. April. (WTB.) Im Konzentrationslager Dachau bei München haben Kommunisten einen Fluchtversuch unternommen. Die SA–Polizei hat sich darauf gezwungen gesehen, von der Schusswaffe Gebrauch zu machen. Sie streckte vier Kommunisten nieder, von denen drei sofort tot waren, während der vierte lebensgefährlich verletzt wurde.“
Der Dachauer Kommandant hat dem englischen Journalisten Geyde diesen Fall bestätigt. („Daily Telegraph“ vom 27. April 1933)
In der WTB-Meldung werden die Namen der Erschossenen wohlweislich verschwiegen. Sie werden als Kommunisten bezeichnet. Bald drang es aber an die Öffentlichkeit, dass es sich überhaupt nicht um Kommunisten, sondern um bürgerliche jüdische Gefangene handelte. Ein Gefangener, der aus Dachau entkommen ist, schildert diese barbarische Ermordung von vier wehrlosen jüdischen Intellektuellen:
„Vor einigen Tagen marschierten wir wie immer zur Arbeit aus. Plötzlich bekamen die jüdischen Häftlinge, der Kaufmann Goldmann, der Rechtsanwalt Benario aus Nürnberg und die Kaufleute Artur und Erwin Kahn den Befehl aus der Reihe zu treten Ohne dass man auch nur ein Wort sagte, schossen einige SA auf die Gefangenen, die keine Miene zu einem Fluchtversuch gemacht haben. Alle vier waren sofort tot. Die Leichen wiesen sämtlich Stirnschüsse auf. Sie wurden heimlich auf dem Friedhof verschafft, ohne dass jemand an der Beerdigung teilnehmen durfte. Dann hielt man vor uns eine Versammlung ab, ein Sturmtruppführer hielt eine Rede und erklärte, es sei gut, dass diese vier Saujuden tot seien. Es seien volksfremde Elemente gewesen, die nicht berechtigt seien, in Deutschland zu leben. Sie hätten ihre gerechte Strafe erhalten.“
Die Mordchronik von Dachau geht weiter. Einige Zeit nach der Ermordung der vier jüdischen Bürger meldet WTB abermals eine „Dachauer Flucht“:
„München, den 19. Mai. WTB. Der im Konzentrationslager in Dachau untergebrachte Schutzgefangene Hausmann, der bei Außenarbeiten beschäftigt war, versuchte heute zu fliehen. Hausmann blieb trotz wiederholter Anrufe des Wachpostens nicht stehen. Der Posten feuerte daraufhin und traf den Flüchtling tödlich.“
Hausmann wurde wie die vier jüdischen Gefangenen feige ermordet. Von den weiteren uns aus Dachau gemeldeten über zwanzig Mordfällen nennen wir nur diejenigen, die bisher auf unsere Nachprüfungen hin bestätigt worden sind:
Polizeimajor Hunglinger, angeblich „Selbstmord“1 Sebastian Nefzger, angeblich „Selbstmord“ Michael Sigman, Sozialdemokrat aus Pasing Franz Lehrburger, Kommunist aus Nürnberg, „auf der Flucht erschossen“ Anton Hausladen, Kommunist Franz Dressel, kommunistischer Landtagsabgeordneter Josef Götz, kommunistischer Landtagsabgeordneter Dr. Alfred Strauss, Rechtsanwalt aus München, „auf der Flucht erschossen“ Wilhelm Aron, Referendar aus Bamberg, „auf der Flucht erschossen“
Ferner sind im Lager Dachau „verschollen“:
Max Holy, Sekretär der südbayerischen „Roten Hilfe“ Hirsch, kommunistischer Stadtverordneter Johann Wiesmann.
9.25 Die bestialische Ermordung der Landtagsabgeordneten Dressel und Goetz
Die Ermordung der beiden kommunistischen Landtagsabgeordneten Dressel und Götz ist der erschütterndste Fall im Konzentrationslager Dachau, der bisher bekannt geworden ist. Vielleicht wäre auch diese viehische Ermordung der beiden Abgeordneten unbekannt geblieben oder als „Erschießung auf der Flucht“ von der Regierungspresse gemeldet worden, wenn es nicht durch einen glücklichen Zufall dem mitinhaftierten kommunistischen Funktionär Beimler, der Augenzeuge dieser Ermordung war, gelungen wäre, aus dem Lager zu fliehen. Beimler, der ebenfalls auf das grausamste misshandelt wurde und der wie seine Schicksalsgenossen Dressel und Götz ermordet werden sollte, gelang trotz schwerer Verletzung die Flucht. Beimler machte über die Ermordung der Abgeordneten Dressel und Götz folgende Angaben:
„Der kommunistische Landtagsabgeordnete Dressel wurde von diesen Bestien solange gefoltert, bis er starb. Nackt warfen sie ihn auf den Boden der Zelle, der Körper war grauenhaft zugerichtet, über und über blau und schwarz, mit Wunden und schwarz geronnenem Blut bedeckt. Die Hände waren von den vielen Schlägen etwa 10 cm hoch angeschwollen. Die Beine und Arme glichen unförmigen schwarzblau geschwollenen Säcken. Die Leiche lag mit dem Gesicht nach unten, ein Arm war gewaltsam nach außen gedreht, die Pulsadern durchschnitten, außerdem dreieckige Fleischstücke aus dem Arm geschnitten. Daneben lag em Messer, um einen Selbstmord vorzutäuschen. Als sie Dressel erschlagen hatten, fingen die SS–Leute zu musizieren an und veranstalteten ein wahres Freudenfest. Dressel wurde am 10. Mai in dem kleinen Dorf Brittelbach bei Dachau beerdigt. Die SS–Bestien hatten den nackten Leichnam in eine Kiste geworfen. Alle bei der Beerdigung zugegen Gewesenen erschauerten, als sie die grauenhaft verstümmelte Leiche sahen. Der Kommunist Sepp Goetz war schon einige Wochen vor seiner Ermordung infolge grauenhafter Misshandlungen taub geworden. Die Nazis schlugen ihn weiter, Tag für Tag und erschossen ihn fast zur selben Zeit, als sie Dressel ermordeten. Die Leiche von Goetz wurde am 12. Mai feuerbestattet. Der Kommunist Beimler erhielt die ersten vier Tage seines Aufenthaltes in Dachau weder Wasser noch Brot, sondern nur Prügel auf den nackten Körper vom Nacken bis zur Fußsohle. Als Prügelinstrument benutzten die Bestien meterlange knotige Ochsenschwänze. Die SS–Banditen stießen den Kommunisten Beimler in die Zelle, in der Dressels Leichnam lag, wiesen höhnisch auf den Toten und sagten: ‘So wie der musst du’s auch machen.‘ Auf das Messer deutend, das neben der Leiche lag, äußerten sie: ‘Das Messer haben wir nicht zum Brotabschneiden hingelegt.‘ Dann wollten sie Beimler zwingen, sich aufzuhängen. Sie drohten, dass, wenn er sich bis zum nächsten Morgen nicht aufgehängt hätte, sie es mit ihm tun würden. Sicherlich wäre dann wieder in der schamlosen Presse, die alles bringt, was die Nazis fordern, eine Notiz zu lesen gewesen: ‘Der Kommunist Beimler hat sich in seiner Zelle erhängt.‘ In dieser Todesgefahr gelang es Beimler zu entfliehen. Wir wollen aus begreiflichen Gründen nicht schildern, wie ihm die Flucht gelang. In Strümpfen, kaum bekleidet, schleppte Beimler mit übermenschlischer Willenskraft seinen zerschundenen und zerschlagenen Körper nach München, wo ihn revolutionäre Arbeiter aufnahmen und weiterbeförderten.“
Die Regierungspresse behauptete, dass Dressel Selbstmord verübt habe. Dachau ist keine Ausnahme. Auch in anderen Lagern ereignen sich derartige Morde. Im Konzentrationslager Königstein wurde der Heidenauer Kommunist Gumbert erschlagen. Wenn allein aus dem Lager Dachau innerhalb weniger Wochen vierzehn Morde bekannt wurden, so lässt das erraten, wieviel Opfer in den 45 Konzentrationslagern gefallen sind, von denen bisher nur ihre Henker wissen.
9.26 Keine Folter bricht den antifaschistischen Geist!
Trotz aller seelischen und körperlichen Folterungen, denen die Gefangenen in den Konzentrationslagern ausgesetzt sind, trotz der ständigen Todesdrohung sind die Gefangenen ihrer antifaschistischen Überzeugung treu geblieben.
Die „Deutsche Allgemeine Zeitung“ schreibt am 30. April 1933:
„Noch ist das letzte Waffenversteck nicht preisgegeben. Noch wehren sich böser Wille und verbohrter Fanatismus gegen die Erkenntnis, dass die Zeit für bolschewistische Experimente in Deutschland vorbei sein soll. Bezeichnend dafür ist die Tatsache dass noch kürzlich Häftlinge es verstanden, durch Verwandtenbesuche (?) Kassiber aus dem Lager hinauszuschmuggeln.“
Hauptmann Buck und Leutnant Kaufmann machen dem Berichterstatter von „Politiken“ folgende Mitteilung:
„Von den Häftlingen sprechen sie ohne Hass, aber mit schärfstem Misstrauen, das sich weniger gegen die richtet, die ihre Feindschaft bekennen als gegen die „üblen Gegner“, die Neigung zum Nazisystem heucheln, ohne sie zu haben ...
‘Die Menschen sind wie Muscheln. Spricht man mit ihnen, um sie zu überzeugen, und ihren Geist zu öffnen, sagen sie zu allem Ja und Amen. Sie scheinen unsere Ansicht zu teilen und endlich der guten Sache gewonnen zu sein. Aber in ihrem Innern hat sich nichts geändert. Sie bleiben Gegner wie zuvor‘, sagt Leutnant Kaufmann.
Und Buck fügt hinzu:
‘Am schlimmsten sind die Doktoren und Intellektuellen. Sie sollten doch wenigstens lernen und unseren Weisheiten zugänglich sein. Nicht in Geringsten. Sie sind ohne Verstand. Sie müssen wir am längsten hier behalten.‘ “
In Bremen und an anderen Orten sind Kommunisten, die man entlassen hatte, wieder verhaftet worden, weil sie ihre antifaschistische Arbeit fortsetzten. Der Münchener Polizeipräsident Himmler musste dies in einer Rede bestätigen:
„Es ist nicht möglich, diese Funktionäre wieder in Freiheit zu lassen. Bei einzelnen Versuchen, die wir bei der Freilassung gemacht haben, ergab sich, dass sie weiter hetzen und zu organisieren versuchen.“
Die Überzeugungstreue und der Kampfwille der Gefangenen ist ungebrochen. Der nachstehende schlichte Brief ist ein Heldengedicht proletarischen Kämpfertums:
„Trotz aller Schikanen stehen unsere Genossen treu zur Partei. Haben sie auch nicht die gute Verbindung mit uns, sie nehmen zu allen politischen Fragen Stellung. Der ‘nationalsozialistische Kurier‘ gibt ihnen Aufschluss über alle Vorgänge und ihre marxistische Schulung die Möglichkeit, sich ein richtiges Bild von der Lage zu machen. Zudem ist trotz Zensur und Abgeschlossenheit die Verbindung zu uns nicht unmöglich zu machen. Die Wachmannschaft kann sich dem marxistischen Einfluss nicht entziehen. Schweigen wir über Einzelheiten, eins ist klar, das Konzentrationslager festigt die Genossen und stärkt sie in ihrer Treue zur Partei.“
9.27 Zehntausende in Untersuchungshaft und in Gefängnissen
Die 35.000 bis 40.000 Gefangenen, die heute in Konzentrationslagern zusammengepfercht sind, bilden nicht die Gesamtzahl der politischen Gefangenen in Deutschland. Es kommen noch die Gefangenen dazu, die in Untersuchungsgefängnissen schmachten oder die abgeurteilt in Gefängnisse und Zuchthäuser abtransportiert wurden. Ihre Zahl wächst ständig. Täglich meldet die Presse neue Massenverhaftungen. Besonders groß war die Zahl der Neuverhafteten in den letzten Juniwochen. Oft erreichte die Zahl der neuverhaften politischen Gefangenen — nach Presseberichten — an einem Tage die Zahl von Tausend. So wurden beispielsweise an einem einzigen Tage von der Geheimen Staatspolizei verhaftet:
In Senftenberg (einer kleinen Stadt im Niederlausitzer Braunkohlenrevier) 267 sozialdemokratische Funktionäre, in Bremen über 80, in Braunschweig, Hamburg, Sachsen, Berlin, Stuttgart usw. weitere Hunderte.
Die Zahl der in die Untersuchungsgefängnisse und Zuchthäuser eingekerkerten politischen Gefangenen lässt sich, da keine offiziellen Angaben vorliegen, nur abschätzen. Ihre Zahl ist mit 12 – 15.000 eher zu niedrig als zu hoch gegriffen.
Die Untersuchungsgefängnisse sind überfüllt. Untersuchungsgefangene, die entlassen wurden, schildern die entsetzlichen Verhältnisse in den überfüllten Gefängnissen. In Zellen, die kaum Raum und Luft für einen Gefangenen haben, sind heute fünf und mehr Gefangene untergebracht. Ein Teil der Gefangenen hat keine Bettstelle und muss deshalb auf dem nackten Steinfußboden schlafen. Es fehlt an Decken. Das Essen ist durchaus unzureichend und schlecht. Die faschistische Regierung hat für das Reich, die Länder und die einzelnen Städte besondere Abteilungen der von ihr geschaffenen Geheimen Staatspolizei eingerichtet, die mit Unterstützung von Schupo, Hilfs– und SA–Polizei ganze Arbeiterviertel umstellen und dann Massenverhaftungen vornehmen. Die Verhaftungen erfolgen absolut willkürlich. Eine Denunziation aus persönlicher Missgunst genügt, um verhaftet werden.
Kennzeichnend für die Brutalität, mit der heute vorgegangen wird, ist folgende amtliche Erklärung des Staatskommissars für das Polizeiwesen in Hessen:
„Wer im Besitz eines illegalen Flugblattes betroffen wird, ist bis auf weiteres in Polizeihaft zu nehmen. Wer Flugblätter den Polizeibehörden abliefert, bleibt unbehelligt. Werden in einem Bereich (Stadt oder Kreis) illegale Flugblätter verbreitet, so sind sofort alle Führer der fraglichen Richtung (KPD, SPD o. a.) bis auf weiteres in verschärfte Polizeihaft (Arrestzelle, Arrestkost usw.) zu nehmen. 3. Die Polizeibeamten und die Sonderkommandos haben bei Streifen gegenüber Flugblattverteilern, die sich nicht auf den ersten Anruf stellen, sofort von der Waffe Gebrauch zu machen.“
Unter den heute in Untersuchungshaft befindlichen Gefangenen befinden sich zahlreiche bekannte Funktionäre der Kommunistischen und Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, auch viele Repräsentanten der Demokratischen, der Volksparteilichen, der Katholischen und sogar der Deutschnationalen Parteiorganisationen.
Als einer der ersten politischen Führer wurde der Führer der Kommunistischen Partei Deutschlands, Ernst Thälmann, verhaftet. Ernst Thälmann wurde am 3. März in Berlin-Charlottenburg festgenommen und ins Gefängnis überführt. Man verkündete in allen regierungstreuen und „gleichgeschalteten“ Blättern, dass die Verhaftung im Zusammenhang mit dem Reichstagsbrand erfolgt sei. Man schuf damit eine Stimmung für alle weiteren Demütigungen, mit denen man den revolutionären Führer glaubte treffen zu können. Es wird bekannt, dass tagelang SA an der offenen Zelle Thälmanns vorbeigeführt wird, als gälte es, ein wildes Tier zu besichtigen. Züge von jungen Burschen dürfen neugierig und mit unflätigen Beschimpfungen an Thälmann, dem Präsidentschaftskandidaten der Arbeiterschaft, dem Führer der Partei, die sechs Millionen Stimmen auf sich vereinigt hatte, vorbeimarschieren.
9.28 Der Terror der Verhaftungen
Das Ausland wird sich schlecht ein Bild von der Technik der Verhaftungen machen können. die seit Hitlers Machtergreifung zur täglichen Übung der Polizei und der SA geworden sind. Es erscheint in einem Straßenviertel ein illegales Flugblatt. Ein Polizist oder ein Nazianhänger denunziert. Unmittelbar darauf rasen die Autos der „Polizei zur besonderen VerWei1dung“ herbei, riegeln den ganzen Stadtteil ab, durchsuchen alle Häuser vom Dach bis zu den Kellern, beschlagnahmen Bücher, Schreibmaschinen und führen oft völlig unbeteiligte Bürger als Gefangene mit. Jede Regung dagegen wird sofort mit Misshandlungen geahndet. Einspruch gegen Beschlagnahmen bewirken Fesselung und Verhaftung.
Einige Zeitungsüberschriften, zufällig an einigen Tagen herausgegriffen, mögen die Verfolgungsaktionen kennzeichnen:
„70 Kommunisten festgenommen“ („Völkischer Beobachter“ vom 10. April 1933).
„Große Razzien in Erfurt, Dresden und Altona“ („Berliner Tageblatt“ vom 25. April 1933.)
„Haussuchungen m Charlottenburg“ („D. A. Z.“ vom 29. April 1933.)
„Sozialdemokratische Gemeinderatsfraktion in München verhaftet — „SPD-Stadträte werden nicht bestätigt“ („D. A. Z.“ vom 12. April 1933)
„Razzia am Bülowplatz“ — „Verhaftungen von Kommunisten in Stuttgart“ (270 Verhaftungen und 400 Haussuchungen) — „Kommunistische Verschwörergruppe in Meißen festgenommen“ - „Große Razzia im Norden Berlins“ („D. A. Z.“ vom 12. April l933.)
Hunderte solcher Nachrichten sind in den Monaten März, April, Mai, Juni, Juli in allen deutschen Zeitungen zu finden. Gegen Ende Juni, bei der Auflösung der Sozialdemokratischen Partei und des Kampfringes Junger Deutschnationaler, verschärft sich die Verfolgung. Statt der Hunderte werden es jetzt Tausende, die in den Kerker müssen.
Die Hitlerregierung beginnt Anfang Juli die Anverwandten geflüchteter Arbeiterführer als Geiseln festzusetzen. Am bekanntesten wurde die Verhaftung von fünf Verwandten Scheidemanns, die aber nur ein Fall unter vielen ähnlichen ist.
9.29 Der Terror der Urteile
Die Staatsanwälte haben seit dem 27. Februar Hochbetrieb. Sondergerichte tagen in allen deutschen Groß-Städten. Die Flut der Denunziationen schwemmt immer neue Opfer vor das Nazi Tribunal. Die Anklagen sind so willkürlich wie die Urteile.
Oft sitzen die Verhafteten wochenlang ohne Vernehmung in den Gefängnissen und werden dann wieder entlassen. Auch nach der Entlassung sind sie täglich noch weiter bedroht und missen sich in vielen Fällen sogar an den Polizeistellen regelmäßig melden. Es steht fest, dass man sie nur entlassen hat. weil die Gefängnisse überfüllt waren und man für neue Opfer Platz brauchte.
Unter welchen nichtigen Vorwänden schwere Verurteilungen geschehen, zeigen einige Nachrichten:
„Das Sondergericht Berlin-Moabit verurteilte die erwerbslosen Arbeiter Max Ziegler und Richard Schröter zu 1 Jahr 3 Monaten bzw. zu 1 Jahr 6 Monaten Gefängnis, weil Ziegler, der der KPD angehörte, auf der Weberwiese im Osten Berlins illegal hergestellte Exemplare der ‘Roten Fahne‘ verteilt hatte, die er von Schröter erhalten hatte.“
„Das Darmstädter Sondergericht verurteilte wegen Herstellung und Verbreitung eines Flugblattes ein weibliches Mitglied des KJV zu acht Monaten, ein männliches zu fünf Monaten Gefängnis. Die Verurteilten sind 16 Jahre alt!“
Zahlreich sind die Verurteilungen wegen „Greuelhetze. Aus Berlin werden einige Urteile bekannt, die das Sondergericht Berlin–Moabit gefällt hat. Vier Urteile wegen „Greuelhetze“ an einem Tag. Man kann sich eine Vorstellung über den Umfang der Verhaftungen machen, wenn man von Angehörigen der Verhafteten hört, dass der Untersuchungsrichter ihnen erklärte, vor Ablauf von vier Wochen sei mit keiner Entscheidung über die Haft zu rechnen; die Staatsanwaltschaften könnten trotz Verdoppelung ihres Personals die Unzahl der Akten nicht bewältigen.
Wie der Terror sich auswirkt, beweisen die Klagen der Frauen der Verhafteten, denen es in den seltensten Fällen gelingt, einen Rechtsanwalt zu finden, der die Verteidigung von angeklagten Antifaschisten zu übernehmen wagt.
Die Zahl der Prozesse ist nicht festzustellen. Sie geht in die Zehntausende. Die Zahl der Verhaftungen wächst mit jedem weiteren Tag der Hitler-Regierung. Das „geeinte deutsche Volk“ muss zu Zehntausenden aus den Wohnungen geholt werden, damit die Regierung der „nationalen Erhebung“ weiter bestehen kann.
Die Lage der Verhafteten ist noch dadurch verschlimmert, dass die Hitler-Regierung auch die „Rote Hilfe Deutschlands“ verboten hat, die seit vielen Jahren in unermüdlicher Arbeit für die Familien der politischen Gefangenen gesorgt hat. Trotz der schärfsten Verfolgungen setzt die „Rote Hilfe“ in Deutschland ihre Arbeit fort. Sie findet dabei die aktive Hilfe der „Roten Hilfe“— Organisationen in allen Ländern und die brüderliche Unterstützung der auf Anregung der „Internationalen Arbeiter Hilfe“ gebildeten „Hilfskomitees für die Opfer des Hitlerfaschismus“. Der Deutsche war nie so unsicher wie seit dem Augenblick, da Adolf Hitler die Verordnungen „zum Schutze der Staatssicherheit“ herausgegeben hat. Tausende leben unter Polizeiaufsicht, Zehntausende leben in der Erwartung ihrer Verhaftung, im Zustand völliger Rechtsunsicherheit. Jeden Augenblick bei Tag und bei Nacht können die Fäuste der braunen Büttel oder der offiziellen Polizei an jede deutsche Wohnung klopfen.
Die Regierungserlasse melden indessen im Polizeijargon: „In Deutschland herrscht Ruhe und Ordnung.“
Friedhofsruhe. Zuchthausordnung.